Sonnensystem sofort zu verlassen, um kurz darauf samtliche Gerate der Fremdweltler zu zertrummern. Nur die Mitglieder einer kleinen, isolierten Gruppe hatten einen Hauch von Abneigung dagegen gezeigt, den Kontakt abzubrechen, doch auch sie zerstorten schlie?lich die Kommunikatoren, die man ihnen geschickt hatte.
Offensichtlich handelte es sich bei den Wemarern um eine sehr stolze Spezies, die die von den Fremdweltlern angebotene Hilfe unter keinen Umstanden annehmen wollte.
Um das Risiko einer weiteren Verscharfung der Lage zu vermeiden, befolgte der Kommandant des Monitorkorpsschiffs, das den Erstkontakt einleiten sollte und sich auf Umlaufbahn um Wemar befand, den ersten Befehl der Wemarer, indem er keine Kommunikatoren mehr abwarf, und mi?achtete den zweiten in der Gewi?heit, da? die an ihren Planeten gefesselte Spezies nichts gegen das im Orbit befindliche Schiff unternehmen konnte, und setzte die Untersuchung der Planetenoberflache fort. Kurz darauf hatte man Wemar zum Notstandsgebiet erklart und die Rhabwar losgeschickt, um die medizinischen Schwierigkeiten abschatzen und sich — falls moglich — eine Losung vorschlagen zu lassen.
Tatenlos zuzusehen, wahrend eine intelligente Spezies versuchte, geschlossen Selbstmord zu begehen, war noch nie die Politik der Foderation gewesen.
In einer Entfernung, die mehr als zehnmal so gro? wie der Durchmesser Wemars war, tauchte die Rhabwar aus dem Hyperraum auf. Aus dieser Distanz erschien Wemar wie jeder andere normale bewohnte Planet: Die Umrisse der Kontinente und der polaren Eisflachen wurden von geschlossenen oder zerzausten Wolkendecken und den dicken wei?en Spiralen der Tiefdruckgebiete verwischt und teilweise unterbrochen. Erst als sich die Rhabwar auf den Abstand von einem Planetendurchmesser genahert hatte, wurden die anomalen Einzelheiten deutlich sichtbar.
Obwohl uberall genugend Regenwolken uber den Himmel zogen, wies die Oberflachenvegetation lediglich in einem schmalen Streifen rings um den Aquator Spuren normalen Wachstums auf. Ober- und unterhalb des Grungurtels nahm die Farbung zu den nordlichen und sudlichen gema?igten Zonen hin zunehmend Gelb- und Brauntone an, bevor sie sich in der Tundra am Rande der polaren Eisgebiete ganz verlief. Ausgedehnte Wustenflachen waren in diesen Gebieten nicht zu entdecken; es war einfach so, da? die einst dichten Walder und welligen Wiesen abgestorben und verdorrt oder aufgrund wetterbedingter Blitzeinschlage in gro?en Feuersbrunsten verbrannt waren, die sich durch ganze Landschaften gefressen haben mu?ten — und die neue Vegetation kampfte sich noch immer durch die Asche der alten ans Licht.
Auf dem Unfalldeck war man nach wie vor in diesen Anblick versunken, ohne ihn jedoch zu genie?en, als der Captain auf dem Bildschirm des Kommunikators erschien.
„Doktor Prilicla, wir haben eine Nachricht von Captain Williamson von der Tremaar erhalten“, meldete Fletcher. „Wie er sagt, ist es fur den Einsatz nicht erforderlich, da? die Rhabwar an seinem Schiff ankoppelt, aber er wurde gern gleich mit Ihnen sprechen.“
Nach Gurronsevas Auffassung bekleidete der Kommandant eines Vermessungs- und Erstkontaktschiffs des Monitorkorps bestimmt einen sehr viel hoheren Rang als der Captain eines Ambulanzschiffs, und dieser hier hatte offenbar vor, nun davon Gebrauch zu machen.
„Chefarzt Prilicla“, meldete sich Williamson ohne Einleitung, „ich mochte niemanden personlich beleidigen, aber ich bin ganz und gar nicht erfreut, Sie hier zu sehen. Das liegt daran, da? ich nicht glucklich mit einer Einsatzphilosophie bin, der fast so etwas wie Verzweiflung zugrunde liegt und die anscheinend von der Annahme ausgeht, da?, wenn Ihre Anwesenheit hier nicht schadet, sie vielleicht etwas nutzen konnte. Aus Ihren Anweisungen wissen Sie ja bereits, da? die Lage hier ziemlich vertrackt ist, und fur eine Verbesserung gibt es keinerlei Anzeichen. Zwar uberwachen wir den Planeten standig mit Kameras und Oberflachensensoren, aber wir stehen mit niemandem auf Wemar in direkter Verbindung. Dort unten gibt es eine kleine Gruppe von Wemarern, die moglicherweise etwas weniger stolz und halsstarrig oder einfach intelligenter als die anderen ist und von der wir den Eindruck gewonnen haben, da? ein paar von ihren Mitgliedern durchaus der Auffassung waren, von unseren Hilfsangeboten profitieren zu konnen. Doch auch diese Wemarer haben schlie?lich aufgehort, mit uns zu sprechen, und die Translatoren zerstort. Ich personlich glaube nach wie vor an die Moglichkeit, da? diese Gruppe die Verbindung wiederaufnimmt — vorausgesetzt, wir unterlassen alles, was sie kranken konnte — und uns, wenn wir vorsichtig vorgehen, in die Lage versetzt, erneut in Kontakt mit den anderen, weniger zuganglichen Gruppen zu treten, die mit der Zeit die umfangreiche Katastrophenhilfe akzeptieren werden, die sie so dringend benotigen.“
Williamson holte tief Luft und fuhr fort: „Unabhangig von Ihren guten Absichten, Doktor, konnte das ungebetene Hereinplatzen der Rhabwar in eine derartige Situation all diese schwachen Hoffnungen fur die Zukunft zunichte machen. Und falls Sie in einem Gebiet in Aquatornahe landen sollten, wo die politische Macht und die Uberreste der Verteidigungstechnik der Wemarer konzentriert sind, konnte das sogar zu Schaden an Ihrem Schiff und zu Opfern unter der Besatzung fuhren. Die Bemuhungen eines kleinen medizinischen Teams werden sich nicht wesentlich auf die hiesigen Umstande auswirken, au?er vielleicht zum Schlechten.“
Wahrend der Captain der Tremaar all das sagte, verfolgte Gurronsevas mit prufendem Blick dessen Verhalten und die kleinen Veranderungen im Gesichtsausdruck. Bei Williamson handelte es sich um einen Terrestrier, der in vieler Hinsicht Chefpsychologe O’Mara ahnelte. Die buschigen Sicheln uber den Augen und der Kopfbewuchs, der unter der Uniformmutze hervorlugte, wiesen dieselbe metallisch graue Tonung auf, die Augen wandten sich niemals ab und blinzelten nicht, und die Au?erungen des Captains waren von jener Selbstsicherheit erfullt, die aus der Gewohnheit, Befehle zu erteilen, resultierte. Vom Auftreten her war Williamson jedoch wesentlich hoflicher als O’Mara.
