Ich habe eine Idee!«

Er blickte mich an, dann nickte er knapp und befahl der Familie den Ruckzug. Augenblicklich wichen alle zuruck. Sie vertrauten James, wo sie mir fast sicher nicht vertraut hatten. James schaute mich erwartungsvoll an. Ich griff durch die Seite meiner Rustung, zog die tragbare Tur aus der Tasche, aktivierte sie und warf sie in die Bahn der blutigen Kreatur, wahrend sie vorwartswogte, genau wie ich es bei dem Hyde im Wolfskopf getan hatte. Die tragbare Tur rutschte sauber an die anvisierte Stelle, zundete, stotterte ein paarmal und lag dann einfach inaktiv da: Ich hatte sie zu oft benutzt; die Batterien waren leer.

James schaute mich immer noch an. Hinter der glanzenden goldenen Maske konnte ich sein Gesicht nicht sehen, aber ich konnte seinen Ausdruck erraten. Er hatte mir vertraut, und ich hatte ihn enttauscht. Ich sah wieder auf die Gestalt: Sie war jetzt fast uber dem Herzen. Ich dachte angestrengt nach, schaute mich verzweifelt im Sanktum um auf der Suche nach einer Eingebung, und dann fiel mein Blick auf das Dutzend Torques, die verlassen auf dem Boden lagen, zuruckgeblieben, als ihre Besitzer ihres Fleischs beraubt worden waren, um die blutige Gestalt zu erschaffen. Ich machte einen Satz nach vorn, packte eine Hand voll der goldenen Halsreifen, hob meine goldene Faust und schlug die Torques direkt durch die dunkel geaderte, kanzerose Seite der Kreatur. Ich presste sie tief in die Masse hinein, lie? die Torques los und versuchte dann, meine Hand zuruckzuziehen - aber sie steckte fest.

Eine entsetzliche Kalte, des Geistes ebenso wie des Korpers, kroch an meinem Arm hoch. Ich glaube, ich schrie auf. Und dann war James an meiner Seite und zog mit all seiner Kraft an meinem eingeklemmten Arm. Einen schrecklich langen Moment lang reichte nicht einmal unsere vereinte Starke, und dann kam meine Hand mit einem Ruck aus der blutigen Masse, und James und ich taumelten zuruck. Ich brullte laut die Worte, die die lebende Rustung aktivierten, jene Worte, die wir normalerweise immer nur innerlich sprechen, und die funf Torques im Inneren der blutigen Gestalt aktivierten sich. Alle auf einmal.

Im Inneren der krebsigen, fleischigen Masse taten die Torques das, worauf sie programmiert waren: Sie identifizierten ihre Besitzer - oder in diesem Fall das, was noch von ihnen ubrig war - und schlossen sie in lebender Rustung ein. Goldene Scherben brachen aus der roten und purpurnen Gestalt hervor und schnitten sie in Stucke. Die blutige Masse setzte sich zur Wehr, kampfte darum, die Einheit der Form, die sie angenommen hatte, aufrechtzuerhalten, aber die Fortschritte der Torques waren unaufhaltsam. Einmal in Gang gesetzt, konnte ihre Verwandlung von nichts und niemandem aufgehalten werden. Die blutige Gestalt brach zusammen, und ein lautloses Wutgeheul erfullte einen Moment lang unser aller Kopfe, als das Wesen von Drau?en aus dem Sein gezerrt wurde und seine Gewalt uber unsere Realitat abriss. Auf dem Boden vor dem Herzen, in schrecklicher, unnaturlicher Haltung, lagen funf goldene Rustungen, umringt von blutigen Fleischstucken. Ich wollte nicht daruber nachdenken, was diese Rustungen enthielten.

Das bedruckende Gefuhl der eindringenden Prasenz war verschwunden. Die Glocken und Sirenen verstummten abrupt, und eine gesegnete Stille senkte sich uber das Sanktum. Einer nach dem anderen rusteten wir ab, goldene Gestalten machten Mannern und Frauen mit schockierten, traumatisierten Gesichtern Platz. James klopfte mir auf die Schulter.

»Gut gemacht, Eddie! Guter Einfall!«

Langsam und hintereinander begannen die Leute aus dem Raum zu marschieren. Das Herz war sicher. Alle gingen wieder an ihre normalen, alltaglichen Aufgaben zuruck. Manche standen unter Schock; manchen musste geholfen werden. Manche waren unverhullt wutend oder verangstigt, weil das Herrenhaus nicht langer der sichere Ort war, der es fruher immer gewesen war. Manche jammerten uber den Verlust von Freunden oder Geliebten. Man konnte es ihnen nicht verubeln. Die meisten in der Familie bekommen nie praktische Arbeit zu sehen, nie irgendeine Art von Taten, sehen nie das Blut und das Leiden und den Tod, der im Kern dessen liegt, was die Droods tun und sind. Heute Nacht wurde es in den vier Flugeln viele Schlaftabletten und schlechte Traume geben.

Der Seneschall hatte sich schon ein paar der hartgesotteneren Gemuter geschnappt und an die Arbeit gesetzt, und das Aufraumen hatte begonnen. Er sah mich nicht einmal an. Ich mochte gerade die Lage und das Herz und moglicherweise die ganze Familie gerettet haben, doch er traute mir nach wie vor nicht. Und keiner der anderen gratulierte mir, als sie gingen. Auch von ihnen sah mich kaum einer an. Keiner wollte gesehen werden, wie er mit mir sprach, wollte nicht einmal dem Mann zu nahe kommen, der der Familientradition und - verantwortung den Rucken gekehrt hatte, fur den Fall, dass etwas von meiner Unabhangigkeit auf sie abfarbte. James legte Wert darauf, neben mir zu stehen; seine Hand lag noch auf meiner Schulter.

