»Was bietest du als Bezahlung an?«, fragte einer der Manner. Seine Stimme war gelassen, vergnugt, vertraulich und in etwa so menschlich wie eine Spinne, die einem uber den Arm krabbelt. »Informationen im Gegenzug vielleicht, oder Geld, oder deinen Samen? Du warst uberrascht zu sehen, was wir aus deinem Samen machen konnten, wenn er willig gegeben wird.«
»Informationen«, sagte ich schnell. Mein Mund war ganz trocken und meine Beine zitterten. »Erstens den geheimen Aufenthaltsort eines Drood-Frontagenten am Stadtrand von London.« Und ich gab ihnen die Adresse der Garage, die ich gerade aufgegeben hatte. »Zweitens den Namen des Drood-Frontagenten, der gerade fur vogelfrei erklart worden und hier in London auf der Flucht ist: Edwin Drood.«
Die Aussicht, einen neuen vogelfreien Drood in die Finger zu bekommen, den ersten seit Jahren, lie? die vier tatsachlich vor Wonne erschauern. Sie hoben und senkten sich in der Luft, lautlos lachend, und ihre kreidebleiche Haut schimmerte hell. Wenn sie den Vogelfreien verfuhren und zu ihrer Sache korrumpieren konnten, hatten sie Zugang zu Geheimnissen und Informationen, die sonst niemand hatte. Sie befahlen mir, ihnen zu folgen, und schwebten fort, auf die Mitte des Raums zu, wobei sie langsam herabsanken, bis sie auf den Korpern gingen, die sich unaufhaltsam unter ihnen bewegten. Ich glitt und rutschte auf schwei?nassen Korpern aus, wahrend ich mich hinter ihnen herkampfte. Ich hielt den Blick starr geradeaus gerichtet - man kann nicht die ganze Zeit nach unten schauen und sich in einem fort entschuldigen. Und endlich, exakt im Zentrum des hohlenartigen Raums, drangten die vier Grunder der Liebenden Chelseas geschaftsma?ig die Leute zur Seite und legten eine gro?e, faltige Offnung im Boden frei. Auf ihre Gebarden hin erweiterte und offnete sie sich, doch enthullte sie nichts als Dunkelheit und einen stechenden Geruch in der Luft, die plotzlich mit Zimt uberladen zu sein schien. Nacheinander schwebten die vier hinab in das, was unter dem Boden lag, verschwanden in der Dunkelheit, bis nur noch ich zaudernd am Rand stand. Am Ende sprang ich ihnen einfach schulterzuckend hinterher. Schlie?lich war es das, weswegen ich hergekommen war.
Und fand mich unvermittelt in einer hell erleuchteten Hightech-Umgebung wieder, die das genaue Gegenteil von allem daruber war. Es handelte sich um ein kreisrundes Zimmer von hochstens sieben Metern Durchmesser, vollgepackt mit dem Neuesten, was es an Computerausrustung gab. Aber die Computer waren aufgeplatzt, ihr Siliziuminhalt ergoss sich wie Fruchte tragende Masse ins Freie, uberzog Wande und Decke wie silbernes Efeu, tropfelte sogar in Verkrustungen herab wie Siliziumstalaktiten. Die Computer hier waren lebende Wesen, wachsende Wesen, genahrt von den sexuellen Energien uber ihnen. Selbstbezogen, selbsterhaltend. Die Klimaanlage blies wie schwerer Atem, und die Monitore rings um mich hatten Augen oder Munder oder andere Korperoffnungen sein konnen. Im Zentrum des Ganzen standen die vier Liebenden Chelseas und blickten mich erwartungsvoll an.
»Es hei?t, dass es einen Verrater in der Drood-Familie gibt«, sagte ich. »Ich will alles erfahren, was Sie daruber wissen.«
Sie nickten in unheimlichem Einklang, und einer von ihnen lie? liebkosend die Hand uber eine Computerkonsole gleiten. Es war die langsame, sinnliche Beruhrung eines Liebhabers. Ich spurte, wie mir Schwei?perlen auf die Stirn traten. Normale Leute waren nicht dafur vorgesehen, Wesen wie den Liebenden Chelseas ausgesetzt zu sein. Allein ihre Gegenwart war giftig fur gewohnliche Menschen. Die Computer summten nachdenklich vor sich hin. Die Liebenden Chelseas standen zusammen, in derselben Haltung, atmeten sogar im Einklang. Ihre Augen blinzelten nicht, als sie mich betrachteten. Ich konnte eine Prasenz wahrnehmen, einen Druck, der sich in dem Zimmer aufbaute. Ein Verlangen, ein Bedurfnis, eine korperliche Notwendigkeit …
»Wozu dient das Ganze?«, fragte ich abrupt. »Das Ganze hier, meine ich. Die Liebenden Chelseas. Der Kit Kat Club. Die Sexmagie und die Computer. Was ist der Zweck von all dem?«
»Apokalypse«, sagte eine der Frauen, und das Lacheln aller wurde ein wenig breiter. »Die wirkliche sexuelle Revolution, endlich gekommen. Wir wollen die ganze Welt anmachen. Indem wir Sexmagie, Computermagie, Ritual und Leidenschaft, Instinkt und Logik, Fleisch und Silizium, zusammengeschwei?t auf unvorstellbare Arten, benutzen, um einen Gezeitenwechsel in der Realitat selbst herbeizufuhren. Wir werden die ganze Welt sexuell machen. Alles darin zum Fetisch erheben, das Lebende und das nicht Lebende, die ganze Welt mit einer Leidenschaft und einem Verlangen uberziehen, die niemals enden werden. Eine gro?artige, freudvolle sexuelle Apokalypse, die Klimax der Geschichte. Der Knall der Urknalle. Unaufhorliche Sinneswahrnehmungen, unaufhorliches Vergnugen … Und wir werden alle dem neuen Fleisch huldigen, fur immer und ewig und ewig …«
Sie brach in ihrer Rede plotzlich ab, als auf allen Bildschirmen gleichzeitig ein Gesicht erschien. Die Computer hatten die Identitat des neuen vogelfreien Drood ermittelt, und es war ich. Mein Gesicht war auf jeder Wand, und darunter stand mein richtiger Name. Die Familie hatte der Welt meine wahre Identitat enthullt. Wie ein Mann drehten sich die Liebenden Chelseas um, um sich auf mich auszurichten. Sie lachelten nicht mehr. Sie streckten jeder eine Hand nach mir aus, und Sex traf mich wie eine Faust. Ich schrie auf, krummte mich hilflos, als die Leidenschaft wie ein Fieber in mir brannte, wie die Albtraume, die man hat, wenn die Temperatur steigt und einem das Blut im Gehirn kocht. Ich wollte zu ihnen hingehen, notfalls auf Handen und Knien, und ihr Fleisch mit meinem eigenen anbeten. Ich hatte gebettelt, ware gestorben fur die leiseste Beruhrung, fur die Freude ihrer Gunst.
