Ich konnte nicht behaupten, dass es mich sonderlich uberraschte zu erfahren, dass Alexandra zum neuen Waffenschmied ausgebildet wurde. Sie war schon immer ehrgeizig gewesen, nicht zu vergessen zielgerichtet auf eine fast verwerfliche Art und von dem Verlangen besessen, sich hervorzutun. Alexandra gehorte zum harten Kern der Familie, total dem guten Kampf verschrieben, ohne die geringste Zeit fur Leute wie mich, die auf der Uberholspur lebten.

»Ich bin hier, um mir ein paar neue Waffen fur meine Mission abzuholen«, fuhr ich fort und setzte mein bestes Lasst-uns-alle-ruhig-und-vernunftig-sein-Gesicht auf. »Ich habe einen Zettel von der Matriarchin.«

Alexandra musterte mich mit einer Miene, die deutlich machte, das sie mir kein Wort glaubte, und streckte die Hand nach dem Schrieb aus. Ich gab ihn ihr, und demonstrativ prufte sie das Papier sehr grundlich, Zeile fur Zeile, auf der Suche nach einem Unterabschnitt, den sie verwenden konnte, um mich abzuweisen. Ich schenkte ihr mein zuversichtlichstes und vorteilhaftestes Lacheln, woraufhin ihr Stirnrunzeln noch tiefer wurde. Wenn sie nicht aufpasste, wurde sie sich bald selbst Kopfschmerzen bereiten. Am Ende blieb ihr nichts anderes ubrig, als meinen Zettel zu akzeptieren. Er kam direkt von der Matriarchin, mit deren Siegel und Unterschrift. Widerstrebend setzte Alexandra ihre Initialen in die dafur vorgesehene Leerzeile und streckte mir dann das Papier ungnadig wieder hin.

»Es scheint alles seine Richtigkeit zu haben«, knurrte sie. »Aber ich will dich nicht einen Moment langer als notig in meiner Waffenkammer haben, Eddie. Du bist ein Unruhestifter. Du verursachst Zerstrittenheit und du untergrabst die ma?gebende Autoritat. Du stehst fur alles, was ich in der Familie missbillige. Wir hatten dich schon vor Jahren eliminieren sollen. Du bist ein Sicherheitsrisiko, und daran wird sich nie etwas andern.«

Ich musste lacheln. »Wenn ich bedenke, dass ich dir eine Valentinskarte geschickt habe, als wir beide vierzehn waren!«

Ihr Mund zuckte kurz. »Du warst das also! Ich habe mich das oft gefragt.«

An diesem interessanten Punkt wurden wir durch das Eintreffen eines anderen Frontagenten unterbrochen. Es handelte sich um Matthew Drood, und plotzlich war Alexandras Gesicht ein einziges Lacheln. Matthew war ebenfalls ein Cousin meines Jahrgangs und alles, was ich in den Augen der Familie jemals hatte sein sollen. Er war alles geworden, wovon ich immer geglaubt hatte, dass er es werden wurde: sehr elegant, sehr fesch, sehr glatt. Und nicht halb so gut im Au?endienst, wie er gern glauben machte. Ich hatte mit ihm an ein paar Fallen in London gearbeitet, und irgendwie erntete er zum Schluss die ganzen Lorbeeren, nachdem ich die ganze wirkliche Arbeit erledigt hatte. Er stellte sich in seinem teuren ma?geschneiderten Anzug lassig vor mich hin, alles, was ein Agent im Au?endienst nicht sein sollte: gro?, geheimnisumwittert, attraktiv und muhelos charmant, wenn er es wollte. Viel Gluck bei dem Versuch, ihn in einer Menschenmenge zu verstecken! (Na gut, Onkel James war all das auch, aber James hatte Stil.)

Matthew arbeitete hauptsachlich in Geschaftskreisen und hielt die Londoner City … wenn auch nicht wirklich fur anstandig, so doch wenigstens fur viel zuruckhaltender. Auch neigte er bei den meisten Problemen zu Verbrannte-Erde-Losungen, in denen so etwas wie unbeteiligte Zuschauer nicht vorkamen. Harter Kern der Familie, klar, weshalb er und Alexandra auch so fabelhaft miteinander auskamen. Irgendwann horte Matthew lange genug auf, charmant zu ihr zu sein, um mich zu bemerken.

»Ah, Eddie … Super, dich wiederzusehen, altes Haus! Du siehst sehr … stadtisch aus. So schnell zuruck aus dem Exil? Was ist passiert, alter Junge? Bist du in etwas hineingeraten, womit du nicht zurechtkommst? Du hattest mich rufen sollen; du wei?t, dass ich allzeit bereit bin, zuzupacken und die Lage zu retten!«

»Jau«, erwiderte ich. »Das wird vielleicht mal passieren. Tatsachlich hat mich allerdings die Matriarchin hierher zuruckgerufen, um mich personlich mit den Einzelheiten meines neuen Auftrags vertraut zu machen.« Normalerweise ist es nicht meine Art, immer besser sein zu wollen als andere, aber Matthew bringt jedes Mal meine schlechtesten Seiten ans Licht. Sein heiteres Lacheln fing an, ein bisschen gezwungen zu wirken, also spannte ich den Bogen noch ein wenig weiter. »Es uberrascht mich, dass du nichts davon gehort hast, Matthew. Ich dachte immer, du seist freigegeben fur Besprechungen auf hochster Ebene!«

