Aufmerksam lauschte Gurronsevas jedem einzelnen Wort von AUGL-Eins-Dreizehn. Hin und wieder bat er zwar um genauere Erklarungen oder machte Vorschlage, dachte aber immer daran, die schopferische Ubertreibungskraft eines Patienten, der sich offensichtlich freute, einen neuen Gesprachspartner gefunden zu haben, bei dem er sich beklagen konnte, in angemessener Weise zu berucksichtigen. Die standige Diskussion uber Essen in seinen vielen, fur einen Chalder unschmackhaften Formen erinnerte Gurronsevas dennoch daran, da? es bereits vier Stunden her war, seit er selbst etwas zu sich genommen hatte.

„Falls ich Sie mal unterbrechen durfte, um das Problem zusammenzufassen“, sagte Gurronsevas, als Eins- Dreizehn sich mit nur geringen Abweichungen zu wiederholen begann. „Als erstes ware da die Form und Konsistenz der Nahrung, die insofern angemessen ist, als sie Kiefer und Zahne beschaftigt, Zweitens ist der Geschmack unbefriedigend, weil er kunstlich durch chemische Zusatze erzeugt wird und der anspruchsvolle Gaumen der Chalder jeden derartigen Ersatz augenblicklich bemerkt. Und drittens fehlen die sich im Wasser ausbreitenden Geruche, die von den echten Beutetieren ausgehen, wenn sie gejagt werden.

Bei meiner kurzlichen Untersuchung ahnlich gelagerter Probleme anderer Lebensformen im Hospital habe ich herausgefunden, da? die Stationsverpflegung nicht in der Verantwortung der Lebensmitteltechniker liegt, sondern sich in der Hand des klinischen Diatisten befindet, der wiederum auf Anweisung des verantwortlichen Arztes handelt“, fuhr Gurronsevas fort. „Das Hauptinteresse des betreffenden Arztes besteht ganz zu Recht darin, Mahlzeiten zu verordnen, die die medizinischen Bedurfnisse des Patienten unterstutzen. Da diese Verordnung zugleich eine Ausweitung der medizinischen Behandlung des Patienten darstellt, spielen Geschmack und Geruch nur eine untergeordnete Rolle, falls sie uberhaupt berucksichtigt werden. Doch meiner Ansicht nach sollten sie sehr wohl in Betracht gezogen werden, und zwar ernsthaft, sei es auch nur fur die heilsamen psychologischen Auswirkungen auf Patienten wie Sie, die sich auf dem Weg der Besserung befinden und ermuntert werden sollten, zu essen und sich korperlich zu betatigen.

Bedauerlicherweise kann ich vorlaufig nur wenig fur den Geschmack und die Beschaffenheit Ihrer Verpflegung tun, da ich erst einmal den fur Sie verantwortlichen Arzt und den entsprechenden Nahrungssynthetiker zu Rate ziehen mu?“, setzte Gurronsevas seine Ausfuhrungen fort, wobei die Begeisterung fur das Thema den nagenden Hunger betaubte. „Doch in der Regel kann man die meisten Gerichte schon dadurch appetitlicher erscheinen lassen, indem man sich verschiedene Anrichtungsarten einfallen la?t. Zum Beispiel durch eine interessante Farbkombination oder durch eine phantasievolle Formgebung und Anordnung der Bestandteile auf einem Teller, damit das Essen sowohl eine optische Anziehungskraft ausubt als auch.“

Als Gurronsevas einfiel, da? Patient AUGL-Eins-Dreizehn nicht von einem Teller a? und der optische Reiz seiner Nahrung fur ihn in erster Linie in ihrer Fahigkeit bestand, uberall im Essensbereich hin und her zu flitzen, brach er mitten im Satz ab. Doch seine Verlegenheit wahrte nur kurz, denn Hredlichli war aus dem Personalraum aufgetaucht und kam im Eiltempo auf sie zugeschwommen.

„Ich mu? Sie in Ihrem uberma?ig langen und fur mich alles andere als interessanten Gesprach unterbrechen“, sagte die Oberschwester, wahrend sie sich zwischen den Patienten und Gurronsevas treiben lie?. „Chefarzt Edanelt mu?te jeden Moment seine Abendvisite machen. Kehren Sie bitte zu Ihrem Schlafgestell zuruck, Eins-Dreizehn. Und Diatist Gurronsevas, falls Sie das Gesprach fortsetzen mochten, werden Sie warten mussen, bis Doktor Edanelt seine Runde durch die Station beendet hat. Soll ich mich dann mit Ihnen in Verbindung setzen?“

„Nein danke“, antwortete Gurronsevas. „Patient Eins-Dreizehn hat mir einige au?erst nutzliche Auskunfte gegeben. Ich bin Ihnen beiden sehr dankbar und werde hoffentlich nicht eher zuruckkehren mussen, bevor es mir gelungen ist, bei der Stationsverpflegung der AUGLs eine Verbesserung erzielt zu haben.“

„Na, dann viel Gluck. Das glaube ich erst, wenn ich es sehe“, hohnte Oberschwester Hredlichli.

6. Kapitel

Als Gurronsevas darum gebeten hatte, ein gro?es, ringsum abgeschlossenes Becken mit Wasser benutzen zu durfen, das nicht so gro? war, da? fur seine sauerstoffatmenden Helfer die Gefahr zu ertrinken bestand, aber trotzdem genugend Platz bot, um die geplanten Tests durchzufuhren, ohne da? die Versuchsobjekte allzu oft gegen die Begrenzungswande stie?en, hatte er nicht mit etwas derart Riesigem wie dem gerechnet, vor dem er jetzt stand. Einen Augenblick lang war er vor Uberraschung sprachlos.

