Murchison“, sagte er, „aber diese Kenntnisse uber Chalder sind fur mich vollig neu und au?erst spannend, und in meiner Aufregung habe ich dummerweise bei anderen ein ahnliches Ma? an Unwissenheit vorausgesetzt wie bei mir. Ich wollte Sie wirklich nicht beleidigen.“

„Das haben Sie auch nicht“, besanftigte ihn die Pathologin. „Ich habe nur versucht, Sie davon abzubringen, Zeit mit einer unnotigen Erklarung zu vergeuden. Doch die nichtintelligenten Lebensformen auf Chalderescol, zu denen auch das Beutetier gehort, das Sie zu kopieren versuchen, spielen fur meinen Beruf keine Rolle, und deshalb wei? ich daruber so gut wie gar nichts. Wie bewegt sich denn das echte Tier fort? Wie ergreift es die Flucht? Und wie gelingt es ihm, die Richtungsstabilitat beizubehalten?“

Stark erleichtert antwortete Gurronsevas schnell: „Das Tier verfugt in der Mitte jeder Korperseite uber acht Flossen, deren Schlagfrequenz und Verdrangungswinkel es verandern kann, um aufzusteigen, weiter unterzutauchen oder schlagartig die Richtung zu andern, indem es mit den Flossen auf der einen Seite andersherum rudert. Die Flossen selbst bestehen aus einem lichtdurchlassigen Gerust, das eine durchsichtige Membran stutzt, die das Tier auf der Flucht derma?en schnell bewegt, da? sie praktisch unsichtbar ist. Wechselt das Tier die Richtung, entsteht ein leichter Strudel, der so ahnlich wie die Blasen aussieht, die die Lagesteuerungsdusen des Versuchsobjekts erzeugen.

Bedauerlicherweise sieht das Modell nur wie das echte Tier aus, verhalt sich jedoch nicht so“, fugte Gurronsevas hinzu. „Seine Schwimmeigenschaften sind hoffnungslos instabil.“

„Das kann man wohl sagen“, pflichtete ihm Murchison bei. Mehrere Minuten blieb sie in Schweigen versunken und betrachtete nachdenklich das Versuchsobjekt im Wasser, wahrend Timmins genauso aufmerksam die Pathologin anstarrte und sich die beiden Melfaner leise miteinander unterhielten. Auf einmal meldete sich die Pathologin zu Wort. „Wir brauchen irgendeinen Kiel, aber einen, der das Aussehen des Fahrzeugs nicht verandert“, entschied sie mit leiser, aber aufgeregter Stimme. „Das echte Tier benutzt Flossen, die lichtdurchlassig sind und die sich zu schnell bewegen, um wahrgenommen werden zu konnen. Warum verwenden wir also nicht einfach einen unsichtbaren Kiel?“

Ohne jemandem Gelegenheit zu einer Antwort zu geben, fuhr sie fort: „Eigentlich mu?ten wir ihn aus einem geharteten und formbaren durchsichtigen Gel anfertigen konnen, das uber den gleichen Brechungsindex wie Wasser verfugt. Das Gel mu?te naturlich genie?bar und von der Struktur her weich genug sein, um nicht die Zahne oder den Verdauungstrakt des Patienten zu beschadigen. Einige der Bestandteile habe ich bereits im Kopf, und, na ja, der Geschmack wurde von neutral bis absolut scheu?lich reichen, aber daran konnten wir arbeiten, bis wir.“

„Sie konnen diese genie?bare Stabilisierungsflosse herstellen?“ fiel ihr Gurronsevas ins Wort, der durch seine Unglaubigkeit ganz die guten Manieren verga?. „Hat Ihre Abteilung so etwas schon mal gemacht?“

„Nein“, antwortete Murchison. „Um so was sind wir noch nie gebeten worden. Eine genie?bare und fur Chalder ungiftige Substanz von der benotigten Konsistenz zu entwickeln, wird zwar eine schwierige, aber keineswegs unlosbare biochemische Aufgabe darstellen. Die Substanz zu einem Kiel zu formen und am Fahrzeug anzubringen wird anschlie?end von Ihrem Nahrungssynthesizerprogramm ubernommen werden.“

„In der Zwischenzeit konnen wir schon mal ungenie?bare Kiele, die deutlich zu sehen sind, am Testfahrzeug befestigen, um herauszufinden, welche Form und Gro?e am besten funktionieren“, mischte sich Timmins ein. „Kledath, Dremon, hebt das Fahrzeug auf das Flo?. Wir haben zu arbeiten.“

Murchison rollte sich vom Flo?, um fur die anderen Platz zum Arbeiten zu machen. Nun trieb sie vollkommen entspannt mit geschlossenen Augen, nur das Gesicht uber der Oberflache, auf dem Rucken neben Gurronsevas im Wasser.

„Ich glaube, Sie haben dieses Problem gelost, Pathologin Murchison, und dafur bin ich Ihnen au?erst dankbar“, sagte er.