»Tatsachlich?«, murmelte er. »Eine Geheimmission, sagst du? Erzahl doch mal … Ich brenne darauf zu erfahren, welche Art von oberwichtiger Mission jemanden mit deinen … besonderen Talenten erfordert.«

»Tut mir leid«, sagte ich. »Aber es hat den Anschein, als sei deine Sicherheitsfreigabe doch nicht hoch genug.«

Er versteifte sich merklich und wandte sich abrupt ab, um Alexandra sein charmantestes Lacheln zu schenken. »Lexxy, Schatz, ich komme zu dir in Not. Ich furchte, ich muss noch einen Wahrheitsfeldgenerator haben! Den letzten habe ich vollig verschlissen, als ich in diesem gro?en brasilianischen Betrugsfall in der Londoner City hinter belastenden Dokumenten her war …«

»Aber sicher, Matthew. Nur das Beste fur das Ass der Familie! Komm mit, und ich werde ihn dir sofort besorgen!«

Sie kehrten mir beide den Rucken zu und schlenderten Arm in Arm davon, wahrend sie unbeschwert miteinander lachten. Der Waffenschmied und ich schauten ihnen nach.

»Was dieses Madchen braucht«, meinte der Waffenschmied, »ist ein richtig guter -«

Schnell lie? ich meine klapprige tragbare Tur vor ihm auf den Tisch fallen. »Die muss neu aufgeladen werden. Und zwar so schnell wie moglich!«

»Ich wei?, ich wei?; ich habe den Zettel gelesen. Die Matriarchin will, dass du mit dem Besten ausgestattet wirst, was wir haben, und dann auf der Stelle von hier verschwindest. Nichts Ungewohnliches dieser Tage.« Er rief nach einem seiner Internierten, der kam und die tragbare Tur mit sich nahm, wobei er sie wie eine tote Maus auf Armeslange von sich hielt. Der Waffenschmied sprang auf und starrte mich durchdringend an. »Du kommst mit mir, Eddie! Und ich werde dir ein paar Dinge zeigen, die dich gerade dann am Leben halten konnten, wenn alle anderen deinen Tod wollen.«

Er fuhrte mich zu einem anderen Versuchstisch hinuber, scheuchte ein halbes Dutzend Internierte fort und ergriff eine gro?e, silberne Faustfeuerwaffe. Er wog sie nachdenklich in der Hand, bevor er sie mir reichte. Sie war so schwer, dass ich uberrascht eine Braue hochzog, und er lachelte stolz.

»Dies ist ein Repetiercolt. Ihm gehen nie die Kugeln aus, und er zielt selbst. Du brauchst ihn nur in die richtige allgemeine Richtung zu halten, und der Revolver kummert sich um den Rest. Selbst du solltest das schaffen konnen, Eddie.«

»Wie sieht's mit dem Rucksto? aus?«, wollte ich wissen, nur um makelig zu sein.

»Da ich bei seiner Anfertigung Leute wie dich im Sinn gehabt habe, kein nennenswerter. Versuch, ihn nicht zu lange auf einmal zu benutzen, oder die Bindezauber werden sich uberhitzen und die Ersatzkugeln konnten den Revolver nicht finden.«

»Wieso ist er so schwer?«

Er grinste fies. »Damit, falls dir doch einmal die Kugeln ausgehen, du die Arschlocher damit zu Tode knuppeln kannst.«

Er warf mir ein Schulterhalfter zu, und ich muhte mich hinein, wahrend er mich an einen anderen Tisch fuhrte. Ich hasse Schulterhalfter. Wie Frauen mit Bustenhaltern zurechtkommen, wird mir ewig ein Ratsel bleiben. Es gelang mir, das Halfter mehr oder weniger an den richtigen Platz zu bugsieren, ehe der Waffenschmied so weit war, mir seine nachste Kreation zu zeigen. Sie sah verdammt stark nach einer gewohnlichen Armbanduhr aus.

»Sieht verdammt stark nach einer gewohnlichen Armbanduhr aus«, stellte ich fest.

»Nun, du wurdest ja wohl auch keine wollen, die schreit: Schaut mich an! Ich gehore einem Frontagenten!, oder? Dies ist eine Umkehruhr. Sieht aus und funktioniert wie normal, bis auf diesen Knopf hier. Nicht beruhren, es sei denn, du hast vor, ihn zu benutzen! Wenn du ihn fest herunterdruckst, wird die Uhr die Zeit umkehren und die letzten drei?ig Sekunden deines Lebens zuruckspulen. Das verschafft dir eine zweite Chance, deine schwerwiegenderen Fehler ungeschehen zu machen. Aber sei gewarnt: Jeder Versuch, mit der Zeit herumzuspielen, ist gefahrlich! Benutze die Umkehrfunktion nicht zu oft; sie konnte die Aufmerksamkeit gewisser Wesen auf sich ziehen, die Zeitrisse sehr ernst nehmen!«

Behutsam nahm ich die Uhr entgegen. »Wie funktioniert sie?«

»Du wurdest es auch dann nicht verstehen, wenn ich es dir erklarte, also zieh sie einfach an und achte auf das hier!«

Ich legte die Uhr an, steckte meine alte Rolex in meine Jackentasche und schaute auf den Kompass, den der Waffenschmied hielt. Er sah ziemlich stark nach einem gewohnlichen Kompass aus. Der Waffenschmied blickte zu mir hoch, aber ich lachelte nur hoflich. Ich hasse es, berechenbar zu sein.

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