Den Grauen Fuchs respektierten alle.

* * *

Endlich verlie?en wir gemeinsam das Sanktum und traten auf den Gang hinaus. Kaum hatten wir den Gestank von Blut und Fleisch und Eingeweiden hinter uns gelassen, entfalteten die altvertrauten Geruche nach Holz und Politur und frischen Blumen ihre starkende Wirkung. Ich atmete tief ein und bekam wieder einen klaren Kopf. Die uralten, soliden Mauern, deren lange Geschichte von Dienst und Tradition erzahlte, wirkten dieses eine Mal tatsachlich beruhigend.

»Dieser Angriff ist ohne Prazedenz!«, sagte James. Er sprach zwar mit gesenkter Stimme, wahrend wir gingen, aber dennoch lag eine kalte Wut darin, die beunruhigend nah an der Oberflache war. »Nicht nur hat sich etwas mir nichts, dir nichts den Weg durch die Verteidigungsanlagen des Herrenhauses gebahnt, und durch die des Herzens - es hat auch tatsachlich Droods umgebracht! Direkt hier inmitten der Familie! Das ist noch nie da gewesen! Wir sollten hier eigentlich sicher sein, geschutzt vor allen Bedrohungen und Gefahren.«

»Das ist noch nie da gewesen?«, vergewisserte ich mich. »Ich meine, niemals?«

James sah mich einen langen Moment an, als ob er sich entscheiden musste, wie weit er mir eigentlich vertraute. »Es hat zwei fruhere Angriffe auf das Herz gegeben«, sagte er schlie?lich so leise, dass ich mich anstrengen musste, um ihn zu verstehen. »Niemand wurde verletzt, und keiner der Angriffe kam so nah heran, aber dennoch …«

»Jesus! Kein Wunder, dass die Matriarchin sich damit beschaftigt hat, die Verteidigungsanlagen des Herrenhauses aufzumobeln …«

James blickte mich merkwurdig an. »Woher wei?t du das, Eddie?«

»Ich habe kurz mit dem alten Jacob gesprochen. Ihm entgeht nicht viel.«

»Ah, ja. Naturlich. Du hast diesen widerlichen alten Taugenichts ja schon immer gemocht. Du musst das verstehen, Eddie. Das Herrenhaus war, seit wir hier eingezogen sind, immer ein sicherer Hort. Niemand war je in der Lage, unsere Verteidigungsanlagen zu knacken, geschweige denn tatsachlich das Herz zu bedrohen. Es ist nur eine Antwort moglich - ein Spitzel. Ein Verrater in der Familie, der die Geheimnisse unserer Schutzvorrichtungen preisgibt.«

Ich war so schockiert, dass ich abrupt stehen blieb und ihn mit offenem Mund anglotzte. In der Vergangenheit waren Familienmitglieder weggegangen oder waren als aus der Art geschlagen erklart und vertrieben worden, aber keiner war jemals zum Verrater geworden und hatte von innen daran gearbeitet, uns an unsere Feinde zu verraten … Es war undenkbar.

»Ist das der Grund, weshalb mir alle so auffallig die kalte Schulter zeigen?«, fragte ich schlie?lich. »Bin ich deshalb zuruckgerufen worden?«

»Ich wei? es nicht, Eddie. Die Matriarchin … hat mich nicht so ins Vertrauen gezogen wie sonst. Also: Halt die Augen auf, solange du hier bist. Paranoia erzeugt Misstrauen. Falls namlich die Familie ihren Verrater nicht identifizieren kann, werden sie sich womoglich einfach einen ausgucken.«

Wir gingen zusammen weiter, zuruck durch die vielen Zimmer und Korridore des Herrenhauses, vorbei an gro?artigen Kunstwerken, die wir alle einfach als selbstverstandlich betrachteten. Rembrandts. Goyas. Schalckens. Das Herrenhaus ist vollgestopft mit unbezahlbaren Gemalden und Skulpturen und wertvollen Dingen, gestiftet uber die Jahrhunderte von Prinzen und Machten und Regierungen. Sie waren immer ausgesprochen dankbar fur alles, was die Familie fur sie tat. Und dann waren da noch die Zurschaustellungen von Waffen und all der anderen Kriegsbeute, die wir angehauft haben. Die Familie ist vielleicht nicht besonders sentimental bezuglich ihrer Vergangenheit, aber sie wirft niemals etwas Nutzliches weg.

»Jemand testet uns«, sagte James nach einer Weile. »Testet die Informationen seines Verraters, probiert, wie weit er kommen kann, bevor wir ihn aufhalten. Aber wer? Die Umgehenden Leichentucher? Die Absto?enden Abscheulichen? Das Kalte Eidolon? Die Alraunenwiedervereinigung?« Er schuttelte nachdenklich den Kopf. »Es gibt so viele davon - und so wenige von uns.« Und dann lachelte er mich an, mit seinem alten Sollen-sie-doch-alle- zur-Holle-fahren-Lacheln, und klopfte mir nochmal auf die Schulter. »Lass sie nur kommen! Lass sie alle kommen!

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