zu.
„Hier passiert gar nichts“, reagierte Creethar verargert, „und ich mache mich langsam lacherlich. Hilf mir mal, die Unterseite vom Netz hochzuheben, damit ich unten hindurchschlupfen kann. Sei vorsichtig, sonst rei?t es sich los.“
„Sei selbst vorsichtig“, warnte ihn Druuth in scharfem Ton, aber zu leise, als da? die Jager sie hatten horen konnen. „Wenn man mit dem Schwanz und beiden Beinen auf festem Boden steht, kann man leicht herummeckern. Creethar, weder auf dieser Jagd noch auf den anderen, die wir gemeinsam unternommen haben, ist uns Hunger fremd gewesen. Wir halten es noch ein paar Stunden aus, bis die Twasachs die Hohle verlassen mussen, um etwas zu trinken.“
„Lange konnen wir in dieser Stellung aber nicht warten“, widersprach Creethar genauso leise. „In den Beinen kriege ich schon Krampfe, und wenn ich sie ausstrecke oder bewege, wie es sich bald nicht mehr vermeiden la?t, wird der Vorsprung noch weiter abbrockeln.“ Und mit der festen Stimme eines Anfuhrers fuhr er fort: „Ihr da unten! Werft ein paar trockene Holzstucke und eine brennende Fackel aufs Gesims. Wenn wir die Tiere schon nicht mit Larm heraustreiben konnen, dann wird es uns garantiert mit Rauch gelingen.“
Druuth hob vorsichtig das Netz an und Creethar schlupfte darunter hindurch, bis sich nur noch sein Schwanz au?erhalb der Hohle befand. Nach wie vor war das unaufhorliche Stohnen des Twasachs zu horen, und die Jungen stie?en die leisen, aufgeregten bellenden Laute aus, die darauf hindeuteten, da? sie vielleicht miteinander spielten. Als schlie?lich das Feuer gelegt und entzundet war, meldete Creethar, seine Augen hatten sich auf die Dunkelheit eingestellt und er sei fur eine Jagd bereit. Wie er erkennen konne, sei die Hohle tiefer als erwartet. Der Boden steige an und knicke schlie?lich scharf nach links ab, so da? er nicht genau sehen konne, wo der Twasach stecke. Inzwischen klinge das Bellen der Jungen eher verangstigt als verspielt. Der dichte Rauch, der in die Hohle ziehe, bei?e ihm derart in den Augen, da? er nichts mehr sehen konne, berichtete er, woraufhin er sich vorsichtig aufs Gesims zuruckzuziehen begann.
Wie Druuth erst spater klar wurde, hatte es vor dem Zwischenfall eine kurze Vorwarnung gegeben, namlich als die stohnenden Laute plotzlich verstummt waren, doch der Twasach war vollig lautlos und derma?en schnell aus dem Rauch hervorgeschossen gekommen, da? er Creethar die Krallen in die Brust geschlagen hatte, bevor dieser den Speer hatte heben konnen.
Im Freien hatte der Twasach abgeschuttelt und mit einem lahmenden Schwanzschlag bewu?tlos geschlagen werden konnen, doch in dem beengten Raum der Hohlenoffnung war Creethar nur imstande, ihn verzweifelt mit den tief zerfleischten und in Stromen blutenden Armen abzuwehren, wahrend er sich vorsichtig auf den Vorsprung zuruckzog, wo Druuth den Speer einsetzen konnte. Doch er war nicht vorsichtig genug.
Plotzlich verhedderten sich Creethars Fu?e im Netz. Er verlor das Gleichgewicht, stolperte, zusammen mit dem Angreifer ins Netz verstrickt, nach hinten uber das schmale Gesims und rollte den steinigen Abhang hinunter. Als die anderen Jager bei den beiden anlangten, war der Twasach von dem viel schwereren Wemarer zu Tode gequetscht worden, wahrend man bei Creethar mit dem baldigen Ende rechnete. Doch er starb nicht und blieb, solange er lebte, der Anfuhrer der Jager, denn so lautete das Gesetz.
Der tote Twasach war krank und sein vom Hunger ausgemergelter Korper derart von offenen, eiternden Wunden ubersat, da? er nicht fur unbedenklich genie?bar erklart werden konnte. Obwohl die Jager durch den eigenen Hunger stark geschwacht waren, hatten sie keine andere Wahl, als Creethars Anweisung zu gehorchen, den verdachtigen Kadaver an Ort und Stelle liegen zu lassen. Einige warfen die Frage auf, was denn mit den inneren Organen sei, die doch nicht betroffen sein konnten, doch wurden sie nicht weiter beachtet.
Daruber hinaus befahl Creethar ihnen, die Jagd sofort abzubrechen, zu der Mine zuruckzukehren und alle funf Jungen lebend mitzunehmen. Es war nicht das erste Mal, da? eine Gruppe von Jagern Twasachjunge gefangen hatte, doch bisher waren sie immer einzeln und im Freien getotet worden. Einen kompletten Wurf in einer Twasachhohle zu fangen war jedenfalls noch nie gelungen. Soweit die Wemarer zuruckdenken konnten, bestand zum ersten Mal die Moglichkeit, die Twasachjungen zu einer Herde von Schlachttieren heranzuzuchten — vorausgesetzt, die Jager und ihre Familien, die bei der Mine in standiger Unterernahrung lebten, konnten ihren Hunger noch ein paar Jahre im Zaum halten.
