bei der Operation zuzusehen.
Vielleicht hatte Remrath recht, und seine Frage war wirklich sehr gefuhllos gewesen.
29. Kapitel
Im Gegensatz zu Remrath konnte es Gurronsevas nicht vermeiden, alle Ma?nahmen des medizinischen Teams zu sehen oder zumindest zu horen. Jede einzelne Operationsphase wurde auf den gro?en Repeaterschirm des Unfalldecks ubertragen und fur zukunftige Studienzwecke aufgezeichnet, da es sich um den ersten gro?eren Eingriff an einer fur die Foderation neuen Lebensform handelte, und deshalb waren die Begleitkommentare prazise und ausfuhrlich. Selbst als Gurronsevas alle Augen vom Schirm abwandte, konnte er den Bildern nicht entkommen, die die Stimmen in lebhaftesten Farben schilderten.
Drau?en vor dem Sichtfenster verwandelte sich das Grun der steilen Talwande allmahlich erst in die Einfarbigkeit der Dammerung und schlie?lich in die fast vollkommene Dunkelheit, die nur auf einem Planeten ohne Mond in einem galaktischen Sektor moglich ist, in dem die Sternsysteme dunn gesat sind — und immer noch beschaftigte sich das medizinische Team mit dem Patienten und unterhielt sich uber ihn. Doch als der erste graue Schimmer der Morgendammerung die vollige Dunkelheit zuruckdrangte, kam die Operation langsam zum Ende, und man ging von den detaillierten Beschreibungen der einzelnen Ma?nahmen zum Resumee uber.
Die Stimmen klangen zunehmend besorgt.
„Wie Sie bemerken werden, haben wir die einfachen und komplizierten Bruche an den Beinen, an den Armen und am Brustkasten genagelt und — wo notig — ruhiggestellt und die Schnitt-, Ri?- und Schurfwunden ausgespult, genaht und mit sterilen Verbanden versehen“, sagte Prilicla gerade. „Aufgrund der physiologischen Informationen, die uns Tawsar und Remrath gegeben haben, sind im Verlauf der Operation keinerlei Komplikationen aufgetreten. Vielmehr sind es die leichten Verletzungen, die Stellen, an denen die Haut in Verbindung mit den Frakturen aufgerissen oder abgeschurft ist, die den Hauptgrund zur Sorge darstellen und die Prognose ungewi? machen.“
„Im Klartext hei?t das, die Operation war erfolgreich, aber der Patient wird wahrscheinlich sterben“, fa?te Naydrad zusammen, wobei sie ihren spitz zulaufenden Kopf Gurronsevas zuwandte.
Gegen diese Behauptung protestierte niemand. Wahrscheinlich hatte die Oberschwester nichts anderes als die Gedanken der ubrigen Mitglieder des medizinischen Teams ausgesprochen.
„Ich brauche wohl niemanden von Ihnen daran zu erinnern, da? die Krankheitserreger, die sich auf einem Planeten entwickelt haben, nicht die Lebensformen eines anderen befallen konnen“, fuhr Prilicla zur Belehrung des Nichtmediziners Gurronsevas fort. „Von den Heilmitteln, die verschiedene Spezies anwenden, kann man jedoch nicht dasselbe behaupten. Fur den Notfall haben wir eine einzelne Arznei entwickelt, die gegen Infektionen wirkt, wie man sie bei allen warmblutigen sauerstoffatmenden Lebensformen antrifft, doch es gibt einige Spezies, fur die das Medikament todlich ist. Selbst mit den Moglichkeiten des Orbit Hospitals ware eine langwierige Untersuchung von mindestens zwei oder drei Wochen erforderlich, bevor man es fur einen DHCG als unbedenklich einstufen konnte. Mit dem Betaubungsmittel sind wir dagegen nur ein geringes Risiko eingegangen.“
„Vielleicht bleibt uns gar nichts anderes ubrig, als das gro?e Risiko auf uns zu nehmen, Doktor“, fiel ihm Murchison ins Wort. „Zuerst haben die Verletzungen den Patienten stark geschwacht, danach das anhaltende Trauma des langen Transports ohne Behandlung und jetzt der unvermeidbare postoperative Schock. Den Schock haben wir zwar unter Kontrolle, doch die einzigen positiven Ma?nahmen, die wir treffen konnten, bestehen in der Beatmung mit reinem Sauerstoff und in der intravenosen Ernahrung. Wenigstens wissen wir genug uber den grundlegenden Stoffwechsel der Wemarer, um den Patienten nicht mit der intravenos verabreichten Flussigkeit zu vergiften.
