Braithwaite als auch von der Auszubildenden Cha Thrat gelobt wurde, allerdings nicht von Major O'Mara.
Wie ihm der Chefpsychologe mitgeteilt hatte, lobe er nie jemanden, weil es seine Aufgabe sei, die Leute auf den Boden der Tatsachen zuruckzuholen und nicht, sie abheben zu lassen. In dieser Bemerkung konnte Lioren weder einen medizinischen noch einen semantischen Sinn erkennen, weshalb er zu dem Schlu? gelangte, es musse sich um das handeln, was die terrestrischen DBDGs als Witz bezeichneten.
Seine wachsende Neugier gegenuber den beiden Wesen, mit denen er so viel Zeit verbrachte, konnte Lioren nicht einfach ubergehen, aber die Mitarbeiter der Abteilung durften ihre psychologischen Akten nicht gegenseitig einsehen, und seine beiden Kollegen stellten weder personliche Fragen, noch beantworteten sie welche. Vielleicht war das in der Abteilung Vorschrift, oder O'Mara hatte die beiden aufgefordert, ihre naturliche Neugier aus Rucksicht auf Liorens Gefuhle im Zaum zu halten.
Doch dann gab Cha Thrat eines Tages zu verstehen, da? diese Vorschrift au?erhalb des Buros nicht gelte.
„Sie sollten den Bildschirm mal fur eine Weile vergessen und Ihrem Kopf eine Ruhepause von Cresk-Sars endlosen Berichten uber die Fortschritte der Auszubildenden gonnen, Lioren“, riet ihm die Sommaradvanerin, als sie gerade zum Mittagessen gehen wollte. „Lassen Sie uns doch gemeinsam eine Kleinigkeit zu uns nehmen.“
Einen Augenblick lang zogerte Lioren, da er an die standig uberfullte Kantine fur warmblutige Sauerstoffatmer im Hospital dachte und vor allem an die vielen Wesen, denen er auf dem Weg dorthin auf den belebten Korridoren begegnen mu?te. Er war sich nicht sicher, ob er dafur schon bereit war.
Bevor er antworten konnte, fuhr Cha Thrat fort: „In den Versorgungscomputer fur Speisen und Getranke ist bereits ein vollstandiges tarlanisches Menu einprogrammiert worden, das naturlich synthetisch ist, aber trotzdem viel besser als diese geschmacklose Pampe schmeckt, die aus dem Essensspender in der Unterkunft kommt. Wenn der Computer von dem einzigen tarlanischen Personalangehorigen links liegengelassen wird, mu? er sich doch verletzt, gekrankt, ja sogar beleidigt fuhlen. Warum kommen Sie nicht einfach mit und machen ihn glucklich?“
Computer hatten keine Gefuhle, und das mu?te Cha Thrat genausogut wissen wie er. Vielleicht hatte sie einen sommaradvanischen Witz gemacht.
„Also gut, ich komme mit“, willigte Lioren schlie?lich ein.
„Ich auch“, sagte Braithwaite. Nach Liorens Wissen blieb das Vorzimmer zum erstenmal unbeaufsichtigt, und er fragte sich, ob dadurch nur einer seiner Kollegen oder beide O'Maras Mi?fallen riskierten. Doch aufgrund ihres Verhaltens auf dem Weg zur Kantine und durch die bestimmte, aber unauffallige Art, in der sie jedes Mitglied des medizinischen Personals abschreckten, das geneigt schien, Lioren aufzuhalten und mit ihm zu sprechen, wurde klar, da? sie mit Zustimmung des Chefpsychologen handelten. Und als sie an einem Tisch, der fur melfanische ELNTs konstruiert war, drei freie Platze fanden, stellten Braithwaite und Cha Thrat sicher, da? Lioren zwischen ihnen blieb. Au?er ihnen befanden sich noch funf kelgianische DBLFs am Tisch, die lautstark den Ruf einer nicht namentlich genannten Oberschwester ruinierten, wahrend sie gerade aufstehen wollten, um die Kantine zu verlassen. Vor diesen Wesen gab es kein Entrinnen, denn gegen kelgianische Neugier ist kein Kraut gewachsen.