Schon die zuvor erhaltenen Instruktionen hatten angedeutet, da? sich das medizinische Team auf einige Auseinandersetzungen mit den vor Ort befindlichen Autoritaten gefa?t machen konnte, aber das hier klang nach Gurronsevas Dafurhalten nach einer wirklich ernsthaften Meinungsverschiedenheit. Er fragte sich, was ein schuchterner und zuruckhaltender Empath wie Prilicla gegen einen derart starken Widerstand ausrichten konnte.
„Leider kann ich Ihnen nicht befehlen, zuruck zum Orbit Hospital zu fliegen, weil Sie theoretisch an jedem Katastrophenort automatisch die Einsatzleitung ubernehmen, und die hiesige Lage konnte sich schnell zu einer Katastrophe von ungeahnter Gro?enordnung entwickeln. Doch bei den Wemarern handelt es sich um eine stolze Spezies, deren Zivilisation zwar untergeht, aber — wie es in solchen Situationen oft der Fall ist — noch viel von der Waffentechnik bewahrt hat. Wir wollen hier keinen weiteren Zwischenfall wie den auf Cromsag riskieren. Um der Sicherheit Ihrer Besatzung willen und zur Vermeidung des seelischen Schocks, den ein Empath durch einen Fehlschlag mit Opfern erleiden konnte, den er zu verantworten hatte, mochte ich Ihnen dringend raten, sofort zum Orbit Hospital zuruckzukehren.
Bitte denken Sie ernsthaft uber meinen Ratschlag nach, Doktor, und lassen Sie mich Ihre Absichten so bald wie moglich wissen“, schlo? Williamson.
Prilicla schwebte weiterhin ruhig vor der Kamera des Kommunikators in der Luft und lie?, wie Gurronsevas sah, keinerlei Anzeichen einer Einschuchterung erkennen — vielleicht kannte er auch nur eine einzige Art, auf die er einem anderen denkenden Wesen, ungeachtet dessen hohen Rangs oder schlechter Manieren, gegenubertrat. „Captain, fur die Sorge um die Sicherheit meiner Besatzung und fur die ganz richtige Befurchtung, ich personlich wurde psychisch darunter leiden, falls jemand Verletzungen davontruge, bin ich Ihnen dankbar“, antwortete der Empath. „Nachdem Ihnen das bekannt ist, mussen Sie ebenfalls wissen, da? ich zur korperlich zerbrechlichsten, schuchternsten und unabanderlich feigsten Spezies der Foderation gehore. Wir Cinrussker schrecken vor nichts zuruck, um korperliche Schmerzen oder emotionales Unbehagen von uns selbst und denjenigen, die sich gerade in unserer Nahe befinden, abzuhalten, was fur einen Empathen ein und dasselbe ist. Mein Freund, da? ich keine unnotigen Risiken eingehe, ist ein Naturgesetz, ein Gebot der Evolution.“
Williamson schuttelte ungeduldig den Kopf. „Sie sind der ranghochste medizinische Offizier auf der Rhabwar, dem Ambulanzschiff, das mehr hoch gefahrliche Rettungseinsatze durchgefuhrt hat als jedes andere Schiff des Monitorkorps“, entgegnete er. „Naturlich konnen Sie behaupten, da? diese Risiken zum jeweiligen Zeitpunkt notwendig und unvermeidlich gewesen sind, und zwar selbst fur ein Wesen, fur das Feigheit lebensnotwendig ist. Aber bei allem Respekt, Doktor, die Gefahren, die Sie auf Wemar auf sich nehmen wurden, sind uberflussig, vermeidbar und dumm.“
Prilicla zeigte keinerlei korperliche Reaktion auf die barschen Worte des Captains, und das mu?te, wie Gurronsevas schlagartig klar wurde, daran liegen, da? sich die Tremaar viele tausend Kilometer entfernt auf der Umlaufbahn um Wemar befand und selbst fur einen Empathen von Priliclas Feinfuhligkeit zu weit entfernt war, um Williamsons emotionale Ausstrahlung noch wahrzunehmen. In freundlichem Ton antwortete Prilicla: „Als erstes
