man sie dazu bringen wollte, endlich Fragen uber sich selbst zu beantworten.

Doch erst als man — hochst widerwillig und nicht ohne lange uber mogliche psychologische Schaden nachzudenken — den Entschlu? fa?te, den Patienten die ganze Wahrheit daruber zu sagen, was auf ihrem Heimatplaneten geschehen war, wozu auch der Umstand gehorte, da? es sich bei ihnen um die einzigen erwachsenen Mitglieder ihrer Spezies handelte, die uberlebt hatten, begannen sie uber sich selbst zu sprechen. Die DCSLs reagierten verstandlicherweise sehr zornig, und es gab gegenseitige Schuldzuweisungen, dennoch lieferten die Cromsaggi genugend Informationen, um es zu ermoglichen, eine Theorie aufzustellen, die durch archaologische Beweise gestutzt wurde.

Nach der genauesten Schatzung war die Seuche vor knapp tausend Jahren zum erstenmal aufgetreten, als der technologische Stand auf Cromsag bis zum Flug durch die Atmosphare gediehen war und der philosophische Fortschritt eine Zivilisation hervorgebracht hatte, die keine Kriege mehr fuhrte. Uber den Ursprung und die Entwicklung der Seuche war keine andere Auskunft zu erhalten, als da? sie beim Geschlechtsakt durch einen Elternteil ubertragen wurde und ihre Auswirkungen anfanglich eher schwach als lebensbedrohlich und lediglich unangenehm waren. Die Mehrheit der Cromsaggi unternahm keine weiten Reisen, und wenn sie erst einmal eine Bindung zum anderen Geschlecht eingegangen waren, nahmen die DCSLs diese sehr ernst und gingen auch nicht fremd. Eine Anzahl der umsichtigeren Cromsaggi schlo? sich zwar zu Gemeinschaften zusammen, die seuchenfrei waren, aber der Paarungsvorgang hing eher von emotionalen als von medizinischen Faktoren ab, und so machte die Krankheit schlie?lich auch diesen von vornherein unverla?lichen Schutz zunichte. Weitere drei Jahrhunderte sollten vergehen, bevor sich die Seuche unkontrolliert uber ganz Cromsag ausbreitete und jeder einzelne Angehorige der Bevolkerung, Erwachsene wie Kinder, sich infizierte. Zu dieser Zeit hatte sie an Bosartigkeit zugenommen, und Todesfalle im mittleren Alter waren alltaglich geworden.

Die gemeinsamen Anstrengungen der medizinischen Wissenschaftler waren erfolglos, und am Ende des darauffolgenden Jahrhunderts war die Zivilisation der DCSLs auf einen vortechnologischen Stand zuruckgesunken. Nur selten lebte ein Cromsaggi nach der Geschlechtsreife noch langer als zehn Jahre. Als Spezies sahen die Cromsaggi dem Aussterben entgegen, und zwar einem sehr raschen Aussterben, da sich die Seuche negativ auf die Geburtenziffer auswirkte.

„Die vollstandige Symptomatologie der Krankheit ist einschlie?lich der Beeintrachtigung des inneren Sekretionssystems und den daraus resultierenden Auswirkungen auf die Geschwindigkeit des Wachstums und die Entwicklung des Kranken bereits untersucht worden und kann in aller Ausfuhrlichkeit erortert werden“, erklarte Thornnastor, „doch werde ich sie im Interesse des Gerichts kurz zusammengefa?t und vereinfacht darstellen.