„Ich bin Schwester Tarsedth“, stellte sich eine der DBLFs vor, wobei sie Lioren den schmalen, kegelformigen Kopf zuwandte. „Ihre sommaradvanische Freundin ist zwar eine gute Bekannte von mir, weil wir zusammen in der Ausbildung gewesen sind, erkennt mich aber nie, da sie, wie sie beharrlich behauptet, trotz ihrer vier Augen die Kelgianer nicht auseinanderhalten kann. Doch meine Fragen sind an Sie gerichtet, Oberstabsarzt. Wie fuhlen Sie sich? Offenbaren sich Ihre Schuldgefuhle in psychosomatischen Anfallen? Was fur eine Therapie hat sich O'Mara fur Sie ausgedacht? Zeigt sie schon Wirkung? Wenn das nicht der Fall sein sollte, kann ich vielleicht etwas tun, um Ihnen zu helfen?“
Auf einmal fing Braithwaite an, unubersetzbare Laute von sich zu geben, und seine Gesichtsfarbe war von einem bla?gelben Rosa in ein sattes Rot ubergegangen.
Tarsedth warf einen kurzen Blick auf Braithwaite und sagte dann zu Lioren: „Denken Sie sich nichts dabei. Das kommt oft vor, wenn Luft- und Speiserohre eine gemeinsame Offnung haben. Anatomisch gesehen ist die terrestrische DBDG-Lebensform eine Katastrophe.“
Anatomisch gesehen war die Kelgianerin eine Schonheit, dachte Lioren, wahrend er sich angestrengt bemuhte, sich auf die Fragestellerin selbst zu konzentrieren, um den Qualen zu entgehen, die ihre Fragen verursachten. Sie gehorte zur physiologischen Klassifikation DBLF und war eine warmblutige Sauerstoffatmerin mit zahlreichen Beinen und einem biegsamen, zylinderformigen Korper, der vollstandig von einem au?erst beweglichen, silbrigen Fell bedeckt war. Das Fell befand sich in standiger Bewegung, und breite Krauselungen, die gelegentlich von kleinen Strudeln und Wellen durchkreuzt wurden, verliefen langsam vom kegelformigen Kopf bis zum Schwanz hinab, als ob der unglaublich feine Pelz eine Flussigkeit ware, die von einem nicht spurbaren Wind aufgewuhlt wurde. Dieses Fell erklarte und entschuldigte zugleich die ungehobelte und direkte Art, in der die Kelgianerin ein Thema angesprochen hatte, das, wie sie wissen mu?te, sehr heikel war.
Aufgrund der unzulanglichen Anatomie der kelgianischen Sprechorgane wies die Sprechweise der DBLFs keine Intonation und Akzentuierung und damit keinerlei emotionale Ausdrucksfahigkeit auf. Doch das wurde durch das au?erst bewegliche Fell ausgeglichen, das die Empfindungen des Sprechers, zumindest fur einen Kelgianer, vollstandig, aber auch unwillkurlich widerspiegelte. Deshalb waren diesen Wesen Begriffe wie Luge, Diplomatie, Taktgefuhl oder gar Hoflichkeit vollkommen fremd. Ein Kelgianer sagte immer genau das, was er meinte oder fuhlte, da das Fell standig seine Empfindungen verriet und er es als Dummheit und reine Zeitverschwendung betrachtet hatte, sich anders zu verhalten. Aber die Kelgianer hatten es auch mit den meisten anderen Lebensformen nicht gerade leicht, denn durch die Hoflichkeit und die sprachlichen Umschreibungen, der sich viele Spezies bedienten, lie?en sie sich wiederum leicht verwirren und irritieren.
