„Sind, sind Sie der Besucher?“ fragte der AUGL schuchtern.
Gurronsevas zogerte und fragte sich, ob er sich vorstellen sollte oder nicht. Wenn er den eigenen Namen nannte, konnte sich das Mitglied einer Zivilisation, die Namen nur in der Familie oder unter Geliebten aussprach, peinlich beruhrt fuhlen. Hatte er doch blo? daran gedacht, sich vorher bei der Oberschwester danach zu erkundigen.
„Ja“, antwortete er schlie?lich. „Falls Sie gerade nichts Wichtigeres zu tun haben und damit einverstanden sind, wurde ich mich mit Ihnen gerne uber chalderisches Essen unterhalten.“
„Mit Vergnugen“, willigte AUGL-Eins-Dreizehn sofort ein. „Das ist ein interessantes Thema, das auf unserem Heimatplaneten immer wieder zu heftigen Diskussionen, selten aber zu Gewalttatigkeiten Anla? gibt.“
„Uber chalderisches Essen hier im Hospital“, prazisierte Gurronsevas.
„Ojemine.!“
Um den schweren Vorwurf zu erahnen, der in diesem einzigen Wort mitschwang, brauchte Gurronsevas kein cinrusskischer Empath zu sein.
„Ich habe vor — genaugenommen betrachte ich es sogar als eine personliche und berufliche Herausforderung—, die Qualitat, den Geschmack und die Zubereitungsarten der synthetischen Nahrung zu verbessern, mit der die vielen verschiedenen Lebensformen im Hospital versorgt werden“, fuhr er schnell fort. „Bevor jedoch irgendeine Verbesserung moglich ist, mu? ich wissen, in welcher Beziehung oder in welchen Beziehungen die gegenwartigen Speisen, die mir wenig mehr als fast geschmacklose Brennstoffe fur den Organismus zu sein scheinen, hinter dem Ideal zuruckbleiben. Ich habe gerade mit der Arbeit begonnen, und Sie sind der erste Patient, der befragt werden soll.“
Das hohlenartige Maul klappte langsam zu und offnete sich dann wieder. „Das ist ja ein ehrenhaftes Ziel, das Sie sich da gesteckt haben, doch zweifellos unerreichbar, oder?“ meinte der Patient. „Ich mu? an Ihre Formulierung geschmackloser Brennstoff fur den Organismus“ denken. Fur einen Gastgeber auf Chalderescol ware das die gro?te Beleidigung seiner Kochkunst, denn wir nehmen unsere Ernahrung sehr ernst und essen haufig uberma?ig viel. Was wollen Sie von mir wissen?“
„Praktisch alles“, antwortete Gurronsevas dankbar. „Uber chalderisches Essen wei? ich nicht das Geringste. Welche genie?baren Tier- und Pflanzenarten gibt es auf Chalderescol? Wie werden sie zubereitet, angerichtet und serviert? Auf den meisten Planeten regen die verschiedenen Zubereitungsarten einer Mahlzeit die Geschmacksrezeptoren an und tragen viel zu ihrem Genu? bei. Ist das auf Chalderescol auch so? Welche Gewurze, So?en oder sonstige verfeinernde Zutaten werden verwendet? Au?erdem ist mir die Vorstellung einer Kuche, die nur aus kalten Gerichten besteht, vollig neu.“
„Da wir Wasseratmer sind, die im Meer leben, haben wir das Feuer erst sehr spat entdeckt“, unterbrach ihn Eins-Dreizehn freundlich.
„Naturlich! Bin ich dumm, da? ich daran.“, begann Gurronsevas, als das Gesprach von Hredlichlis Stimme unterbrochen wurde.
„Mich daruber zu au?ern, ob Sie dumm sind oder nicht, steht mir nicht zu, zumindest nicht vor anderen Leuten“, rief ihm eine Stimme vom Eingang des Personalraums zu. „Aber es ist jetzt Zeit furs Mittagessen, und die Patienten haben Hunger. Au?erdem sind alle bis auf denjenigen, mit dem Sie sich gerade unterhalten, auf besondere Diat gesetzt und brauchen beim Essen die Hilfe der Schwestern. Also machen Sie sich nutzlich, holen Sie die Ration von Eins-Dreizehn, und lassen Sie den armen Kerl essen, wahrend Sie mit ihm sprechen.“
Mit dem Gedanken, wie komisch es war, da? ihm die unliebenswurdige Oberschwester genau das auftrug, was er sich sowieso zu tun gewunscht hatte, folgte Gurronsevas Hredlichli in den Personalraum. Doch bevor er den Gedanken bis zu dem unglaublichen Schlu? verfolgen konnte, da? Hredlichli moglicherweise gar nicht so unliebenswurdig war, wie sie schien, begann die Rinne der Essensausgabe gro?e, grau und braun gesprenkelte Balle in ein wartendes Tragenetz auszuspucken. Als das Netz voll war, zog Gurronsevas es aus dem Personalraum hinaus und steuerte damit auf Eins-Dreizehn zu.
„Halten Sie einen Sicherheitsabstand, und werfen Sie Eins-Dreizehn jeweils immer nur einen Ball zu!“ rief ihm Hredlichli hinterher. „Schlie?lich wollen Sie ja nicht Teil der Mahlzeit werden, oder?“
Zwei kelgianische Schwestern, deren Fell sich unter den transparenten Schutzanzugen in schwach beleuchteten silbernen Wellen krauselte, und eine wasseratmende creppelianische Oktopodin, die keinen Schutz benotigte, kamen auf ihrem Weg in den Personalraum an Gurronsevas vorbei.
