Das Schweigen, das auf Thornnastors Bericht folgte, wurde immer langer und tiefer, bis das schwache Blubbern, das das tiefkuhlende Lebenserhaltungssystem eines SNLU unter den Zuhorern von sich gab, in der Stille laut erschien. Es war wie das auf Tarla ubliche Schweigen zum Gedenken an einen verstorbenen Freund, nur da? es sich hier um die gesamte Bevolkerung eines Planeten handelte, die umgekommen war, und es hatte den Anschein, als ob keiner der Anwesenden diesen feierlichen Moment storen wollte.
„Bei allem Respekt gegenuber dem Gericht bitte ich, das Verfahren ohne weitere Diskussion und Zeitvergeudung hier und jetzt einzustellen“, ergriff Lioren plotzlich das Wort. „Ich bin des fahrlassigen Volkermords angeklagt. Es steht au?er Frage und gibt keinen Zweifel, da? ich schuldig bin und die Schuld voll und ganz bei mir liegt. Deshalb fordere ich fur mich die Todesstrafe.“
Bevor Lioren zu Ende gesprochen hatte, war O'Mara aufgesprungen. „Die Verteidigung mochte den Angeklagten gern in einem sehr wichtigen Punkt korrigieren“, sagte der Chefpsychologe. „Oberstabsarzt Lioren hat keinen Volkermord begangen. Als sich der Vorfall ereignete, hat er unter den gegebenen Umstanden schnell und richtig reagiert, indem er das Hospital gewarnt und die Rettung und Betreuung der gerade zu Waisen gewordenen cromsaggischen Kinder organisiert hat, und das, obwohl viele seiner eigenen Leute von den kriegerischen Auseinandersetzungen derma?en uberrascht worden waren, da? sie nicht rechtzeitig das Betaubungsgas einsetzen konnten und bei ihren Versuchen, die Kampfe zu beenden, schwer verwundet worden sind. In dieser Zeit hat sich der Oberstabsarzt beispielhaft verhalten, und auch wenn die Zeugen hier nicht zugegen sind, ihre Aussagen sind dem Zivilgericht auf Tarla vorgelegt und von ihm zugelassen worden und sind in den Akten.“
„Diese Aussagen werden ja gar nicht bestritten“, fiel ihm Lioren ungeduldig ins Wort. „Sie sind fur diesen Proze? aber nicht von Belang.“
„Aufgrund dieser rechtzeitigen Warnung und der sich daran anschlie?enden Ma?nahmen sind die im Hospital behandelten Cromsaggi voneinander getrennt worden, bevor sie sich gegenseitig angreifen konnten“, fuhr O'Mara fort, ohne auf Liorens Einwand einzugehen, „und die jungen DCSLs wurden sowohl hier als auch auf Cromsag gerettet. Insgesamt siebenunddrei?ig Erwachsene und zweihundertdreiundachtzig Kinder sind gesund und munter, wobei der Anteil der beiden Geschlechter in etwa ausgeglichen ist. Ich habe keinen Zweifel, da? die Cromsaggi nach einer langen Zeit der Umerziehung, Wiederansiedlung und fachlichen Hilfe bei der Uberwindung der geistig- seelischen Ausrichtung wieder ganz Cromsag bevolkern konnen und zu einem friedlichen Zusammenleben zuruckkehren werden.