Aber es war gerade noch genug Drood-Ausbildung und -Stolz in mir vorhanden, um sie abzuwehren, gerade genug fur mich, um stumm die
Ich platzte wieder in jenen fleischigen, hohlenartigen Raum hinein, und die Leute wichen schreiend und kreischend vor mir zuruck. Ich hatte ihnen die Stimmung verdorben, oder die Liebenden Chelseas waren es gewesen. Ich lief auf die Tur zu, und urplotzlich, in Reaktion auf irgendein ungehortes Signal, wogten alle im Raum vorwarts, um mich anzugreifen. Von allen Seiten kamen Schlage und Tritte, wenngleich ich sie durch die Rustung nicht spuren konnte, und nackte Menschen packten mich an Armen und Beinen und versuchten, mich zu Boden zu ziehen. Ich lief weiter, stie? und trat Leute aus dem Weg, und keiner von ihnen konnte mich aufhalten oder bremsen. Sie griffen nach mir mit endlosen Handen und drangten sich vor mich und versperrten den Weg zur Tur mit ihren nackten Korpern. Ich konzentrierte mich darauf, mich einfach vorwartszubewegen und nicht zuzuschlagen, obwohl samtliche Instinkte in mir nach Kampfen schrien. Mit der Kraft meiner Rustung konnte ich diese Leute toten, und das wollte ich nicht. Anders als manchen in meiner Familie bedeuteten mir (gro?tenteils) unschuldige Umstehende immer noch etwas.
Ein Stuck weiter vorn konnte ich die Tur ausmachen. Der riesige Rausschmei?er kam auf mich zu, um mich aufzuhalten, und seine riesigen Hande offneten und schlossen sich begierig. Ich schlug ihn einmal, und er fiel nach hinten, Blut flog durch die Luft, und die geballte Masse der Nackten, die immer noch vorwartsdrangte, trampelte uber ihn hinweg. Eigenartige Krafte knisterten in der Luft um mich herum, Sexmagie und Computerenergien aus dem Zimmer darunter, krabbelten uber meine Rustung, versuchten sich einen Weg hinein zu erzwingen. Inzwischen waren rings um mich schreiende Gesichter, verzweifelte Menschen, die gierig nach mir griffen, ihre Arme um meine Beine schlangen, ihre Hande von der Decke aus ausstreckten und sie nutzlos gegen meinen goldenen Kopf prasseln lie?en. Nackte Manner und Frauen krabbelten uberall uber mich und bremsten mich durch das schiere Gewicht und die Masse der Korper.
Ich langte durch meine gepanzerte Seite und zog meinen Nadelrevolver. Ich hatte ihn noch. Streng genommen hatte ich ihn dem Waffenschmied ubergeben mussen, aber irgendwie war ich bei dem ganzen Hin und Her nicht dazu gekommen. Es waren nur noch ein paar Nadeln ubrig. Ich richtete den Revolver auf die Wand und feuerte eine Weihwassereisnadel in die nachstgelegene Ader. Die ganze Wand verzerrte sich krampfartig, wie ein gro?es, fleischiges Erdbeben. Uberall fielen nackte Manner und Frauen von mir ab, griffen sich an die Kopfe, schrien vor Schrecken und Entsetzen auf. Mich verga?en sie vollig, als der Raum erzitterte, und ich rannte auf die Tur zu.
Ich zog die Tur weit auf, und Tageslicht stromte herein. Noch mehr Schreie, der Wut ebenso wie der Angst. Ich schaute zuruck: Der ganze Raum lag jetzt in spasmischen Zuckungen, und in den austrocknenden Wanden taten sich gro?e Risse auf. Leute sturzten aus der Luft, als die Zauber zerfielen, nicht langer getragen von der endlosen Orgie. Manner und Frauen schrien und heulten und schlugen aufeinander ein. Ich hatte die Stimmung