„Wir versuchen, jeden Wunsch zu erfullen“, entgegnete die Pathologin. Ihre Lippen offneten sich zu einem leichten Lacheln, und die Augen blieben geschlossen. „Haben Sie noch weitere Probleme, bei denen ich Ihnen helfen kann?“

„Eigentlich nicht“, antwortete Gurronsevas. „Allerdings gehen mir bislang nicht ganz ausformulierte Gedanken, Fragen und Ideen durch den Kopf, die sich wahrscheinlich zu Problemen entwickeln werden. Von einigen Aspekten meiner zukunftigen Arbeit im Hospital habe ich im Moment so gut wie keine Ahnung und ware, na ja, fur jeden Vorschlag dankbar.“

Kurz schlug die Pathologin ein Auge auf, um ihn anzublicken. Dann sagte sie: „Im Moment kann ich mir nichts Besseres vorstellen, als zuzuhoren und Vorschlage zu machen.“

Die drei Techniker auf dem Flo? konzentrierten sich mit ganzer Aufmerksamkeit auf das Testfahrzeug, und zwar in solchem Ma?e, da? Timmins sogar aufgehort hatte, kurze Seitenblicke auf Murchison zu werfen. Sie hatten einen langen, schmalen Kiel anmontiert, und der Lieutenant schlug gerade vor, auf der gegenuberliegenden Seite eine ahnliche Flosse anzubringen, um den Wasserwiderstand an Ober- und Unterseite anzugleichen. Wegen der erwarteten Stabilitatszunahme in Langsrichtung, die die fruhere Tendenz, seitlich abzudriften und sich bei jedem Richtungswechsel zu drehen, stark verringern wurde, wurden die Seitendusen verstarkt, damit das Fahrzeug spater scharfer wenden konnte.

Waren die drei mit der Konstruktion eines Raumschiffs beschaftigt gewesen, hatte das Gesprach auch nicht technischer sein konnen, dachte Gurronsevas, wahrend er alle vier Augen auf Murchison richtete.

„Dank Ihres Vorschlags mu?te unser Versuchsobjekt nicht nur wie das Beutetier, das es darstellen soll, aussehen, sondern sich auch so verhalten“, sagte er. „Das ist wichtig, weil zu Nahrungsmitteln viel mehr gehort als nur das au?ere Erscheinungsbild. Auch Geschmack, Duft, Konsistenz, die optische Prasentation und das Kontrastieren oder Erganzen mit So?en spielen eine Rolle, die, wie ich mit der Zeit zu beweisen hoffe, ein entscheidendes Beiwerk der oftmals faden Nahrungssubstanz darstellen, die aus den hiesigen Synthesizern kommt. Im Fall der Chalder ist es uns gelungen, die Konsistenz mit der harten Schale, die den weichen Kern umschlie?t, und den optischen Eindruck zu reproduzieren, der in der Bewegungsfahigkeit eines nachgeahmten Beutetiers besteht, das scheinbar zu fliehen versucht, um nicht gefressen zu werden. Aber das ist auch schon alles.“

„Fahren Sie ruhig fort“, ermunterte ihn Murchison, wobei sie beide Augen offnete.

„Im gegenwartigen Fall ist die Schwierigkeit, ein Gericht, das sich mit hohem Tempo unter Wasser bewegt, mit einer herkommlichen So?e zu versehen, so gut wie unuberwindbar. Die dickschaligen, reglosen Eier, mit denen die AUGL-Patienten gegenwartig gefuttert werden, sind trotz der kunstlichen Aromastoffe, die sie enthalten, hochst unappetitlich. Fur eine Terrestrierin wie Sie waren diese Eier vom Geschmack her mit Sandwiches mit kaltem Kartoffelpuree vergleichbar.“

„Wegen dieser kunstlichen Aromastoffe ist meine Abteilung zu Rate gezogen worden, um schadliche Nebenwirkungen mit Sicherheit auszuschlie?en“, unterbrach ihn Murchison. „Der Geschmack kann leicht verstarkt werden, falls es das ist, was Sie wollen.“

„Nein, darum geht es mir nicht“, widersprach Gurronsevas. „Der Speisende, ich meine der Patient, ist sich des kunstlichen Geschmacks bewu?t und empfindet ihn als unangenehm. Ich hatte eher daran gedacht, den Geschmack der Nahrung abzuschwachen als ihn zu verstarken, da es fur die Sinne schwieriger ist, kunstliche Stoffe in winzigen Mengen als in starken Konzentrationen wahrzunehmen. Mein Plan oder, besser gesagt, meine Hoffnung besteht darin, den abgeschwachten kunstlichen Geschmack mit einer So?e zu kaschieren, zu der ich keine naturlichen Zutaten brauche. Ich werde mich auf die beste Wurze von allen, den Hunger, verlassen, der noch durch die Aufregung der Jagd und die Ungewi?heit, ob man die Mahlzeit auch erwischt, verstarkt wird. Vom Verstand her werden die Chalder zwar wissen, da? sie getauscht werden, aber unterbewu?t macht ihnen das vielleicht nichts aus.“

„Schon, sehr schon“, stimmte ihm Murchison zu. „Ich bin mir ziemlich sicher, da? das funktionieren wird. Aber etwas haben Sie mit Ihren Luchsaugen ubersehen.“

„Mit. mit meinen Luchsaugen?“

„Entschuldigung, das ist eine terrestrische Metapher“, antwortete Murchison und fuhr fort: „Wenn ein Landtier gejagt wird, stromt es normalerweise einen bestimmten Korpergeruch aus, eine Absonderung von Drusensekreten, die seine Angst und erhohte Korpertatigkeit anzeigen, und dasselbe trifft vielleicht auch hier zu. Man konnte synthetisch erzeugte Angststoffe, in diesem Fall, in Form eines sich schnell im Wasser ausbreitenden Geruchs, durch das Antriebssystem freisetzen, allerdings auch wieder nur in winzigen Mengen, um zu verschleiern, da? sie kunstlich sind.“

„Pathologin Murchison, ich bin Ihnen au?erst dankbar“, sagte Gurronsevas aufgeregt. „Falls mir Ihre

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