Die Haustur wurde uns von einem Diener mit starrem Gesicht geoffnet. Es schien unmoglich, da? seine Gemutsverfassung durch irgend etwas erschuttert werden konnte. Poirot ubergab seine Karte, auf der Japp einige Worte zur Einfuhrung geschrieben hatte, dann wurden wir in einen niedrigen, langgestreckten Raum geleitet; an den Fenstern hingen reiche Vorhange, einige wundervolle Ikonen zierten die Wande und auserlesene Perserteppiche bedeckten den Boden. Auf dem Tisch stand ein Samowar.

Ich besah mir die Ikonen eingehend und stellte fest, da? sie einen betrachtlichen Wert reprasentierten. Als ich mich dann wieder Poirot zuwandte, sah ich ihn auf dem Boden knien. So schon auch der Teppich sein mochte, so erschien mir eine derart grundliche Betrachtung doch etwas ungewohnlich. »Handelt es sich um ein solch auserlesenes Stuck?« fragte ich. »Wie bitte? Oh, du meinst den Teppich, das war es nicht, was mir auffiel. Aber es ist tatsachlich ein schones Exemplar, fast zu schade, einen so gro?en Nagel gerade in der Mitte hindurchzutreiben. Nein, Hastings«, fuhr er fort, als ich mir die Sache naher ansehen wollte, »jetzt ist er nicht mehr da, aber das Loch ist geblieben.«

Ein Gerausch hinter mir veranla?te mich, mich umzuwenden, wahrend Poirot sich schnell erhob. Ein junges Madchen stand im Turrahmen. Ihre Augen, die fest auf uns gerichtet waren, druckten Befremden aus. Sie war von mittlerer Gro?e und zeigte uns ein zwar schones, aber ziemlich mi?trauisches Gesicht. Sie hatte dunkelblaue Augen und tiefschwarzes, kurzgeschnittenes Haar. Ihre Stimme war voll und wohlklingend, halte jedoch einen fremden Akzent.

»Ich furchte, mein Onkel wird nicht in der Lage sein, Sie zu empfangen. Er ist stark behindert.«

»Das ist sehr bedauerlich, aber vielleicht konnen Sie uns helfen. Wenn ich mich nicht tausche, so sind Sie Mademoiselle Daviloff?«

»Ja, ich bin Sonja Daviloff. Was wunschen Sie zu wissen?«

»Ich bin gerade dabei, bezuglich der traurigen Affare, die sich vorgestern hier ereignet hat, einige Erhebungen anzustellen - es betrifft den Tod von Gilmour Wilson. Was konnen Sie mir daruber berichten?« Des Madchens Augen weiteten sich. »Er starb an einem Herzschlag - beim Schachspiel.«

»Die Polizei ist sich aber gar nicht so sicher, da? es sich um einen Herzschlag handelt, Mademoiselle.« Sie machte einen au?erst erschrockenen Eindruck. »So ist es also doch wahr«, rief sie, »und Iwan hatte recht.«

»Wer ist Iwan, und warum sagten Sie, er hatte recht?«

»Iwan ist der Diener, der Ihnen die Tur offnete - und er hat mir gegenuber geau?ert, da? Gilmour Wilson nach seiner Meinung keines naturlichen Todes gestorben ist - sondern da? er irrtumlicherweise vergiftet wurde.«

»Irrtumlich?«

»Ja, das Gift war fur meinen Onkel bestimmt.« Sie hatte ihre ursprungliche Zuruckhaltung aufgegeben und sprach jetzt vollig unbefangen.

»Wie kommen Sie zu solch einer Behauptung, Mademoiselle? Wer sollte den Wunsch gehabt haben, Dr. Savaronoff zu toten?«

Sie schuttelte den Kopf.

»Ich wei? es nicht, ich bin ganz im unklaren. Dazu zieht mich mein Onkel gar nicht in sein Vertrauen, was vielleicht ganz verstandlich ist. Sehen Sie, er kennt mich kaum, er hat mich als Kind gekannt und mich nicht mehr gesehen, bis ich nach London kam, um ihn zu betreuen. Aber eines wei? ich: er lebt in standiger Angst. Es gibt in Ru?land so viele Geheimorganisationen, und eines Tages horte ich zufallig etwas, was mich annehmen lie?, da? es eine solche Organisation ist, die er zu furchten hat. Sagen Sie mir bitte, Monsieur«- sie kam naher heran und senkte ihre Stimme -, »haben Sie jemals von einer Verbindung gehort, die sich die Gro?en Vier nennt?« Poirot schien wie von einer Tarantel gestochen. Seine Augen traten vor Erstaunen beinahe aus ihren Hohlen heraus. »Wie -was wissen Sie uber die Gro?en Vier, Mademoiselle?«

»Also gibt es eine solche Verbindung. Ich belauschte eine gelegentliche Unterhaltung und befragte meinen Onkel im Anschlu? daran. Niemals habe ich jemand so erschrocken gesehen, er wurde wei? im Gesicht und begann an allen Gliedern zu zittern. Es war Furcht, eine ganz gro?e Furcht. Ich bin meiner Sache jetzt ganz sicher, der Amerikaner Wilson wurde das Opfer eines Irrtums.«

»Die Gro?en Vier«, murmelte Poirot, »uberall sind sie am Werk. Ein erstaunlicher Zufall, Mademoiselle, Ihr Onkel schwebt noch immer in gro?er Gefahr, und ich mu? ihn davor retten. Nun wiederholen Sie mir noch einmal genau die Vorgange des betreffenden Abends. Zeigen Sie mir das Schachbrett, den Tisch, und beschreiben Sie mir die Sitzordnung - kurzum, alles.«

Sie ging zu der gegenuberliegenden Seite des Raumes und brachte einen Tisch herbei. Die Platte war kostbar, mit Feldern von Silber und schwarzem Edelholz eingelegt, ein Schachbrett darstellend.

