aus Narbengewebe abgedichtet wurde. Der Klecks hatte sein Pseudoleben aufgebraucht, um mich zu heilen und wiederherzustellen, und nun war er nur noch ein Klumpen undifferenzierten Protoplasmas. Ich lie? ihn auf den Boden fallen und sagte das richtige Wort, und er zerfloss zu einem schmierigen Fleck auf dem nackten Beton. Erste Regel eines Agenten: kein Beweismaterial zurucklassen. Nutzliche Dinger, diese Kleckse. Ich hatte mich wohler gefuhlt, wenn ich noch ein paar gehabt hatte, aber wenn man erst mal anfangt, sich Sachen zu wunschen … Vorsichtig bewegte ich meine Schulter hin und her: Sie war steif und tat immer noch dumpf weh, schien aber ansonsten hinlanglich gesund. Meine Hande wanderten nach oben, um den goldenen Ring um meinen Hals zu befuhlen. Meine Rustung machte mich nicht langer unverwundbar. Des Schutzes und der Sicherheit, die ich mein Leben lang so leichthin hingenommen hatte, war ich beraubt worden, in einem einzigen Moment. Ich fragte mich, ob ich mich wohl je wieder sicher und zuversichtlich fuhlen wurde.

Ich setzte mich vor den Computer in der Ecke, warf ihn an und stellte eine Liste mit Adressen und ungefahren Aufenthaltsorten verschiedener alter Feinde zusammen, die etwas daruber wissen mochten, was vor sich ging. Einige von ihnen wurden sich vielleicht bereit erklaren, mir zu helfen, gegen das richtige Entgelt. Oder die richtige Einschuchterung. Es gibt nie einen Mangel an Bosen in und um London herum, aber nur einige wenige Auserwahlte konnten unter Umstanden Zugang zu der Art von Information haben, auf die ich es abgesehen hatte. Und die meisten davon waren sehr einflussreiche Leute, oft mit allem Grund, mich beim ersten Anblick zu erschie?en, sobald ich enthullte, wer ich war. Ich arbeitete an der Liste, strich hier und da einen Namen durch, wo das Risiko einfach zu gro? war, und endete schlie?lich bei einem Dutzend infrage kommender Kandidaten. Ich druckte die uberarbeitete Liste aus, schaltete den Computer aus und sa? dann eine Weile lang einfach nur da und nahm meinen Mut zusammen. Selbst mit meiner Rustung in voller Starke waren das hier immer noch sehr gefahrliche Leute. Daniels Gang in die Lowengrube war nichts im Vergleich zu dem, was mir bevorstand.

Aber ich musste in die Gange kommen. Meine sehr ehrbaren Nachbarn hatten inzwischen bestimmt schon die Polizei gerufen. Also rief ich auf meinem Handy ein gewisses wohlbekanntes Taxiunternehmen an; anonyme schwarze Droschken, deren Fahrer mich uberall hinfahren und keine unbequemen Fragen stellen wurden. In meiner Branche lernt man, wie man solche Unternehmen findet. Sie waren verlasslich, aber teuer, und zum ersten Mal wurde mir klar, dass Geld zum Problem werden wurde. Die Familie hatte mittlerweile mit Sicherheit meinem ganzen Guthaben ein Ende bereitet und meinen Namen uberall sonst auf die schwarze Liste setzen lassen. Alles, was ich hatte, war das Bargeld in meiner Brieftasche. Zum Gluck bin ich schon immer paranoid gewesen und denke voraus. In einem kleinen Metalltresor im hinteren Teil der Garage lagen ein halbes Dutzend gefalschter Ausweise und zehntausend Pfund in gebrauchten Scheinen. Genug, um mich eine Zeit lang am Leben zu halten.

Ich zog mir frische Kleider an. Sie rochen ein bisschen muffig, weil sie so lange in der Garage gehangen hatten, aber sie waren hubsch anonym. Genau genommen so typisch und durchschnittlich, dass jeder Zeuge in schwere Bedrangnis geriete, wenn er irgendetwas Besonderes daran beschreiben sollte. Ich warf meine alten, blutbeschmierten Kleider auf einen Haufen auf den Boden und zerbrach anschlie?end eine Saurekapsel daruber. Ein Jammer; ich hatte diese Jacke wirklich gemocht. Noch ein Fleck auf dem Boden.

Traurig betrachtete ich den Hirondel. Nie wieder wurde ich dieses fantastische alte Auto fahren durfen. Er war zu auffallig, zu bekannt geworden, und in profane Hande konnte ich ein solches Auto, mit all den Extras des Waffenschmieds, nicht fallen lassen. Ich lachelte grimmig. Auch nach allem, was passiert war, schutzte ich immer noch die Sicherheit der Familie. Dem Hirondel Lebewohl zu sagen, war wie einen alten Freund zu verlassen oder ein treues Ross, aber es musste getan werden. Ich tatschelte einmal die ihrer Farbe beraubte Motorhaube und sprach dann die Worte, die die Selbstzerstorung des Wagens auslosen wurden. Selbstverstandlich nichts so Plumpes und Kaprizioses wie eine Explosion; einfach eine kontrollierte elementare Brandstiftung, die nichts Brauchbares zurucklassen und die Garage von samtlichen Beweisen reinigen wurde. Die Spurensicherung der Polizei konnte sich die Finger wund arbeiten und wurde trotzdem nichts finden, was sie zu mir zuruckverfolgen konnte.

Ich bin paranoid, ich denke voraus, und ich bin sehr grundlich.

Ich verlie? die Garage, schloss das Tor hinter mir ab, und tatsachlich, das Taxi ohne Namen wartete schon auf mich. Ich ging zu ihm hin und stieg ein, ohne auch nur einmal zuruckzublicken. Das ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit eines Agenten im Au?endienst: in der Lage zu sein, jeden Augenblick von

allem und jedem wegzugehen und nie zuruckzublicken.

* * *

Das Taxi brachte mich zuruck ins eigentliche London und setzte mich an der ersten U-Bahn-Station ab, an die wir kamen. Ich fuhr mit den Zugen hin und her und wechselte wahllos von einer Linie zur anderen, bis ich sicher war, dass mir niemand folgte. Es war ausgeschlossen, dass meine Familie - oder sonst jemand - mich so schnell aufgespurt haben konnte, aber ich musste Gewissheit haben. In der Oxford Street stieg ich aus und ging nach oben und hinaus an die frische Luft. Es war mittlerweile fruher Abend, und Menschenmengen wogten durch die Stra?e und gingen ihren alltaglichen Beschaftigungen nach wie an jedem anderen Tag auch. Zumindest das war normal und beruhigend.

Der erste Name auf meiner Liste waren die Liebenden Chelseas. Sehr heimlichtuerisch und sehr schwer zu finden. Sie wechselten ihre Geschaftsraume alle vierundzwanzig Stunden, und das mit gutem Grund. Die Liebenden Chelseas waren gehasst und gefurchtet, wurden angebetet und verehrt, besturmt und verachtet. Und die einzige Moglichkeit, sie zu finden, war die Karten zu lesen. Also ging ich lassig die Oxford Street entlang, bis ich zu den Reihen der offentlichen Telefonzellen kam, und uberprufte dort das Angebot an Nuttenkarten, mit denen die Zellen innen bepflastert waren. Nuttenkarten sind Geschaftskarten, die von Prostituierten in den Telefonzellen zuruckgelassen werden und auf denen sie ihre Dienste anpreisen. Manchmal tragen sie ein Foto (bei dem man sicher sein kann, dass es wenig oder gar keine Ahnlichkeit mit der wirklichen Frau hat), haufiger ein anzugliches Kunstwerk, das von einer kurzen, kessen Mitteilung und einer Telefonnummer begleitet wird.

Die Karten haben eine lange Geschichte, die bis in viktorianische Zeiten zuruckreicht, und uber die Jahre ihre ganz eigene Sprache entwickelt. Ein Madchen, dass sich beispielsweise mit exzellenten Kenntnissen des Griechischen brustet, wird nicht wirklich akademische Qualifikationen besitzen; allerdings ware ein Besuch bei ihr an sich betrachtet fast sicher ein Bildungsgang. Doch unter all den Euphemismen und Zweideutigkeiten existiert noch eine andere, geheimere Sprache, fur die, die sie lesen konnen. Eine ganz andere Botschaft, die in der Anordnung verschiedener Buchstaben und Worter zu finden ist und dem Eingeweihten verrat, wie er die augenblicklichen Statten fur dunklere und gefahrlichere Freuden finden kann. Ich arbeitete die Mitteilung dieses Tages heraus und wahlte die angezeigte Nummer, und eine Stimme am anderen Ende, die mannlich oder weiblich sein mochte, beides oder keins von beiden, gab mir eine Adresse kurz hinter Covent Garden und sagte mir, ich solle nach dem Kit Kat Club fragen. Schon zu wissen, dass es noch Leute mit Sinn fur Humor gab.

Das Lokal war nicht schwer zu finden. Von au?en sah es nur wie ein Gebaude unter vielen aus, hinter einer langweiligen, anonymen Fassade. Keine Reklame, keine Hinweise. Entweder man wusste genau, dass dies der Ort war, oder man hatte hier nichts verloren. Wahrend Leute nichts ahnend an mir vorbeigingen, betrachtete ich das Au?ere nachdenklich. Der Kit Kat Club war nicht die Art von Lokal, in die man einfach hineinsturzte. Vorher musste man sich seine geistigen Lenden gurten.

Die Liebenden Chelseas waren eine Gruppenehe allerlei geheimnisvoller Spinner, die sich den dunkleren Bereichen der tantrischen Sexzauberei verschrieben hatten, kanalisiert durch innovative Computertechnologie. Sie organisierten Orgien, die rund um die Uhr dauerten und unter deren Teilnehmern ein standiges Kommen und Gehen herrschte. Mit der Art von mystischer Energie, die zu erzeugen sie in der Lage waren, hatten sie das ganze London hochheben und ein paarmal herumwirbeln konnen, bevor sie es wieder fallen lie?en. Nur machten sie das nie, weil … na ja, offenbar weil sie mit etwas weitaus Wichtigerem beschaftigt waren. Was das sein mochte, wusste niemand so genau, und die meisten hatten Angst zu fragen. Die Liebenden Chelseas hatten Verbindungen zu jedem Nekrotech-, Psychofetisch- und Ritualsexclub in der Stadt und waren beruhmt dafur, Dinge zu wissen, die sonst niemand wusste oder wissen wollte. Sie finanzierten sich, indem sie wichtige Leute - Prominente, Politiker und dergleichen - in die Falle lockten und dann erpressten.

Weshalb die Liebenden Chelseas allen Grund hatten, Edwin Droods Tod zu wollen. Vor einem Jahr oder so hatte die Familie mich hineingeschickt, um die Zentralcomputer der Liebenden Chelseas und samtliche Dateien zu zerstoren, nachdem sie den Fehler gemacht hatten, jemanden unter Druck setzen zu wollen, der dem Schutz der Familie unterstand. Also hatte ich hochgerustet, mir gewaltsam Zutritt verschafft und ihre Rechner mit einer ma?geschneiderten Logikbombe ausgeschaltet, die ich aus einer der Spezialpistolen des Waffenschmieds abschoss. Die Computer machten so schnell schlapp, dass von ihnen nichts als eine Siliziumpfutze auf dem Boden

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