an der Sache?« Japp stie? ein verlegenes Lachen aus.

»Sie haben es erraten, Monsieur Poirot. Es bedeutet fur mich ein Problem. Wilson war gesund wie ein Fisch im Wasser, keine Spur eines Herzleidens. Sein Tod gibt uns Ratsel auf.«

»Verdachtigen Sie etwa Dr. Savaronoff, ihn aus dem Wege geraumt zu haben?« rief ich.

»Kaum«, sagte Japp trocken. »Ich glaube, da? nicht einmal ein Russe seinen Rivalen beseitigen wurde, nur um im Schach nicht zu unterliegen; jedenfalls, soweit ich feststellen konnte, war Savaronoff der Favorit - man sagt, nur Lasker sei ihm uberlegen.« Poirot nickte gedankenverloren.»Was ist nun, genau genommen, Ihre Ansicht?« fragte er. »Warum sollte Wilson vergiftet worden sein? Denn, wie ich annehme, denken Sie doch dabei an Gift?«

»Naturlich. Ein Herzschlag bedeutet im allgemeinen, da? das Herz zu schlagen aufhort, das ist alles, was man darunter versteht. Es ist auch das, was der Arzt offiziell bestatigt hat, jedoch vertraulich hat er uns wissen lassen, da? er einen bestimmten Verdacht hat.«

»Wann findet die Leichenschau statt?«

»Heute abend. Wilsons Tod trat ganz uberraschend ein. Er machte einen vollig normalen Eindruck, und als er am Zug war, fiel er plotzlich vornuber und war tot.«

»Es gibt nur sehr wenig Gifte, die so plotzlich wirken«, bemerkte Poirot.

»Das ist mir auch bekannt. Ich erwarte deshalb, da? uns die Leichenschau nahere Anhaltspunkte geben wird. Aber warum sollte jemand Interesse haben, Gilmour Wilson aus dem Wege zu raumen, das ist es, was ich gern ergrunden mochte. Er war solch ein harmloser, bescheidener junger Mensch, gerade erst von den Staaten gekommen; er wird auch wohl kaum Feinde gehabt haben.«

»Es erscheint mir auch unglaublich«, sagte ich uberlegend. »Wir wollen mal abwarten«, warf Poirot lachelnd ein. »Wie ich sehe, hat Japp schon eine bestimmte Theorie.«

»Die habe ich schon, Monsieur Poirot. Ich bin nicht der Meinung, da? das Gift fur Wilson bestimmt war, es sollte jemand anders treffen.«

»Savaronoff?«

»Jawohl. Er fiel namlich bei den Bolschewiken in Ungnade. Man hat sogar berichtet, da? er liquidiert worden sei. In Wirklichkeit war er entkommen und ertrug wahrend der Dauer von drei Jahren unglaubliche Entbehrungen in der sibirischen Wildnis. Er hatte so viel durchgemacht, da? er vollkommen verandert ist. Seine Freunde und Bekannten erklaren, da? sie ihn kaum wiedererkannt haben. Sein Haar ist wei? und seine au?ere Erscheinung die eines ganz gebrochenen Mannes. Au?erdem ist er Halbinvalide, geht selten aus, lebt allein mit seiner Nichte, Sonja Daviloff, und einem russischen Diener in seiner Wohnung in der Nahe von Westminster. Es ist durchaus moglich, da? er noch in dem Glauben schwebt, verfolgt zu werden, Es steht fest, da? er nur au?erst ungern an den Turnieren teilgenommen hat. Mehrmals sagte er kategorisch ab, und nur, als die Zeitungen bezuglich seines unsportlichen Verhaltens ihre Bemerkungen machten, gab er nach. Gilmour Wilson hatte ihn mit der echten Beharrlichkeit eines Yankees herausgefordert, und schlie?lich willigte er ein. Nun frage ich Sie, Monsieur Poirot, was veranla?te ihn, sich zuruckzuhalten? Wollte er keine Aufmerksamkeit erregen? Hat ihn jemand aufgespurt? Meine Meinung ist die - Gilmour Wilson mu?te versehentlich daran glauben.«

»Gibt es jemand, der personliche Vorteile durch Savaronoffs Tod gehabt hatte?«

»Nun, ich nehme an, seine Nichte. Er ist kurzlich zu gro?em Vermogen gelangt, es wurde ihm durch Madame Gospoja hinterlassen, deren Gatte ein Zuckerindustrieller wahrend des alten Regimes war. Sie standen fruher in engsten Beziehungen zueinander, soviel ich wei?, und sie weigerte sich seinerzeit hartnackig, an die Berichte uber seinen angeblichen Tod zu glauben.«

»Wo fand das Schachturnier statt?«

»In Savaronoffs eigenem Hause. Er ist Invalide, wie ich Ihnen bereits sagte.«

»Waren viele Zuschauer dort?«

»Mindestens ein Dutzend, vielleicht auch mehr.«

Poirot machte ein enttauschtes Gesicht. »Mein armer Japp, Sie haben keine leichte Aufgabe.«

»Wenn ich erst einmal endgultige Beweise habe, da? Wilson vergiftet wurde, komme ich schon wieder ein Stuck weiter.«

»Haben Sie inzwischen daran gedacht, falls Ihre Annahme, Savaronoff sei das vorgesehene Opfer, zu Recht besteht, da? der Morder seinen Versuch wiederholen konnte?«

»Selbstverstandlich habe ich diesen Faktor in meine Rechnung einbezogen. Zwei von meinen Leuten bewachen standig Savaronoffs Haus.«

»Das wird auch sehr zweckma?ig sein, falls jemand mit einer Bombe unter dem Arm erscheinen wurde«, sagte Poirot trocken.