»Dieser Tisch wurde vor einigen Wochen meinem Onkel als Geschenk uberbracht mit dem Wunsche, ihn bei dem nachsten Turnier zu verwenden. Er stand in der Mitte des Raumes - etwa so.«

Poirot betrachtete den Schachtisch mit einer, wie mir schien, ubertriebenen Aufmerksamkeit. Er fuhrte die Untersuchung ganz anders, als ich es fur zweckma?ig hielt. Viele seiner Fragen erschienen mir vollig sinnlos, und andererseits behandelte er wirklich wichtige Punkte mit scheinbarer Gleichgultigkeit. Ich kam zu der Uberzeugung, da? er bei der Erwahnung der Gro?en Vier ganzlich aus der Fassung geraten war. Nachdem er eine Zeitlang den Tisch und dessen tatsachlichen Standort untersucht hatte, bat er, die Schachfiguren sehen zu durfen. Nachdem Sonja Daviloff sie in einer Schachtel herbeigebracht hatte, betrachtete er einige davon recht fluchtig. »Ein sehr schoner Spielsatz«, murmelte er geistesabwesend. Keine Frage bezuglich der gereichten Erfrischungen noch der Personen, die anwesend gewesen waren. Ich rausperte mich, um mich bemerkbar zu machen. »Glaubst du nicht, Poirot, da? es -«

Er schnitt mir das Wort ab.

»Du darfst mich nicht unterbrechen, mein Freund, uberlasse alles mir. Mademoiselle, ware es nicht doch moglich, mit Ihrem Onkel zu sprechen?«

Ein leises Lacheln erschien auf ihrem Gesicht. »Er wird Sie empfangen, gewi?. Sie mussen jedoch begreifen, ich habe die Aufgabe, zuerst mit den Besuchern zu sprechen, damit ich deren Anliegen erkenne.«

Nachdem sie sich entfernt hatte, horte ich ein Stimmengemurmel in dem anliegenden Raum. Kurze Zeit darauf erschien sie wieder und fuhrte uns in das angrenzende Zimmer. Der Mann, der auf der Couch lag, war eine imposante Erscheinung. Gro?, hager, mit dichten, buschigen Augenbrauen, wei?em Bart und einem Gesicht, das abgeharmt war infolge der Entbehrungen und ausgestandenen Leiden. Dr. Savaronoff war eine distinguierte Personlichkeit, seine besondere Schadelbildung und ungewohnliche Korpergro?e waren bemerkenswert. Ein bedeutender Schachspieler mu? auch ein entsprechendes Gehirn haben. Jetzt konnte ich durchaus verstehen, da? Dr. Savaronoff als zweitgro?ter Schachspieler der Welt galt. Poirot verbeugte sich.

»Herr Doktor, darf ich mit Ihnen allein sprechen?« Savaronoff wandte sich seiner Nichte zu. »La? uns allein, Sonja.«

»Nun, mein Herr, womit kann ich Ihnen dienen?«

»Dr. Savaronoff, Sie sind kurzlich in den Besitz eines betrachtlichen Vermogens gelangt. Im Falle, da? Sie unerwartet sterben, wer ware dann Ihr Erbe?«

»Ich habe ein Testament gemacht, in dem ich alles meiner Nichte, Sonja Daviloff, vermacht habe. Sie nehmen doch nicht etwa an...«

»Ich nehme nichts an, aber Sie haben Ihre Nichte seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen. Es hatte doch jemand die Moglichkeit, sich fur sie auszugeben.«

Savaronoff schien wie vom Donner geruhrt bei dieser Vermutung.

Poirot fuhr fort:

»Genug daruber, ich wollte Sie nur warnen, das ist alles. Was ich jedoch wissen mochte, ist, wie der Verlauf des Spieles an dem betreffenden Abend gewesen ist.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Nun, ich bin zwar kein routinierter Schachspieler, aber ich verstehe so viel davon, da? es verschiedene Moglichkeiten gibt, ein solches Spiel zu beginnen - das Gambit, sagt man nicht so?« Dr. Savaronoff konnte sich eines leichten Lachelns nicht erwehren.

»Ah, ich begreife, was Sie wissen mochten. Wilson eroffnete mit Ruy Lopez - einem der geschicktesten Zuge, die es gibt. Man wendet ihn haufig bei Turnieren an.«

»Und wie lange spielten Sie schon, als das Ereignis eintrat?«

»Es mu? etwa der dritte oder vierte Zug gewesen sein, als Wilson plotzlich wie vom Blitz getroffen vornuberfiel.« Poirot erhob sich, um zu gehen. Er hatte seine letzte Frage gestellt, als wenn sie von ganz

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