Wir sind Droods, und wir sind dazu geboren, in ubernaturliche Arsche zu treten. Richtig?«

»Verdammt richtig!«, sagte ich.

Kapitel Funf

Fernwahrnehmung

Als der Seneschall mich endlich suchen kam, standen Onkel James und ich vor einer alten Karikatur von Boz, die den guten alten Jacob im besten Mannesalter zeigte, wie er sich vor dem Parlamentsgebaude an einer Unterhaltung zwischen Gladstone und Disraeli beteiligte. (Einer dieser beiden verehrten Premierminister war in Wahrheit ein Drood mutterlicherseits, aber ich kann mir nie merken, welcher.) Gott allein wei?, was die drei da besprachen, aber den Mienen Disraelis und Gladstones nach zu urteilen erzahlte ihnen Jacob fast sicher einen seiner beruhmt schmutzigen Witze. Jacob konnte einer Nonne den Schlupfer aus vierzig Schritt Entfernung wegschocken. Sowohl James als auch ich horten den Seneschall kommen, behielten jedoch unsere Aufmerksamkeit bewusst auf das Kunstwerk gerichtet, bis der Seneschall gezwungen war, seine Gegenwart mit einem etwas wurdelosen Husteln kundzutun. James und ich drehten uns ohne Eile um und sahen ihn naserumpfend an.

»Nun?«, sagte James gedehnt mit jener aufreizend versnobten Stimme, derer er sich bisweilen beflei?igte. Es war bekannt, dass er schon Kneipenschlagereien mit weniger vom Zaun gebrochen hatte. Diesmal gab er sogar noch eine hochgezogene Augenbraue drein. »Gibt es schon irgendwelche Informationen bezuglich dessen, wie ungeachtet all unserer legendaren Sicherheitssysteme ein derart erschreckender Uberfall auf das Herz stattfinden konnte?«

Man musste dem Seneschall Gerechtigkeit widerfahren lassen: Der Mann starrte blo? ungeruhrt zuruck. »Eine Untersuchung der Sicherheitsverletzungen ist im Gange, Sir.«

»Das hie?e dann also nein. Sonst noch etwas?«

Der Seneschall warf James einen bedeutungsvollen Blick zu, und der nickte, wissend, dass er den Bogen so weit gespannt hatte, wie er durfte. Er drehte dem Seneschall den Rucken zu und lachelte mich herzlich an. »Es ist Zeit, dass ich mich auf den Weg mache, Eddie. Die Gottlosen harren meiner, und es wird Prugel setzen. Ein neues aufregendes Abenteuer liegt vor mir in den zotigen und pobelhaften Seitengassen und Kneipen des fabelhaften Schanghais!«

»Ich konnte heulen!«, sagte ich voll Gefuhl. »Solche Auftrage kriege ich nie! Ich nehme an, es wird sich alles um guten Alk, lasterhafte Frauen und jede Menge unnotige Gewalt drehen?«

»Ja, ja«, bestatigte James. »Immer dieselbe Leier, immer dieselbe Leier!«

Wir lachten, er zerquetschte meine Hand in seiner, und weg ging er, mit gro?en Schritten, wurdevoll die Galerie hinunter, auf der Suche nach Gefahr und Zerstreuung, wie der Erzabenteurer, der er war. Der Graue Fuchs war schon immer der Beste von uns gewesen. Der Seneschall erinnerte mich mit einem weiteren gewichtigen Husteln an seine Gegenwart, und widerstrebend gestattete ich ihm, mich zuruck

durchs Herrenhaus zu fuhren, um die Familienmatriarchin zu treffen.

* * *

Es stellte sich heraus, dass sie unten im Lageraum, der Kommandozentrale der Familie, war, wo sie wieder das Schicksal der Welt entschied; also mussten wir den gro?ten Teil des Nordflugels durchwandern, um die massiv verstarkte Stahltur im ruckwartigen Teil dessen zu erreichen, was einmal der alte Ballsaal gewesen war. Es dauerte drei Passworter, eine Netzhautabtastung und ein nicht vollig unkameradschaftliches Filzen, bevor dem Seneschall und mir erlaubt wurde, uns der Tur auch nur zu nahern, aber schlie?lich offnete sie sich, und wir stiegen eine sehr elementare Treppe hinunter, die in die Steinmauer selbst gehauen war, kein Gelander hatte, aber dafur auf der anderen Seite einen offen gestanden beangstigend ungehinderten Blick in die Tiefe bot. Die elektrische Beleuchtung war von fast schmerzhafter Helligkeit, und zusatzliche Sicherheitsma?nahmen waren bereits getroffen, sodass leuchtende Kraftfelder und schimmernde, geheimnisvolle Schutzschirme sich vor uns offneten, als sie unsere Torques wahrnahmen, und anschlie?end hinter uns wieder hermetisch schlossen. Die ublichen Wachgoblins waren auf ihren Posten und hockten in ihren Steinnischen: untersetzte und hassliche Geschopfe mit Gesichtern wie Bulldoggen, die auf einer Wespe herumkauen. Sie waren nicht viel gro?er als ein Fu?ball, mit langen, spindeldurren Armen und Beinen, aber sie konnten ziemlich spektakular bosartig werden, wenn sie aufgebracht waren. Ich habe mal gesehen, wie ein Goblin einen Werwolf zur Strecke brachte und ihn dann bei lebendigem Leibe fra?, und solche Sachen vergisst man so schnell nicht wieder.

