»Dieser Kompass wird dir den besten Ausweg aus jeder Situation zeigen, ganz gleich wie sehr du dich darin verstrickt hast. Er ist so programmiert, dass er den nachsten realisierbaren Ausgang erfasst und dich dorthin bringt. Folge einfach nur der Richtung, in die die Nadel zeigt. Die Matriarchin hat ausdrucklich etwas Einfaches in dieser Art verlangt, und der hier ist so einfach, dass ein Hund ihn benutzen konnte. Du musst ihn nur von starken magnetischen Kraften fernhalten, sonst kommt er durcheinander. Wenn er anfangt hangen zu bleiben, schmierst du das Raderwerk mit ein bisschen Butter ein. Nur beste Butter selbstverstandlich.«
»Oh, selbstverstandlich!«
»Nun denn, was habe ich sonst noch fur dich? Ich hatte einen echt netten Zeigeknochen von australischen Ureinwohnern, aber jemand hat Kaffee damit umgeruhrt, und danach war er nicht mehr derselbe. Dann war da noch der Personlichkeitshervorheber … Sah auf dem Rei?brett wirklich gut aus. Der Gedanke dahinter war, dass man ihn benutzt, um den Teil seiner Personlichkeit hervorzukehren, der gerade am besten geeignet ist, mit der Situation umzugehen, in der man sich befindet.«
»Darf ich daraus entnehmen, dass etwas schiefging?«
»Der Hervorhebenteil klappte prima. Die verdammten Dinger anschlie?end abzuschalten war das Problem. Bisher haben wir es mit sechs Fallen von multipler Personlichkeitsstorung zu tun und mit zwei Fallen von Leuten, die sich weigern, mit sich selbst zu sprechen. Weitere Tests sind ausgesetzt worden. Ah, ja; hiernach hatte ich gesucht!«
Er uberreichte mir ein kleines, blau-schwarz lackiertes Kastchen, nicht viel gro?er als eine Streichholzschachtel, mit einem gro?en roten Knopf darauf. Ich schuttelte es, um zu schauen, ob es rasselte, und der Waffenschmied zuckte tatsachlich zusammen.
»Bitte tu das nicht! Was du da in der Hand haltst, ist ein Prototyp, den wir noch nicht zu Ende getestet haben, aber die Matriarchin hat gesagt, sie will, dass du mit dem Allerbesten versorgt wirst, was wir anbieten konnen, also … Dies ist ein Zufallsteleportgenerator. Druck auf den Knopf, und sofort schickt das Kastchen dich irgendwo anders hin. Und weil es jedes Ziel zufallig wahlt, ist niemand in der Lage, dich zu verfolgen. Benutze es, um aus Gefangniszellen, Sackgassen, Todesfallen und dergleichen zu entkommen. Es funktioniert einwandfrei, bis auf die Gelegenheiten, wo es nicht funktioniert.«
»Was?«
»Welchen Teil des Wortes
»Schon gut, ich hab's verstanden. Ich denke, da werde ich passen.«
Ganz vorsichtig gab ich ihm das Kastchen zuruck. Er zuckte die Schulter und legte das Kastchen ganz vorsichtig auf den Tisch. »Mach, was du willst, Junge.«
»Vielleicht wurde Matthew es ja gern testen.«
»Jetzt bist du aber gemein!«
Ich grinste und nickte dem Waffenschmied dankend zu. Er blickte mich einen Moment lang an.
»Gib da drau?en auf dich acht, Eddie!«, sagte er mit rauer Stimme. »Es ist jetzt viel unheimlicher in der Welt als zu meiner Zeit.«
Der Waffenschmied hatte funfundzwanzig Jahre als Au?endienstagent verbracht. Das machte ihn zu so einem guten Waffenschmied. Er war sich immer daruber im Klaren, dass seine schlauen Erfindungen in der wirklichen Welt funktionieren mussten, nicht nur in den Laboren. Alexandra hingegen war in ihrem ganzen Leben noch nicht drau?en an der Front gewesen.
»Keine Sorge«, antwortete ich. »Ich werde vorsichtig sein, Onkel Jack.«
Aber er war schon wieder in die Arbeit an etwas anderem vertieft. Zwei seiner Internierten hatten ihm eine gro?e Holzkiste gebracht, die von einem halben Dutzend verblichener Lederriemen mit schweren schwarzen Eisenschnallen zusammengehalten wurde. Vorsichtig machte er jeden einzelnen davon auf, offnete den Deckel und wuhlte im Fullmaterial herum, bis er einen gro?en, antiquierten Brustharnisch zutage forderte. Er hielt ihn ins Licht, um ihn prufend zu betrachten, und ich beugte mich uber seine Schulter. Das scharlachrote Metall war hauchdunn und tief eingekerbt mit langen Schriftzeilen in Sanskrit. Der Waffenschmied legte den Kurass behutsam vor sich auf den Tisch und klemmte sich eine Juwelierlupe ins Auge, um ihn genau zu untersuchen. Ich war verwirrt. Wenn dieses Rustungsteil so alt war, wie es aussah, dann sollte es eigentlich Teil der Familiengeschichte sein und ich es erkennen. Ich hatte jedoch etwas Derartiges noch nie gesehen.