Aus Asten und den Hauten des Zelts baute man also fur Creethar eine Trage und machte sich auf den langsamen Ruckmarsch zur Mine. Obwohl Creethar standig Schmerzen hatte, nicht immer bei klarem Verstand war und nur undeutlich sprechen konnte, verbrachte er die lichten Momente damit, sich mit Druuth uber die Notwendigkeit zu unterhalten, alle Twasachjungen am Leben zu lassen, und die Jager zu dem Versprechen zu uberreden, diese Anweisung auch weiterhin zu befolgen, falls er selbst vor dem Eintreffen bei der Mine sterben sollte.
Das entsprach zwar nicht genau dem auf Wemar geltenden Gesetz, doch die Jager wollten sich weder mit ihrem au?erst geachteten Anfuhrer, der bald sterben wurde, streiten, noch lag ihnen etwas daran, sein Leiden oder die anhaltende seelische Anspannung seiner Lebensgefahrtin Druuth in irgendeiner Hinsicht zu vergro?ern.
Druuth bestand darauf, die Trage mit zu schleppen, ob sie nun an der Reihe war oder nicht, damit sich die anderen Trager so sanft wie moglich uber unebene Bodenstellen bewegten und sie selbst versuchen konnte, Creethar ein wenig von seinen Schmerzen abzulenken, indem sie sich mit ihm unterhielt. Sie sprach uber vieles: von fruheren, erfolgreicheren Jagden und von den seltsamen Maschinen, die die Fremdweltler bei der Mine abgeworfen hatten, aber hauptsachlich von ihrer ersten gemeinsamen Reise, zu der sie einst von der Siedlung am See aufgebrochen waren. Vier junge Erwachsene hatten damals die lange, gefahrliche Wanderschaft von der Mine zum See angetreten, um sich eine Lebensgefahrtin zu suchen; so wie es andererseits bei den frischgebackenen Jagern in der Siedlung am See Brauch war, zur Mine oder zu anderen Siedlungen zu ziehen, da nur krankliche oder geistesgestorte Nachkommen zur Welt kamen, wenn die Wemarer innerhalb des eigenen Stamms heirateten. Creethar hatte Mut und Starke bewiesen und sich das Recht erworben, sich als erster eine Gefahrtin auswahlen zu durfen, indem er seine Reisegefahrten weit hinter sich gelassen hatte und drei Tage vor ihnen am See eingetroffen war — und seine Wahl war auf Druuth gefallen.
Da der jetzige Weg jedoch holprig war und Creethars gebrochene Knochen standig gegeneinander gesto?en wurden, so da? Druuth seine stummen Schmerzensschreie regelrecht zu horen meinte, sprach sie ausschlie?lich von der ersten gemeinsamen Hochzeitsreise und von dem, was sie auf der langen, gemachlichen und herrlichen Ruckkehr zu ihrem neuen Zuhause in der Mine gesagt und getan hatten.
Die Verschlechterung von Creethars Zustand wurde von Druuth auf dem Ruckweg zur Mine in derart erschreckenden Einzelheiten beschrieben, da? Gurronsevas eine wachsende innere Anspannung verspurte. Er brauchte kein Empath zu sein, um die Auswirkung der Worte auf Creethars Vater Remrath zu ahnen. Doch bevor er etwas sagen konnte, sprach bereits Priliclas Stimme im Kopfhorer all das aus, was ihm auf der Zunge gelegen hatte.
„Freund Gurronsevas“, sagte der Empath. „Das, was Sie uber die Verletzung des Patienten und das darauffolgende Versaumnis, ihn zu behandeln, fur uns in Erfahrung gebracht haben, ist sehr hilfreich. Doch vorerst wissen wir genug, und Ihr Freund Remrath durchleidet heftige seelische Qualen. Brechen Sie deshalb bitte den Kontakt mit Druuth so schnell wie moglich ab, und lassen Sie Remrath die Wahl, ob er mit der Rhabwar oder mit den Jagern zur Mine zuruckkehren will, und kommen Sie dann wieder aufs Schiff.“
Als Gurronsevas Remrath vor die Wahl gestellt hatte, antwortete der Chefkoch: „Obwohl ich so alt bin, konnte ich wahrscheinlich schneller marschieren als dieser ausgehungerte Haufen hier. Aber ich werde trotzdem aufs Schiff zuruckkehren. Dort, dort habe ich noch Vorbereitungen zu treffen.“
Erneut spurte Gurronsevas den Kummer des Wemarers. Um zu versuchen, ihn zu beruhigen, sagte er: „Machen Sie sich bitte keine Sorgen, Remrath. Die Fremdweltler auf dem Schiff verstehen ihr Geschaft, und Creethar befindet sich bei ihnen in guten Handen. Wurden Sie den Arzten gern bei der Arbeit zusehen?“
„Nein!“ wehrte Remrath in scharfem Ton ab und fuhr mit sanfterer Stimme fort: „Moglicherweise erscheine ich Ihnen als ein schwacher und feiger Vater. Aber vergessen Sie bitte nicht, da? Ihre Freunde die Verantwortung fur Creethar ubernehmen wollten und ich sie ihnen uberlassen habe. Von mir zu verlangen, mir anzusehen, was die Fremdweltler mit meinem Sohn anstellen, ist sehr gefuhllos von Ihnen, Gurronsevas. Von solchen Sachen mochte ich lieber nichts wissen. Bitte bringen Sie mich schnellstmoglich zur Mine zuruck.“
Auf dem Ruckflug an Bord der Rhabwar warf Remrath keinen einzigen Blick auf das medizinische Team, das sich mit Creethar beschaftigte, noch sprach er ein einziges Wort mit Gurronsevas oder sonst jemandem. Der Tralthaner versuchte, sich vorzustellen, wie er sich gefuhlt hatte, wenn eins seiner Kinder — vorausgesetzt, er hatte welche gehabt — schwer verletzt worden ware und man ihm die Moglichkeit gegeben hatte, den Chirurgen
