Freiheitsentzug bestraft werden wurde“, sagte der Flottenkommandant und blickte O'Mara dabei fragend an. „Ist es angesichts des momentanen Geisteszustands von Oberstabsarzt Lioren nicht wahrscheinlich, da? beide Urteile rasch zum Tod des Angeklagten fuhren konnten?“
Erneut erhob sich O'Mara. „Da ich den Angeklagten wahrend seiner Ausbildung am Orbit Hospital beobachtet und auch sein Verhalten nach dem Vorfall auf Cromsag untersucht habe, wurde das nach meiner Ansicht als Fachmann nicht der Fall sein“, antwortete er, wobei er weniger den Flottenkommandanten, sondern vielmehr Lioren ansah. „Der Oberstabsarzt ist ein von ethischen und moralisch einwandfreien Grundsatzen geleitetes Wesen und empfande es als unehrenhaft, sich durch Selbstmord einer Strafe zu entziehen, die er fur sein Verbrechen als gerecht ansehen wurde, auch wenn Freiheitsentzug hinsichtlich der anhaltenden psychischen Anspannung des Angeklagten die harteste Strafe ware, die verhangt werden konnte. Allerdings ziehe ich, wie sich das Gericht aus meiner Eingabe erinnern wird, der Bezeichnung ??„Freiheitsentzug“ den Begriff ??„psychische Heilbehandlung“ vor. Ich wiederhole nochmals, der Angeklagte wurde sich nicht das Leben nehmen, ware jedoch, wie Sie sich bestimmt schon gedacht haben werden, au?erst dankbar, wenn ihm das Gericht diese Arbeit abnahme.“
„Danke, Major“, sagte der Flottenkommandant. Dann wandte er sich Lioren zu und fuhr fort: „Oberstabsarzt Lioren, dieses Militargericht bestatigt die fruheren Urteilsspruche der medizinischen und der Zivilgerichte auf Tarla, Ihrem Heimatplaneten, und erklart Sie eines verzeihlichen Irrtums bei der Beobachtung und Einschatzung der Lage fur schuldig, der bedauerlicherweise zu einer schweren Katastrophe gefuhrt hat. Obwohl es unter diesen Umstanden gnadiger ware, werden wir nicht von der seit drei?ig Jahren bestehenden gerichtlichen Praxis in der Foderation abweichen oder, wenn sich die Therapie als erfolgreich erweisen sollte, ein moglicherweise nutzliches Leben vergeuden, indem wir uber Sie die Todesstrafe verhangen, die Sie sich so offenkundig wunschen. Statt dessen sprechen wir uber Sie ein heilungsforderndes Urteil, nach dem Ihnen fur zwei Jahre Ihr Rang im Monitorkorps und Ihr medizinischer Dienstgrad aberkannt werden und Sie dieses Hospital nicht verlassen durfen, das aber als Gebaude so gro? ist, da? Ihnen dieser Freiheitsentzug nicht lastig werden wird. Aus naheliegenden Grunden wird Ihnen zudem verboten, die Station zu betreten, auf der die Cromsaggi liegen. Sie werden unter Aufsicht und Befehl des Chefpsychologen O'Mara gestellt. Der Major rechnet damit, Sie in dieser Zeit psychologisch und emotional wieder ins Gleichgewicht zu bringen, was Sie dann in den Stand setzen wird, eine neue Laufbahn zu beginnen.
Das Gericht spricht Ihnen als ehemaligem Oberstabsarzt sein tiefstes Mitgefuhl aus und wunscht Ihnen fur die Zukunft alles Gute.“
6. Kapitel
Lioren stand, auf drei Seiten von den seltsam geformten Sitzmobeln umgeben, die fur die Bequemlichkeit von Lebewesen anderer physiologischer Klassifikationen als seiner eigenen konstruiert waren, auf der freien Flache vor O'Maras Schreibtisch und starrte mit samtlichen Augen auf den Psychologen hinunter. Seit die Strafe gegen ihn verhangt und ihm eine kurahnliche Heilbehandlung aufgezwungen worden war, an der er mit nichts, was in seiner Macht stand, etwas andern konnte, hatte sich der unbandige Ha? gegenuber diesem untersetzten kleinen Zweifu?er mit dem grauen Kopfpelz und den Augen, die nie einem Blick auswichen, zwar zu einer Abneigung abgeschwacht, die sich bei Lioren dennoch so tief in der Seele verwurzelt hatte, da? er nicht glaubte, sie jemals uberwinden zu konnen.
„Mich zu mogen ist zum Gluck keine Voraussetzung fur die Behandlung“, stellte O'Mara fest, der anscheinend Liorens Gedanken lesen konnte, „ansonsten hatte das Orbit Hospital schon langst kein medizinisches Personal mehr. Ich habe fur Sie die Verantwortung ubernommen, und da Sie eine Kopie meiner schriftlichen Eingabe an das Militargericht gelesen haben, kennen Sie auch die Grunde, die ich dafur hatte. Oder mu? ich sie Ihnen noch einmal nennen?“
In der Eingabe hatte O'Mara behauptet, der Vorfall auf Cromsag sei hauptsachlich bestimmten Charakterfehlern von Lioren zuzuschreiben, Fehlern, die wahrend seiner Ausbildung in ET-Medizin am Orbit Hospital hatten entdeckt und korrigiert werden mussen; dabei habe es sich um ein Versaumnis gehandelt, an dem allein die psychologische Abteilung die Schuld trage. Angesichts dieses Sachverhalts und angesichts des Umstands, da? das Orbit Hospital keine psychiatrische Klinik war, konnte Lioren nicht als Patient angesehen werden, sondern wie ein Auszubildender, der das Schulungsprogramm uber die Beziehungen zu anderen Spezies nicht zufriedenstellend beendet hatte und der psychologischen Abteilung unter O'Maras Leitung zugeteilt worden war. Als Auszubildender nahm Lioren trotz seiner medizinischen und chirurgischen Fahigkeiten, die er bereits bei vielen Lebensformen unter Beweis gestellt hatte, einen niedrigeren Rang als eine ausgebildete Stationsschwester ein.
