Patient Eins-Dreizehn, der die funfte Nahrungskapsel mit Stumpf und Stiel hatte verschwinden lassen, kehrte zum Personalraum zuruck. Langsam schwamm er an zwei deutlich verbogenen Schlafgestellen vorbei und zwischen umhertreibenden Knaueln aus kunstlichen Pflanzen hindurch, bis er sich direkt vor dem Eingang befand. Sein riesiges, hohlenartiges rosa Maul offnete sich weit.

„Mehr, bitte“, flehte er die Anwesenden an.

„Tut mir leid, mehr gibt es nicht“, antwortete Chefarzt Edanelt, der sich zum ersten Mal seit seinem Eintreffen auf der Station zu Wort meldete. „Sie haben an einem Versuch teilgenommen, den Chefdiatist Gurronsevas durchgefuhrt hat, ein Versuch, der meiner Ansicht nach noch etwas abgeandert werden mu?. Vielleicht gibt es morgen oder in den nachsten Tagen mehr.“

Als sich Eins-Dreizehn abwandte, um sich zu entfernen, sagte Hredlichli schnell: „Schwestern, uberprufen Sie sofort den Zustand unserer Patienten und melden Sie mir, falls dieser. dieser Versuch zu irgendeiner Verschlechterung des Gesundheitszustands gefuhrt hat. Danach versuchen Sie, das Durcheinander so gut wie moglich in Ordnung zu bringen.“ An den Chefarzt gewandt fuhr sie fort: „Ich finde nicht, da? man den Versuch abandern sollte, Doktor. Meiner Ansicht nach sollte man ihn ganz schnell wie einen bosen Traum vergessen. Noch so einen Versuch halt meine Station namlich nicht.“

Die Oberschwester verstummte/ weil Edanelt ein Vorderglied erhoben hatte und die Spitzen einer seiner Zangen langsam knackend zusammenschlug. Auf diese Weise bat ein Melfaner um Aufmerksamkeit.

„Die Demonstration ist interessant und alles in allem erfolgreich gewesen, auch wenn die momentane Verwustung der Station auf etwas anderes schlie?en la?t“, sagte er. „Wie wir wissen, hat die unnotig langsame Genesung bei den Patienten von Chalderescol einen psychologischen Grund. Nach der Operation werden die AUGLs gewohnlich lustlos, gelangweilt und faul, und sie verlieren jegliches Interesse an der eigenen Zukunft. Diese neuartigen Nahrungskapseln, die ubrigens nur bewegungsfahigen Patienten auf dem Weg der Besserung verabreicht werden sollten, versprechen, das zu andern. Nach der Reaktion von Eins-Dreizehn und zukunftigen genesenden Patienten zu urteilen, wird diese standige Erinnerung an das Vergnugen, die echten Beutetiere, von denen die Chalder auf ihrem Heimatplaneten erwartet werden, zu jagen und zu essen, die langweiligen Mahlzeiten betrachtlich beleben. Und die aus medizinischen Grunden ruhiggestellten Patienten, die ihre bewegungsfahigen Artgenossen beobachten, werden sich bemuhen, ihre Genesung so schnell wie moglich voranzutreiben.

Ich mu? Ihnen allen ein gro?es Kompliment machen“, lobte Edanelt die vier Anwesenden, wobei er sie der Reihe nach ansah, „doch insbesondere dem Chefdiatisten fur seine einfallsreiche Losung eines Problems, das bei der Wiederherstellung der Chalder bis jetzt ein ernsthaftes Hindernis gewesen ist. Dennoch habe ich zwei Vorschlage zu machen.“

Edanelt legte eine Pause ein, und die anderen vier schwiegen und warteten. In Anbetracht seines hohen medizinischen Dienstgrads war der Melfaner ungewohnlich hoflich, doch fur eine blo?e Pathologin, einen Lieutenant des Wartungsdiensts, eine Oberschwester und selbst einen Chefdiatisten waren die Vorschlage eines Chefarztes, der Geruchten zufolge bald zum Diagnostiker befordert werden sollte, von Anweisungen nicht zu unterscheiden.

„Gurronsevas“, fuhr Edanelt fort, „mir ware es lieb, wenn Sie und Timmins die bewegungsfahige Chalder- Mahlzeit so modifizieren konnten, da? sie nicht mehr so schnell und wendig ist. Die korperliche Anstrengung bei der Jagd auf die Beute, wie erfreulich sie fur den Jager und wie aufregend sie fur die Zuschauer auch sein mag, konnte den Patienten in Gefahr bringen, einen Ruckfall zu erleiden. Au?erdem wurde eine weniger flinke Nahrungskapsel das Risiko struktureller Schaden an der Ausrustung und Dekoration der Station stark verringern.“

An Hredlichli gewandt, sagte er: „Dieses Risiko konnte durch den richtigen psychologischen Ansatz von Ihnen und den Schwestern noch weiter gesenkt werden. Wissen Sie, Sie sollten nicht zu autoritar vorgehen, weil es sich bei den Chaldern trotz der furchteinflo?enden korperlichen Erscheinung um eine sehr sensible Spezies handelt. Erinnern Sie die AUGLs hin und wieder durch eine beilaufige Bemerkung daran, da? wir Freunde sind, die sich bemuhen, sie so schnell wie moglich zu heilen, damit sie nach Hause konnen. Und geben Sie den Patienten zu verstehen, da? sie in der Wohnung eines Freundes auf ihrem Heimatplaneten auch keine derart ausgelassenen Tischmanieren an den Tag legen wurden. Ich bin mir sicher, dieser Ansatz wird das Risiko struktureller Schaden auf Null reduzieren. Zudem durften Sie sich dadurch auch personlich gleich ein ganzes Stuck glucklicher fuhlen, Oberschwester.“

„Ja, Doktor“, bestatigte Hredlichli mit sehr unglucklich klingender Stimme.