Wahrend sie auf eine gunstige Gelegenheit warteten, ihren au?erst gemeinen und boshaften Naturen Ausdruck zu verleihen, vertrieben sich die Goblins die Zeit mit Kreuzwortratseln aus der Times. Goblins lieben Buchstabenspiele. Einer von ihnen hielt mich an, um mich nach einem Vierzehn-Buchstaben-Wort fur schlechte Regierung mit M am Anfang zu fragen, und war echt ziemlich verstimmt, als ich schlagartig Misswirtschaft antwortete. Dem armen Kerl war nicht klar, dass er das Kreuzwortratsel von gestern machte.

Am Fu? der Treppe mussten wir beide die Hande auf einen elektronischen Scanner legen, bevor wir in das gro?e Kellergewolbe durften, in dem der Lageraum der Familie untergebracht war. Der Seneschall fuhrte mich hinein und bestand dann darauf, dass ich an der Tur stehen blieb und mich nicht vom Fleck ruhrte, wahrend er ging, um die Matriarchin davon in Kenntnis zu setzen, dass ich eingetroffen war. Ich verschrankte steif die Arme vor der Brust und schnitt ihm eine hohnische Grimasse hinterher, aber dabei lie? ich es bewenden. Neben der Tur kauerte eine Gorgo, den Kopf gesenkt, eingehullt in ledrige Schwingen wie in einen schutzenden Umhang. Sie sah aus, als ob sie schliefe, aber ich wusste, dass sie das nicht tat, auch wenn einige der Schlangen einen lahmen Versuch machten zu schnarchen. Den Lageraum zu betreten, ohne einer streng umrissenen Verfahrensordnung zu folgen, wurde dazu fuhren, dass die Gorgo die Augen offnete und einen ansah und die Familie anschlie?end eine weitere uberrascht aussehende Statue fur die hinteren Garten hatte.

Der Lageraum war ein riesengro?er Zuschauerraum, der aus massivem Fels herausgemei?elt war. Hier drin sahen wir alles - oder jedenfalls alles, worauf es ankam. Alle vier Wande waren voll von dem neusten Stand der Technik entsprechenden Bildschirmen, die jedes Land auf der Welt zeigten, mit kleinen blinkenden Lichtern, die die Stadte und anderen Orte anzeigten, wo Familienmitglieder gerade bei der Arbeit waren. Grune Lichter fur einen erfolgreich durchgefuhrten Auftrag, blaue fur gewisse Individuen, die zurzeit auf der Abschussliste der Familie standen, und hier und da wies ein violettes auf einen gro?eren Pfusch und dessen gleich gro?e Vertuschungsoperation hin. Potenzielle Unruheherde waren mit gelben Lichtern gekennzeichnet, aktuelle Bedrohungen mit roten. Es leuchtete eine verdammte Menge Gelb und Rot quer uber die ganze Welt und viel mehr Rot als Gelb, verglichen mit vor zehn Jahren. Teufel auch, sogar Litauen hatte ein rotes Licht!

Die Familie sa? in langen Reihen und konzentrierte sich auf ihre Bildschirmarbeitsplatze, ungeachtet des hektischen Treibens rings um sie. Dutzende von Weithersagern liebkosten Kristallkugeln oder schauten angestrengt in Wahrsagebecken, studierten die Probleme der Welt von Weitem und murmelten unterdessen ihre Erkenntnisse leise in Headsets. Techniker bedienten ihre Computer und extrahierten mit Fingern, die in schwindelerregendem Tempo uber Tastaturen huschten, brauchbare Daten. Agenten mogen allein an der Front operieren, aber jeder Einzelne von uns wird von einem Mitarbeiterstab von Hunderten unterstutzt. Und das nicht nur im Lageraum. Unaufhorlich sind im Nachrichtenzimmer (von denen, die ihre Acht-Stunden-Schicht in dem fensterlosen Loch absitzen, als ›die Grube‹ bezeichnet) Informationswiedergewinnungsexperten bei der Arbeit, sichten die Medien der ganzen Welt und vergleichen die offiziellen Versionen mit dem Berg von Informationen, der jeden Tag aus unserem weltweiten Netzwerk von Spionen und Informanten hereinkommt. Die Familie verlasst sich auf diese einsatzfreudigen Forscher sowohl, um entstehende Schwierigkeiten zu orten, bevor sie au?er Kontrolle geraten, als auch, um sich uber gewisse Personen auf dem Laufenden zu halten, die gerne glauben, sie konnten durch die Welt ziehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Diese Forscher konnten einem genau sagen, wo in einem Heuhaufen eine Nadel zu finden war, und eine ziemlich gute Schatzung abgeben, in welche Richtung sie zeigte. Sie wussten alles uber die Welt, was es zu wissen gab, au?er wie es war, in ihr zu leben. Sie waren viel zu wertvoll, als dass ihnen jemals hatte erlaubt werden konnen, das Herrenhaus zu verlassen.

Zu jedem beliebigen Zeitpunkt operieren Hunderte von Droods in Krisenherden auf der ganzen Welt. Und sie arbeiten allein, weil Agenten im praktischen Einsatz aus der Ferne nicht gesehen werden konnen. Ihre Torques verbergen sie vor uns ebenso wie vor unseren Feinden. Das ist der Grund, weshalb nur den Zuverlassigsten in der

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