Da? der Angeklagte in dieser Angelegenheit eine geradezu erdruckende Schuld empfindet, ist verstandlich“, fuhr der Psychologe mit leiserer Stimme fort. „Ware das anders, hatte er nicht dieses Militargericht zusammentreten lassen. Aber moglicherweise hat ihn die schwere Schuld, die er an dem Vorfall auf Cromsag zu haben glaubt, zusammen mit seinem dringenden Bedurfnis, sich von dieser Schuld zu befreien, sowie dem ungeduldigen Verlangen, fur das angebliche Verbrechen bestraft zu werden, dazu veranla?t, seinen Fall derart ubertrieben darzustellen. Als Psychologe kann ich seine Gefuhle und die Bemuhungen, der Belastung durch die Schuld zu entkommen, verstehen und nachempfinden. Und ich bin mir sicher, ich brauche das Gericht nicht daran zu erinnern, da? von den funfundsechzig intelligenten Spezies, aus denen die Foderation besteht, keine einzige an einem Gefangenen eine gerichtlich angeordnete Exekution oder korperliche Bestrafung vornimmt.“
„Selbstverstandlich haben Sie diesbezuglich recht, Major O'Mara“, stellte der Flottenkommandant fest. „Dieser Hinweis ist allerdings uberflussig und reine Zeitverschwendung. Fassen Sie sich also kurz.“
O'Maras Gesichtsfarbe wurde etwas dunkler, und er sagte: „Die Cromsaggi sind nicht ausgestorben und werden auch weiterhin als Spezies uberleben. Oberstabsarzt Lioren ist also allenfalls der Ubertreibung schuldig, aber nicht des Volkermords.“
Ganz plotzlich wurde Lioren von Wut, Verzweiflung und einer furchtbaren Angst gepackt. Er heftete ein Auge auf O'Mara, richtete die anderen drei jeweils auf einen Offizier des Gerichts und zwang sich innerlich zur Ruhe und Klarheit, als er sagte: „Die Ubertreibung — diese kleine Ungenauigkeit, die nur eine furchtbare Wahrheit vereinfachen sollte — spielt keine Rolle, weil die Ungeheuerlichkeit meiner Schuld gar nicht mehr zu ermessen ist. Und ich brauche Major O'Mara wohl nicht an die Strafe zu erinnern, die jedes Mitglied des Arztestabs erhalt, dessen Unachtsamkeit oder mangelnde Beobachtung zur Verschlechterung des Gesundheitszustands oder gar zum Tod eines Patienten fuhrt, und die zwar nicht darin besteht, den Betreffenden zu exekutieren, aber immerhin darin, seine berufliche Zukunft zu zerstoren.
Ich bin der Fahrlassigkeit schuldig“, fuhr Lioren fort, wobei er sich wunschte, der Translator konnte die Verzweiflung in seiner Stimme wiedergeben, „und der Versuch des Verteidigers, das, was ich getan habe, herunterzuspielen und zu entschuldigen, ist geradezu lacherlich. Da? andere ebenfalls von dem Verhalten der Cromsaggi uberrascht worden sind, einschlie?lich des Hospitalpersonals, das sich mit den Versuchen mit dem Medikament beschaftigt hat, ist keine Entschuldigung. Ich hatte mich nicht uberraschen lassen durfen, denn mir haben samtliche Informationen zur Verfugung gestanden, und ich ware im Besitz aller Teile des Puzzles gewesen, wenn ich die Zeichen richtig gedeutet hatte. Ich habe sie jedoch nicht einmal wahrgenommen, weil ich vor Stolz und Ehrgeiz blind gewesen bin; ein Teil von mir hat namlich geglaubt, durch eine schnelle und vollstandige Heilung wurde sich mein Ruf als Arzt verbessern. Ich habe die Zeichen nicht wahrgenommen, weil ich mich fahrlassig und unachtsam verhalten habe und in geistiger Beziehung so verwohnt war, da? ich die Gesprache der Patienten uber die sexuellen Praktiken der Cromsaggi nicht horen wollte, die eine deutliche Vorwarnung vor dem gewesen waren, was schlie?lich passiert ist, und weil ich mich uber Vorgesetzte hinweggesetzt habe, die zur Vorsicht geraten haben.“
„Ehrgeiz, Stolz und Ungehaltenheit sind keine Verbrechen“, warf O'Mara ein, wobei er rasch aufstand. „Und zweifellos ist es der Grad an beruflicher Fahrlassigkeit, den, falls man von einem solchen Delikt uberhaupt sprechen kann, das Gericht bestrafen mu?, und nicht die zugegebenerma?en schrecklichen und weitreichenden Folgen dessen, was bestenfalls eine geringfugige Ubertretung ist.“
„Das Gericht la?t sich vom Verteidiger weder Vorschriften machen, noch wird es eine weitere derartige Unterbrechung des Schlu?pladoyers der Anklage dulden“, sagte Flottenkommandant Dermod. „Setzen Sie sich, Major. Oberstabsarzt Lioren, Sie konnen fortfahren.“
Innerlich war Lioren derart von Schuldgefuhlen, Angst und Verzweiflung erfullt, da? ihm die wohldurchdachten Beweisgrunde, die er sich zurechtgelegt hatte, vollkommen entfallen waren. Deshalb konnte er einfach nur daruber sprechen, wie er sich fuhlte, und hoffen, da? das ausreichte.
