mitteilen konnte. In dem Moment, wo ich zu Hause anrief, wusste die Matriarchin, dass ich noch am Leben war, und wurde noch mehr Leute schicken, um mich umzubringen. Ich betrachtete den Schaft noch einmal. Fremde Materie, aus irgendeiner anderen Dimension. Wahrscheinlich giftig. Musste raus. Oh Schei?e, das wurde wehtun!

Ich zog ein Taschentuch aus meiner Tasche, rollte es zu einem Ballen zusammen und biss fest darauf. Dann packte ich den Schaft mit aller Kraft und druckte ihn tiefer in meinen Korper, bis der mit Widerhaken versehene Kopf an meinem Rucken austrat. Das Taschentuch dampfte meinen Schrei, aber der Schmerz raubte mir fast die Besinnung. Ich griff nach oben und um meine Schulter herum und zog den Schaft unbeholfen ganz durch und heraus. Bis ich fertig war, lief mir das Blut in Stromen uber Brust und Rucken, mein Gesicht war schwei?gebadet und meine Hande zitterten. Es war lange her, dass ich so schlimm verwundet worden war. Ich spuckte das Taschentuch aus und nahm den Pfeil in beide Hande. Er schien sich in meinem Griff zu winden. Ich brach ihn entzwei, und er schrie in meinem Kopf. Ich lie? die Bruchstucke auf den Boden fallen, und sie versuchten, sich in etwas anderes zu verwandeln, bevor sie zu einer klebrigen Schmiere von etwas zerfielen, das in dieser Welt nicht uberleben konnte.

Ich setzte mich in den Fahrersitz, bevor die Beine unter mir nachgaben. Nach einer Weile holte ich den Verbandskasten heraus, machte ihn auf und entnahm ihm einen simplen Heiler: nichts weiter als ein Klecks vorprogrammierter einfacher Substanz, voll mit allen Arten von Zeug, das gut fur mich war. Ich sprach das aktivierende Wort und klatschte ihn auf die Wunde in meiner Schulter. Augenblicklich versiegelte der Klecks sie und pumpte irgendeine wunderbare Droge in mich, die den Schmerz ausschaltete, als ob ein Schalter umgelegt worden ware. Die plotzliche Erleichterung entlockte mir ein lautes Stohnen. Der Klecks drang mit einem schlanken Tentakel in die Wunde ein, beseitigte unterwegs den Schaden und kam in meinem Rucken heraus, um sie auch dort zu versiegeln. All das konnte ich spuren, aber nur auf eine vage und verschwommene Weise. Ich war schon irgendwie interessiert; ich hatte vorher noch nie einen benutzen mussen. Aber im Moment hatte ich andere Sachen im Kopf.

Ich musste wissen, warum meine eigene Gro?mutter mich verraten hatte. Warum sie mich mit einer Luge auf den Lippen in den Tod geschickt hatte. Ins Herrenhaus konnte ich nicht zuruck, um Antworten zu erhalten. Selbst wenn ich an allen Verteidigungsanlagen vorbeikame, wurde sie mich einfach einen Lugner nennen, mich zum Abtrunnigen und Vogelfreien erklaren und der Familie befehlen, mich zu toten. Und alle wurden ihr glauben und keiner wurde mir glauben, denn sie war die Matriarchin, und ich war … Eddie Drood. Mit wem konnte ich uberhaupt noch reden, wem konnte ich noch trauen, nach allem, was geschehen war? Vielleicht nur noch einem Mann. Ich holte mein Handy heraus und rief Onkel James unter seiner ganz privaten Nummer an. Kaum hatte er meine Stimme erkannt, brach er das Gesprach ab.

»Bleib wo du bist! Ich bin sofort bei dir!«

Und einfach so stand er vor mir, das Handy noch in der Hand. Die Luft krauselte sich um ihn herum, verdrangt vom Teleportationszauber. Wir steckten unsere Telefone weg und blickten einander an. Besorgnis erfullte sein Gesicht, als er meines Zustands und des Bluts, das immer noch meinen linken Arm uberzog, gewahr wurde. Er machte Miene, auf mich zuzugehen, aber ich hielt ihn mit einer erhobenen Hand davon ab. Er nickte langsam.

»Ich wei?, Eddie. Es ist immer hart zu lernen, dass man niemandem trauen kann. Du siehst ubrigens schei?e aus.«

»Du solltest die andern Typen sehen, Onkel James.«

Er sah an mir vorbei, auf das Gemetzel und die Verwustung, die ich auf der Autobahn hinterlassen hatte, so weit das Auge reichte, und tatsachlich stahl sich ein kleines Lacheln auf sein Gesicht.

