unterwegs ist, konnten daraus einige sehr prazise Schlussfolgerungen gezogen werden. Ein vollig unbedeutender, quasi fur sich allein arbeitender Agent wie du andererseits konnte durchaus unter dem Radar unserer Widersacher hindurchschlupfen und unbemerkt operieren.«

»Jetzt mal zum Mitschreiben den Haken bei der Sache!«, forderte ich sie auf. »Nur damit ich sicher sein kann, dass ich alles richtig verstanden habe.«

»Ich hatte gedacht, das sei offensichtlich«, entgegnete Martha und erwiderte meinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. »Wenn du bemerkt wirst und man Ruckschlusse auf deine Mission zieht, dann wird wahrscheinlich jedes bose Geschopf auf der Welt auf dich losgehen und unbedingt die Gelegenheit beim Schopf ergreifen wollen, die legendare Seele Albions in die Finger zu bekommen.«

»Und dann wird aus meiner Mission ein Himmelfahrtskommando«, erganzte ich und nickte bedachtig. »Kein Wunder, dass du es fur notig gehalten hast, mich mit einem Sitz im Rat zu bestechen. Alles spricht dafur, dass du mich in den Tod schickst.«

»Aber wirst du es tun?«, fragte die Matriarchin. »Fur die Familie, und fur England?«

»Na klar!«, sagte ich. »Alles fur England!«

Kapitel Sechs

Gefahrliche Laborinternierte

Ich ging also los, um dem Waffenschmied der Familie einen Besuch abzustatten. Ein ziemlicher alter Langweiler, aber es gibt nichts, was er nicht uber Waffen, Erfindungen und Sachen, die wumm machen, wei?, seien sie wissenschaftlicher oder zauberischer Natur. Fur den mehr als wahrscheinlichen Fall, dass etwas bei meinem neuen Auftrag entsetzlich schieflaufen sollte, war es klar, dass ich samtliche ernst zu nehmenden Waffen brauchen wurde, die ich in die Finger bekommen konnte, wenn ich die Seele Albions vor allem Kommenden beschutzen wollte.

Ich wollte eine neue Pistole. Eine gro?e Pistole. Eine wirklich, wirklich gro?e Pistole. Mit atomaren Kugeln.

Die Familienwaffenkammer liegt ein gutes Stuck unter dem Westflugel, noch tiefer im Grundgestein als sogar der Lageraum. So wird die Waffenkammer, wenn (eher als falls) sie sich irgendwann selbst in die Luft jagt, nicht den Rest des Herrenhauses mit sich nehmen. Der Waffenschmied und sein Mitarbeiterstab, so genial und enthusiastisch sie auch allesamt sein mogen, tendierten schon immer zur

Tritt-dagegen-und-schau-was-passiert-Schule wissenschaftlicher Untersuchung. Ebenso haben sie unbeschrankten Zugang zu Feuerwaffen, Grimoiren und instabilen Chemikalien. Ich bin immer wieder erstaunt, dass dieser Teil Englands noch da ist.

Die gegenwartige Waffenkammer ist in den ehemaligen alten Weinkellern untergebracht, hinter gewaltigen und schweren, detonationssicheren Turen - die mehr dazu bestimmt sind, Dinge drinnen zu halten als drau?en. Die Keller sind im Wesentlichen eine lange Reihe miteinander verbundener Steinraume mit nackten, vergipsten Wanden und gewolbten Decken, fast vergraben unter einem vielfarbigen Gewirr festgenagelter Stromkabel. Die Leuchtrohrenillumination war eine Hin-und-wieder-Sache und das machtige Klimaanlagensystem brummte standig vor sich hin. Die Steinraume waren zum Bersten voll mit dem umfangreichen Mitarbeiterstab des Waffenschmieds: Forscher, Terminuberwacher, Mechaniker, Kernwaffenkonstrukteure und menschliche Versuchskaninchen. (Jede neue Erfindung musste von irgendjemand getestet werden. Der Betreffende wurde durch eine Lotterie unter den Mitarbeitern bestimmt, und der Verlierer war derjenige, der nicht geschickt genug war, das Ergebnis vorher zu manipulieren.)

Die Waffenkammer wartet standig mit neuen Waffen auf, die hier in den Laboren ersonnen, gebaut und getestet werden. Deshalb ist es hier auch immer so entsetzlich laut. Ich stand eine Zeit lang an den geschlossenen detonationssicheren Turen und wartete, bis meine Ohren sich an das Getose gewohnt hatten. Manner und Frauen mit ernsten, geistesabwesenden Gesichtern eilten geschaftig hin und her und widmeten ihre ganze Aufmerksamkeit der jungsten Generation von todlichen Vorrichtungen, die sie fur Agenten zum Einsatz an der Front herstellten. Und denen sie vorher hoffentlich alle Mucken austrieben. Ich konnte mich noch gut an das explosive Furzkissen, das nicht hochging, und den am Arm angebrachten total undurchdringlichen Kraftschild, der genau das nicht war, erinnern. Niemand beachtete mich auch nur im Geringsten, aber daran gewohnte ich mich allmahlich.

