untergeordneter Bedeutung gewesen ware, jedoch kannte ich ihn zur Genuge. »Hatte er irgend etwas gegessen oder getrunken?«
»Nur Whisky mit Soda, soweit ich mich erinnere.«
»Ich danke Ihnen, Dr. Savaronoff, nun mochte ich Sie nicht langer storen.«
Iwan befand sich in der Halle, um uns hinauszubegleiten. Unter der Tur zogerte Poirot.
»Wissen Sie zufallig, wer im unteren Stockwerk wohnt?«
»Sir Charles Kingwell, ein Mitglied des Parlaments, mein Herr. Es ist ihm kurzlich mobliert uberlassen worden.«
»Ich danke Ihnen.«
Wir gingen wieder in die helle Wintersonne hinaus. »Wirklich, Poirot«, stie? ich hervor, »ich bezweifle, da? du dich diesmal richtig benommen hast. Deine Fragen waren jedenfalls hochst unzweckma?ig.«
»Bist du tatsachlich dieser Meinung, Hastings?« Poirot sah mich dabei etwas schuldbewu?t an. »Was hattest du den an meiner Stelle gefragt?«
Ich erwog diese Frage zuerst sorgfaltig und machte alsdann meine Ausfuhrungen. Er horte mir mit scheinbar gro?em Interesse zu. Wahrend ich meinen Monolog fortsetzte, waren wir beinah daheim angelangt.
»Ganz ausgezeichnet und sehr treffend, Hastings«, sagte er, als er den Schlussel in das Schlo? steckte und mich die Treppen vorangehen lie?. »Die Fragen waren jedoch ganz unnotig.«
»Ganz unnotig«, rief ich erstaunt, »wenn ein Mensch vergiftet wurde.«
»Aha«, bemerkte Poirot, auf eine Nachricht deutend, die auf dem Tisch lag. »Von Japp, gerade wie ich es mir gedacht hatte.« Er reichte sie mir heruber; sie war kurz und sachlich. Keine Spuren von Gift waren festgestellt und nichts in bezug auf die Ursache ermittelt worden, die zum Tod Gilmour Wilsons gefuhrt hatte.
»Jetzt siehst du«, bemerkte Poirot, »wie unnotig alle Fragen gewesen waren.«
»Hattest du das schon von Anfang an vermutet?«
»Was kann man schon uber den Verlauf eines Spieles sagen, wenn man erst gerade die Karten mischt«, erwiderte Poirot, auf eine schwierige Bridgepartie anspielend, die uns kurzlich beschaftigte und die sich sehr in die Lange gezogen hatte.
»Lassen wir die Haarspaltereien«, warf ich ungeduldig dazwischen.»Hast du schon einen Verdacht?«
»Jawohl.«
»Und worauf grundet er sich?«
Poirot steckte seine Hand in die Tasche und zog - einen wei?en Laufer hervor.
»Was«, rief ich, »hast du vergessen, diesen Dr. Savaronoff zuruckzugeben?«
»Du bist im Irrtum, mein Freund. Jener Laufer befindet sich noch in meiner linken Rocktasche. Ich nahm einen gleichen aus der Schachtel mit den Schachfiguren, die mir Mademoiselle Daviloff freundlicherweise zur Untersuchung uberlie?. Der Plural von einem Laufer sind - zwei Laufer.« Er sprach dies mit eigenartiger Betonung, mir war alles vollkommen unverstandlich. »Aber, warum hast du das getan?«
Er stellte die Figuren nebeneinander auf den Tisch. »Nun, sie sind naturlich ganz gleich«, sagte ich. Poirot betrachtete sie, den Kopf zur Seite neigend.
»Ich gebe zu, es sieht so aus. Aber man sollte nichts als vollendete Tatsache hinstellen, bevor es nicht erwiesen ist. Gib mir doch bitte mal meine kleine Briefwaage.« Mit peinlicher Sorgfalt wog er die beiden Schachfiguren und wandte sich mir mit einem Gesicht voller Triumph zu.
»Ich hatte recht, siehst du, wie meistens. Es ist nicht so leicht, Hercule Poirot zu tauschen.«
Er ging eilig zum Telefon, wahlte eine Nummer und wartete ungeduldig auf den Anschlu?.
»Ist dort Japp? Ah, Japp, sind Sie selbst am Apparat? Hier spricht Hercule Poirot. Uberwachen Sie unverzuglich den Diener Iwan, lassen Sie ihn keinesfalls entwischen - ja, selbstverstandlich, ich habe meine Grunde dafur!«
Er warf den Horer wieder zuruck auf die Gabel und wandte sich mir zu.
