ubrig blieb.

Mein wahres Gesicht bekamen sie nie zu sehen, nur die goldene Maske. Also hatten sie keinen Grund, Shaman Bond zu verdachtigen. Au?er naturlich, dass die Liebenden Chelseas jeden in Verdacht hatten, und das auch vollig zu Recht. Sie argerten die Leute.

Ich ging zu der vollig gewohnlichen Vordertur hin und klopfte hoflich. Ein verborgenes Schiebefach offnete sich und ein finsteres Augenpaar musterte mich schweigend. Ich gab ihm das Passwort, das ich aus der Telefonzelle hatte, und das genugte, um Einlass zu erhalten. Das Schiebefach wurde zugeknallt und die Tur offnete sich gerade weit genug, um mich hereinzulassen. Ich musste mich zur Seite drehen, um mich durchzuzwangen, und hinter mir wurde die Tur sofort wieder verschlossen.

Der Wachmann beugte sich uber mich. Er war gro? wie ein Schrank und hatte Muskeln auf den Muskeln. Das konnte ich erkennen, weil er vollig nackt war, abgesehen von so viel Stahlpiercings an schmerzhaften Stellen, dass es bei einem Gewitter gefahrlich gewesen ware, sich in seiner Nahe aufzuhalten. Er wollte, dass auch ich meine Kleider aus- (Hausordnung) oder mich wenigstens einem grundlichen Filzen unterzog. Ich bedachte ihn mit meinem besten strengen Blick, und er beschloss, die Angelegenheit nach oben weiterzureichen. Ich sagte ihm, dass ich hier sei, um das Grundungsquartett zu sprechen, und er zog eine gepiercte Augenbraue hoch. Ich gab ihm ihre richtigen Namen, was ihn beeindruckte, und nach einem Moment bedachtigen Nickens schleppte er sich von dannen, um sie zu suchen.

Ich blieb an der Tur stehen und ruhrte mich nicht vom Fleck. Ich war mir nicht ganz sicher gewesen, was ich erwarten sollte. Ich meine, ich bin herumgekommen, das bringt die Arbeit mit sich, aber die Liebenden Chelseas waren ein vollig neues Gebiet der Verderbtheit fur mich. Das ganze Gebaude war dergestalt ausgehohlt worden, dass es einen gro?en, offenen und kavernenartigen Raum bildete. Beleuchtet wurde der Kit Kat Club von rotierenden bunten Lichtern, die der Szenerie eine kaleidoskopartige Atmosphare verliehen, die an einen Drogenrausch erinnerte. Sehr passend fur eine Gruppe, deren Ursprunge in den Sechzigern lagen. So ziemlich uberall, wo ich hinschaute, waren nackte Leute oder Leute, die in der Art von dramatischem Fetischaufzug steckten, die einen noch nackter als nackt aussehen lasst. Leder und Gummi, Plastik und flussiger Latex, Halsbander und Ketten, Stacheln und Masken und alle Arten von Freiheitsbeschrankungen, uber die man lieber nicht nachdenken mochte. Mauerblumchen gab es hier keine; jeder hatte mit jemand oder etwas zu tun. Sie bewegten sich gewandt gemeinsam, uberall in dem ganzen riesigen Raum, Fleisch, das sich hob und senkte, Haut, die uber schwei?nasse Haut rutschte. Es gab keine Worte, nur Stohnen und Seufzen und die Laute einer Sprache, die alter ist als die Zivilisation. Die Gesichter, die ich sehen konnte, hatten einen mit sich selbst beschaftigten, animalischen Ausdruck, die Augen aufgerissen, die Zahne gebleckt.

Manner und Frauen uberall, ineinander verheddert auf dem Boden, an den Wanden und an der Decke, ja sogar schwebend in der Luft. Die Luft war geschwangert von Sex in einer penetranten Prasenz, hei? und verschwitzt und mit Pheromonen vollgepumpt. Ich konnte Schwei? und Parfums und einen ganzen Haufen psychotroper Substanzen riechen. Ich machte mir keine Sorgen; mein Torques wurde sie herausfiltern. Auch wenn sie ruhend um meinen Hals lag, so beschutzte mich meine Rustung dennoch.

So viel Nacktheit, so viel Sex, so viel angespannte Leidenschaft; doch ich konnte nicht sagen, dass ich es erregend fand. Es war gruselig. Sie arbeiteten hier mit Zauberei, beschworen seltsame und machtige Energien, die von Leuten hervorgebracht wurden, die sich willentlich selbst um jegliche Beherrschung gebracht hatten, Leute, die alles tun, alles zulassen wurden, und denen es vollig schnuppe war. Hier gab es keine Liebe, keine Zartlichkeit; nichts als Zugellosigkeit und Uberschreitung.

Der weitlaufige, hohlenartige Raum schien viel zu gro?, als dass er in dem Gebaude hatte Platz finden konnen. Das war raumliche Zauberei, mit Brennstoff versehen durch die tantrischen Energien. Der Raum dehnte sich aus, um die Leidenschaft darin aufnehmen zu konnen. Wande, Boden und Decke hatten ein aufgeblahtes, organisches Aussehen angenommen. Lauter rosa, violette und blutige Schattierungen, durchzogen von langen Flechtwerken pulsierender Adern. Die mir am nachsten liegende Wand war am Schwitzen, als ob sie der unaufhorliche Sex anmachte. Der Kit Kat Club war lebendig und Teil der Handlung. Wo Manner und Frauen an Boden oder Wande oder Decke stie?en, sanken sie in die fleischige Umarmung wie in die Arme eines weiteren Partners.

