gehorchen, aber gleichzeitig einen Kompromi? einzugehen, indem er den Versuch nicht blo? an funfzig, sondern an ein paar hundert oder vielleicht sogar tausend DCSLs durchfuhren solle, und behauptete, da? das von ihm zuvor befurwortete Verfahren kaum dazu beitragen werde, sich auf eine spatere Beforderung Hoffnungen machen zu konnen. Lioren war stark versucht, diesem Rat zu folgen, wenn auch weniger aus irgendeiner Sorge um seine zukunftige Laufbahn heraus als vielmehr aus Respekt fur die Worte eines Lebewesens, bei dem es sich, wie es hie?, um den fuhrenden Pathologen der Foderation handelte, aber er war sich nicht sicher, ob Diagnostiker Thornnastor die Dringlichkeit des cromsaggischen Problems voll bewu?t war. Bei dem Leiter der Pathologie am Hospital handelte es sich um einen Perfektionisten, der es nie zulassen wurde, da? eine unvollstandige Arbeit seine Abteilung verlie?, und Lioren die Erlaubnis zu erteilen, bei dem Versuchsprogramm behilflich zu sein, war wahrscheinlich der einzige Kompromi?, den er uberhaupt eingehen konnte. Aber einem gro?en massigen Tralthaner, der, wie es hie?, in seinem mit Daten vollgestopften Kopf permanent die Gehirnaufzeichnungen von wenigstens zehn medizinischen Kapazitaten fremder Spezies gespeichert hatte, konnte man ein gewisses Ma? an geistiger Verwirrung verzeihen.

Die Sterblichkeitsrate der Cromsaggi stieg stetig auf bis zu zweihundert Tote taglich an, und lediglich funfzig von ihnen mit unangebrachter Vorsicht zu behandeln, wenn praktisch die gesamte Bevolkerung eine Uberlebenschance bekommen konnte, anstatt langsam und qualvoll sterben zu mussen, war ein gro?es, erbarmliches und vollkommen unannehmbares Unrecht.

In dieser verzweifelten Situation fiel es Lioren im Gegensatz zu Thornnastors Abteilung nicht schwer, sich mit Unvollkommenheiten abzufinden. Die psychologischen Auswirkungen, die sich im Verlauf der Behandlung einstellten, wurden vielleicht nur vorubergehend sein, und selbst wenn es nicht so sein sollte, konnten auch sie moglicherweise rechtzeitig zu heilen sein. Falls es jedoch zum Schlimmsten kommen und Gehirnschaden das Resultat sein sollten, ware es au?erst unwahrscheinlich, da? dieses Leiden auf einen Nachkommen ubertragen wurde, da O'Mara selbst erklart hatte, die Schaden seien nicht korperlich. Jedes cromsaggische Kind, das geheilte, aber schwachsinnige Eltern in die Welt setzten, mu?te korperlich und geistig gesund aufwachsen konnen.

Zumindest geistig so gesund, wie es jedem Mitglied dieser blutdurstigen Spezies moglich war.

Seinen Mitarbeitern hatte Lioren gesagt, es handle sich um ein Unternehmen, das gro?te Anstrengungen mit hochster Dringlichkeit verbinde, und jeder Cromsaggi auf dem Planeten musse auf eine Wirkung hin behandelt werden und durfe nicht zeitraubenden Versuchen ausgesetzt werden, und innerhalb von einer Stunde nach dem Ende der Besprechung wurde der Plan bereits durchgefuhrt. Das Medikament und die synthetischen Nahrungsmittel wurden von jedem verfugbaren Mitglied des Monitorkorps zu Fu? an die Patienten, die in der Nahe der gelandeten Vespasian untergebracht waren, und mit Boden- oder Luftfahrzeugen an die in gro?erer Entfernung liegenden Unterkunfte verteilt, das hei?t von allen bis auf die wachhabenden und Kommunikationsoffiziere des Gro?kampfschiffs und diejenigen, die mit der Wartung der Boden- und Luftfahrzeuge beauftragt waren. Lioren, dessen Beweglichkeit immer noch durch die Verletzungen behindert wurde, kummerte sich sowohl um die Koordinierung des Gro?einsatzes als auch um das Schiffslazarett, wo er der einzige diensthabende Arzt war.

Die verabreichte Dosis des Medikaments schwankte im Verhaltnis zum Alter, zur Korpermasse und zum Gesundheitszustand der Patienten. Bei den ganz jungen DCSLs handelte es sich um das Dreifache der von Thornnastor fur Versuchszwecke empfohlenen Menge, und bei denjenigen, die kurz vorm Tod standen, war die Dosis — unter gebuhrender Berucksichtigung der Wirkung des Medikaments — geradezu enorm. Zwar hatten die ernsthafteren Falle vordringlich behandelt werden mussen, doch selbst innerhalb kleiner Gruppen trat ein solcher Unterschied im Ausma? der Krankheit auf, da? es zeitsparender war, jeden Kranken sofort dort zu behandeln, wo man ihm begegnete.

Zwar entwickelte sich die Behandlung schnell zu einer Routine, doch war derartige Eile geboten, da? alles andere als Langeweile bei den Beteiligten aufkam. Man sprach einige erklarende und beruhigende Worte zu dem Patienten, der normalerweise zu krank war, um etwas anderes als einen verbalen Einwand zu machen, gab ihm die Injektion und stellte ihm das Essen und das Wasser so hin, da? er es leicht erreichen konnte; dann war schon der nachste an der Reihe.