»Kommst du noch nicht dahinter, Hastings? So will ich es dir erklaren. Wilson wurde nicht vergiftet, sondern durch einen elektrischen Schlag getotet. Ein dunner Metallfaden fuhrt genau durch die Mitte der Figur bis zum Kopf. Der Tisch hatte eine sinnreiche Einrichtung und wurde auf einen bestimmten Punkt am Fu?boden gesetzt. Als nun der Laufer auf eines der mit Silber belegten Karos gesetzt wurde, ging der starke elektrische Strom durch Wilsons Korper und totete ihn auf der Stelle. Nur ein kleines Brandmal zeigt sich an seiner Hand, und zwar der linken, da er Linkshander war. Der Spezialtisch enthielt einen au?erst geschickt arbeitenden Mechanismus. Der Tisch jedoch, den ich untersuchte, war ein vollig normales Duplikat davon und wurde unmittelbar nach dem Mord ausgewechselt. Die elektrische Betatigung erfolgte von der darunterliegenden Wohnung aus, die, wie du dich erinnern wirst, mobliert vermietet worden ist. Jedoch zumindest ein Komplize hielt sich unterdessen in Savaronoffs Raumen auf. Das Madchen ist eine Agentin der Gro?en Vier und daran interessiert, Savaronoff zu beerben.«
»Und was hat Iwan damit zu tun?«
»Ich habe einen begrundeten Verdacht, da? Iwan kein anderer ist als - die beruchtigte Nummer vier.«
»Nicht moglich.«
»Doch. Der Mann ist ein au?ergewohnlicher Charakterdarsteller. Er kann sich in jede beliebige Rolle hineinfinden.« Ich rief mir samtliche in dieser Verbindung zuruckliegenden Ereignisse ins Gedachtnis zuruck: den Aufseher der Heilanstalt, den Fleischergesellen, den Diener James, den vermeintlichen Arzt, alle diese Typen von dem gleichen Manne dargestellt, und trotzdem alle verschieden.
»Es ist erstaunlich«, meinte ich abschlie?end, »wie alles seine Erklarung findet. Savaronoff hatte sicher eine Ahnung von dem Komplott, und das war auch der Grund, warum er sich so sehr vor einem Turnier straubte.«
Poirot sah mich ohne ein Wort zu sprechen an, dann wandte er sich unvermutet ab und begann, auf und ab zu gehen. »Bist du vielleicht im Besitz eines einschlagigen Buches uber Schachspiel,
Nach ungefahr einer Viertelstunde lautete das Telefon. Ich nahm den Horer ab; es war Japp, der anrief. Iwan hatte die Wohnung verlassen, war in ein wartendes Taxi gesprungen, und eine Jagd hatte begonnen.
Offensichtlich sei er bestrebt gewesen, seine Verfolger abzuschutteln. Im Glauben, da? ihm dies gelungen sei, war er dann zu einem gro?en, leerstehenden Haus in Hampstead gefahren. Das Haus sei sofort umstellt worden.
Ich berichtete Poirot all dies, doch er schenkte meinen Ausfuhrungen kaum Beachtung.
»Hor einmal zu, mein Freund. Dies sind die Ruy-Lopez-An-fangszuge: iP-K4, PK-4, 2 KT - KB 3, K T - Q B 3, 38 - K T 5 -sodann wird hier die Frage erortert, welches der beste dritte Zug fur Schwarz sei, man hat die Wahl uber verschiedene Gegenzuge. Es war der dritte Zug von Wei?, der Gilmour Wilson totete, 3 B - KT 5, einzig und allein der dritte Zug - sagt dir das nichts?«
Ich hatte naturlich nicht die geringste Ahnung, was gemeint war, und so brachte ich es denn auch zum Ausdruck. »Angenommen, Hastings, wahrend du hier im Stuhl sitzt, horst du, da? die Haustur geoffnet und geschlossen wird, was wurdest du daraus entnehmen?«
»Ich wurde annehmen, da? jemand vermutlich das Haus verlassen hat.«
»Gut, aber es gibt doch zwei Moglichkeiten: entweder verlie? jemand das Haus - oder jemand hat es betreten - zwei vollkommen verschiedene Moglichkeiten, Hastings. Doch falls du das Falsche annimmst, wurde dir bald offenbar werden, da? du dich getauscht hast.«
»Was soll das alles bedeuten, Poirot?« Er sprang mit einem plotzlichen Satz auf die Fu?e. »Es bedeutet, da? ich ein ganz ausgemachter Idiot gewesen bin. Schnell, schnell, nach dem Haus in Westminster. Vielleicht kommen wir noch zur Zeit.«
Wir sturmten in einem Taxi davon. Poirot gab auf meine wiederholten Fragen keine Antwort. Dort angekommen, rasten wir die Treppe hinauf. Unser wiederholtes Klopfen und Lauten blieb unbeantwortet, aber bei naherem Lauschen konnten wir deutlich ein schwaches Stohnen innerhalb der Wohnung vernehmen. Auf Befragen stellte sich heraus, da? der Hausmeister einen Hauptschlussel hatte, jedoch erst nach einigen dringlichen Aufforderungen entschlo? er sich zu offnen. Poirot eilte geradewegs durch die Diele in das Empfangszimmer. Von dort wehte uns eine Wolke von Chloroform entgegen. Auf dem Boden lag Sonja Daviloff, an Handen und Fu?en