„Was sind das fur Dinger? Eier?“ fragte Gurronsevas, wahrend er die Balle einen nach dem anderen auf das geoffnete, wartende Maul des Patienten zuwarf. Eins-Dreizehns Kiefer schlossen sich viel zu schnell, als da? Gurronsevas hatte sehen konnen, ob es sich um eine weiche Substanz mit einer festen, ungleichma?igen Schale handelte, oder ob sie ganz und gar hart war. Doch seine Neugier wurde erst gestillt, nachdem der letzte der Balle zwischen den gewaltigen Kiefern verschwunden war und der Patient sein Maul wieder zum Sprechen frei hatte.
„Bekommen Sie genug zu essen?“ fragte Gurronsevas. „Im Verhaltnis zu Ihrer Korpergro?e scheinen mir die Portionen, na ja, recht durftig zu sein.“
„Da? ich mit meiner Antwort so lange gewartet habe, sollten Sie nicht als Unhoflichkeit auffassen“, erwiderte Eins-Dreizehn. „Auf Chalderescol stellt die Nahrungsaufnahme eine wichtige und angenehme Tatigkeit dar, und sich beim Essen zu unterhalten wird als indirekte Kritik am Gastgeber angesehen, weil man das Mahl offenbar als fade und langweilig empfindet. Selbst hier, wo man die Verpflegung ernsthaft kritisieren kann, behalten wir unsere guten Manieren.“
„Ich verstehe“, sagte Gurronsevas.
„Um Ihre Frage zu beantworten“, fuhr Eins-Dreizehn fort, „die Balle, aus denen meine Mahlzeit bestanden hat, ahneln zwar Eiern, sind aber keine, auch wenn sie eine harte, genie?bare Schale haben, die einen Kern aus einem — naturlich synthetischen — Nahrungskonzentrat umschlie?t, das sich bei Beruhrung mit den Verdauungssaften zu einem Vielfachen des ursprunglichen Volumens ausdehnt und auf diese Weise ein korperliches Sattigungsgefuhl hervorruft. Auch wenn wir Chalder allesamt einen verwohnten Gaumen haben und sehr gut wissen, da? Hunger der beste Koch ist, haben diese Balle einen kunstlichen und alles andere als feinen Geschmack, der obendrein. Um sie vollstandiger zu beschreiben, mu?te meine Ausdrucksweise zwangslaufig ungehobelt werden.“
„Nun, das kann ich gut nachvollziehen“, pflichtete ihm Gurronsevas bei. „Aber konnen Sie mir neben den Geschmacksunterschieden auch die Unterschiede im Aussehen und in der Konsistenz zwischen den verschiedenen naturlichen und synthetischen Nahrungsmitteln beschreiben? Ubrigens verletzen Sie mein Zartgefuhl keineswegs, wenn Sie ubelschmeckende oder schlecht zubereitete Speisen mit ungehobelten Ausdrucken belegen, weil ich das bei meinem Kuchenpersonal eine ganze Reihe von Jahren selbst gemacht habe.“
Patient Eins-Dreizehn begann, indem er betonte, er wolle dem Hospital gegenuber nicht undankbar klingen, da ihm die Behandlung, die ihm hier gewahrt worden sei, immerhin das Leben gerettet habe. In den engen und fur einen AUGL geradezu Platzangst hervorrufenden Grenzen der uberfullten Station seien medizinische und chirurgische Wunder vollbracht worden, und sich dann daruber zu beklagen, da? das Essen unappetitlich sei, erscheine ihm unter diesen Umstanden kleinlich. Seinen Erzahlungen zufolge war auf seinem Heimatplaneten selbstverstandlich genugend Platz vorhanden, um zu essen, sich zu bewegen und die Geschmacksrezeptoren durch die Erwartung und Ungewi?heit zu scharfen, die aufgrund der Notwendigkeit entstand, bestimmte Beutetierarten zu jagen, die nicht einfach zu fangen waren.
In der Wasserwelt von Chalderescol II, so berichtete Eins-Dreizehn weiter, verspurten die Chalder trotz der zivilisierenden Einflusse mehrerer Jahrhunderte immer noch das sowohl physiologische als auch asthetische Bedurfnis, sich ihr Fleisch nicht in totem Zustand und — was ihre Instinkte anging — im Fruhstadium der Verwesung auf einem Teller servieren zu lassen, sondern es selbst zu jagen. Um korperlich gesund zu bleiben, mu?ten sie die Kiefer, die Zahne und ihre schweren gepanzerten Korper beschaftigen, und die Zeit, in der sie sich am starksten anstrengten und am meisten Spa? hatten, stellte sich — abgesehen von der kurzen jahrlichen Periode, in der sie sich fortpflanzen konnten — dann fur sie ein, wenn sie a?en.
Die im Hospital als Mahlzeit servierten Balle wiesen laut Eins-Dreizehn zwar eine Schale auf, die hart genug war, und sie stellten zweifellos auch ein nahrhaftes Gericht dar, aber ihr Kern bestand aus einem weichen, geschmacklosen, ekelhaften Brei, der dem zum Teil vorverdauten Fleisch von frisch erlegten Beutetieren ahnelte, mit dem die AUGLs ihre zahnlosen Kleinkinder futterten. Sofern ihn nicht eine schwere Krankheit oder Verletzung zur Bewegungslosigkeit verdammte, war ein erwachsener Chalder gezwungen, sich auf andere, angenehmere Dinge zu konzentrieren, wenn er beim Verzehr dieses scheu?lichen Zeugs keinen Brechreiz verspuren wollte.
