dem er einmal ein Bild gesehen hatte. Die Unterschiede bestanden darin, da? der Kopf der Wemarer gro?er war und ein Maul mit wirklich furchterregenden Zahnen besa?; die kurzen Vorderglieder endeten in sechsfingrigen Handen, deren Daumen den Fingern gegenubergestellt werden konnten, und der Schwanz war gro?er und schwerer und verjungte sich zu einer breiten, flachen, dreieckigen Spitze, die aus einer starren knochernen Substanz bestand, die wiederum von einer dicken Muskelschicht umgeben war. Die Abflachung am Ende des Schwanzes erfullte, wie Murchison erklarte, einen dreifachen Zweck: Sie diente als wichtigste naturliche Waffe, als Behelfsorgan zur schnellen Fortbewegung, wenn sich der DHCG auf der Jagd befand oder selbst gejagt wurde, und als Transportmittel fur Kinder, die noch zu klein zum Laufen waren.

Unter den Aufnahmen befand sich eine reizende Szene mit zwei Erwachsenen — Gurronsevas war sich immer noch nicht sicher, welcher Wemarer zu welchem Geschlecht gehorte—, die ihre Schwanze und zwei ihrer vergnugt quiekenden Nachkommen hinter sich herzogen, sowie eine weniger entzuckende Sequenz, in der sie sich auf der Jagd befanden. Damit begannen sie, indem sie mit fest verschrankten Armen eine unbeholfene, fast lacherlich wirkende Stellung einnahmen: dabei beruhrte das Kinn den Boden, und die langen Beine waren weit gespreizt, damit sich der Schwanz zwischen ihnen scharf nach oben und unten krummen und so den Gleichgewichtspunkt des Korpers bilden konnte. Wurde der Schwanz plotzlich zu voller Lange gestreckt, diente er als kraftiges drittes Bein, durch das die Wemarer imstande waren, sich funf oder sechs Korperlangen nach vorne zu schnellen.

Wenn der Jager nicht direkt auf seiner Beute landete und das Tier mit den Fu?en bewu?tlos trat, bevor er es mit einem tiefen Bi? in die Halswirbel und die darunterliegenden Nervenstrange lahmte, dann drehte er sich schnell auf einem Bein um die eigene Achse und erschlug das Opfer auf diese Weise mit der abgeflachten Schwanzspitze wie mit einer stumpfen organischen Axt.

„Obwohl der Schwanz nach unten und nach vorne au?erst biegsam ist, kann er nicht uber die Horizontale des Ruckgrats gehoben werden“, fuhr Murchison fort. „Genaue Einzelheiten werden wir erst erfahren, wenn wir in der Lage sind, eine Untersuchung mit dem Innenscanner vorzunehmen, doch aus dem au?erlich sichtbaren Bau der Rucken- und Schwanzwirbel und der mit ihnen verbundenen Muskulatur konnen Sie erkennen, da? es unmoglich ist, den Schwanz ohne eine schwerwiegende Wirbelverschiebung nah an den Rucken zu biegen. Daher sind der Rucken und die oberen Flanken die einzigen Korperbereiche der Wemarer, die nicht gegen Angriffe durch naturliche Feinde geschutzt sind, die zusatzlich allerdings noch uber ein Uberraschungsmoment verfugen mussen, wenn sie nicht selbst zum Opfer werden wollen.“

Nun folgte eine Szene, die einen Vierbeiner zeigte, der sich von einem uberhangenden Ast auf einen Wemarer sturzte und dessen Fell so schwarz war, da? vom Korper au?er den langen, scharfen Zahnen und den noch langeren Krallen nur wenige Einzelheiten zu erkennen waren. Das Tier schlug dem DHCG die Krallen tief in den von einem Mantel bedeckten Rucken und ri? ihm an der Seite den Hals auf, wahrend der Wemarer mit Hilfe seines Schwanzes wie wild umhersprang und versuchte, das Tier abzuschutteln, damit er seinen Speer einsetzen konnte. Entweder durch Zufall oder mit Absicht stie? der DHCG schlie?lich bei einem seiner fast senkrechten Sprunge gegen die Unterseite eines anderen uberhangenden Asts und zerquetschte das Raubtier, wobei ihm selbst eine gro?e Menge Blut und innere Organe durch den Mund herausgepre?t wurden. Danach sturzten beide zu Boden, wo sie, wie Murchison erklarte, wenige Minuten spater starben.

Bevor ihm von dem Anblick ubel werden konnte, richtete Gurronsevas die Augen auf den nachsten Bildschirm.

„Das Tier mit dem schwarzen Fell ist wahrscheinlich das gefahrlichste Tier, auf das die DHCGs wegen seines Fleisches Jagd machen, und man kann sich auf jeden Fall daruber streiten, wer eigentlich wen fri?t“, setzte Murchison ihre Ausfuhrungen fort. „Doch genug von dieser blutigen Angelegenheit. Die habe ich Ihnen nur gezeigt, um Sie sowohl gegenuber den intelligenten als auch den nichtintelligenten Lebewesen auf Wemar bewu?ter und vorsichtiger zu machen und um einen wichtigen Punkt in der Anatomie der DHCG zu betonen. Die Bestatigung wird bis zu einem Innenscannen des Magens und Verdauungstrakts der Wemarer warten mussen, doch gestutzt auf das, was wir von au?en gesehen haben, konnen wir jetzt schon sagen.“

Fur mehrere Minuten verfiel die Pathologin in eine derma?en massive Fachsprache, da? Gurronsevas nur noch jedes zweite Wort verstand. Doch ihre Schlu?zusammenfassung war, vielleicht mit Rucksicht auf den Tralthaner, klar verstandlich und schlicht.

