dessen Korper lediglich von einer erst kurzlich aufgetragenen Schicht Nahrungspraparat bedeckt war und der ihm im Vorbeigehen schuchtern „Alles Gute“ zugerufen hatte, bedankte er sich hoflich. Genauso wie bei einem Terrestrier namens Timmins, der die Uniform des Monitorkorps mit dem Rangabzeichen eines Wartungsoffiziers trug. Dieser DBDG sagte ihm, er hoffe, da? die tarlanischen Umweltbedingungen in seiner Unterkunft richtig nachgebildet worden seien, und falls er noch etwas brauchte, um sich wohler zu fuhlen, solle er nicht zogern, ihn darum zu bitten. Ein Melfaner, der die goldgeranderte Binde eines Chefarztes am einen krabbenartigen Arm hatte, blieb stehen, um Lioren mitzuteilen, da? er sich freue, ihn beim Essen in der Kantine anzutreffen, weil er sich schon langst einmal mit ihm habe unterhalten wollen, diesmal aber leider keine Zeit habe, da er in der ELNT- Chirurgie erwartet werde. Daraufhin erklarte ihm Lioren, da? er vorhabe, in Zukunft regelma?ig in der Kantine zu essen, wodurch sich ihnen in nachster Zeit bestimmt haufiger die Gelegenheit zu einer Unterhaltung bote.
Offenbar befriedigte diese Antwort Braithwaite und Cha Thrat, und als der melfanische Arzt die Kantine verlie?, setzten sie das Gesprach fort, dessen Pausen sich Lioren weiterhin standhaft zu fullen weigerte. Hatte er sich in diesem Moment dafur entschieden, zu sprechen und seine Ansichten darzulegen, hatte er gestehen mussen, da? er diese standigen Mahnungen an seine Schuld als Teil der Strafe akzeptieren musse, weil er schlie?lich dazu verurteilt worden sei, mit dem furchtbaren Verbrechen zu leben, das er begangen hatte.
Lioren glaubte nicht, da? seine beiden Kollegen erfreut gewesen waren, dies zu horen.
Wie er aus ihren Erzahlungen entnehmen konnte, stand es den Mitarbeitern der psychologischen Abteilung frei, im Hospital uberall hinzugehen und mit jedem Personalangehorigen — vom untersten Krankenpflegeschuler oder Wartungslehrling bis zu den fast gottgleichen Diagnostikern hochstpersonlich — zu sprechen oder ihn auszufragen, und das zu jeder Zeit, solange es sich nicht nachteilig auf die Ausubung der beruflichen Pflichten der betreffenden Person auswirkte. Folglich uberraschte es nicht, da? sie sich mit ihrer Befugnis, sich in jedermanns ganz private Angelegenheiten einzumischen, beim Personal nicht gerade viele Freunde machten. Was hingegen uberraschte, war, auf welche Weise diese Psychologen aus den verschiedensten Spezies angeworben wurden, und uber welche Fahigkeiten, wenn man sie uberhaupt als solche bezeichnen konnte, sie aus ihren fruheren Berufen verfugten.
So war O'Mara als Bautechniker ans Orbit Hospital gekommen, kurz bevor es in Dienst gestellt worden war, und die Akte uber die Arbeit, die er inmitten des ursprunglichen Personals und der ersten Patienten geleistet und die ihm die Beforderung zum Major und Chefpsychologen eingebracht hatte, durfte nicht mehr eingesehen werden. Allerdings gab es ein Gerucht, nach dem er einst ganz allein und ohne Hilfe von schweren Hebemaschinen oder Translatoren fur einen hudlarischen Saugling, der zur Waise geworden war, die Amme gespielt hatte. Doch diese Geschichte hielt Lioren fur zu unwahrscheinlich, als da? sie auf Tatsachen hatte beruhen konnen.