„Schwester Tarsedth, ich fuhle mich sehr unwohl, aber eher in psychologischer als in korperlicher Hinsicht“, reagierte Lioren mit leichter Verspatung. „Uber die Therapie, die O'Mara in meinem Fall anwendet, bin ich mir bisher selbst nicht ganz im klaren, doch da ich zum erstenmal seit der Urteilsverkundung in die Kantine gehen durfte, wenn auch nur in Begleitung von zwei Beschutzern, liegt es nahe, da? sie entweder allmahlich eine Wirkung zeigt oder sich mein Zustand vielleicht trotz der Therapie verbessert. Falls Sie nicht nur aus reiner Neugier gefragt haben und Ihr Hilfsangebot mehr als blo? ein freundliches Wort sein soll, schlage ich Ihnen vor, zu Einzelheiten der Therapie und der Fortschritte — wenn es welche gibt — den Chefpsychologen hochstpersonlich zu befragen.“
„Sind Sie verruckt geworden?“ entgegnete die Kelgianerin aufgebracht, wobei sich ihr silbriges Fell plotzlich zu Stacheln bundelte. „Ich werde mich schwer huten, ihm diesbezuglich irgendwelche Fragen zu stellen. O'Mara wurde mir jedes Haar einzeln aus dem Fell rei?en!“
„Und das wahrscheinlich ohne Betaubung“, fugte Cha Thrat hinzu, als sich Tarsedth entfernte.
Begleitet von einem akustischen Signal, das Lioren daran hinderte, die Antwort der Kelgianerin zu horen, glitten die Tabletts mit den Gerichten aus der Ausgabeoffnung im Tisch. „Ach, so was essen also die Tarlaner“, staunte Braithwaite und vermied es von da an, auf Liorens Teller zu sehen.
Obwohl er mit derselben Korperoffnung essen und sprechen mu?te, fuhrte der Terrestrier mit Cha Thrat ununterbrochen ein Gesprach, in dem er und die Sommaradvanerin verlockende Pausen einlegten, damit sich Lioren an der Unterhaltung beteiligen konnte. Ganz offensichtlich taten sie beide ihr Bestes, ihn zu beruhigen und seine Aufmerksamkeit von den Nachbartischen abzulenken, von denen aus er allgemein beobachtet wurde, doch bei einem Tarlaner, der sich ganz bewu?t und mit aller Kraft darauf konzentrieren mu?te, nicht gleichzeitig in alle Richtungen zu blicken, hatten sie damit nur wenig Erfolg. Ebenfalls klar war, da? er hier einer nicht gerade subtilen Psychotherapie unterzogen wurde.
Wie er wu?te, waren Cha Thrat und Braithwaite uber seinen Fall voll und ganz informiert, dennoch versuchten sie, ihn dazu zu bringen, diese Auskunfte noch einmal selbst zu wiederholen, um seine momentane Einstellung gegenuber sich selbst und denen, die ihn umgaben, besser einschatzen zu konnen. Dabei bedienten sie sich der Methode, sich uber scheinbar hochst vertrauliche und oft personliche Dinge zu unterhalten: uber ihr vergangenes Leben, ihre personlichen Ansichten uber die Abteilung und ihre Einstellung zu O'Mara und anderen Mitarbeitern des Hospitals, zu denen sie angenehme oder unangenehme Kontakte gehabt hatten, in der Hoffnung, Lioren wurde sich dafur revanchieren. Der Tarlaner horte zwar mit gro?em Interesse zu, sagte jedoch kein Wort, es sei denn, er beantwortete direkt an ihn gerichtete Fragen von seinen beiden Mitarbeitern oder von anderen Personalmitgliedern, die von Zeit zu Zeit an seinem Tisch stehen blieben.
Die Fragen der silberpelzigen Kelgianer beantwortete er so einfach und direkt, wie sie gestellt wurden. Bei einem gewaltig gro?en sechsbeinigen Hudlarer mit der Armbinde eines fortgeschrittenen Krankenpflegeschulers,
