Abteilung diese Substanz liefern kann, habe ich das Problem mit der Verpflegung der Chalder voll und ganz gelost. Konnen Sie das? Und wie schnell ware es moglich?“
„Das konnen wir nicht“, antwortete Murchison mit einem Kopfschutteln. „Wenigstens nicht gleich. Erst mal werden wir die Physiologie und Endokrinologie eines Beutetiers untersuchen mussen, uber das uns die medizinische Bibliothek moglicherweise keine umfassende Auskunft geben kann. Und wenn eine Sekretion von der Art, wie wir sie voraussetzen, existiert, wurde es noch einige Tage dauern, die Molekularstruktur zu analysieren und zu reproduzieren und die synthetische Variante auf mogliche schadliche Nebenwirkungen hin zu untersuchen. Sparen Sie sich Ihren Dank lieber noch bis dahin auf, Gurronsevas.“
Fur einen langen Moment musterte er die Pathologin so eingehend, wie es zuvor Timmins getan hatte, wenn auch nicht aus demselben Grund. Er betrachtete die albernen, schwabbelnden Ausbuchtungen auf dem oberen Brustkorb und den unverhaltnisma?ig kleinen terrestrischen Kopf, der in diesem Fall jedoch einen Verstand enthielt, den man keineswegs als klein bezeichnen konnte. Er wollte der Pathologin gerade erneut danken, als Timmins ihn unterbrach.
„Das Fahrzeug ist jetzt startbereit, Sir“, meldete der Lieutenant. „Gleiche Tiefe wie letztes Mal?“
„Danke, ja“, bestatigte Gurronsevas.
Abermals wurde das Testfahrzeug vorsichtig zu Wasser gelassen und unter der Oberflache in Position gehalten. „Dieses Mal habe ich nur auf der Backbordseite Gaskapseln eingesetzt, damit das Fahrzeug im Kreis zu uns zuruckkehrt, falls die neuen Stabilisierungsflossen funktionieren und es ihm gelingt, eine etwas gro?ere Strecke zuruckzulegen“, erklarte Timmins. „Das synthetisch hergestellte endgultige Modell wird die Richtung und Tiefe ganz zufallig andern und. Verdammt noch mal!“
Ein steinhart aufgepumpter gro?er Ball mit leuchtenden Farben war auf dem Flo? gelandet, wo er zweimal aufprallte, bevor er neben ihnen ins Wasser rollte. Unwillkurlich hob einer der Melfaner eins seiner zangenformigen Greiforgane hoch, um ihn wegzusto?en.
„Lassen Sie das, und verhalten Sie sich ruhig!“ forderte ihn der Lieutenant in scharfem Ton auf. „Verursachen Sie keine unnotigen Wellen. Die Verschlusse der Dusen losen sich sonst nur auf. Schlie?lich wollen wir das Ding unter optimalen Bedingungen starten. Es fahrt los.“
Das Fahrzeug setzte sich — zunachst nur langsam — in Bewegung, nahm dann jedoch gleichma?ig Tempo auf und fuhr diesmal in schnurgerader Linie. Als es den ersten Schub von der Seite bekam, anderte es schlagartig die Richtung und verfolgte den neuen Kurs, ohne abzutreiben oder sichtlich an Geschwindigkeit zu verlieren. Wieder gab es einen abrupten Richtungswechsel, dann noch einen — beide waren sauber ausgefuhrt—, und das Fahrzeug kam im Kreis zum Flo? zuruck. Wenige Sekunden spater war die komprimierte Luft in den Kapseln aufgebraucht, und das Fahrzeug trieb neben dem Flo? aus.
„Es mussen zwar noch ein paar Feinabstimmungen vorgenommen werden“, meinte Timmins, wobei er die Lippen zum breitesten terrestrischen Lacheln verzog, das Gurronsevas je gesehen hatte, „aber das war schon eine eindeutige Verbesserung.“
„Ja, wirklich“, stimmte ihm Gurronsevas zu, der kein Lacheln zustande brachte, sich jedoch wunschte, er hatte es gekonnt. „Pathologin Murchison und Sie, Timmins, wie auch die Techniker Kledath und Dremon, verdienen meine hochste Anerkennung.“
Er verstummte, weil neben ihnen auf einmal der unbewegliche, gewolbte Kopf einer Angehorigen von Gurronsevas’ tralthanischer Spezies aus dem Wasser auftauchte, dem ein winkender Tentakel mit der Armbinde einer Schwesternschulerin folgte.
„Konnten wir bitte unseren Ball wiederhaben?“ fragte sie.
7. Kapitel
Bei der Prufung der ersten Partie der neuen Lebensmittelproben waren — in absteigender Rangfolge — Chefarzt Edanelt, der die medizinische Gesamtverantwortung fur die AUGL-Station trug, Pathologin Murchison, Gurronsevas selbst, Lieutenant Timmins, Oberschwester Hredlichli und die ubrigen Angehorigen des Schwesternpersonals der Station zugegen. Sie alle waren in dem Personalraum derart dicht zusammengedrangt, da? kaum noch Platz fur die Lebensmittel blieb, die einzeln in funf Plastikfolien verpackt waren, um die Verschlusse der Dusen vor einer vorzeitigen Beruhrung mit Wasser zu schutzen. Etwa drei?ig Meter vom Eingang der Station entfernt trieb Patient AUGL-Eins-Dreizehn im Wasser und rollte vor Ungeduld die streifenformigen Tentakel langsam auf und ab.