»Was ist das?«, fragte ich und versuchte, nur beilaufig neugierig zu klingen.
Er grunzte, ohne aufzusehen und ohne sich auch nur einen Moment lang tauschen zu lassen. »Dies hier ist Teil einer Moloch-Arbeitsmontur. Nicht unahnlich der Rustung, die wir tragen, nur auf einer viel hoheren Stufe. Das ist die Art von Zeug, die man tragt, wenn man einen Berg mit einer Hand zur Seite schieben will. Und der Grund, weshalb du es noch nie zuvor gesehen hast, ist, dass es Teil des Armageddon-Kodex ist.«
Ich stand nur da und starrte ihn einen Moment lang mit offenem Mund an. »Aber … aber … das sind verbotene Waffen! Die Waffen, deren Gebrauch zu gefahrlich ist, au?er wenn die Realitat selbst bedroht ist!«
»Das wei? ich, Eddie.«
»Was zum Teufel macht dann so was wie das hier au?erhalb des Kodex?«
»Befehl der Matriarchin. Sie will, dass samtliche verbotene Waffen entfernt und untersucht werden, eine nach der anderen, und gepruft wird, ob sie mit maximaler Effizienz arbeiten. Nur fur den Fall, dass sie gebraucht werden sollten. Genau genommen hat sie noch keine Tests angeordnet; ich glaube nicht, dass der Rat das dulden wurde. Aber wie schlimm muss es stehen, wenn wir zum ersten Mal seit Jahrhunderten den Kodex offnen?«
Ich beugte mich nah heran, um einen besseren Blick auf den scharlachroten Brustharnisch zu haben. Ich hatte noch nie etwas aus dem Armageddon-Kodex gesehen. Ich glaube nicht, dass es sich bei mehr als einer Hand voll Personen in der Familie anders verhalt.
»Niemand sonst soll wissen, was das hier ist«, sagte der Waffenschmied leise. »Es befindet sich unter einem Codenamen hier. Ich wollte aber, dass es jemand wei?. Jemand, dem ich vertraue.«
»Nicht Alexandra?«, fragte ich ebenso leise.
»Die Matriarchin hat ausdrucklich befohlen, ihr nichts davon zu erzahlen. Der Waffenschmiedin in Ausbildung nichts davon zu erzahlen? Was sagt dir das?«
»Sie denkt, dass es innerhalb der Familie einen Verrater gibt, Onkel Jack. Und da ist sie nicht die Einzige …«
»Einen Verrater? In der Familie? Gro?er Gott, wie weit ist es mit uns gekommen?« Der Waffenschmied schuttelte langsam den Kopf. »Es gab eine Zeit, da hatte ich gesagt, so etwas ist undenkbar. Aber jetzt … Ich wei? es einfach nicht mehr.«
»Kennst du meinen Auftrag?«, fragte ich. »Was ich bei mir trage und wohin ich es bringen muss?«
»Naturlich! Allerdings bin ich einer der Wenigen, die Bescheid wissen. Leg es zuruck, Eddie! Es hatte gar nicht erst hierhergebracht werden durfen.«
»Du hast nicht danach verlangt?«
»Teufel auch, nein! Das war wieder der Befehl der Matriarchin!«
»Diese Offnung des Kodex«, sagte ich bedachtig. »Konnte sie mit den jungsten Angriffen aufs Herrenhaus in Verbindung stehen? Und aufs Herz?«
Der Waffenschmied wandte den Blick ab und lie? die Schultern noch mehr als sonst hangen. Und zum ersten Mal klang er … alt. »Ich wei? es nicht, Eddie. Niemand erzahlt mir mehr was.«
Kapitel Sieben
Hollenhunde auf meiner Spur
Im Leben jedes Frontagenten gibt es Momente, wo er uberzeugt ist, dass seine Tarnung aufgeflogen ist und die Augen der Welt plotzlich auf ihn gerichtet sind. Normalerweise, weil jemand auf ihn schie?t. Dieses Gefuhl hatte ich von dem Augenblick an, seit ich das Herrenhaus und seine vielen Schutzvorrichtungen hinter mir gelassen hatte. Mit der Seele Albions in ihrem mit Blei ausgekleideten Behaltnis in meinem Armaturenbrettfach kam ich mir vor, als ob mir jemand eine Zielscheibe auf den Wagen gepinselt hatte und vielleicht noch ein blinkendes
