8. Kapitel

Bei seinem zweiten Besuch in der Abteilung fur ET-Psychologie sah Gurronsevas dieselben drei Wesen wie beim ersten hinter den Schreibtischen sitzen; allerdings hatte er in der Zwischenzeit herausgefunden, wer und was sie waren. Bei dem Terrestrier mit der Uniform im Grun des Monitorkorps handelte es sich um Lieutenant Braithwaite, O’Maras ersten Assistenten; die Sommaradvanerin, Cha Thrat, war eine fortgeschrittene Auszubildende; und Lioren, der Tarlaner, war ein Fachmann fur den nur schwer zu bestimmenden Bereich, in dem sich die Religionen verschiedener Spezies und die Psychologie uberschnitten. Entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten wandte sich Gurronsevas dieses Mal nicht an denjenigen, der den hochsten Rang bekleidete, weil ihm dieses Mal moglicherweise alle drei behilflich sein konnten.

„Ich bin Chefdiatist Gurronsevas“, stellte er sich leise vor. „Falls es Ihnen nichts ausmacht, wurde ich gern in einer streng vertraulich zu behandelnden Angelegenheit um Informationen und Hilfe bitten.“

„Wir erinnern uns an Sie, Gurronsevas“, meldete sich Lieutenant Braithwaite als erster zu Wort. „Aber Sie sind zum falschen Zeitpunkt gekommen. Major O’Mara befindet sich gerade auf der monatlichen Versammlung der Diagnostiker. Kann ich Ihnen helfen, oder wollen Sie einen Termin mit ihm abmachen?“

„Dann bin ich genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen“, stellte Gurronsevas klar. „Es ist namlich der Chefpsychologe, weshalb ich Sie — Sie alle — vertraulich zu Rate ziehen mochte.“

Die drei Wesen stellten sofort ihre Arbeit ein, und gleichzeitig entfuhr ihren Mundern ein eigenartiger, ablehnender Laut. „Fahren Sie bitte fort“, forderte ihn Braithwaite auf.

„Danke.“ Gurronsevas trat naher und senkte die Stimme. „Seit ich hier am Hospital arbeite, habe ich den Chefpsychologen kein einziges Mal in der Kantine gesehen. I?t er gewohnlich alleine?“

„Stimmt“, bestatigte Braithwaite und lachelte. „Der Major nimmt seine Mahlzeiten nur selten in Gesellschaft oder in der Offentlichkeit zu sich. Seiner Behauptung nach konnte beim Personal sonst der Eindruck entstehen, er ware im Grunde nur ein Terrestrier mit all den ublichen terrestrischen Fehlern und Schwachen, was der allgemeinen Disziplin schaden konnte.“

„Das verstehe ich nicht“, sagte Gurronsevas nach kurzer Denkpause. „Hat der Chefpsychologe ein seelisches Problem? Steckt er vielleicht in einer Identitatskrise? Wenn er nicht fur einen Terrestrier gehalten werden will, zu welcher Spezies glaubt er dann zu gehoren? Die Auskunft, um die ich Sie bitte, wurde mir bei der Zubereitung geeigneter Mahlzeiten sehr helfen — falls sie nicht streng vertraulich ist und Sie bereit sind, sie preiszugeben. Vermutlich will O’Mara mit seiner Gewohnheit, allein zu essen, verheimlichen, da? er keine terrestrische Nahrung zu sich nimmt.“

Cha Thrat und Lioren gaben leise Gerausche von sich, die nicht ubersetzt wurden, und Braithwaites Lacheln war noch breiter geworden. „Der Chefpsychologe ist nicht psychisch gestort“, meinte er. „Ich furchte, meine Bemerkung, da? er nicht terrestrisch erscheinen will, hat bei der Ubersetzung gelitten und Sie irregefuhrt. Aber was wollen Sie denn wissen, und wie genau konnen wir Ihnen helfen? Sie erwecken ganz den Eindruck, da? die Sache etwas mit den E?gewohnheiten des Majors zu tun hat, richtig?“

„Das stimmt“, bestatigte Gurronsevas. „Insbesondere wurde ich gern alle Informationen erhalten, die Sie mir daruber geben konnen, welches Essen die Versuchsperson bevorzugt, wie oft sie ihre Lieblingsgerichte bestellt und welche kritischen Bemerkungen sie eventuell ihnen gegenuber fallengelassen hat oder zukunftig fallenlassen wird.

Derartige Auskunfte zu bekommen, ohne die Aufmerksamkeit auf mich selbst zu lenken und Anla? zu Gerede uber ein Projekt zu geben, das bis zur Beendigung geheimgehalten werden sollte, ist uberraschend schwierig“, fuhr er schnell fort. „Im Hospital speisen viele allein, entweder aus personlicher Vorliebe oder weil fur sie der Weg zur Kantine und wieder zuruck wegen dringender beruflicher Pflichten einen zu gro?en Zeitaufwand bedeutet. Jede Aufzeichnung uber das von diesen Mitarbeitern bestellte Gericht wird geloscht, sobald es zubereitet und ausgeliefert worden ist, da keine Notwendigkeit besteht, derartige Daten zu speichern, und die einzige Moglichkeit herauszufinden, welche Speisen ausgewahlt worden sind, ware die, die eigentliche Bestellung abzuhoren oder das Auslieferungsfahrzeug anzuhalten, und das lie?e sich beides nicht heimlich durchfuhren. Viel einfacher ware es also, wenn Sie mir die erforderlichen Daten zukommen lassen wurden.“

