Wie er sich bei dieser Sache selbst fuhlte, wu?te er ganz genau, und er glaubte auch Remraths Empfindungen und die der anderen auf dem Unfalldeck zu kennen. Obwohl sie sich bestimmt alle bemuhten, ihre Gefuhle unter Kontrolle zu halten, mu?ten sie nur wenige Meter von Prilicla entfernt starke Emotionen ausstrahlen. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb der Chefarzt seit uber einer Stunde niemanden mehr mit „mein Freund“ angesprochen hatte.

Bei den Wemarern war Fleisch derart knapp geworden, da? sie Gruppen von Jagern in weit entfernte Gegenden schickten, um etwas aufzutreiben. Gleichzeitig war ihr technischer Stand derart niedrig, da? sie die Beute bis zur Ruckkehr zur Mine nicht lange Zeit frisch halten konnten. Deshalb bestand die einzige Moglichkeit, sie uber gro?e Entfernungen zu transportieren, darin, sie am Leben zu lassen. Wenn das gefangene Tier nicht schon tot war, versuchte es der Jager, der es erbeutet hatte, mit Hilfe seiner Kollegen am Leben zu erhalten, damit die zarten Fleischhappen, die es spater liefern sollte, beim Eintreffen noch frisch waren.

Trotz des standigen Kummers, unter dem Remrath auf dem Flug leiden mu?te, und ungeachtet der Tatsache, da? seine kannibalische Spezies wenig oder nichts von den Verfahren der Heilmedizin wu?te, erzahlte er dem medizinischen Team, da? Creethar bis zum letztmoglichen Augenblick versuchen werde, am Leben zu bleiben, da dies als tapferer und ehrenwerter Wemarer seine Pflicht und Schuldigkeit sei.

Im Moment stand Remrath vor dem Bildschirm auf dem Unfalldeck und lie? keine au?ere Reaktion erkennen, als Fletcher nur wenige hundert Meter von der Jagdgruppe der Wemarer entfernt mit der Rhabwar zu einer vollen Notlandung ansetzte, die, wie sich Gurronsevas sicher war, kaum viel mehr als ein kontrollierter Absturz gewesen sein konnte.

Prilicla schwebte unruhig neben ihm. Um seine Besorgnis zu verbergen, sprach Gurronsevas den Cinrussker an, als ihm plotzlich bewu?t wurde, da? man einem Empathen die eigenen Gefuhle nicht verheimlichen konnte.

„Als ich mich Ihrer Bitte entsprechend mit Tawsar und Remrath sowohl einzeln als auch gemeinsam unterhalten habe, ist es zu Meinungsverschiedenheiten gekommen“, sagte er, wobei er den Translator so eingestellt hatte, da? er nichts ins Wemarische ubersetzte. „Tawsar hat uns jede Einmischung untersagt, und Remrath ist ganz wild darauf gewesen, uns in jedweder Form entgegenzukommen. Wenn wir also versuchen, Creethar ohne Tawsars Erlaubnis zu helfen, gefahrden wir dadurch womoglich unser momentan gutes Verhaltnis zu den Wemarern. Doch nach dem, was ich so mitbekommen habe, mag und respektiert Tawsar den Chefkoch und Arzt und hat im Moment gro?es Mitleid mit ihm; darum ist das Risiko vielleicht auch nur gering.

Immerhin ist Creethar Remraths jungstes und einziges noch lebendes Kind.“

„Das haben Sie mir alles schon erzahlt, und Ihren Versuch, mich zu beruhigen, wei? ich genau wie beim letzten Mal zu schatzen“, entgegnete der Cinrussker. „Aber als ranghochster medizinischer Offizier eines Ambulanzschiffs habe ich keine Wahl. Oder beunruhigt Sie etwas anderes?“

„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete Gurronsevas. „Offenbar gibt es Verstandigungsschwierigkeiten. Da Remrath gegen Tawsars Wunsch mit uns losgeflogen ist, um die Jager von unseren guten Absichten zu uberzeugen, konnen wir Creethar schnell nach Hause bringen, damit er dort behandelt werden oder sterben kann — aber das will Remrath anscheinend gar nicht. Bevor er zusammen mit mir die Mine verlassen hat, mussen Sie ja mitgehort haben, wie er Tawsar sagte, als Vater stehe ihm das letzte Wort daruber zu, was mit dem verletzten Anfuhrer der Jager zu geschehen habe, und er wolle Creethar lieber von den Fremdweltlern so lange wie notig im Schiff behandeln lassen als von sich selbst oder irgendeinem anderen Wemarer.

Direkt hat er zu mir weiter nichts gesagt, und ich besitze nicht Ihre Fahigkeit, emotionale Ausstrahlungen zu deuten“, fuhr Gurronsevas fort. „Doch warum sollte ein Vater seinen Sohn in dieser furchtbaren Situation unter so geringen Einwanden uns uberlassen, wildfremden Wesen, die er erst seit so kurzer Zeit kennt? Ich bin mir sicher, da? von ihm bei weitem nicht alles gesagt worden ist, was er gedacht und auf dem Herzen gehabt hat. Und das beunruhigt mich.“

„Ich wei? uber Ihre und Remraths Empfindungen Bescheid“, sagte der Empath. „In diesem Moment nehme ich bei ihm diese Mischung aus Ungewi?heit und Kummer wahr, die fur den erwarteten Verlust eines geliebten Wesens charakteristisch ist, von dem er ja nicht wei?, wie schwer die Verletzungen sind und wie die Uberlebenschancen stehen. Zudem sind bei ihm, von diesen starkeren Gefuhlen naturlich fast verschuttet, ein kindliches Staunen und eine starke Aufregung wegen seines ersten Flugerlebnisses zu entdecken. Bei Remrath handelt es sich um eine intelligente Personlichkeit, die trotz der gegenwartigen halbbarbarischen Zustande auf Wemar gebildet und aufgeschlossen ist und uns vertraut. Dieses Vertrauen haben Sie gewonnen, mein Freund, und allein aus diesem Grund werden wir in der Lage sein, Creethar mit Zustimmung seines Vaters die bestmogliche Behandlung zu gewahren.

