„Gut, dann werde ich das so machen“, sagte Gurronsevas. „Doch Sie klingen etwas unschlussig. Kann es sein, da? ich auf Probleme sto?en werde?“
„Oberschwester Hredlichli genie?t den zweifelhaften Ruf, nur ein kleines bi?chen weniger ungenie?bar als O’Mara zu sein“, antwortete der Lieutenant. „Doch bevor ich Ihnen die Haupteinheit des Nahrungssynthesizers unter der Kantine zeige, befestigen Sie jetzt diese Binde fur Auszubildende an einem Ihrer Vorderglieder, wo sie leicht zu sehen ist.“
Das war schon das zweite Mal, da? man ihn aufforderte, das erniedrigende Abzeichen eines Auszubildenden zu tragen, emporte sich Gurronsevas im stillen, doch die verargerte Antwort, die er dem ungeduldigen Chefpsychologen gegeben hatte, ware bei diesem freundlichen Lieutenant mit den guten Manieren kaum angebracht gewesen. Wahrend er noch nach Grunden suchte, das Tragen der Binde abzulehnen — oder handelte es sich womoglich um Ausreden? — , meldete sich Timmins erneut zu Wort.
„Mir selbst ist ja bekannt, da? Sie kein Auszubildender, sondern ein Fachmann mit beachtlicher langjahriger Berufserfahrung sind, und schon bald werden das auch alle anderen im Hospital wissen. Dennoch sind die Mitarbeiter auf den Wartungsebenen standig in Eile, und es kommt leicht zu Unfallen. Wie einige von uns fahren, haben Sie ja mit eigenen Augen sehen konnen, und es gibt noch viele andere Situationen, in denen Sie gefahrdet waren. Ist es deshalb nicht ganz einfach vernunftig, diejenigen, die uber mehr Erfahrung verfugen, wissen zu lassen, da? Sie keine haben, damit sie sich Ihnen gegenuber nachsichtiger verhalten? Schlie?lich braucht dieses Hospital sehr viel dringender einen neuen Chefdiatisten als einen weiteren Patienten.“
Fur einen langen Augenblick stritt Gurronsevas mit sich selbst, wobei er sich vor sich selbst schamte, weil er nicht mit Sicherheit wu?te, ob er seinen Verstand einsetzte oder moralischer Feigheit erlag.
„Na gut, wenn es fur mich dabei wirklich ums Uberleben geht, dann her mit dem Ding“, willigte er schlie?lich widerstrebend ein.
5. Kapitel
Gurronsevas war sehr stolz auf sich, und das, so dachte er, mit Recht.
Er hatte sich mit jedem Mitglied seines Personals einzeln zusammengesetzt und — notigenfalls in aller Ausfuhrlichkeit — unterhalten. Sein erster Assistent, ein Nidianer namens Sarnyagh-Sa, mu?te zwar mit Samthandschuhen angefa?t werden, weil er fest damit gerechnet hatte, auf den Posten des sich zur Ruhe setzenden Chefdiatisten vorzurucken. Doch der Nidianer war ein fahiger und verantwortungsbewu?ter, fur neue Ideen noch ein wenig unaufgeschlossener Mitarbeiter, der auf lange Sicht zu den besten Hoffnungen berechtigte. Ohne sich einzuschmeicheln oder die eigene Autoritat oder Verantwortung indirekt herunterzuspielen, bat Gurronsevas jeden einzelnen um Hilfe. Seine Absicht war es, fur Mitarbeiter aller Personalstufen ansprechbar zu bleiben, vorausgesetzt, ein solches Gesprach stellte keine Zeitverschwendung dar. Zudem hoffte er, in der Nahrungsversorgungsabteilung wurde eine angenehme und professionelle Arbeitsatmosphare herrschen, wobei allerdings das Ausma? des Angenehmen ganz vom Stand der Professionalitat abhangen mu?te. Auch wenn es nach Ansicht einiger Mitarbeiter eigenartig war, da? der gro?e Gurronsevas bei den Gesprachen mit ihnen einen Wartungsoverall trug, fiel die allgemeine Reaktion in der Regel gut aus.
Und nach nur funf Tagen gemeinsam mit Timmins unternommener Erkundungen der Wartungstunnel fur die Lebensmittelversorgung und gerade mal dreieinhalbtagigem Unterricht im Fahren von G-Schlitten teilte ihm der Lieutenant mit, da? er sich nicht langer zu Fu? oder in Begleitung durch die Wartungsebenen bewegen musse. Am sechsten Tag war der Tralthaner unter ausschlie?licher Benutzung der Versorgungstunnel mit einem unbeladenen Schlitten in genau vierundzwanzig Einheitsminuten vom Synthesizerkomplex unter Ebene achtzehn zum Raum fur zeitweilige Lagerungen auf Ebene einunddrei?ig gefahren, ohne um eine Bestimmung seines Standorts bitten zu mussen und irgendwen oder was zu rammen — zumindest nicht so hart, da? ein schriftlicher Bericht erforderlich gewesen ware.
Nach Timmins’ Aussage hatte er seine Sache fur einen Anfanger au?ergewohnlich gut gemacht, und jetzt bemuhte sich Gurronsevas nach Kraften, sich seinen Stolz und seine Freude uber das bereits Geleistete nicht von dieser ungehobelten, scharfzungigen chloratmenden Illensanerin zerstoren zu lassen.