„Solange die gewahlten Gerichte keinen verdorbenen Geschmack erkennen lassen — was immer das auch in diesem medizinischen Tollhaus bedeuten mag—, konnen Informationen uber Vorlieben beim Essen kaum als vertrauliche Mitteilungen eingestuft werden“, meinte Lioren, der sich zum ersten Mal zu Wort meldete. „Ich sehe zwar keinen Grund, solche Informationen zuruckzuhalten, aber warum fragen Sie nicht direkt den Major danach? Weshalb ist diese Heimlichtuerei erforderlich?“

Das ist doch wohl ganz offensichtlich, dachte Gurronsevas, antwortete aber geduldig: „Wie Sie bereits wissen, hat man mir die Verantwortung dafur ubertragen, die Speisen appetitlicher anzurichten und geschmacklich zu verbessern, da die Qualitat und Zusammensetzung der bei der Zubereitung verwandten synthetischen Nahrstoffe dem Standard entspricht und von der Nahrhaftigkeit her optimal ist. Doch das Aussehen und den Geschmack einer gro?en Zahl von Gerichten — oftmals nur ganz leicht — zu verandern hat einen schwerwiegenden Nachteil. Die Anderungen wurden namlich zu ausgedehnten Diskussionen und Debatten uber personliche Vorlieben fuhren und nicht zu der wohldurchdachten und eingehenden Kritik, die fur mich so wertvoll ware.

Naturlich ergeben sich aus Versuchen mit einzelnen Mitgliedern einer ausgewahlten Spezies, wie ich sie mit dem AUGL-Patienten Eins-Dreizehn und mit Oberschwester Hredlichli angestellt habe, nutzliche Werte“, fuhr er fort. „Doch die Erorterung kulinarischer Randprobleme kann — manchmal

auch eine angenehme — Zeitverschwendung sein. Darum bin ich zu dem Schlu? gekommen, da? die Versuchsperson bis nach dem Ende des Tests ahnungslos bleiben sollte, weil ich auf diese Weise die besten Ergebnisse zu erzielen glaube.“

Einen Augenblick lang starrte ihn Lieutenant Braithwaite mit offenem Mund an, ohne jedoch zu lacheln oder etwas zu sagen. Cha Thrat hatte sich dem Schweigen angeschlossen. Es war Lioren, der als erster das Wort ergriff.

„Ich kenne zwar niemanden, der den Major personlich besonders ins Herz geschlossen hat, doch in seiner Eigenschaft als Chefpsychologe wird er von allen au?erordentlich geachtet“, sagte er leise. „An einem Komplott, um ihn zu vergiften, wollen wir uns nicht beteiligen.“

„Konnte es sein“, fragte Braithwaite, der offenbar die Sprache wiedergefunden hatte, „da? der Druck der Verantwortung und das ungeheure Ausma? der Aufgabe in unserem Chefdiatisten eine Art Todessehnsucht erweckt haben?“

„Das Problem liegt einzig und allein auf meinem Spezialgebiet und hat nichts mit Ihrem Fachbereich zu tun“, widersprach Gurronsevas in scharfem Ton.

„Entschuldigung, meine Frage war nicht ernst gemeint“, besanftigte ihn Braithwaite. „Dennoch laufen Sie Gefahr, einem sehr machtigen und reizbaren Wesen zu nahe zu treten, das hochstwahrscheinlich nicht irgendwelche Fehler verschweigen wird, falls es zu solchen kommt. Vielleicht sollten Sie noch einmal daruber nachdenken, bevor Sie damit anfangen.“

„Ich habe schon daruber nachgedacht“, stellte Gurronsevas klar. „Wenn die Sache vertraulich bleibt, ist das Risiko annehmbar.“

„Dann werden wir Ihnen helfen, wo wir konnen“, willigte der Lieutenant ein. „Vielleicht nutzt es Ihnen ja was.“

Die Lieferung von O’Maras Mahlzeiten wurde laut Braithwaite jeden Tag von einem oder mehreren Mitarbeitern aus dem Vorzimmer quittiert, und das Essen befand sich in einem geschlossenen und isolierten Lieferbehalter mit durchsichtigem Deckel. Daher waren die Mitarbeiter in der Lage, die angelieferten Gerichte zu erkennen und aus den Speiseresten ihre Schlusse zu ziehen. Hin und wieder bemangelte O’Mara ein Gericht so laut, da? seine Stimme durch die Burotur hindurch zu horen war. Normalerweise benannte der Major in seiner Kritik auch das Nahrungsmittel, das ihm offenbar besonders auf den Magen geschlagen war.

„…Sie sehen also, da? alle Auskunfte, die wir Ihnen erteilen konnen, unvollstandig sein werden“, schlo? Braithwaite entschuldigend.

„Fur mich aber trotzdem nutzlich“, antwortete Gurronsevas. „Insbesondere dann, wenn Sie damit einverstanden waren, mich uber die Worte und Reaktionen des Chefpsychologen bei und nach dem Essen auf dem laufenden zu halten. Aus den Grunden, die ich Ihnen bereits genannt habe, ware ich au?erst dankbar, wenn Sie

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