Verschlussen, die ihr auf einmal vertraut vorkamen.
„Cha Thrat, was machen Sie da?“ fragte Fletcher in scharfem Ton.
Es war doch sonnenklar, da? sie die Tur von innen verschlo?, dachte Cha Thrat gereizt. Wahrscheinlich meinte der Captain, warum sie das tat. Sie versuchte zu antworten, doch die Lippen und die Zunge wollten nicht funktionieren. Aber sicherlich wurden ihre Handlungen allen klarmachen, da? sie und dieses Etwas, sie beide eben, nicht gestort werden wollten.
19. Kapitel
Sie sprachen schon wieder alle gleichzeitig. Cha Thrat mu?te den Kopfhorer nach hinten schieben, um das plotzliche Heulen des Translators zu dampfen, zumal sie bei diesem Larm keine klaren Gedanken fassen konnte. Die Kamera folgte ihr noch immer, und schlie?lich mu?te man den Sinn ihres Handelns begriffen haben, denn das Geplapper verstummte rasch und wurde zu der Stimme Priliclas.
„Meine Freundin, horen Sie mir jetzt genau zu. Irgendeine parasitare Lebensform hat sich an Sie geheftet, und der Charakter Ihrer emotionalen Ausstrahlung verandert sich. Versuchen Sie moglichst. nein, versuchen Sie mit aller Kraft, sich den Parasiten vom Hinterkopf zu rei?en, und machen Sie, da? Sie nach drau?en kommen, bevor sich Ihr Zustand weiter verschlechtert!“
„Ich bin vollig in Ordnung“, protestierte Cha Thrat. „Ehrlich, mir geht es gut. Lassen Sie mich einfach in Ruhe, bis ich.“
„Aber Ihre Gedanken und Gefuhle sind nicht mehr Ihre eigenen!“ fiel ihr Murchison ins Wort. „Wehren Sie sich, verdammt noch mal! Versuchen Sie, die Kontrolle uber Ihren Verstand zu behalten! Bemuhen Sie sich wenigstens, wieder die Tur zu offnen, damit wir keine Zeit damit verlieren mussen, ein Loch hineinzuschwei?en, wenn wir zu Ihnen kommen.“
„Nein!“ widersprach der Captain in bestimmtem Ton. „Tut mir leid, Cha Thrat, aber das medizinische Team wird das Schiff nicht verlassen.“
Der sich daraus ergebende Streit uberlastete sogleich wieder Cha Thrats Translator und machte es ihr unmoglich, mit irgendeinem von ihnen zu sprechen. Doch gab es im Verlauf der Auseinandersetzung auch einige Abschnitte, die sie deutlich verstehen konnte, insbesondere, wenn Fletcher mit seiner Herrscherstimme sprach.
Der Captain erinnerte sie daran, und forderte Prilicla auf, dies zu bestatigen, da? unter den gegebenen Umstanden die strengstmoglichen Quarantanebestimmungen galten. Sie waren auf eine neue Lebensform gesto?en, die sich die Erinnerung, Personlichkeit und Intelligenz ihrer Opfer einverleibte und sie zu unvernunftigen Tieren machte. Uberdies konnten sich die Wesen, nach dem jungst bei der Technikerin Cha Thrat beobachteten Vorfall zu urteilen, an jede Spezies anpassen und sie rasch kontrollieren.
Bislang versuchte niemand, Fletcher zu unterbrechen. „Das konnte bedeuten, da? diese Scheiben nicht vom Heimatplaneten der FGHJs stammen, sondern an irgendeinem anderen Ort aufs Schiff gelangt sind, und da? sie das, was sie eben mit Cha Thrat gemacht haben, den Mitgliedern jeder intelligenten Spezies in der Foderation antun konnten!“ fuhr der Captain fort. „Ich habe keine Ahnung, was sie dazu treibt, weshalb sie sich damit begnugen, ihren Opfern den Verstand auszusaugen, anstatt sich vom Korper zu ernahren. Ich will auch gar nicht daruber nachdenken und auch nicht daruber, auf welche Weise oder mit welcher Geschwindigkeit sie sich vermehren. In dem Raum bei Cha Thrat befinden sich Dutzende von diesen Intelligenzsaugern, und sie sind so klein, da? sich noch mehr von ihnen in allen moglichen Ecken auf dem gesamten Schiff verstecken konnten.
Bevor wir nicht einen anstandig ausgerusteten und geschutzten Entgiftungstrupp hinubergeschickt haben, bleibt mir nichts anderes ubrig, als den Bordtunnel zu verschlie?en und davor eine Wache zu postieren. Diese Geschichte ist fur uns etwas vollig Neues, und es kann gut sein, da? das Hospital die vollstandige Zerstorung des Schiffs samt allem, was sich an Bord befindet, anordnen wird.
Wenn Sie alle mal einen Moment lang daruber nachdenken“, schlo? der Captain, der sich ganz so anhorte, als sei er mit sich selbst sehr unglucklich, „dann werden Sie einsehen, da? wir es keinesfalls riskieren durfen, diese Lebensform auf die Rhabwar gelangen oder gar ins Orbit Hospital.“
Eine Weile herrschte absolute Stille, in der sich das Team die Worte des Captains durch den Kopf gehen lie?, und Cha Thrat dachte uber diese seltsame Geschichte nach, die ihr zugesto?en war und immer noch zustie?.