Lichter flammten auf, Schatten tanzten und Blitze krochen uber eine ganze Wand wie elektrisches Efeu. Bei?ende chemische Gestanke lagen mit den milderen Aromen zerkleinerter Krauter im Clinch, wahrend geschmolzenes Metall trage in Gussformen aus Keramik floss und Rauch vom letzten bedauerlichen Zwischenfall sacht in der Luft dahintrieb. Die Waffenkammer besa? keinen Verbandskasten: Sie hatte ihre eigene angrenzende Krankenhausstation. Eine verdammte Menge Leute drangten sich um Versuchstische und futuristische Laborapparaturen, alchimistische Retorten und Silberkugelkokillen und naturlich um die allgegenwartigen Computer und Kreidepentagramme. Die meisten dieser sehr beschaftigten Leute versuchten mit lautem und nachdrucklichem Fluchen ihre jungsten Projekte dazu zu uberreden, zu tun, was sie tun sollten, ohne zu explodieren, zu zerflie?en oder den Experimentator in etwas Kleines und Flaumiges zu verwandeln. Jemand ganz in meiner Nahe griff nach einem handlichen Hammer, und ich beschloss, irgendwo anders hinzugehen.

Ich schlenderte durch die Labore und hielt die Augen nach dem Waffenschmied offen. Eingange offneten sich in der Luft und boten fluchtige Blicke auf weit entfernte Orte, und ein Versuchstier explodierte. Ein verzweifelter junger Internierter jagte durch die Labore und versuchte, einen uberdimensionalen Augapfel mit flatternden Fledermausflugeln zu fangen, indem er mit einem Schmetterlingsnetz auf ihn eindrosch. Ich bin sicher, das Ding hatte im Entwurfsstadium vollig vernunftig ausgesehen. Niemand schenkte diesen kleinen Unterbrechungen Aufmerksamkeit, abgesehen von einem kleinen, geistesabwesenden Zusammenzucken hier und da beim neuesten Knall. Ein Tag wie jeder andere in der Waffenkammer. Wenn man an den Schnittstellen abwegigen Denkens arbeitet, muss man gelegentliche Ruckschlage billigend in Kauf nehmen, ebenso wie regelma?ige Gestanke, raumliche Inversionen und sporadische Verwandlungen. Jeder, der in der Waffenkammer beschaftigt war, war ein Freiwilliger, gezogen aus einer langen Liste von Bewerbern, sorgfaltig ausgewahlt von denen in der Familie, die eindeutig bewiesen hatten, dass sie weit mehr Gehirn hatten, als gut fur sie war. (Oft begleitet von einer ungesunden Neugier und dem volligen Fehlen jeglicher Selbsterhaltungstriebe.)

(Die richtig gefahrlichen Denker wurden entweder schnell zu Projekten rein theoretischer Natur befordert oder in alternierende Dimensionen geschickt mit der Anweisung, nicht zuruckzukommen, bevor sie sich beruhigt hatten.)

Der derzeitige Haufen der Internierten sah wie die Wissenschaftsfreaks uberall aus: dicke Brillen und Plastiktaschenschoner, au?er dass manche noch spitz zulaufende Zaubererhute trugen. Viele hatten unter ihren Laborkitteln T-Shirts an mit dem Aufdruck Ich sprenge, also bin ich, auch wenn jemand anders plotzlich nicht mehr ist. Wissenschaftsfreakshumor. Sie sahen alle sehr ernst und sehr engagiert aus, und falls sie lange genug uberlebten, wurden sie irgendwann in die etwas sichereren Bereiche der Forschungs- und Entwicklungslabore befordert werden. Mir schien es allerdings, als ich auf der Suche nach dem Waffenschmied durch das Chaos wanderte, dass der alte Ort viel mehr Leute und Projekte beherbergte und auch ein starkeres allgemeines Gefuhl der Dringlichkeit ausstrahlte, als mir von meinem letzten Besuch vor zehn Jahren her in Erinnerung war.

Zwei Typen von der muskuloseren Sorte sparrten mit elektrifizierten Messingschlagringen; Funken knisterten und stoben gluhend durch die Luft, als sie zuschlugen und parierten. Ein Madchen hatte den Kopf tief in ein Aquarium gesteckt, um zu beweisen, dass sie jetzt unter Wasser atmen konnte. Beeindruckend, aber ich wurde den Gedanken nicht los, dass sie sich in feiner Gesellschaft mit den klaffenden Kiemenreihen am Hals eine ziemliche Blo?e geben wurde. Nicht weit davon entfernt hatte ein bedauernswerter junger Mann aufgehort zu beweisen, dass er jetzt Feuer atmen konnte, weil er davon Schluckauf bekommen hatte. Nicht voraussagbaren und leicht entzundlichen Schluckauf. Jemand fuhrte ihn fort, um ihm eine Asbesttute uber den Kopf zu stulpen. Mir war nicht klar, warum sie seinen Kopf nicht einfach ins Aquarium stecken konnten, neben das Madchen.

Und jemand hatte wieder einmal die Schie?anlage hochgejagt. Es gibt immer einen, der den Rekord fur die gro?te und leistungsstarkste Handfeuerwaffe brechen will.

Schlie?lich entdeckte ich den Waffenschmied ein Stuck weiter vorn, wie er in den Kavernen hin und her ging

Вы читаете Wachter der Menschheit
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату