hohe Geschwindigkeiten zu erreichen, aber ich hatte es ohnehin nicht eilig. Die Fernwahrnehmer der Familie konnten mich nicht sehen oder aufspuren, solange ich den Torques trug. Langsam kristallisierte mein Schock zu Wut und dann zu etwas Kalterem und Entschlossenerem. Ich wollte Antworten. Meine ganze Welt war gerade auf den Kopf gestellt worden, und ich musste wissen, warum! Laut James war ich offiziell fur vogelfrei erklart worden, deshalb wurde auch keins der anderen Familienmitglieder drau?en in der Welt mit mir reden. Verdammt, die meisten von ihnen wurden mich im selben Moment, wo sie mich zu Gesicht bekamen, zu toten versuchen! Droods haben kein Erbarmen mit Verratern.
Was bedeutete, dass es nur noch eine Moglichkeit gab, um Antworten zu bekommen, um die Wahrheit herauszufinden: zu den Leuten zu gehen, gegen die ich mein Leben lang gekampft hatte: zu den Bosen.
Ich verlie? die M4 an der ersten Auffahrt, an die ich kam. Ich musste mich auf Landstra?en und Nebenwegen verlieren, bevor die Spurhunde der Familie sich an meine Fersen hefteten. Ich hatte die Autobahn noch keine halbe Meile hinter mir gelassen, als ich gezwungen war, langsamer zu machen und an einer Barrikade der Polizei anzuhalten. Es war keine besonders eindrucksvolle Barrikade; nur ein paar Reihen Plastikkegel, unterstutzt durch die Gegenwart zweier uniformierter Beamter und eines Streifenwagens. Eine lange Schlange stehender Fahrzeuge wartete auf der Gegenspur, und eine kleine Schar ungeduldiger Fahrer hatte sich auf der anderen Seite der Kegel versammelt und schalt abwechselnd die Polizisten lauthals aus. Sie schauten sich alle um, als ich mich mit dem Hirondel naherte, und sie schienen alle ziemlich uberrascht zu sein, mich zu sehen. Ich hielt den Wagen in respektvoller Entfernung an, und die Polizeibeamten kamen heruber, um mit mir zu reden. Ich glaube, es war ihnen nicht unrecht, dass ich ihnen mit meiner Anwesenheit eine Entschuldigung lieferte, von den anderen Fahrern wegzukommen. Sie mussten beide zweimal hinschauen, als sie den Zustand meines Autos bemerkten, blieben in respektvoller Entfernung von mir stehen und forderten mich auf, den Motor abzustellen und auszusteigen. Ich lachelte und tat wie gehei?en. Sie hatten Antworten, ob sie es wussten oder nicht.
Ich setzte mich auf die Motorhaube des Hirondel und wartete darauf, dass sie zu mir kamen. Sie naherten sich vorsichtig, wobei sie einander auf die Einschusslocher und die zertrummerte Windschutzscheibe hinwiesen. Etwas Derartiges auf Verkehrsdienst zu sehen, hatten sie nicht erwartet. Einer fing an, das Kennzeichen von meinem Nummernschild in sein kleines Notizbuch zu schreiben, was immer ihm das auch bringen mochte, wahrend sein Kollege nach vorn kam, um mich zu befragen. Ich schenkte ihm ein nettes, freundliches Lacheln.
»Wieso ist dieser Abschnitt der Autobahn gesperrt?«, fragte ich unschuldig, indem ich meine Frage anbrachte, bevor er mich auffordern konnte, mich auszuweisen, wonach mir absolut nicht der Sinn stand.
»Scheint, als habe es einen Unfall mit Chemieverseuchung gegeben, Sir. Sehr ernste Sache, ist mir gesagt worden. Sind Sie sicher, dass Sie nichts gesehen haben, Sir? Dieser ganze Abschnitt der M4 ist offiziell zur Gefahrenstelle erklart worden.«
»Nun, ja«, meinte ich und gestattete mir ein erneutes Lacheln. »Stellenweise habe ich es tatsachlich als recht gefahrlich empfunden …«
Dem Polizeibeamten gefiel das Lacheln gar nicht. »Ich denke, Sie sollten besser eine Weile hier bei uns bleiben, Sir. Ich bin sicher, meine Vorgesetzten werden Ihnen auf dem Revier ein paar detailliertere Frage stellen wollen. Und die Gefahrgutleute werden sich davon uberzeugen wollen, dass Sie nichts Gefahrlichem ausgesetzt gewesen sind.« Er hielt inne: Ich war wieder am Lacheln. Er blickte mich frostig an. »Dies ist eine sehr ernste Angelegenheit, Sir. Bitte treten Sie von Ihrem Fahrzeug weg. Ich muss Ihren Ausweis sehen.«
»Nein, mussen Sie nicht«, sagte ich. Ich zog meinen Repetiercolt aus dem Schulterhalfter. Sofort streckte der Polizeibeamte beide Hande in die Luft, die Handflachen nach au?en, um zu zeigen, dass sie leer waren. Sein Kollege sturzte nach vorn, und ich hob den Revolver ein kleines bisschen.
»Bleib, wo du bist, Les, und sei kein Narr!«, sagte der andere Beamte. »Denk an deine Ausbildung!«
»Es konnte eine Nachbildung sein!«, erwiderte Les, blieb aber zuruck, nicht ohne mich weiter finster anzublicken.
Ich zielte beilaufig auf den Streifenwagen, und der Colt schoss alle vier Reifen platt. Die kleine Schar der Fahrer bei den Kegeln schrie erschrocken und beunruhigt auf. In England sind die Leute nicht an Feuerwaffen gewohnt, was ich im Gro?en und Ganzen guthei?e. Ich bedeutete den beiden Polizeibeamten, die Pylonen von der Stra?e zu entfernen, und langsam und widerwillig gehorchten sie. Dabei behielt ich sie scharf im Auge und sorgte dafur, dass sie dicht zusammenblieben, sodass ich sie beide mit dem Colt in Schach halten konnte. Ich hatte nicht vor, irgendjemanden zu erschie?en, aber das brauchten sie nicht zu wissen. Die Menge der Fahrer fing an, unruhig zu werden. Ich musste los, bevor einer auf den Gedanken kam, den Helden zu spielen und eine Dummheit machte. Unschuldige Zuschauer konnen einem manchmal ganz schon auf die Eier gehen. Ich wich zuruck und schob mich hinter das Lenkrad des Hirondels. Ich brach gerade die erste Regel des Frontagenten: Ich fiel auf. Deshalb im Zweifelsfall die Sache verworren gestalten.
»Richten Sie Ihrer dekadenten Regierung aus, dass die Tasmanische Separatistische Allianz in Bewegung ist!«, verkundete ich bombastisch. »Die Unterdrucker werden gezwungen sein, sich vor unserem erhabenen Dogma zu verneigen! Alle Delfine sollen befreit und kein Pinguin mehr gezwungen werden, Zigaretten zu rauchen!«
Was ihnen Stoff zum Nachdenken geben sollte. Bis sie sich darauf einen Reim gemacht und dann noch mehr Zeit damit vergeudet hatten, eine Terroristengruppe (und ein Nummernschild) aufzuspuren, die in Wirklichkeit gar nicht existierten, sollte mir Zeit im Uberfluss bleiben, um unterzutauchen. Den Hirondel wurde ich aufgeben mussen. Er war zu sichtbar, zu auffallig geworden. Missmutig brachte ich den Motor auf Touren und brauste an den Polizeibeamten, der Fahrerschar und der langen Schlange wartender Fahrzeuge vorbei. Ich musste nach London, und das schnell. Einige Leute beugten sich aus ihren Autofenstern und versuchten, mich mit ihren Handys zu fotografieren. Ich lachelte ihnen entgegenkommend zu, sicher in dem Wissen, dass mein Torques mich vor samtlichen Formen der Uberwachung, ob wissenschaftlicher oder magischer Natur, verbarg. Wie sonst konnten Agenten im Au?endienst wie ich in einer Welt operieren, in der einen standig jemand beobachtet?
Ich lie? die Schlange hinter mir und verschwand schnell in Umgehungs- und Nebenstra?en. Ich hatte einen geheimen Zufluchtsort am Stadtrand von London, einen von mehreren, die ich fur Notfalle unterhielt. Der, an den ich dachte, war nichts Besonderes, nur eine gemietete Garage in einer vollig ehrbaren Wohngegend. Aber er besa? alles, was ich brauchte, um abzutauchen. Um unsichtbar zu werden. Ich hielt meine Verstecke immer auf dem neuesten Stand und mit nutzlichen Sachen bestuckt, fur jene raren, aber unvermeidlichen Gelegenheiten, wenn meine Tarnung aufflog und ich in aller Eile verschwinden musste. Ich konnte in jedes meiner Schlupflocher als ein Mann hineingehen und als ein vollkommen anderer herauskommen, komplett mit ganz neuem Aussehen und neuer Identitat. Die Familie wusste nichts von diesen Orten. Sie wusste nichts uber die Art und Weise, wie ich operierte. Sie hatten es nie wissen wollen.
Ich erreichte die Au?enbezirke Londons ohne Zwischenfall, obwohl ich den gro?ten Teil des Wegs uber steif und angespannt uber meinem Lenkrad gekauert hatte, in Erwartung einer Schwierigkeit oder eines Angriffs, die nie Tatsache wurden. Der ramponierte und von Kugeln durchlocherte Hirondel zog viele erstaunte Blicke auf sich, doch tat oder sagte niemand etwas. Das hier war schlie?lich England. Ich fuhr in die ehrbare Wohngegend hinein, und meine sehr ehrbaren Nachbarn sahen mit offenem Mund zu, wie ich den Wagen vor meiner gemieteten Garage zum Stehen brachte. Ich nickte und lachelte allen miteinander zu, und sie sahen schnell in die andere Richtung. Meinen Ruf hier hatte ich ruiniert, aber das spielte keine Rolle: Ich wurde nie mehr wiederkommen. Mit einem Handflachenabdruck, einer Netzhautabtastung und einem gemurmelten
Gute zehn Minuten verbrachte ich damit, einfach nur auf der Motorhaube zu sitzen und mich selbst fest zu umklammern, zu fertig, um mich auch nur zu bewegen. Ich war mude, zum Umfallen mude, und hatte alles satt. So viel war in so kurzer Zeit passiert, und fast alles davon war schlecht. Aber schlie?lich zwang ich mich zum Aufstehen. Den Luxus einer Ruhepause konnte ich mir nicht gestatten, nicht einmal ein ordentliches Gegrubel. Meine Familie hatte sicher schon Leute drau?en, die nach mir suchten. Schlaue Leute, talentierte Leute. Gefahrliche Leute. Ich war jetzt der Feind, und nicht von ungefahr wusste ich, wie die Droods mit ihren Feinden umgingen.
Ich schalte mich aus meiner blutverschmierten Jacke und dem Hemd, um nach meiner Schulterwunde zu sehen. Der Erste-Hilfe-Klecks war fast eingetrocknet, ein verschrumpeltes und runzliges Gebilde, das die Wunde nur noch eben so bedeckte. Ich zog ihn vorsichtig ab und stellte fest, dass das Loch jetzt von einem neuen Knoten