Bei den erwachsenen DCSLs beider Geschlechter hat der fur Gesichtsund Tastsinn unangenehme Zustand der Haut zwar einen negativen Einflu? auf den Geschlechtstrieb und somit auf die sinkende Geburtenrate gehabt, aber nur einen geringen“, fuhr er fort. „Denn selbst wenn die Haut beider Partner makellos und asthetisch ansprechend ware, ist die Leistung des inneren Sekretionssystems so sehr eingeschrankt, da? der Geschlechtsakt und die Empfangnis ohne eine vorherige, abnorm starke emotionale Stimulation unmoglich ist.“

Thornnastor machte eine Pause. Zwar verfugte er nicht uber Gesichtszuge, die seine Mimik zu andern vermochten, aber es war, als konne er wegen der Bilder, die ihm in seiner gewaltigen, unbeweglichen Kuppel von einem Kopf vor dem geistigen Auge schwebten, einen Moment lang nicht weitersprechen. Dann fuhr er fort: „Im Bemuhen, diese Schwierigkeit mit medizinischen Mitteln zu umgehen, haben sich die DCSLs Substanzen verabreicht, die aus naturlich vorkommenden Pflanzen gewonnen wurden und zur Sinnessteigerung oder zu Halluzinationen gefuhrt haben. Doch dieses Verfahren erwies sich als unwirksam und wurde wegen der Probleme aufgegeben, die mit einer unheilbaren Sucht, mit Todesfallen wegen Uberdosen und mit stark mi?gebildeten und nicht lebensfahigen Kindern entstanden. Die Losung, die die Cromsaggi schlie?lich gefunden haben, liegt im au?ermedizinischen Bereich und hat fur sie bedeutet, im Sozialverhalten in die finstersten Zeiten der cromsaggischen Geschichte zuruckzukehren. Die Cromsaggi sind in den Krieg gezogen.“ Die Grunde fur den Krieg bestanden nicht darin, Territorien auszudehnen oder Vorteile fur den Handel zu erzielen. Der Krieg wurde auch nicht von weitem aus befestigten Stellungen heraus oder von Soldaten gefuhrt, die gemeinsam vorgingen oder durch gepanzerte Maschinen oder Kriegsgerate geschutzt waren. Bei diesem Krieg ging es nicht um Leben und Tod, denn beide Seiten hatten keineswegs die Absicht, einen Gegner zu toten, der sehr gut ein Familienangehoriger oder ein Freund sein konnte. Genaugenommen gab es gar keine Seiten, da nur Zweikampfe zwischen Paaren von unbewaffneten Cromsaggi ausgetragen wurden. Es handelte sich um einen Krieg, dessen einziger Zweck es war, ein Hochstma? an Angst, an Schmerzen und Gefahr herbeizufuhren, aber — wenn moglich — nicht den Tod der Kampfer. Von einem besiegten oder schwerverwundeten Gegner ging keine Bedrohung oder Gefahr aus, und die Besiegten wurden, obwohl die Opponenten noch Augenblicke zuvor verzweifelt versucht hatten, sich gegenseitig umzubringen, dort zuruckgelassen, wo sie lagen und hofften, sich von den Wunden zu erholen, um wieder kampfen zu konnen und ein anderes Mal einem Gegner Angst einzujagen.

Fur die Cromsaggi war das Leben etwas Gro?artiges und Kostbares, und diese Wertschatzung stieg noch mit jeder zusammengeschrumpften Generation, die verging; ansonsten hatten sich die DCSLs nicht so angestrengt darum bemuht, ihre Spezies am Leben zu erhalten.

Denn nur dadurch, da? die Cromsaggi ihren Sinnesapparat mit Schmerzen uberma?ig belasteten, die Muskulatur stark beanspruchten und sich dem gro?tmoglichen Ma? an emotionaler Anspannung aussetzten,

konnte das innere Sekretionssystem, das durch die Seuche fast ganzlich lahmgelegt worden war, wieder zu einer annahernd normalen Tatigkeit angeregt werden. Unabhangig von den Verletzungen, die der betreffende DCSL im Kampf davongetragen hatte, konnte dieser Zustand so lange beibehalten werden, wie es fur eine erfolgreiche Paarung und Zeugung notig war.