Bei dem Versuch, Khone zu helfen, hatte sie damals am eigenen Leib einen Zusammenschlu? erfahren und zugleich den Schreck, die Verwirrung und die Aufregung daruber, da? eine ihr vollig fremde Personlichkeit in ihre Gedanken eingedrungen war, die aber nie die Kontrolle ubernommen hatte. Der Eindruck war dadurch noch eigenartiger und erschreckender geworden, da? das Gehirn der Gogleskanerin auch Erfahrungen eines fruheren Zusammenschlusses mit einem Verstand enthalten hatte, dessen Erinnerungen noch verwirrender waren, namlich dem des Terrestriers Conway. Doch das gegenwartige Gefuhl war vollig anders. Die Annaherung und das Eindringen des Wesens waren sanft, beruhigend und sogar angenehm gewesen und hatten bei Cha Thrat den Eindruck eines durch lebenslange Erfahrung perfektionierten Vorgangs hervorgerufen. Aber wie sie selbst schien nun auch der Eindringling von dem Inhalt ihres teils sommaradvanischen, teils gogleskanischen und teils terrestrischen Verstands hochst verwirrt zu sein und hatte deswegen Muhe, ihren Korper zu steuern. Sie war sich uber seine Absichten noch immer nicht im klaren, hatte aber kaum Zweifel, da? sie noch sie selbst war und mit jeder Sekunde mehr und mehr uber den Alien erfuhr.
Murchison brach als erste das Schweigen. „Wir haben doch Schutzanzuge und Schneidbrenner“, sagte sie. „Warum entgiften wir den Raum nicht selbst, indem wir alle Scheiben, auch die auf dem Nacken der Technikerin, verbrennen und Cha Thrat zur Behandlung hierherholen, solange noch etwas von ihrem Verstand ubrig ist? Die Hospitalarzte konnen spater die Entgiftung abschlie?en, wenn wir.“
„Nein!“ unterbrach sie der Captain in bestimmtem Ton. „Wenn einer von Ihnen auf das fremde Schiff geht, darf er nicht mehr zuruck!“
Cha Thrat wollte sich nicht einmischen, weil mit dem Sprechen eine leichte geistige Anstrengung verbunden gewesen ware, die zu einer Blockierung des Bereichs ihres Gehirns gefuhrt hatte, der nach ihrem Wunsch aufnahmefahig bleiben sollte. Statt dessen machte sie mit den unteren Armen die Geste, die zur Geduld aufforderte, aber dann fiel ihr ein, da? diese fur Nicht-Sommaradvaner keine Bedeutung hatte, und bediente sich des terrestrischen Zeichens, indem sie eine nach vorn gerichtete Handflache hochhielt.
„Ich bin vollig durcheinander“, meldete sich Prilicla plotzlich. „Freundin Cha Thrat hat keine Schmerzen oder geistig-seelische Beschwerden. Sie verspurt irgendeinen ganz dringenden Wunsch, aber die emotionale Ausstrahlung ist typisch fur jemanden, der sich angestrengt bemuht, gelassen zu bleiben und die ubrigen Gefuhle unter Kontrolle zu halten.“
„Aber sie hat sich nicht unter Kontrolle“, fiel ihm Murchison ins Wort. „Sehen Sie sich doch an, wie sie mit den Armen herumgefuchtelt hat. Sie vergessen, da? die Empfindungen und Emotionen nicht mehr Cha Thrats eigene sind.“
„Freundin Murchison, wer von uns beiden ist hier eigentlich das Wesen, das fur Emotionen empfanglich ist?“ rugte Prilicla sie, wie es sanfter nicht moglich war. „Freundin Cha Thrat, versuchen Sie zu sprechen. Was sollen wir fur Sie tun?“
Eigentlich wollte Cha Thrat ihnen sagen, da? sie alle endlich den Mund halten und sie in Ruhe lassen sollten, doch brauchte sie dringend die Hilfe des Teams, aber diese Bitte hatte nur noch mehr Fragen, Unterbrechungen und geistige Verwirrung hervorgerufen. Ihr Gehirn war ein brodelndes Gemisch aus Gedanken, Eindrucken, Erfahrungen und Erinnerungen, die nicht nur ihre eigene Vergangenheit auf Sommaradva betrafen, sondern auch die der Heilerin Khone und des Diagnostikers Conway. Darin stolperte der Neuankommling wie ein ungebetener Gast in einem gro?en, uppig moblierten, aber nur unzulanglich beleuchteten Haus herum, untersuchte einige Gegenstande und schreckte vor anderen wiederum zuruck. Wie Cha Thrat wu?te, war jetzt nicht die Zeit, ihn einfach gewahren zu lassen.
Am besten ware es vielleicht, wenn sie einige der Fragen des Teams beantwortete und gerade soviel sagte, da? man den Mund hielt und das tat, was sie wollte.
„Ich befinde mich nicht in Gefahr und habe auch keine korperlichen oder seelischen Beschwerden“, antwortete Cha Thrat vorsichtig. „Wenn ich will, kann ich jederzeit die volle Gewalt uber meinen Verstand und