„…folglich kann es keinen Zweifel daran geben, da? sich die DHCG-Lebensform als Allesfresser entwickelt hat und dies bis heute geblieben ist“, sagte Murchison. „Dafur, da? sie in ihrer Entwicklung jemals den fur wiederkauende Pflanzenfresser charakteristischen mehrteiligen Magen besessen hatte, gibt es keinerlei au?ere Anzeichen, und ich mochte behaupten, ihr Verdauungssystem ist nicht spezialisiert und unserem nicht unahnlich — das hei?t naturlich mit Ausnahme von Danalta. Rechnen Sie den Umstand hinzu, da? die ganz jungen Wemarer dabei beobachtet worden sind, wie sie eine Mischung aus pflanzlichen und tierischen Stoffen gegessen haben, wobei sich der Anteil des Verzehrs von Fleisch mit Erreichen der Pubertat erhoht. Bei einer vernunftbegabten Spezies bedeutet das, die Gewohnheit, Fleisch zu essen, ist eher eine Sache der personlichen Entscheidung als eine physiologische Notwendigkeit. In der Vergangenheit der Wemarer hat es vielleicht einmal Umweltfaktoren oder soziale Umstande gegeben, durch die sie bei dieser Entscheidung beeinflu?t worden sind, doch in der momentanen Situation ist sie, aus welchem Grund auch immer, falsch. Wenn wir die Wemarer nicht dazu bringen konnen, ihre derzeitigen E?gewohnheiten zu andern, werden sie ihre Beutetiere bis zur volligen Ausrottung jagen, wahrend sie selbst verhungern, weil sie das Jagen nicht lassen konnen. Als Bauern waren sie vielleicht imstande, gerade so eben zu uberleben.“

Murchison hielt inne, blickte alle Anwesenden der Reihe nach mit unbeweglicher und ernster Miene an und sagte dann grimmig: „Irgendwie mussen wir einen ganzen Planeten von Fleischessern davon uberzeugen, Vegetarier zu werden.“

Auf ihre Worte folgte eine lange Stille. Weder die Pathologin noch Danalta ruhrten sich, doch Prilicla wurde von der starken emotionalen Ausstrahlung auf dem Unfalldeck regelrecht durchgeschuttelt, und uber Naydrads silbriges ausdrucksfahiges Fell liefen plotzlich kleine Strudel und Wellen, als ob es ebenfalls von einem nicht spurbaren Wind aufgewuhlt wurde.

Mit lauter Stimme fragte sie: „Ist das etwa der Grund, weshalb Gurronsevas mit an Bord ist?“

19. Kapitel

Die Rhabwar drang aus der Umlaufbahn in die Atmosphare des Planeten ein und ging auf Unterschallgeschwindigkeit, um eine Gegend in der nordlichen gema?igten Zone anzufliegen, in der sich laut Williamson eine Siedlung von Wemarern befand, die vielleicht nicht so stolz und feindselig wie die anderen waren. Gurronsevas erhielt die Gelegenheit, aus dem Fenster ein gro?es Stuck der Wemarer Landschaft zu betrachten. Dies geschah allerdings nicht, weil Captain Fletcher der Auffassung war, man wurde an einem langsamen Tiefflug uber die Oberflache eines Planeten, den man noch nicht kannte, Spa? haben, sondern weil es als schlechte Angewohnheit betrachtet wurde, uber einem Gebiet, in dem man auf die Einheimischen einen guten Eindruck zu machen hoffte, einen Uberschallknall zu verursachen.

Die kleinen Narben und Kratzer des Planeten, die durch die gro?e Entfernung des Orbits und die Wolkendecke darunter verschleiert und verharmlost worden waren, erwiesen sich aus der momentanen Flughohe der Rhabwar von tausendfunfhundert Metern als schwere Wunden. Unter dem Ambulanzschiff entfalteten sich eine niedrige, bewaldete Gebirgskette, deren scharfkantige Hange und Gipfel durch von Gelb und Braun durchsetztem Grunbewuchs weiche Umrisse erhielten, und wei?e, grun und braun gesprenkelte Graslandebenen. Auf einem anderen Planeten waren solche Farbvariationen auf jahreszeitliche Veranderungen zuruckzufuhren gewesen, doch wie auch Gurronsevas mittlerweile wu?te, besa? der Planet Wemar keine Achsenneigung.

Einmal uberflogen sie ein schmales, langgestrecktes, schwarz verfarbtes Gebiet, dessen Verlauf der vorherrschenden Windrichtung entsprach. Hier war einst durch einen Blitzeinschlag oder einen leichtsinnigen Einheimischen ein Brand entstanden, der in der fast vollig verdorrten Vegetation schnell verheerende Ausma?e angenommen hatte. Oft sahen sie dicht unter sich die Ruinen der Wemarer Stadte, die sich wie gro?e, graue, ausgetrocknete Wunden in die Luft erhoben. Die Stra?en und Gebaude waren von widerlich gelbem Unkraut uberwuchert, vernachlassigt, verfallen und nur noch von Geistern bewohnt. Gurronsevas war direkt froh, als den grausigen Ausgeburten seiner Phantasie von der Stimme des Captains ein Ende bereitet wurde.

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