»Du hast das alles angerichtet? Ich bin beeindruckt, Eddie! Wirklich!«

»Wie bist du so schnell hierhergekommen, Onkel James?«, fragte ich langsam. »Teleportationszauber benotigen exakte Koordinaten. Woher wusstest du, wo genau auf diesem langen Autobahnstuck du mich finden wurdest, wenn nicht einmal ich selbst vollig sicher bin, wo genau ich bin? Was geht hier vor, Onkel James?«

»Das Zielsuchgerat verriet uns, wo du warst, bevor du es zerstort hast.« Onkel James redete in einem gelassenen Plauderton. »Die Matriarchin hat mich hergeschickt, Eddie. Sie hat mir spezifische Befehle erteilt … hat gesagt, falls du irgendwie samtliche Hinterhalte uberlebt haben solltest, sollte ich dich personlich toten. Kein Wort, keine Warnung; dich nur kaltblutig abknallen. Warum sollte sie mir auftragen, so etwas zu tun, Eddie? Was hast du ausgefressen?«

»Ich wei? es nicht! Ich habe nichts gemacht! Nichts hiervon ergibt irgendeinen Sinn, Onkel James …«

»Du bist offiziell fur vogelfrei erklart worden«, fuhr er fort. »Eine klare und gegenwartige Gefahr fur die ganze Familie. Jeder Drood ist berechtigt, dich ohne Warnung zu toten. Zum Wohl der Familie.«

Wir standen da und blickten einander an. Keiner von uns trug seine Rustung. Keiner von uns hatte eine Waffe. Sein Gesicht war nuchtern, sogar gelassen, doch in seinen Augen konnte ich eine Qual sehen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben wusste James Drood nicht, was das Beste zu tun war. Er war hin- und hergerissen zwischen dem, was ihm befohlen worden war, und dem, was in seinem Herzen war. Sie durfen nicht vergessen, dies war der Graue Fuchs, der loyalste und verlasslichste Agent, den die Familie je gehabt hatte. Onkel James. Der wie ein Vater zu mir gewesen war. Der mich am Ende nicht toten wurde, nicht toten konnte.

Wir beide spurten das im selben Moment, und wir beide entspannten uns ein wenig.

»So«, sagte ich. »Was machen wir jetzt?«

»Ich gehe zuruck zur Matriarchin. Erzahle ihr, dass du schon weg warst, als ich ankam«, sagte Onkel James mit ausdrucksloser Stimme. »Du … du rennst weg. Rennst und horst nicht auf zu rennen. Versteck dich so grundlich, dass nicht einmal ich dich finden kann. Denn wenn wir uns wieder begegnen, werde ich dich toten, Eddie. Ich muss. Zum Wohl der Familie.«

Kapitel Acht

Die Verfuhrung der nicht ganzlich Unschuldigen

Ohne ein Wort des Abschieds verschwand Onkel James, und die Luft stromte herbei, um den Platz auszufullen, wo er gewesen war. Ich hatte ihm von dem Elbenpfeil erzahlen sollen, der meine Rustung durchdrungen hatte, aber er hatte mir keine Chance gegeben, und sowieso stand ich noch immer unter Schock. Meine Familie wollte meinen Tod! Nach allem, was ich fur sie getan hatte, nach zehn langen Jahren, in denen ich in ihrem Namen den guten Kampf gekampft hatte, war das mein Lohn: zum Vogelfreien erklart zu werden! Zum Verrater. Zum Ausgesto?enen. Ich mochte nicht immer einer Meinung mit ihnen gewesen sein, aber sie waren dennoch meine Familie. Ich hatte sie niemals verraten. Von zu Hause fortzulaufen ist eine Sache; eine ganz andere hingegen gesagt zu bekommen, dass man nicht zuruckkann, weil man sonst auf der Stelle getotet wird. Ich betrachtete das mit Blei ausgeschlagene Behaltnis, in dem die Seele Albions hatte sein sollen, starrte in sein leeres rotes Pluschinneres, als ob es ein paar Antworten fur mich hatte. Hatte es nicht, also warf ich es weg.

Ich ging zuruck zum Hirondel und schob mich unter Schmerzen wieder hinters Lenkrad. Ich mochte alle erdenklichen Schmerzen haben, aber ich war immer noch ein Profi, also lie? ich die Verteidigungssysteme des Wagens eine vollstandige Diagnose durchfuhren, um sicherzugehen, dass sich nicht noch mehr Wanzen oder Aufspurvorrichtungen an Bord befanden - oder irgendwelche anderen bosen und moglicherweise todlichen Uberraschungen. Das Auto murmelte ein bisschen vor sich hin und stellte sich dann eine Unbedenklichkeitsbescheinigung aus. Ich entspannte mich ein wenig und warf den Motor an. Auch nach allem, was er mitgemacht hatte, sprang der Hirondel sofort und ohne Stottern an, bereit, mich uberall hinzubringen, wo ich wollte. Es tat gut zu wissen, dass es noch ein paar Dinge in meinem Leben gab, die mich nicht hangen lassen wurden.

Ich lenkte den Hirondel uber die M4 zuruck, weg vom Suden, wieder auf London zu. Heimatlicher Boden. Falls sie wegen mir kamen, wollte ich mich auf vertrautem Gelande bewegen. Ich fuhr an Leichen und Fahrzeugtrummern vorbei, an lodernden Feuern und schwarzem Rauch und dem ganzen anderen Schaden, den ich angerichtet hatte. Es schien ziemlich viel davon zu geben. Arme Vollidioten, zu sterben fur nichts und wieder nichts, fur einen Preis, der nie da gewesen war. Und falls es darin Parallelen dazu gab, wie mein Leben sich gestaltet hatte, so versuchte ich, nicht daruber nachzudenken. Der Hirondel kam nur schwer voran, straubte sich,

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