Doch trotz dieser furchtbaren Losung, die die DCSLs gefunden hatten, nahm die Zahl der an der Seuche gestorbenen Erwachsenen weiterhin zu und die Geburtenrate stetig ab. Die Bevolkerungszahl wurde genauso wie das bewohnte Gebiet immer kleiner, da samtliche Cromsaggi auf einen Kontinent zogen, um das wenige zu erhalten, das von ihrer Zivilisation und ihren Errungenschaften ubriggeblieben war, und um in bequemer Entfernung zum Kampfen zueinander zu sein. Archaologische Spuren deuten darauf hin, da? die Cromsaggi anfangs nicht kriegerisch gewesen waren, doch die Notwendigkeit, zu kampfen und sich oftmals auch gegenseitig umzubringen, damit die Spezies insgesamt uberleben konnte, hatte sie dazu gemacht; und zu dem Zeitpunkt, als die Tenelphi sie entdeckt hatte, war der Brauch des Zweikampfs zwischen allen erwachsenen DCSLs der Spezies schon seit vielen Jahrhunderten in Fleisch und Blut ubergegangen.

„Obwohl die Entscheidung aus dem verstandlichsten aller medizinischen Grunde heraus, namlich viele Leben zu retten, getroffen worden ist, waren die Folgen der Einleitung einer vollstandigen und kurzzeitigen Heilbehandlung gegen die Seuche ohne vorherige Kenntnis dieser geistig-seelischen Ausrichtung nicht vorauszusehen“, fuhr Thornnastor fort. „Moglicherweise — und darin stimmt Chefpsychologe O'Mara mit mir uberein — haben die Cromsaggi, die behandelt worden sind, gemerkt, da? sie sich besser und kraftiger gefuhlt haben als je zuvor, und unterbewu?t mu? ihnen klar geworden sein, da? fur sie keine Notwendigkeit mehr bestand, zu kampfen und sich gegenseitig in gro?tmogliche Gefahr zu bringen, um zu sexueller Erregung zu kommen. Aber seit vielen Jahrhunderten war ihnen von Kindesbeinen an beigebracht worden, der Paarung mit einem Angehorigen des anderen Geschlechts gehe ein Zweikampf mit einem gleichgeschlechtlichen Cromsaggi voraus, und das stellt einen Grad der geistig-seelischen Ausrichtung dar, der der Macht eines evolutionaren Gebots unterliegt. Je mehr sich daher ihr Gesundheitszustand verbesserte, desto starker wurde der Drang, zu kampfen und sich fortzupflanzen. Die vielen jungen DCSLs, bei denen die Auswirkungen der Seuche die korperliche Entwicklung gehemmt hatten und die plotzlich geschlechtsreif geworden waren, haben denselben Zwang zu kampfen verspurt.

Doch die eigentliche Tragodie hat darin bestanden, da? die DCSLs einzeln wie auch als Gruppe vollstandig geheilt waren und uber mehr Kraft verfugten, als ein Cromsaggi seit dem Ausbruch der Seuche je zuvor besessen hatte“, setzte der Tralthaner seine Ausfuhrungen fort. „Vorher waren sie schwach und krank gewesen und hatten nur einen Bruchteil der korperlichen Leistung vollbringen konnen, zu der sie jetzt in der Lage waren. Ihre neugewonnene Kraft hat die Angst vor Schmerzen und vor dem Tod verringert und es ihnen zugleich erschwert, das Ausma? der dem Gegner zugefugten oder der von ihm erhaltenen Verletzungen im voraus abzuschatzen. Da der Kontrahent auf einmal genauso stark und somit ebenburtig war, haben sich als Folge davon samtliche Erwachsenen auf Cromsag gegenseitig umgebracht, und nur die Sauglinge und Kinder sind am Leben geblieben.

Das sind in aller Kurze und Einfachheit die Hintergrunde des Vorfalls auf Cromsag“, schlo? Thornnastor.

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