feiner gebaute Greiforgane und zwei breite, schimmernde Flugelpaare, mit denen es langsam schlagend ein kurzes Stuck uber dem Tisch schwebte, wahrend es eine lange, fadenartige Substanz, die Gurronsevas sofort als terrestrische Spaghetti erkannte, zu einem fortlaufenden Strang zusammenflocht, bevor es diesen grazil in den Mund beforderte.
Aus nachster Nahe war das zarte Geschopf nach seinem Dafurhalten noch schoner. Fur einen Moment wurde der Schwebeflug des Insekts unruhiger, und aus einer unbekannten Korperoffnung drang eine Folge von melodischen, rollenden Schnalzlauten, die wie eine musikalische Untermalung der Ubersetzung klangen.
„Ja, vielen Dank, mein Freund“, sagte das Wesen. „Ich bin Prilicla. Sie mussen Gurronsevas sein.“
„Und Sie sind offenbar ein Telepath“, antwortete Gurronsevas erstaunt.
„Nein, mein Freund“, widersprach Prilicla, „ich bin Cinrussker. Unsere Spezies verfugt uber Fahigkeiten, durch die wir emotionale Ausstrahlungen wahrnehmen konnen. Doch dabei handelt es sich eher um Empathie als um Telepathie. Sie haben Emotionen ausgestrahlt, die typisch fur jemanden sind, der gerade eine vollig neue Erfahrung macht, dabei aber auch das Unbehagen verspurt, das solche durch starke Neugier uberlagerten Gefuhle normalerweise begleitet. Au?erdem nehme ich bei Ihnen noch andere, schwache Emotionen wahr, durch die diese deutlicheren Anzeichen erhartet werden. Durch diese Hinweise und das Vorwissen, da? man die baldige Ankunft eines Tralthaners erwartet hat, der die Leitung der Diatetikabteilung ubernehmen soll, ist es mir lediglich moglich gewesen, eine hochstwahrscheinlich zutreffende Vermutung anzustellen.“
„Trotzdem bin ich beeindruckt“, sagte Gurronsevas. Die Warmherzigkeit und Freundlichkeit, die von dem kleinen Wesen ausgingen, waren beinahe greifbar. „Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?“
„Sie sind viel zu freundlich, verdammt noch mal!“ beklagte sich lauthals ein gro?er Orligianer, der dem freien Platz gegenubersa?. Er war schon alter, und das borstige graue Fell verdeckte die Gurte des Translators fast vollstandig. Zudem sa? er nicht besonders bequem auf der Kante des melfanischen Stutzgestells, das am Tisch stand. Das alles mochte zu seinem Mangel an Hoflichkeit beigetragen haben. „Ich bin ubrigens Yaroch-Kar, Fremder“, stellte er sich in freundlicherem Tonfall vor. „Nehmen Sie einfach rasch Platz, bevor es jemand anders tut. Wie Sie namlich bald feststellen werden, leiden hofliche Leute hier schnell unter schwerer Unterernahrung.“
Weiter unten am Tisch stie? ein Terrestrier die Laute aus, die Gurronsevas als Lachen zu erkennen gelernt hatte, und der Orligianer fuhr fort: „Der Automat fur die Bestellung und Auslieferung des Essens funktioniert nach dem ublichen Prinzip. Geben Sie einfach Ihre Biologische Klassifikation ein, und schon werden die vorhandenen Gerichte auf dem Display aufgelistet. Da wir hier im Hospital eine Menge Tralthaner haben, ist die Auswahl gut, auch wenn man sich uber Qualitat und Geschmack der Gerichte streiten kann.“
Gurronsevas entgegnete nichts und korrigierte seinen ersten Eindruck von diesem anfangs so unhoflich auftretenden Orligianer; offenbar bemuhte sich dieses Wesen lediglich darum, ihm behilflich zu sein.
„Bei Neulingen wie Ihnen kommt es manchmal vor, da? man sich vom blo?en Anblick der anderen Gerichte oder vielleicht auch der Tischnachbarn selbst derart belastigt fuhlt, da? einem der Appetit vergeht“, setzte der Orligianer seine Ausfuhrungen fort. „Sollte das bei Ihnen der Fall sein, behalten Sie einfach ein Auge auf Ihrem Teller und schlie?en Sie die ubrigen. Dadurch wird sich hier niemand beleidigt fuhlen. Falls Sie allerdings wirklich derjenige sein sollten, der fur die Qualitat der Hospitalkost — besser gesagt: fur deren Mangel daran — verantwortlich ist, dann wurden Sie sich das Leben leichter machen, wenn Sie diesen Umstand so lange wie moglich fur sich behielten.“
„Herzlichen Dank fur die Auskunft und die guten Ratschlage“, sagte Gurronsevas, „doch bedauerlicherweise kann ich sie nicht alle annehmen.“
„Sie sind schon wieder zu hoflich“, wandte der Orligianer ein und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Essen zu.
Als Gurronsevas an den Tisch herantrat, wobei er darauf achtete, die Beine zu spreizen und es nicht darauf ankommen zu lassen, den melfanischen Stuhl zu verbiegen, indem er sich mit der Unterseite des Korpers darauf abstutzte, horte er wieder die rollenden Schnalzlaute Priliclas.
„Da ich sowohl Ihren Hunger als auch Ihre Neugier auf meine Essensmethode spure, bitte ich Sie, den ersten Trieb zu befriedigen, wahrend ich den zweiten stille.“
Gurronsevas gab seine Bestellung uber die Tastatur ein; nach seiner Auffassung mochte Prilicla zwar kein Telepath sein, doch verfugte dieses spinnenartige, zierliche Wesen uber derart feine empathische Fahigkeiten, da? es kaum einen Unterschied machte.
