»Radium?«
»Ja, ich bin jetzt bei dem schwierigsten Punkt meiner Experimente angelangt und besitze selbst ein kleines Quantum davon - jedoch wurde mir eine gro?ere Menge fur den Fortgang meiner Arbeiten leihweise zur Verfugung gestellt. So klein auch in Wirklichkeit das Quantum ist, so stellt es doch einen betrachtlichen Teil dessen dar, was in der ganzen Welt vorhanden ist, und somit den Wert von vielen Millionen Francs.«
»Und wo befindet es sich zur Zeit?»
»In einem Bleibehalter in dem gro?en Safe. - Der Safe scheint altmodisch und leicht zu offnen, doch in Wirklichkeit ist er ein Meisterstuck in seiner Art. Das war wahrscheinlich der Grund, warum die Diebe ihn nicht offnen konnten.«
»Wie lange behalten Sie das Radium noch in Ihrem Besitz?«
»Nur noch zwei Tage, Monsieur, dann sind meine Versuche abgeschlossen.« Poirots Augen funkelten.
»Und wei? Inez Veroneau davon? Ja? Dann ist es gut; unsere Freunde werden ihren Versuch wiederholen. Kein Wort davon zu irgend jemand, Madame, und seien Sie versichert. Ihr Radium wird Ihnen erhalten bleiben. Haben Sie einen Ersatzschlussel zur Tur, die zum Garten fuhrt?«
»Ja, Monsieur, hier ist er. Ich habe noch einen gleichen in meinem Besitz. Und hier haben Sie auch den Schlussel zum Gartentor, welches in den Gartenweg zwischen den anliegenden Villen fuhrt.«
»Ich danke Ihnen, Madame. Heute nacht gehen Sie bitte wie gewohnlich schlafen, haben Sie keine Furcht, und uberlassen Sie alles Weitere mir. Aber, bitte, zu niemand auch nur ein Wort -auch nicht zu Ihren Assistenten, Mademoiselle Claude und Monsieur Henri, nicht wahr? - Besonders nicht zu diesen beiden.« Poirot verlie? die Villa und rieb sich zufrieden die Hande. »Was werden wir jetzt tun?« fragte ich.
»Jetzt, Hastings, werden wir Paris verlassen - und nach England abreisen.«
»Warum das?«
»Wir werden unsere Koffer packen, zusammen essen und dann zur Gare du Nord fahren.«
»Und das Radium?«
»Ich sagte, wir werden nach England abreisen - ich meinte damit aber nicht, da? wir dort auch ankommen werden. Uberlege bitte einen Moment, Hastings. Es ist so gut wie sicher, da? wir beobachtet und verfolgt werden. Wir mussen unsere Widersacher in dem Glauben lassen, da? wir zuruck nach England fahren, und sie werden dies nicht eher glauben, als bis sie uns tatsachlich den Zug besteigen und abfahren sehen.«
»Hast du die Absicht, im letzten Moment aus dem Zuge zu springen?«
»Nein, Hastings, unsere Widersacher werden sich mit einer scheinbaren Abreise nicht begnugen.«
»Aber der Zug halt nicht vor Calais!«
»Er wird halten, wenn man dafur bezahlt.«
»Du bist im Irrtum, Poirot - keinesfalls darfst du dem Zugpersonal ein solches Anerbieten machen, sie wurden es zuruckweisen.«
»Mein lieber Freund, hast du noch nie den kleinen Handgriff bemerkt, die Notbremse? Strafe fur widerrechtliches Benutzen betragt 100 Francs, wenn ich nicht irre.«
»Ach so, diese willst du betatigen.«
»Nicht gerade ich selbst, sondern ein Bekannter von mir wird es tun, Pierre Combeau. Dann, wahrend er vom Personal zur Rede gestellt wird, eine gro?e Szene macht und alle Fahrgaste interessiert herumstehen, werden wir beide uns heimlich, still und leise aus dem Staube machen.«
Wir fuhrten Poirots Plan wie verabredet aus. Pierre Combeau, ein alter Freund von Poirot, der dessen kleine Eigenarten zur Genuge kannte, traf die notwendigen Vorkehrungen. Die Notbremse wurde betatigt, als wir die letzten Vorstadte von Paris passierten. Combeau inszenierte alles in der ublichen erregten Art, die den Franzosen eigen ist, wahrend Poirot und ich den Zug verlie?en, ohne von irgend jemand beobachtet zu werden. Unsere nachste Aufgabe bestand darin, uns ein vollstandig verandertes Aussehen zuzulegen. Poirot hatte wiederum vorgesorgt und trug alles in einer kleinen Tasche bei sich. Wir a?en in einem bescheidenen kleinen Restaurant zu Abend und machten uns danach auf den Ruckweg nach Paris. Es war kurz vor elf Uhr, als wir in die Nahe von Madame Oliviers Villa gelangten. Zuerst beobachteten wir sorgfaltig die ganze Stra?e, bevor wir in den kleinen Gartenweg schlupften. Die Umgebung schien vollkommen menschenleer. Eines war sicher: niemand war uns gefolgt.