Die normale Mahlzeit, die aus den kunstlichen Eiern mit der harten Schale bestand, war serviert worden, die Essensreste hatte man entfernt, und Eins-Dreizehn hatte die Mitteilung erhalten, sich auf eine Uberraschung gefa?t zu machen, womoglich sogar auf eine angenehme.
Auf Gurronsevas’ Zeichen hin naherte sich ihm Timmins, um ihm beim Abziehen der Plastikfolie behilflich zu sein. Zusatzlich zu den Stabilisierungsflossen, die fast unsichtbar waren und obendrein nicht einmal schlecht schmeckten, waren die Ober- und Unterseiten der Nahrungskapseln mit Eigenantrieb gefarbt worden, so da? sie dem grau- und braungesprenkelten Panzer eines jungen, aber voll ausgewachsenen Vertreters der echten Beutetierart aufs Haar genau glichen. Murchisons Untersuchungen der Korperzeichnung, des Verhaltens und der Drusenabsonderungen unter Stress waren trotz der knapp bemessenen Zeit sehr grundlich gewesen.
Innerhalb weniger Sekunden loste sich der Verschlu? der Hauptduse auf, und ein dunner Strahl aus komprimierter Luft scho? sprudelnd heraus. Gurronsevas und der Lieutenant hielten die Kapsel fest und gaben ihr dann, um ihr bei der Uberwindung der Massentragheit und des anfanglichen Wasserwiderstands zu helfen, einen entschiedenen Sto? in Richtung auf Eins-Dreizehn.
Das Maul des Chalders offnete sich weit — ob vor Uberraschung oder Vorfreude konnte nicht mit Sicherheit gesagt werden —, und dann klappten seine gewaltigen Kiefer zu. Doch die Beute hatte plotzlich die Richtung geandert. Sie stieg nach oben, schwamm uber Eins-Dreizehns gewaltigen Kopf hinweg und setzte ihren Weg in die lauwarmen grunen Tiefen des anderen Endes der Station fort. Schwerfallig drehte sich der Patient um und schwamm ihr nach. Durch das Wasser verfremdet drang das Krachen kraftiger Zahne, die nichts als Wasser erfassend zusammenschlugen, gefolgt von einem Klirren, das sich anhorte, als sei ein mi?tonender Gong angeschlagen worden, als Eins-Dreizehn gegen das Schlafgestell eines ruhiggestellten Mitpatienten stie?, bevor es ihm schlie?lich gelang, die Beute zu fangen.
Als die nun folgenden regelma?igen Kau- und Knirschgerausche allmahlich langsamer wurden, lie?en Timmins und Gurronsevas die zweite Kapsel los.
Diesmal war die Jagd nur von kurzer Dauer, weil der erste zufallige Richtungswechsel Eins-Dreizehn die Mahlzeit direkt ins Maul beforderte. Der dritten Kapsel gelang es, nicht erwischt zu werden, bis ihr die komprimierte Luft ausging und sie reglos im Wasser trieb, doch da war Eins-Dreizehn schon viel zu aufgeregt, um diese merkwurdige Verhaltensanomalie zu bemerken oder sich darum zu kummern. Nummer vier bekam er gar nicht zu fassen.
Das lag daran, da? die Kapsel auf ihrem unregelma?igen Kurs zu nah an das Schlafgestell des festgebundenen Patienten AUGL-Eins-Sechsundzwanzig geriet, der sie sich schnappte, als sie vorbeigeschwommen kam, und sie innerhalb weniger Sekunden gierig verschlang. Daran schlo? sich ein hitziger Disput zwischen Eins- Dreizehn und Eins-Sechsundzwanzig an, in dem die Beschuldigung des Diebstahls mit dem Vorwurf des Egoismus beantwortet wurde und der durch den Start der funften und letzten Nahrungskapsel ein Ende fand.
Der allmahlich genesende Eins-Dreizehn mu?te wohl mude sein, dachte Gurronsevas, denn diesmal dauerte die Jagd sehr lange, und den Bewegungen des AUGLs mangelte es offenbar an Koordination. Mehrmals stie? er heftig gegen die Schlafgestelle, die zu beiden Seiten an den Wanden der Station aufgestellt waren, oder ri? gro?e Mengen der duftenden Dekorationspflanzen ab, die man nur lose an den Wanden und der Decke befestigt hatte. Doch Eins-Dreizehns Mitpatienten schienen sich nichts daraus zu machen und feuerten ihn entweder an oder versuchten, einen Happen aus der Kapsel herauszubei?en, wenn sie vorbeigeschossen kam.
„Der zertrummert mir meine ganze Station!“ rief Hredlichli entsetzt. „Halten Sie ihn auf! Halten Sie ihn sofort auf!“
„Ich glaube, die meisten Schaden sind nur oberflachlich, Oberschwester“, beruhigte Timmins die aufgebrachte Oberschwester, wenngleich er sich seiner Sache nicht besonders sicher schien. „Gleich morgen, wenn die erste Schicht beginnt, schicke ich Ihnen einen Reparaturtrupp.“