Ich trat unbehaglich von einem Fu? auf den anderen, und der Boden unter mir federte leicht, als ob ich auf einem Wasserbett stunde. Leute trieben auf mich zu und streckten forschende Hande nach mir aus. In ihren Gesichtern lag etwas, das nicht vollig menschlich war - oder vielleicht auch mehr als menschlich. Verandert von einem Gefuhl oder Verlangen, das so extrem war, dass ich keinen Namen dafur hatte. Es ging weit uber meinen Horizont. Also setzte ich selbstverstandlich meine zuversichtlichste Miene auf und lie? sogar ein kleines spottisches Lacheln um meine Lippen spielen, so als hatte ich das alles schon vorher gesehen und sei schon da nicht beeindruckt gewesen. Ich starrte jeden, der mir zu nahe kam, wutend an, und sofort verloren sie das Interesse und wandten sich ab.

Als meine Augen sich an die flackernden Farben und Lichter gewohnt hatten, begann ich, Gesichter in der brodelnden Menge zu erkennen: Prominente, Fu?baller, Politiker, sogar ein paar ehrbare Geschaftsleute aus der City, deren Anwesenheit an einem Ort wie diesem der gute prude Matthew vermutlich mit Entsetzen konstatiert hatte. Ich nahm die Gesichter im Geist zu den Akten, fur zukunftige Erwagungen. Und vielleicht fur ein bisschen Erpressung, falls das Geld knapp werden sollte.

Der wandelnde Kleiderschrank kam mit den vier Grundungsmitgliedern der Liebenden Chelseas zuruck. Sie schlenderten mit beinah ubernaturlicher Anmut durch die wogenden Massen, die sich vor ihnen offneten und hinter ihnen schlossen, ohne mit dem, was sie taten, aufzuhoren oder auch nur langsamer zu machen. Die vier Grunder gingen auf Luft, Herrscher ihres eigenen Raums, und beruhrten nichts als einander. Unaufhorlich wanderten ihre Hande uber das nackte Fleisch der anderen. Langsam sanken sie herab und blieben vor mir schweben, und der Rausschmei?er ging wieder an seine Tur zuruck. Die vier ursprunglichen Liebenden Chelseas: Dave und Annie, Stuart und Lenny. Zwei Manner und zwei Frauen, aber inzwischen weit uber etwas so Menschliches hinaus; stattdessen waren sie so fremdartig und anders wie nur irgendetwas, dem ich jemals aus einer anderen Dimension begegnet war. Sie mussten in den spaten Sechzigern sein, doch hatten sie immer noch die glatten Korper von Zwanzigjahrigen. Vollkommen wie Statuen, mager und hungrig, gluhend vor unnaturlichen Energien, angetrieben von einem ewigen Appetit, der nichts mit Essen zu tun hatte.

Sie sahen mehr oder weniger genauso aus, wie es bei ihrem ersten Zusammentreffen in Chelsea der Fall gewesen sein musste, damals in den Swinging Sixties, als London wie ein Pendel swingte. Zwei junge Parchen, damals, unterwegs in der Stadt und begierig nach neuen Erfahrungen. Sie entdeckten etwas, oder es entdeckte sie, und danach waren sie nie mehr dieselben. Sie eroffneten ihren ersten Club in einem kleinen Lokal unweit der Carnaby Street, und was sie taten, schockierte selbst die abgebruhtesten Seelen der tabufreien Generation. Seitdem hatten die Liebenden Chelseas das Licht des Tages nicht mehr erblickt. Sie zogen von Standort zu Standort, bekannt nur den Eingeweihten, bereisten die geheimen unterirdischen Wege unter den Stra?en der Stadt, huschten schweigend durch die Schatten der Stadt unter der Stadt mit ihren antiken romischen Gewolbebogen, wo alle ublen Wesen sich versammeln, des Spa?es und des Profites wegen. Nichts kam jemals mit den Liebenden Chelseas in Beruhrung: Schon damals waren sie viel zu gefahrlich.

Sie standen vor mir, die Haut wie Kreide, die Augen wie Pisslocher im Schnee. Farbloses, lose fallendes Haar, violette Lippen und unaufhorliches Lacheln, das nichts bedeutete, rein gar nichts. Sie waren vollig nackt, unberuhrt von Piercings oder Tatowierungen oder derlei Schnickschnack. Solche niederen Dinge waren nichts fur sie. So, wie sie einfach vor mir in der Luft hingen, stumm und einladend, waren sie dennoch die eklatantesten sexuellen Geschopfe, die ich jemals zu Gesicht bekommen hatte. Sie hatten die volle heftige Wirkung der ersten Nacktfotos, die man je gesehen hatte, des ersten Objekts der Begierde, des ersten Jungen oder Madchens, die man je begehrt hatte, und der ersten Liebe, die man je verloren hatte. Ich begehrte sie und ich hatte Angst vor ihnen, und Gott allein wei?, was ich getan hatte, wenn mein Torques nicht da gewesen ware und mich vor ihrem argsten Einfluss beschutzt hatte.

Ich kannte die vier Namen, wusste aber nicht, welcher zu wem gehorte. Ich glaube nicht, dass das noch irgendjemand wusste - vielleicht nicht einmal mehr sie selbst. Eine der Frauen sprach mich an; ihre Stimme klang, als habe sie Eis in ihren Adern und ein Fieber im Kopf.

»Was willst du hier? Was ist deine Befriedigung?«

Ich musste mich rauspern, bevor ich reden konnte, und selbst dann war meine Stimme nicht so fest, wie ich sie mir gewunscht hatte. »Ich muss Ihre Computer zu Rate ziehen. Ich brauche Informationen, von der Art, wie sie vielleicht nur Sie besitzen.«

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