»Nun haben Sie beinahe Geschmack an der Sache gefunden«, bemerkte Japp und zwinkerte mit den Augen. »Haben Sie vielleicht Lust, zu dem Leichenschauhaus mitzukommen und sich Wilson anzusehen, bevor die Arzte mit ihrer Untersuchung beginnen? Seine Krawattennadel konnte doch schief sitzen und uns so einen Anhaltspunkt zur Losung des Falles geben.«

»Mein lieber Japp, schon wahrend des ganzen Essens hat es mich gereizt, Ihre eigene Krawattennadel zurechtzustecken. Sie erlauben wohl? So, nun sieht es bedeutend besser aus. Doch ich glaube, es ist nun an der Zeit, da? wir zur Leichenhalle aufbrechen.«

Ich hatte schon bemerkt, da? Poirots ganze Aufmerksamkeit durch dieses Problem voll in Anspruch genommen war. Es war schon geraume Zeit verstrichen, seit er sich fur etwas anderes als die Gro?en Vier interessiert hatte, und so war ich froh, ihn wieder in alter Form zu sehen.

Beim Anblick der bewegungslosen Gestalt und des krampfhaft verzogenen Gesichtes des unglucklichen jungen Amerikaners uberkam mich ein tiefes Bedauern. Poirot untersuchte die Leiche mit gespannter Aufmerksamkeit, es zeigten sich jedoch keine besonderen Merkmale, mit Ausnahme einer kleinen Verletzung an der linken Hand.

»Der Arzt sagte, es handle sich um eine Brandwunde, keinesfalls um einen Schnitt«, erklarte Japp.

Poirots Aufmerksamkeit wandte sich dem Inhalt der Taschen des Toten zu, den ein Polizeibeamter vor uns ausbreitete. Es war nicht viel - ein Taschentuch, ein Schlussel, seine Brieftasche, gefullt mit Banknoten, und einige Briefe ohne Bedeutung. Jedoch ein Gegenstand fand Poirots besondere Aufmerksamkeit.

»Eine Schachfigur!« rief er aus. »Ein wei?er Laufer! War dieser in seiner Tasche?«

»Nein, er hielt ihn krampfhaft in der Hand, und es kostete ziemliche Muhe, ihm diesen zu entwinden. Man mu? ihn gelegentlich Savaronoff zuruckgeben. Er gehort zu einem sehr schonen Satz von Elfenbeinfiguren.«

»Gestatten Sie, da? ich ihm diese Figur personlich ubergebe? So habe ich dann wenigstens einen Anla?, ihn aufzusuchen.«

»Ah«, rief Japp, »so wollen Sie also diesen Fall weiterverfolgen?«

»Ich denke, ja, denn Sie haben tatsachlich verstanden, meine Neugier zu wecken.«

»Das ist ausgezeichnet. Endlich habe ich Sie aus Ihrer Lethargie herausgerissen. Hauptmann Hastings scheint gleichfalls erfreut zu sein, wie ich sehe.«

»Das ist vollkommen richtig«, erwiderte ich lachend. Poirot wandte sich wieder dem Toten zu. »Keine weiteren Einzelheiten, die erwahnenswert waren in bezug auf - ihn?« fragte er. »Nicht da? ich wu?te.«

»Auch nicht, da? er Linkshander war?«

»Sie sind doch ein Hexenmeister, Monsieur Poirot. Wie konnten Sie das wissen? Ja, er war tatsachlich Linkshander, obgleich es fur die weitere Verfolgung der Angelegenheit vollig unwesentlich ist.«

»Selbstverstandlich«, stimmte Poirot zu, als er sah, da? Japp etwas durcheinandergekommen zu sein schien. »Es ist auch nur ein kleiner Scherz meinerseits, nichts weiter; wie Sie wissen, tue ich dies manchmal ganz gern.«

In ungetrubter Stimmung verlie?en wir alsdann den Ort. Am nachsten Morgen gingen wir zu Savaronoffs Wohnung in Westminster.

»Sonja Daviloff«, sagte ich nachdenklich, »eigentlich ein ganz hubscher Name.«

Poirot hielt inne und warf mir einen verzweifelten Blick zu. »Immer auf der Suche nach Liebesabenteuern, du bist nun einmal unverbesserlich. Es wurde dir ganz recht geschehen, wenn Sonja Daviloff sich als unsere Freundin und Widersacherin Grafin Vera Rossakoff herausstellen wurde.« Bei der Erwahnung dieses Namens verdusterte sich mein Blick. »Das kann doch nicht dein Ernst sein, Poirot...«

»Aber durchaus nicht, ich mache nur einen Scherz. So beschaftigen mich die Gro?en Vier denn doch nicht, wie Japp es immer annimmt.«

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