Nach dem, was ausgesprochen wurde oder auch unausgesprochen blieb, hatte Lieutenant Braithwaites Laufbahn in der Abteilung fur die Verstandigung mit fremden Spezies und Kulturkontakt des Korps begonnen, in der er anfangs Anla? zu den gro?ten Hoffnungen gegeben und noch gro?ere Ungeduld gegenuber seinen Vorgesetzten an den Tag gelegt hatte. Seine Arbeit schien er damals voller Begeisterung, Hingabe, Selbstvertrauen und Intuition zu verrichten, und unabhangig davon, ob sich diese Intuition — wie in der Mehrzahl der Falle — als zuverlassig oder als unsicher herausstellte, das Ergebnis erwies sich fur die Verantwortlichen jedesmal als eine starke Belastung. Braithwaites Versuch, das Erstkontaktverfahren auf Keran dadurch zu beschleunigen, da? die philosophisch konservative Priesterschaft ubergangen wurde, fuhrte beispielsweise zu einem landesweiten religiosen Aufruhr, in dem viele Kerani verletzt wurden und umkamen. Daraufhin erhielt Braithwaite eine Disziplinarstrafe und durchlief eine Reihe von untergeordneten Stellungen in der Verwaltung, von denen sich sowohl fur Braithwaite als auch fur seine Vorgesetzten keine als geeignet erwies, bis er schlie?lich ans Orbit Hospital versetzt wurde. Fur kurze Zeit arbeitete er in der Sektion ??„Hauskommunikation“ innerhalb der Wartungsabteilung, wo er bei dem Versuch, das Ubersetzungsprogramm fur die vielen verschiedenen Sprachen, die im Hospital gesprochen wurden, zu uberarbeiten und zu vereinfachen, den Hauptcomputer zum Absturz brachte und samtlichen Mitarbeitern des Krankenhauses und den Patienten die Moglichkeit nahm, etwas anderes zu tun, als sich mehrere Stunden lang gegenseitig in unverstandlichen Lauten anzubellen, anzukollern oder anzupiepsen. Colonel Skempton war von dem, was Braithwaite zu erreichen gehofft hatte, weniger beeindruckt gewesen als von dem Chaos, das von ihm angerichtet worden war, und hatte ihn schon auf den einsamsten und entferntesten Au?enposten des Monitorkorps in der Foderation verbannen wollen, als letztendlich O'Mara zugunsten des Lieutenants eingeschritten war.
Ebenso war auch Cha Thrats Laufbahn von personlichen und beruflichen Schwierigkeiten uberschattet worden. Sie war die erste und bislang einzige Sommaradvanerin, die die Eignung zur Chirurgin fur Krieger erworben und diese Tatigkeit ausgeubt hatte, womit sie in einem Beruf, der ansonsten ausschlie?lich mannlichen Mitgliedern ihrer Spezies vorbehalten war, eine sehr bedeutende Stellung eingenommen hatte. Zwar war sich Lioren nicht sicher, was ein Chirurg fur Krieger von Sommaradva sein oder tun sollte, aber Cha Thrat war es gelungen, ein Mitglied einer au?erplanetarischen Spezies erfolgreich zu behandeln, namlich einen terrestrischen Offizier vom Monitorkorps, der bei einem Flugzeugabsturz sehr schwer verletzt worden war und den Cha Thrat noch nie zuvor gesehen hatte. Da das Korps von ihrem chirurgischen Konnen und ihrer geistigen Beweglichkeit beeindruckt war, bot es ihr damals die Moglichkeit, sich am Orbit Hospital im galaktischen Sektor zwolf in der Chirurgie vieler verschiedener Spezies ausbilden zu lassen. Dieses Angebot nahm Cha Thrat an, weil sie wu?te, da? die zu fremden Spezies gehorenden Arzte am Hospital ihre Arbeit — anders als es auf Sommaradva ublich war — nach dem fachlichen Wert beurteilen wurden, ohne sich darum zu kummern, ob Cha Thrat mannlich oder weiblich war.