Sie haben zwar keinen Grund mehr, beunruhigt zu sein, machen sich aber trotzdem immer noch Sorgen“, schlo? Prilicla.

Bevor Gurronsevas etwas entgegnen konnte, spurte er einen sanften Druck der Bodenplatten gegen die Fu?e, da die Schwerkraftkompensatoren die Erschutterung durch die Notlandung ausgleichen mu?ten. Als sich die Luftschleuse des Unfalldecks offnete, schlug ihnen warme Au?enluft entgegen. Remrath stieg mit steifen Bewegungen auf den Krankentransporter, und das medizinische Team ging mit Ausnahme von Pathologin Murchison, die alles fur die Aufnahme des Verletzten nach einem vorlaufigen Bericht uber dessen medizinischen Zustand vorbereiten wollte, die Rampe hinunter und steuerte auf die Gruppe der Jager zu.

In diesem Moment ubernahm Remrath die Leitung, indem er das Team anwies, still zu sein, wahrend er sich mit den Jagern unterhalten wollte. Ohne seine Anwesenheit, so hatte er beteuert, wurde jeder Versuch der Fremdweltler, Creethar von der Trage zu holen, mit Gewi?heit fehlschlagen und wahrscheinlich auf beiden Seiten viele Opfer fordern. Es sei unumganglich, da? ein Wemarer mit Autoritat zu den Jagern spreche. Das medizinische Team hatte sich notgedrungen damit einverstanden erklaren mussen. Doch Gurronsevas versuchte, sich in die Lage einer Gruppe von Jagern zu versetzen, die zum ersten Mal in ihrem Leben einem Raumschiff und Fremdweltlern begegneten, die gleicherma?en absurd und furchterregend aussahen und die versuchten, jemanden aus ihrer Mitte zu holen.

Er fragte sich ernsthaft, ob sein Freund Remrath womoglich altersbedingt an ubersteigertem Selbstvertrauen litt.

Doch Remrath redete mit den Jagern, als ob sie immer noch seine Schuler waren: in bestimmtem und beruhigendem Ton und mit Autoritat. Zuerst sagte er ihnen, da? sie nichts zu befurchten hatten, und erklarte ihnen dann den Grund dafur. Er begann mit einer kurzen und sehr einfachen Lektion in Astronomie, die die Zusammensetzung der Sternsysteme, die intelligenten Lebensformen, die in einigen davon wohnen mu?ten, und die gewaltigen Entfernungen zwischen diesen Systemen behandelte. Daraufhin ging er zu einer gleicherma?en knappen Erorterung der viele Jahrhunderte wahrenden friedlichen Zusammenarbeit uber, die auf den entsprechenden Planeten erforderlich gewesen war, um jenen technologischen Stand zu erreichen, der Raumfahrt erst moglich gemacht hatte.

Danalta hatte die Gestalt eines Vierfu?ers ohne naturliche Waffen angenommen, um keinen der Jager zu beunruhigen. Der Verwandlungskunstler kam naher an Gurronsevas heran und murmelte: „Als uns Ihr Freund seine Hilfe angeboten hat, habe ich nicht mit etwas Derartigem gerechnet.“

„Obwohl wir uber ein gemeinsames Interessengebiet verfugen, haben wir uns uber andere Themen als nur ubers Kochen unterhalten“, entgegnete Gurronsevas.

„Ganz offensichtlich“, stellte Danalta fest.

Unterdessen hatte man sich Creethar und der Trage bis auf zwanzig Meter genahert, und die Jager machten keine Anstalten, den Weg freizugeben.

„Die seltsamen Wesen rund um mich herum sind in Frieden gekommen“, verkundete Remrath gerade. „Sie wollen uns nichts tun und sind begierig, uns zu helfen. Einer von ihnen“ — er deutete auf Gurronsevas — „hat uns bereits in der Mine dadurch geholfen, da? er uns in seltsamer und au?ergewohnlicher Weise, die ich jetzt aus Zeitmangel nicht beschreiben kann, mit neuen Gerichten versorgt hat. Bei den anderen handelt es sich um Arzte mit weitreichenden Erfahrungen, die ebenfalls bereit sind, uns zu helfen. Ich habe mich entschlossen, wie es mein Recht als Vater ist, ihnen zu erlauben, ihre fortschrittliche Heilkunst an uns auszuuben. Setzt die Trage ab und nehmt die Decken herunter.“

Mit leiser, weniger autoritarer Stimme stammelte er: „Ist. ist Creethar noch am Leben?“

Ein langes Schweigen antwortete ihm.

Prilicla flog voran und schwebte dann direkt uber der Trage. Zwei der Jager hoben die Speere und ein weiterer legte einen Pfeil in den Bogen und zielte auf den Empathen, ohne jedoch die Sehne vollstandig zu

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