„Ich finde, das Essen wahrend des Flugs fordert die Verdauung“, fuhr der Cinrussker fort und beantwortete damit die erste unausgesprochene Frage. „Au?erdem tragt die von den Flugeln aufgewirbelte Luft zum Abkuhlen der Suppe meiner terrestrischen Freunde bei, falls sie zum schnellen Ausloffeln zu hei? sein sollte. Bei der fadenartigen Substanz, die ich zusammenflechte und zu mir nehme, handelt es sich naturlich um das terrestrische Hauptnahrungsmittel namens Spaghetti, das bei den DBDGs vom Wartungspersonal au?erst beliebt ist. Wie Sie wissen, sind die hiesigen Spaghetti synthetisch hergestellt und haben einen recht faden Geschmack, der durch eine So?e aufgewogen wird, die mir manchmal ins Gesicht spritzt, wenn sie zu reichlich bemessen worden ist, oder diejenigen bekleckert, die mir zu nahe sitzen. Gibt es sonst noch etwas, das Sie gerne wissen mochten, mein Freund?“
„Beruflich finde ich das au?erst interessant“, entgegnete Gurronsevas und verga? in seiner Aufregung ganz, den Mund zu benutzen, der nicht mit Kauen beschaftigt war. „Essen Sie noch andere Arten von nichtcinrusskischen Nahrungsmitteln? Oder kennen Sie im Hospital sonst noch jemanden, der Nahrungsmittel anderer Spezies verzehrt? Sitzt hier eventuell sogar jemand am Tisch, auf den das zutrifft?“
Yaroch-Kar legte sein Besteck beiseite und antwortete: „Diagnostiker machen das manchmal, wenn sie ein Schulungsband im Kopf gespeichert haben, das von einer besonders willensstarken Personlichkeit einer anderen Spezies stammt. Die setzt dem Diagnostiker dann so zu, da? er nicht mehr wei?, wer er eigentlich ist. Abgesehen davon haben das noch ein paar andere Mitarbeiter getan, entweder als Mutprobe oder bei einer geheimen Zeremonie zur Aufnahme in eine Abteilung. Ich meine, stellen Sie sich mal einen Orligianer wie mich vor, der, sagen wir mal, eine Portion melfanische Greeps essen will und ihnen erst einmal in der Schussel herum mit der Gabel nachjagen mu?. Was mich angeht, so bin ich ausgesprochen froh, da? dieser Brauch nicht weit verbreitet ist.“
Gurronsevas konnte nicht glauben, was er da horte. „Sie meinen, hier werden lebende Tiere serviert?“
„Na ja, ich habe ubertrieben, aber nur ein bi?chen“, korrigierte sich Yaroch-Kar. „Das Greep-Gericht lebt eigentlich nicht, sondern bewegt sich nur. Ansonsten handelt es sich um dieselbe nahezu geschmacklose, synthetisch hergestellte Pampe, die wir alle essen. Die Masse, aus der die Greeps geformt werden, wird mit ungiftigen chemischen Praparaten behandelt, die es ermoglichen, jedem Stuck eine schwache elektrische Ladung zu geben. Die eine Halfte wird positiv und die andere negativ aufgeladen, und das Ganze wird dann erst in der Ausgabeoffnung gemischt. Fur die wenigen Augenblicke, bevor sich die Ladungen gegenseitig neutralisiert haben, stellt sich ein realistischer und ziemlich ekelhafter optischer Effekt ein.“
„Faszinierend!“ staunte Gurronsevas, wobei ihm nicht entging, da? dieser Yaroch-Kar, was die Hospitalkuche betraf, ungewohnlich gut unterrichtet war. Vielleicht hielt er sich fur einen Feinschmecker, und deshalb wollte Gurronsevas dieses Gesprach unbedingt fortsetzen. „Im Cromingan-Shesk mu?ten wir lebende Greeps importieren, was sie zu einer seltenen und kostspieligen Delikatesse gemacht hat. Aber ist es nicht theoretisch moglich, eine Mahlzeit zuzubereiten, die fur den Stoffwechsel samtlicher warmblutiger Sauerstoffatmer geeignet ist und zugleich ihren Appetit anregt und stillt? Ein Gericht, das eine Kombination des Aussehens und Geschmacks von, sagen wir mal, den crelletinischen Weintrieben der Kelgianer, den melfanischen Sumpfnussen und naturlich Greeps, dem orligianischen Skarkshi, dem nallajimischen Vogelfutter, dem terrestrischen Steak und auch den Spaghetti und unserem eigenen. Ist irgendwas nicht in Ordnung?“
Mit Ausnahme des in der Luft schwebenden Priliclas gaben alle Wesen am Tisch laute und unubersetzbare Wurgegerausche von sich.
Der Terrestrier ri? sich als erster wieder zusammen und antwortete Gurronsevas: „Nicht in Ordnung? Schon bei der blo?en Vorstellung sind wir nahe daran, alles wieder von uns zu geben.“
Prilicla gab einen kurzen, rollenden Laut von sich, den der Translator nicht ubersetzte, und meinte dann: „Ich kann keine Anzeichen fur emotionale Anspannungen oder akute Verdauungsprobleme feststellen, Freund Gurronsevas. Die mundlich geau?erten Reaktionen unserer Tischgenossen sind ubertrieben, um eine humoristische Wirkung zu erzielen. Machen Sie sich keine Sorgen.“
„Dann bin ich ja beruhigt“, seufzte Gurronsevas erleichtert und wandte seine Aufmerksamkeit ganz dem