Doch die leidenschaftliche Hingabe und die strengen medizinischen Regeln eines Chirurgen fur Krieger von Sommaradva, die in vieler Hinsicht denen von Liorens tarlanischer Arzteschaft ahnelten, hatten nicht denen des Orbit Hospitals entsprochen. Cha Thrat ging zwar nicht auf nahere Einzelheiten ihrer Vergehen ein, sondern deutete nur an, da? jedes Personalmitglied erpicht darauf ware, Liorens Neugier in dieser Angelegenheit zu stillen, aber nach dem Eindruck, den er gewann, hatte sie als Auszubildende zu viel medizinische Initiative an den Tag gelegt und ihren nominellen Vorgesetzten zu oft bewiesen, da? sie sich im Irrtum befanden. Nach einem besonderen Zwischenfall, bei dem sie vorubergehend einen Arm verlor, wollte keine Station im Hospital sie mehr zur Ausbildung annehmen. Deshalb wurde Cha Thrat — wie Braithwaite — zur Wartungsabteilung versetzt und arbeitete dort, bis ein schwerwiegender Akt des Ungehorsams, der durch die damaligen medizinischen Umstande gerechtfertigt war, zu ihrer Entlassung fuhrte. Und wieder wie bei Braithwaite war es letztendlich O'Mara gewesen, der Cha Thrat davon abgehalten hatte, das Hospital zu verlassen, indem er sie fur die psychologische Abteilung angeworben hatte.
Im weiteren Verlauf des Gesprachs, das ihn sowohl informieren als auch aus der Reserve locken sollte, spurte Lioren eine wachsende Zuneigung zu diesen beiden Wesen. Wie er selbst waren auch sie mit zuviel Intelligenz, Individualitat und Initiative gestraft und hatten schwer darunter gelitten.
Naturlich waren ihre Vergehen im Vergleich zu Liorens Verbrechen geringfugig, weil es sich bei den beiden eher um Au?enseiter mit psychologischen Defekten als um Kriminelle handelte und sie fur das Unrecht, das sie begangen hatten, nicht voll verantwortlich waren. Aber gestanden sie ihm diese Delikte in der Form einer scheinbar belanglosen Plauderei ein, damit er sie beide und auch die Situation in der psychologischen Abteilung wirklich besser verstand? Oder handelte es sich eher um den Versuch, lediglich die eigenen Schuldgefuhle durch das Bemuhen, ihm zu helfen, zu mindern? Da die beiden im Gegensatz zu Lioren ihre wahren Gefuhle verbargen, indem sie nicht schwiegen, sondern fortwahrend redeten, konnte er sich dessen nicht sicher sein. Es ging ihm sogar der beunruhigende Gedanke durch den Kopf, da? Braithwaite und Cha Thrat womoglich gar nicht unter Schuldgefuhlen litten und durch ihre Bemuhen, Lioren zu helfen, sowie durch ihre anderen Aufgaben in der Abteilung ihre fruheren Vergehen verga?en. Allerdings verwarf er diesen Gedanken sogleich als vollig absurd, da man ein einst begangenes Verbrechen ebensowenig vergessen konnte wie den eigenen Namen.
„Lioren, was ist denn?“ fragte Braithwaite plotzlich. „Sie essen nichts und unterhalten sich auch nicht mit uns. Mochten Sie lieber wieder ins Buro?“
„Nein, jetzt noch nicht“, antwortete Lioren. „Mir ist ubrigens durchaus klar, da? es sich bei diesem Kantinenbesuch um einen psychologischen Test gehandelt hat und Sie genauestens auf meine Au?erungen und mein Verhalten geachtet haben. Au?erdem haben Sie, was ganz bestimmt auch zum Test gehort hat, Fragen uber sich selbst beantwortet, ohne da? ich sie stellen mu?te, auch wenn einige davon so personlich gewesen sind, da? ich es fur hochst unhoflich gehalten hatte, sie an Sie zu richten. Doch jetzt werde ich Ihnen eine ganz direkte Frage stellen. Zu welchen Schlu?folgerungen sind Sie durch Ihre Beobachtungen gekommen?“
Braithwaite blieb stumm, deutete jedoch mit einer leichten Kopfbewegung an, da? Cha Thrat antworten