»Um diese Zeit erwarte ich sie noch nicht«, flusterte Poirot, »moglicherweise kommen sie gar nicht vor morgen nacht. Sie wissen, da? nur zwei Nachte verbleiben, in denen das Radium noch greifbar ist.« Wir benutzten den Schlussel zum Gartentor mit au?erster Vorsicht, sie offnete sich lautlos, und wir schlupften in den Garten. Doch gleich danach geschah etwas vollkommen Unerwartetes: innerhalb einer Minute waren wir umzingelt, gebunden und geknebelt. Mindestens zehn Manner mu?ten uns uberwaltigt haben. Jeglicher Widerstand ware nutzlos gewesen, und wie zwei hilflose Bundel wurden wir aufgehoben und fortgetragen. Zu meinem gro?ten Erstaunen trug man uns zum Hause hin, und nicht in entgegengesetzter Richtung. Mit einem Schlussel wurde das Laboratorium geoffnet, und wir wurden hineingetragen. Einer der Manner machte sich vor dem gro?en Safe zu schaffen, und die Tur sprang auf. Ein unangenehmer Gedanke durchzuckte mich; wollten sie uns darin verbergen und langsam ersticken lassen? Jedoch zu meiner gro?ten Uberraschung bemerkte ich, da? innerhalb des Safes einige Stufen zu darunterliegenden Raumen fuhrten. Wir wurden die enge Treppe hinuntergeworfen und befanden uns endlich in einer unterirdischen Kammer. Eine Frau stand vor uns, gro? und imposant, mit einer schwarzen Samtmaske vor dem Gesicht. Sie war offenbar die Anfuhrerin und lie? durch ihre Gesten ihre Autoritat erkennen.
Die Manner warfen uns auf den Boden und entfernten sich -wir waren allein mit der geheimnisvollen Frau. Es konnte gar kein Zweifel uber die Identitat bestehen: sie mu?te die unbekannte Franzosin sein - Nummer drei.
Sie kniete neben uns nieder und entfernte die Knebel, doch lie? sie die Fesseln unberuhrt. Dann erhob sie sich, sah uns an, und mit einer blitzschnellen Bewegung entfernte sie ihre Maske.
Es war Madame Olivier!
»Monsieur Poirot«, sagte sie in hohnischem Tone. »Der gro?e, der beruhmte und einzigartige Monsieur Poirot! Ich habe Sie bereits gestern morgen warnen lassen. Sie entschlossen sich, meine Warnungen zu mi?achten - Sie waren der Meinung, sich uns entgegenstellen zu mussen. Und nun sind Sie in meiner Hand!« Eine kalte Feindseligkeit stromte von ihr aus, die mir durch Mark und Bein ging. Sie stand in krassem Gegensatz zu dem tiefen Feuer ihrer Augen. Sie mu?te wahnsinnig sein - in hochstem Grade von genialem Wahnsinn befallen. Poirot enthielt sich jeder Au?erung. Sein Kinn war herabgesunken, und er starrte sie unverwandt an.
»Nun«, fuhr sie fort, »dies ist das Ende. Wir konnen es nicht zulassen, da? man unsere Plane durchkreuzt. Haben Sie noch einen Wunsch?«
Noch nie hatte ich mich dem Tode so nahe gefuhlt. Poirot verhielt sich gro?artig, er zeigte weder Verwirrung noch Erbleichen, sondern starrte sie nur unablassig mit unvermindertem Interesse an.
»Ihre Psychologie interessiert mich ganz au?erordentlich, Madame«, bemerkte er mit vollkommener Ruhe. »Es ist nur schade, da? mir nur noch so kurze Zeit zur Verfugung steht, um sie studieren zu konnen. Ja, wenn Sie mich schon danach fragen, so habe ich ein Anliegen. Soweit mir bekannt ist, hat ein Verurteilter das Recht, wenigstens noch eine Zigarette zu rauchen. Ich habe mein Zigarettenetui bei mir, wenn Sie mir gestatten wollten...« Er sah auf seine Fesseln hinab.
»Ah, naturlich«, lachte sie.»Sie wollen mich bitten, Ihre Fesseln zu losen, nicht wahr? Sie sind sehr schlau, Hercule Poirot, das wei? ich. Ich werde Ihre Hande nicht befreien - aber ich werde Ihnen eine Zigarette herausholen.« Sie kniete neben ihm nieder, zog das Zigarettenetui hervor, entnahm ihm eine Zigarette und steckte sie ihm zwischen die Lippen.
»Und nun noch ein Zundholz«, sagte sie und erhob sich. »Ist nicht mehr notwendig, Madame.« Etwas in seinem Tonfall lie? mich erregt aufblicken. Madame Olivier sah ihn ebenso verwundert an. »Ruhren Sie sich nicht von der Stelle, Madame. Sie wurden es bereuen. Sind Ihnen die Eigenschaften von Curare ein Begriff? Eine leichte Verletzung bedeutet den sicheren Tod. Gewisse Eingeborene benutzen ein Blasrohr -auch ich habe mir ein solches konstruiert in Form einer Zigarette. Ich brauche nur noch zu blasen... Ah, wagen Sie es nicht, sich zu bewegen, Madame. Der Mechanismus dieser Zigarette ist hochst sinnreich. Man blast - und ein kleiner Dorn, gleich einer Fischgrate, saust durch die Luft - um sein Ziel zu erreichen. Da Sie wahrscheinlich jetzt noch nicht zu sterben wunschen, bitte ich Sie, befreien Sie meinen Freund Hastings von seinen Fesseln. Ich kann zwar nicht meine Hande gebrauchen, aber ich kann stets meinen Kopf so drehen, da? Sie standig im Schu?feld bleiben. Also machen Sie keine Dummheiten, Madame, ich bitte Sie darum.«