„Ich habe nur noch wenig hinzuzufugen“, sagte er. „Ich bin eines furchtbaren Unrechts schuldig. Ich habe den Tod vieler tausend Lebewesen verursacht und verdiene es nicht zu leben. Ich bitte das Gericht um Gnade und um das Todesurteil.“
Abermals sprang O'Mara auf „Mir ist klar, da? die Anklage das letzte Wort hat. Aber bei allem Respekt, Sir, ich habe dem Gericht zu diesem Fall eine ausfuhrliche Eingabe gemacht und bisher noch keine Gelegenheit gehabt, diese zur Diskussion zu stellen.“
„Ihre Eingabe ist entgegengenommen und angemessen berucksichtigt worden“, entgegnete der Flottenkommandant. „Eine Kopie wurde dem Angeklagten zur Verfugung gestellt, der es aber aus naheliegenden Grunden vorgezogen hat, sie nicht einzubringen. Darf ich den Verteidiger au?erdem daran erinnern, da? noch immer ich es bin, der das letzte Wort haben wird? Setzen Sie sich bitte, Major O'Mara. Das Gericht wird sich jetzt beraten, bevor es zur Urteilsverkundung schreitet.“
Die drei Offiziere des Gerichts wurden von der neblig grauen Halbkugel eines schalldichten Felds eingehullt, und es schien, als seien auch alle anderen Anwesenden in dieselbe Schweigezone eingeschlossen worden, als sie ihre Augen auf Lioren richteten. Obwohl sich Prilicla unter den ganz hinten sitzenden Zuhorern fur seine empathischen Fahigkeiten in au?erster Entfernung befand, konnte Lioren den Cinrussker zittern sehen. Doch dies war bestimmt kein geeigneter Augenblick, in dem der Oberstabsarzt seine emotionale Ausstrahlung kontrollieren konnte. Als er sich an den Inhalt von O'Maras Eingabe erinnerte, spurte er, wie er innerlich von den furchtbarsten Extremen von Angst und Verzweiflung uberwaltigt wurde, und zum erstenmal in seinem Leben packte ihn eine solch gewaltige Wut, da? er am liebsten ein anderes intelligentes Lebewesen umgebracht hatte.
O'Mara erkannte, da? der Oberstabsarzt mit einem der Augen in seine Richtung blickte, und bewegte leicht den Kopf zur Seite. Wie Lioren wu?te, war O'Mara kein Empath, aber als hochqualifizierter Psychologe mu?te er auch so wissen, was in Lioren vorging.
Plotzlich loste sich das schalldichte Feld von oben nach unten auf, und der Gerichtsprasident beugte sich in seinem Stuhl vor.
„Vor der Urteilsverkundung wunscht das Gericht von dem Verteidiger Aufklarung und Bestatigung daruber, wie sich der Angeklagte aller Voraussicht nach verhalten wird, wenn er nicht mit dem Tode, sondern mit