Am Ende des dritten Tages war die gesamte Bevolkerung behandelt worden, und die zweite Phase begann, naturlich die — wenn moglich tagliche — Visite bei den Patienten, um die Lebensmittel zu erganzen, den Kranken zu beobachten und uber jede Veranderung seines Gesundheitszustands zu berichten. Der medizinische Stab und das Hilfspersonal arbeiteten Tag und Nacht, a?en nur selten von derselben faden synthetischen Nahrung, mit der die Patienten versorgt wurden, und schliefen kaum. Durch die zunehmende Erschopfung der Mitarbeiter wurden eine Notlandung und zwei Unfalle zwischen Bodenfahrzeugen verursacht, bei denen es zwar keine Toten, aber Verletzte gab, so da? im Schiffslazarett nicht mehr ausschlie?lich Seuchenkranke versorgt werden mu?ten.

Am vierten Tag starb im Lazarett einer von Liorens erwachsenen Cromsaggi, doch die Todesfalle au?erhalb des Schiffs gingen auf einhundertundfunfzehn zuruck. Am funften Tag fiel die Zahl bereits auf sieben, und am sechsten Tag wurde sogar kein einziger Todesfall mehr gemeldet.

Bis auf den Unterschied in der Gro?enordnung und die fortgesetzten Anstrengungen, die notig waren, um die weit verstreuten Patienten mit Nahrung zu versorgen, spiegelte die Situation im Lazarett die klinischen Umstande au?erhalb des Schiffs wider.

Wie es Thornnastor vorausgesagt hatte, war sowohl ein allmahliches Abklingen der au?eren Symptome als auch ein Anstieg des Nahrungsbedurfnisses der Patienten offensichtlich, und der Umstand, da? samtliche Lebensmittel kunstlich hergestellt waren, anderte am Appetit der DCSLs nichts. So gern Lioren auch die seelischen Fortschritte der Patienten uberwacht hatte, sie wollten nicht kooperieren und weigerten sich sogar, sich von ihm auch nur beruhren zu lassen. Da sein gesamtes medizinisches Personal und der Gro?teil der Schiffsbesatzung uber den gesamten Kontinent verteilt waren, hielt er es fur besser, keine Entscheidung zu erzwingen, zumal die Patienten mit jedem Tag, der verstrich, kraftiger wurden. Trotz des unterschiedlichen Korpergewichts a?en die jungen DCSLs mehr als die erwachsenen, und die Geschwindigkeit ihres korperlichen Wachstums war — wie Thornnastor ebenfalls beobachtet hatte — wirklich als phanomenal zu bezeichnen.

Da? die Krankheit, mit der die Cromsaggi schon geboren worden waren, das gesamte innere Sekretionssystem in Mitleidenschaft gezogen haben mu?te, um eine derart massive Wachstumshemmung hervorzurufen, lag klar auf der Hand. Jetzt, wo der Vorgang umgekehrt worden war und die DCSLs nicht nur wuchsen, sondern sich auch entwickelten, trat eine weitere, nichtklinische Veranderung auf. Die jungen Patienten, die, nachdem ihre anfangliche Furcht erst einmal der Neugier gewichen war und sie sich an Liorens merkwurdigen Korper und seine vielen Glieder gewohnt hatten, offen und mit der sorglosen Begeisterung von Kindern mit ihm gesprochen hatten, verhielten sich zusehends zuruckhaltender.

Wie Lioren bald feststellen mu?te, unterhielten sie sich mit ihm weniger, weil die sich erholenden alteren DCSLs mehr Gesprache mit ihnen fuhrten, und diese sprachen mit ihnen nur wahrend seiner Abwesenheit.

Inzwischen waren seine Unfallpatienten vom Monitorkorps wieder soweit gewesen, um entlassen zu werden und sich in ihren eigenen Unterkunften weiter zu erholen, so da? Lioren uber keine Informanten mehr verfugte, die ihm verrieten, woruber sich die DCSLs unterhielten. Nachdem er an einem der nachfolgenden Tage die Lebensmittelvorrate erganzt hatte und seine wenigen freundschaftlichen und beruhigenden Worte von den Cromsaggi uberhort worden waren, lie? er deshalb absichtlich einen der Lazarettsender eingeschaltet, um die Gesprache der Patienten aus seiner eigenen Unterkunft heraus verfolgen zu konnen.

Wie alle, die heimlich einen Lauschangriff starten, rechnete er fest damit, unfreundliche Dinge uber sich selbst und die ??„bosen Traume vom Himmel“ zu horen, wie die wortliche Ubersetzung der Bezeichnung der Cromsaggi fur ihre Retter lautete. Doch diesbezuglich schien er vollig falsch zu liegen,

denn statt dessen sprachen, trallerten und sangen sie nur miteinander, so da? sein Translator die verschiedenen Stimmen nicht voneinander trennen konnte. Erst als ein einzelner Cromsaggi allein sprach — ein Erwachsener, der sich an einen oder mehrere der jungen DCSLs wandte, wurde Lioren klar, was er da horte.

Es handelte sich um den Teil einer Einfuhrungszeremonie, um eine Vorbereitung und eine formalisierte sexuelle Aufklarung, die den frisch geschlechtsreif gewordenen Jugendlichen vor dem Eintritt ins Erwachsenenleben gegeben wurde, wozu auch eine Belehrung uber das Verhalten gehorte, das man danach von ihnen erwartete.

Hastig brach Lioren die Verbindung ab. Der Ritus des Ubergangs von der Pubertat ins Erwachsensein galt in den Kulturen vieler intelligenter Spezies als ein hochsensibler Bereich, einer, in den einzudringen er nicht berechtigt war. Wenn er wirklich vorhaben sollte, nur noch aus lusterner Neugier weiter zuzuhoren, konnte er plotzlich seine Selbstachtung verlieren.

Nichtsdestoweniger war er erleichtert, da? sich im Lazarett bis auf zwei noch recht kleine Kinder, die nur

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