„Auf jeden Fall macht es die Wartungsabteilung glucklicher“, warf Timmins ein. „Wir werden sofort mit den Anderungsarbeiten beginnen.“

„Vielen Dank“, sagte Edanelt und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Gurronsevas zu. „Aber ich kann nicht umhin, mich zu fragen, welchem Problem unser hochst unberechenbarer Chefdiatist als nachstes zu Leibe rucken wird.“

Einen Augenblick lang schwieg Gurronsevas. Uber den Stationskommunikator berichteten die Schwestern von dem Zustand der Patienten, die, wie sie sagten, zwar aufgeregt waren, aber keine weiteren Symptome zeigten, die Grund zu medizinischer Besorgnis gegeben hatten. Wie Gurronsevas klar wurde, hatte es sich bei dem letzten Satz des Chefarztes um keine blo?e Hoflichkeitsfloskel gehandelt; Edanelt war wirklich neugierig und erwartete von ihm eine ehrliche Antwort.

„Ich bin mir noch nicht schlussig, Doktor Edanelt, weil mir bisher in vielen Bereichen die Erfahrung mit der Krankenkost fehlt“, antwortete er wahrheitsgema?. „Aus diesem Grund habe ich mit diesem relativ geringfugigen Einzelproblem angefangen, das nur wenige Chalder betrifft. Hatte ich gleich zu Anfang die Mahlzeiten einer im Hospital zahlreicher vertretenen Spezies verandert, ware es womoglich zu massiven Protesten gekommen, wenn die neuen Rezepte keinen Anklang gefunden hatten. Darum habe ich vor, mich zunachst auf die Ernahrungsbedurfnisse von einzelnen Wesen zu konzentrieren. Die ersten Tests werde ich mit Freiwilligen durchfuhren, doch spater konnte es notwendig werden, sie heimlich ohne Wissen der jeweiligen Zielgruppe umzusetzen. Bei den zahlreicher vertretenen Spezies mochte ich mich eigentlich nicht an tiefgreifendere Anderungen der Kost wagen, bis ich mehr uber die damit verbundenen medizinischen und technischen Schwierigkeiten wei?.“

„Ghu-Burbi sei Dank!“ warf Hredlichli erleichtert ein.

„Das scheint mir ein vernunftiges Vorgehen zu sein“, meinte Edanelt. „Wer soll Ihre nachste Versuchsperson sein?“

„Diesmal handelt es sich um einen Mitarbeiter“, antwortete Gurronsevas. „Ich hatte zwar an verschiedene Personalangehorige gedacht, aber unter den gegebenen Umstanden und als kleine Anerkennung fur die gute Zusammenarbeit, zu der es gekommen ist, indem sie mir die Moglichkeit fur den heutigen Versuch gegeben hat, und auch als eine wohlverdiente Gefalligkeit fur die schweren Seelenqualen, die ihr durch die Beschadigung ihrer Station zugefugt worden sind, kommt dafur meines Erachtens niemand anders als Oberschwester Hredlichli in Frage.“

„Aber ich. aber Sie sind ja nicht mal ein Chloratmer!“ platzte Hredlichli los. „Sie werden mich vergiften!“

Edanelts krabbenahnlicher melfanischer Korper begann sich leicht zu schutteln, und dabei stie? der Chefarzt Laute aus, die vom Translator nicht ubersetzt wurden. „Stimmt“, bestatigte Gurronsevas, „aber ich trage die Verantwortung fur die Ernahrungsbedurfnisse von jedem Lebewesen im Hospital, egal, welcher Spezies es angehort, und ich wurde meine Pflicht vernachlassigen, wenn ich meine beruflichen Aktivitaten auf warmblutige Sauerstoffatmer beschrankte. Ubrigens verfugt Pathologin Murchison nicht nur uber umfangreiche Erfahrungen mit PVSJs, sondern ihrer Abteilung ist auch ein illensanischer Chloratmer zugeteilt, und beide haben zugesagt, mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Die beiden wurden mir nie erlauben, irgendwelche neuen Gerichte aufzutischen, die fur Sie riskant sein konnten. Falls Sie bereit sind, sich freiwillig zur Verfugung zu stellen, kann ich Ihnen versichern, da? es fur Sie nicht gefahrlich wird, Oberschwester.“

„Die Oberschwester wird sich bestimmt mit Vergnugen freiwillig melden“, warf Edanelt, dessen Korper immer noch leicht zitterte, rasch ein. „Hredlichli, auf dem Gebiet der Kochkunst genie?t Gurronsevas in der gesamten Foderation einen derart guten Ruf, da? Sie sich hochst geehrt fuhlen sollten.“

„Ich fuhle nur, da? ich mir gerade eine lebensbedrohliche Krankheit zugezogen habe“, antwortete Hredlichli hilflos.

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