„Nein“, antwortete Lioren.
„Gut“, sagte O'Mara. „Ich vergeude namlich weder gerne Zeit noch Arbeitskraft. Im Augenblick habe ich keine besonderen Anweisungen fur Sie, au?er da? Sie sich frei im Hospital bewegen durfen — am Anfang allerdings nur in Begleitung von jemandem aus dieser Abteilung — oder da? Sie, falls es Momente geben sollte, in denen diese Ma?nahme Sie in nicht mehr tragbarer Weise in Verlegenheit bringt oder belastet, die ublichen Buroarbeiten erledigen werden. Dazu wird auch gehoren, da? Sie sich mit der Arbeit dieser Abteilung und den psychologischen Akten der medizinischen Mitarbeiter vertraut machen, von denen Ihnen die meisten zum Studium zuganglich gemacht werden. Sollten Sie dabei irgendein Anzeichen fur ungewohnliches Verhalten, fur untypische Reaktionen gegenuber Mitarbeitern einer anderen Spezies oder fur ein unerklarliches Nachlassen der beruflichen Leistungsfahigkeit aufspuren, werden Sie mir dies mitteilen. Allerdings nur dann, wenn Sie Ihre Entdeckung vorher mit einem Ihrer Kollegen aus dieser Abteilung diskutiert haben, damit sichergestellt ist, da? sie meiner Aufmerksamkeit wert ist.
Es ist wichtig, nicht zu vergessen, da? mit Ausnahme einiger weniger Patienten, die besonders schwer erkrankt sind, jeder im Hospital uber Ihren Fall voll und ganz im Bilde ist“, fuhr der Psychologe fort. „Viele Patienten und Mitarbeiter werden Ihnen Fragen stellen, die zum gro?ten Teil hoffich und rucksichtsvoll sein werden, au?er den Kelgianern, die den Begriff ??„Hoflichkeit“ nicht verstehen. Zudem werden Ihnen viele gutgemeinte Hilfsangebote, ermunternde Worte und reichlich Mitgefuhl zuteil werden.“
O'Mara machte eine kurze Pause; dann sagte er in sanfterem Ton: „Ich werde alles tun, was ich kann, um Ihnen zu helfen. Sie haben wirklich gro?e Seelenqualen erlitten und erleiden sie noch und haben mit einer druckenden Schuld zu kampfen, wie sie mir gro?er weder in der Literatur noch in meiner eigenen langjahrigen Erfahrung jemals vorgekommen ist; mit einer Burde, die so schwer ist, da? sie jeden anderen Geist als den Ihren vollkommen zugrunde gerichtet hatte. Von Ihrer Gefuhlsbeherrschung bin ich tief beeindruckt, und bei dem Gedanken daran, wie sehr Sie im Moment psychisch angespannt sein mussen, wird mir angst und bange. Ich werde alles mogliche tun, um diese Anspannung abzubauen, und auch ich, der ich au?er Ihnen selbst am besten in der Lage bin, Ihre Position zu verstehen, spreche Ihnen hiermit mein Mitgefuhl aus.
Doch Mitgefuhl ist bestenfalls ein Linderungsmittel, und obendrein noch eins, dessen Wirkung bei wiederholter Anwendung nachla?t“, fuhr er fort. „Deshalb verabreiche ich es Ihnen nur dieses eine Mal. Von jetzt an werden Sie genau das tun, was man Ihnen sagt, und samtliche routinema?igen, niedrigen und langweiligen Arbeiten verrichten, die man Ihnen auftragt, und Sie werden von niemandem in dieser Abteilung auch nur einen einzigen Funken Mitgefuhl bekommen. Haben Sie mich verstanden?“
„Ich sehe ein, da? mein Stolz gebrochen und mein Vergehen bestraft werden mu?, denn das habe ich verdient“, antwortete Lioren.
O'Mara stie? einen unubersetzbaren Laut aus. „Was Sie so meinen, alles verdient zu haben, Lioren, interessiert mich nicht die Bohne. Erst wenn Sie anfangen zu glauben, da? Sie das alles vielleicht nicht verdient haben, befinden Sie sich wirklich auf dem Weg der Besserung. Und jetzt werde ich Sie Ihren Mitarbeitern im Vorzimmer vorstellen.“
Wie es O'Mara angekundigt hatte, war die Buroarbeit reine Routine und wiederholte sich standig, doch in den ersten paar Wochen war sie fur Lioren noch zu neu, um langweilig zu sein. Von den Zeiten abgesehen, in denen er geschlafen oder sich zumindest ausgeruht oder den Essensspender in seiner Unterkunft benutzt hatte, hatte Lioren weder die Abteilung verlassen noch irgend etwas anderes getan, als sein Gehirn zu beschaftigen. Er konzentrierte sich voll und ganz auf seine neuen Aufgaben, wodurch sich die Qualitat seiner Arbeit, die Menge, die er bewaltigte, und sein Verstandnis fur das, was er tat, in einem Ma? steigerte, da? er sowohl von Lieutenant