Die helle, aber gut versteckte kunstliche Beleuchtung und die wirklich geniale Landschaftsgestaltung des Freizeitbereichs vermittelten einem die Illusion enormer Weite. Das Endprodukt war ein kleiner, tropischer Meeresstrand, der auf zwei Seiten von niedrigen Felsen eingerahmt war, in denen sich mehrere gro?e und kleine Hohlenoffnungen befanden. Hinter diesen Offnungen lagen die verborgenen Zugangstunnel zu mehreren Sprungbrettern, die in verschiedenen Hohen aus der weichen, kunstlichen Felswand hervorragten und standig genutzt wurden. Der Strand war zur See hin offen, die sich scheinbar bis zum fernen Horizont erstreckte, der unmerklich in ein Hitzeflimmern uberging. Der Himmel uber Gurronsevas’ Kopf war blau und wolkenlos, weil realistische Wolkeneffekte nur schwer nachzuahmen waren, wie ihm Timmins verraten hatte. Das Wasser in der Bucht schimmerte tiefblau und wies dort, wo es auf den abfallenden Strand traf, einen leicht turkisfarbenen Stich auf Fur die Dauer des Versuchs waren die Wellenmaschinen abgeschaltet worden, so da? das Wasser sanft platschernd am weichen, goldenen Sand leckte, der angenehm warm unter den Fu?en war.

Lediglich die kunstliche Sonne, deren Schein eine orangefarbene Tonung hatte, die Gurronsevas merkwurdig fand, und die fremdartigen Grunpflanzen, die die Felsspitzen umsaumten, raubten ihm die Illusion, sich in irgendeiner tropischen Bucht auf seinem Heimatplaneten zu befinden.

„Beim ersten Anblick unseres Freizeitbereichs fur warmblutige Sauerstoffatmer sind Neulinge stets beeindruckt“, verkundete Lieutenant Timmins nicht ohne Stolz. „Es hat immer wenigstens ein Drittel der medizinischen Mitarbeiter frei, und die meisten von ihnen verbringen hier gerne ein paar Stunden. Manchmal ist der Freizeitbereich derart uberfullt, da? man vor lauter Korpern kaum noch den Strand oder das Meer sehen kann. Aber Platz steht im Orbit Hospital hoch im Kurs, und von den Wesen, die zusammen arbeiten, erwartet man auch, da? sie gemeinsam ihre Freizeit verbringen.

In psychologischer Hinsicht ist der wirkungsvollste Teil an den hiesigen Umweltbedingungen derjenige, den Sie nicht einmal sehen konnen“, fuhr Timmins fort, wobei er noch immer uber das, was offenbar das Lieblingskind der Wartungsabteilung war, wie ein stolzer Vater berichtete. „Im gesamten Bereich wird standig knapp die Halfte der Standardschwerkraft beibehalten, und ein halbes Ge bedeutet, da? sich die Muden besser entspannen und die Munteren noch lebendiger fuhlen konnen. Leider mangelt es hier an Einsamkeit, aber es sind jetzt so viele verschiedene Lebensformen da, die ihre Freizeit auf derart viele seltsame Arten genie?en, da? wir unsere Versuche wahrscheinlich unbemerkt durchfuhren konnen.

Fangen wir jetzt gleich an, oder warten wir noch auf Thornnastor?“

„Jetzt gleich, bitte“, antwortete Gurronsevas und half Timmins und den beiden melfanischen Assistenten, die Ausrustung auf das gro?e, in leuchtenden Farben gestrichene Flo? zu schaffen, das im seichten Wasser lag.

Nur einmal machte Gurronsevas eine Pause, als sich kurz sein Kommunikator zu Wort meldete und man ihm mitteilte, da? Diagnostiker Thornnastor in einer unausweichlichen Angelegenheit aufgehalten worden sei und nicht in der Lage sein werde, wie geplant zu ihnen zu sto?en, man an seiner Stelle jedoch die Pathologin Murchison schicken werde. Nach der plotzlichen Veranderung von Timmins’ Gesichtsausdruck zu urteilen, freute den Lieutenant diese Nachricht au?erordentlich.

Doch waren sie alle viel zu beschaftigt, die Einstellung des Antriebssystems eines der Versuchsobjekte zu verandern — dem einzigen, das noch nicht explodiert und in tausend durchweichte Einzelteile zersprungen war oder einen sonstigen Defekt aufgewiesen hatte—, als da? sie die Ankunft der Pathologin bemerkt hatten, die bereits zu dem Flo? hinausgeschwommen war, sich heraufgezogen hatte und sie nun ansprach.

„Thornnastor hat leider keine Zeit mehr gehabt, mich genauer zu instruieren“, sagte Murchison. „Was ist das fur ein Ding da? Und was soll ich hier eigentlich? Ich habe namlich Besseres zu tun, als erwachsenen und geistig vermutlich reifen Lebewesen zuzusehen, die wie Kinder im Wasser planschen.“

Wie Gurronsevas sah, handelte es sich bei Murchison um eine gro?e terrestrische DBDG mit den schwammigen und kopflastigen Formen, die vielen weiblichen Mitgliedern dieser Spezies gemein waren. Die durch das Wasser dunkler gewordene lange, blonde Kopfbehaarung klebte ihr am Nacken und an den Schultern, und sie trug, da die terrestrische Zivilisation zu den wenigen zahlte, fur deren Angehorige immer noch ein Nacktheitstabu

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