„Wenn wir mal einen von Ihnen brauchen, scheint Ihre merkwurdige Spezies von Wartungstechnikern ganz plotzlich ausgestorben zu sein, und wenn wir mit Ihnen nichts anfangen konnen, dann verstopfen Sie uns die ganze Abteilung“, beklagte sich Oberschwester Hredlichli. „Was wollen Sie eigentlich von mir?“
Da das Cromingan-Shesk nicht fur Chloratmer eingerichtet gewesen war, war es das erste Mal, da? Gurronsevas eine Vertreterin der physiologischen Klassifikation PVSJ aus der Nahe sah. Der stachelige, membranartige Korper der Illensanerin ahnelte einer wahllosen Aufschichtung oliger, giftiger Pflanzen, die zum Teil von dem gelben Chlor in ihrem Schutzanzug vernebelt wurden, und Gurronsevas ertappte sich bei dem Wunsch, der Nebel ware noch dichter gewesen. Hredlichli schwebte im mit Wasser gefullten Personalraum reglos vor einem Patientenmonitor. Zwar war Gurronsevas nicht in der Lage, ihre Augen in der wirren, blattahnlichen Struktur des Gesichts ausfindig zu machen, doch vermutlich blickte die Oberschwester ihn an.
„Ich bin Chefdiatist Gurronsevas, Oberschwester, und kein Wartungstechniker“, klarte er Hredlichli auf, wobei er sich sehr bemuhte, hoflich zu bleiben. „Mit Ihrer Hilfe wurde ich gern einen oder mehrere der Patienten zum Stationsessen befragen, weil ich vorhabe, es zu verbessern. Konnten Sie mir den Namen von einem Patienten nennen, mit dem ich mich unterhalten kann, ohne dessen medizinische Behandlung zu storen?“
„Ich kann Ihnen keinen Namen nennen, weil unsere Patienten sie uns nicht verraten“, antwortete Hredlichli. „Auf Chalderescol II ist ein Eigenname nur den engen Familienangehorigen des Betreffenden bekannt und wird ansonsten nur noch dem zukunftigen Lebensgefahrten verraten. Die AUGLs auf dieser Station sind nach den Nummern ihrer jeweiligen medizinischen Akte benannt. AUGL-Eins-Dreizehn ist auf dem Weg der Besserung und wird hochstwahrscheinlich nicht von einem Haufen dummer Fragen ernsthaft belastet werden, deshalb durfen Sie mit ihm sprechen. Schwester Towan!“
Aus dem Kommunikator meldete sich eine Stimme, die durch das dazwischen liegende flussige Medium leicht verzerrt war: „Ja, Oberschwester?“
„Wenn Sie bei Eins-Zweiundzwanzig mit dem Kleiderwechseln fertig sind, dann bitten Sie Eins-Dreizehn, zum Personalraum zu kommen“, sagte Hredlichli. „Er hat Besuch.“ An Gurronsevas gewandt fuhr sie fort: „Falls Sie es nicht wissen sollten: ein Chalder wurde hier nicht hineinpassen, ohne den ganzen Raum zu demolieren. Warten Sie drau?en.“
Wahrscheinlich war die Station kleiner, als sie aussah, dachte Gurronsevas, wahrend er auf AUGL-Eins- Dreizehn wartete, doch Gro?e und Entfernung waren in dieser dammrigen, grunen Welt schwer abzuschatzen, in der der optische Unterschied zwischen den schattenhaften Bewohnern, den medizinischen Geraten und den zur Dekoration bestimmten Pflanzen, durch die sich diese Wesen wie zu Hause fuhlen sollten, nur mit Muhe zu bestimmen war. Wie ihm Timmins erzahlt hatte, sei ein Teil der Pflanzen keineswegs kunstlich, sondern echt. Dabei handelte es sich um eine lebende Pflanzenart, die eine aromatische Substanz freisetzte, die sich im Wasser ausbreitete und von den Patienten als angenehm empfunden wurde. Die Verantwortung, fur die anhaltende Gesundheit der Pflanzen zu sorgen, trage allein die Wartungsabteilung, hatte ihm Timmins weiterhin berichtet, die sich aufopferungsvoll darum kummere, und sei es auf Kosten der Gesundheit der Patienten; wann der Lieutenant etwas ernst meinte, war manchmal schwierig zu sagen. Daruber hinaus hatte er Gurronsevas mitgeteilt, die Bewohner der Wasserwelt von Chalderescol II seien leicht peinlich beruhrt und wahrscheinlich die optisch furchteinflo?endsten Wesen, denen der Tralthaner im Orbit Hospital jemals begegnen wurde.
Das glaube ich sofort, dachte Gurronsevas entsetzt, wahrend er die riesige, torpedoformige Gestalt mit Tentakeln beobachtete, die lautlos auf ihn zuschnellte.
Das Wesen sah wie ein gewaltiger, gepanzerter Fisch mit einem kraftigen, messerscharfen Schwanz aus, der eine scheinbar planlose Anordnung von kurzen Flossen und einen breiten Ring von Tentakeln besa?, die aus den wenigen sichtbaren Offnungen seines organischen Panzers hervorragten. Beim Vorwartsschwimmen lagen die Tentakel flach an den Korperseiten an, aber sie waren so lang, da? sie uber die dicke, stumpfe Keilform des Kopfes hinausreichten. Ein kleines, lidloses Auge beobachtete Gurronsevas, wahrend das Wesen naher herankam und ihn in immer engeren Kreisen zu umschwimmen begann. Plotzlich teilte sich der Kopf und entblo?te ein riesiges, rosafarbenes Loch von einem Maul mit den gro?ten, wei?esten und scharfsten Zahnen, die Gurronsevas jemals gesehen hatte.