Auf jeden Fall mussen wir uns sehr bald entscheiden, ob wir es riskieren wollen, ein nicht an Wemarern getestetes Medikament anzuwenden oder nicht“, fuhr Murchison fort. „Zum Gluck habe nicht ich diese Entscheidung zu treffen. Ich brauche wohl nicht den Zwischenfall auf Cromsag zu erwahnen, weil wir uns alle daran erinnern durften, wie Lioren ein nicht erprobtes Medikament eingesetzt und damit fast eine gesamte Spezies ausgeloscht hat. Da? die Wemarer uber die Behandlungsformen selbst von einfachsten Verletzungen oder Krankheiten nichts wissen, ist nicht ihre Schuld. Anscheinend haben sie gelernt, sich damit abzufinden, da? eine geringfugige Verletzung fast immer zum Tod fuhrt. Deshalb haben sie uns, den wunderbaren, medizinisch fortschrittlichen Fremdweltlern, die Verantwortung fur Creethars Behandlung ubertragen. Und was machen wir? Wir verlassen uns darauf, da? die naturlichen Abwehrkrafte des Patienten eine eigentlich geringfugige Infektion besiegen.
Bei seinem gegenwartigen Zustand bezweifle ich, da? der Patient uberhaupt noch irgendwelche Abwehrkrafte besitzt.“
„Meine Entscheidung lautet.“, begann Prilicla, brach dann jedoch mitten im Satz ab. „Gurronsevas, Sie strahlen sehr starke Emotionen aus, eine Mischung aus Ungeduld, Verargerung und Frustration, die fur jemanden kennzeichnend ist, der anderer Meinung ist und dringend etwas sagen will. Schnell, bitte, was mochten Sie uns mitteilen?“
„Die Pathologin Murchison geht mit den Wemarern zu hart ins Gericht“, antwortete Gurronsevas. „Au?erdem irrt sie sich. Leichte Krankheiten, die keinen chirurgischen Eingriff erfordern, werden sehr wohl behandelt. Normalerweise sind die Koche gleichzeitig Arzte, so da?.“
„Sind die denn bessere Arzte als Koche?“ unterbrach ihn Naydrad, deren Fell sich zu ungeduldigen Buscheln aufrichtete.
„Ich bin nicht qualifiziert, mir zu medizinischen Fragen eine Meinung zu bilden“, entgegnete Gurronsevas, „aber ich wollte eigentlich.“
„Warum mischen Sie sich dann in eine medizinische Diskussion ein?“ schnitt ihm Murchison in scharfem Ton das Wort ab.
„Fahren Sie bitte fort, mein Freund“, forderte ihn Prilicla freundlich, aber sehr bestimmt auf „Ich spure, da? Sie uns helfen wollen.“
So knapp wie moglich beschrieb Gurronsevas eine seiner jungsten Erfahrungen mit Nahrungsmitteln in der Kuche der Mine, wo er standig Kombinationen von Geschmack und Konsistenz zu finden versuchte, durch die die Gemusegerichte auf eine Stufe gehoben wurden, auf der sie — soweit es die ihren Traditionen verhafteten Wemarer betraf — erfolgreich mit den nur noch in der Erinnerung existierenden Fleischgerichten konkurrieren konnten. Er hatte jede Wurzel-, Blatt- und Beerenart ausprobiert, die er finden konnte, auch diejenigen, auf die er in einem kleinen und offensichtlich wenig benutzten Vorratsschrank gesto?en war. Sein erster Versuch, diese Pflanzen einem Hauptgericht beizumengen, hatte beim Kuchenpersonal viel Heiterkeit ausgelost, die ihm unerklarlich gewesen war, bis ihm Remrath mitgeteilt hatte, da? es sich dabei um vollig vertrocknete Exemplare aus dem Heilkrautervorrat der Wemarer handelte.
„In der sich daraufhin anschlie?enden Diskussion habe ich erfahren, da? die Wemarer, obwohl sie nie an einem lebenden Patienten einen chirurgischen Eingriff jvornehmen wurden, pflanzliche Heilmittel benutzen, um einfache Krankheiten zu kurieren. Auf diese Weise werden auch Atembeschwerden, Schwierigkeiten bei der Ausscheidung von Korperabfallen und kleine Kratzer behandelt, und zwar normalerweise mit hei?en Umschlagen, die aus einer breiigen Masse aus bestimmten Tonerden und Krautern bestehen und mit Grashalmen zusammengebunden werden, um sie leichter an der betreffenden Stelle anlegen zu konnen. Als ich die Wemarer nach Creethars Verletzungen gefragt habe, hat mir Remrath gesagt, sein Sohn sei schwer und unheilbar verwundet, bestimmte Teile des Korpers seien regelrecht zertrummert, und eine Behandlung der au?eren Verletzungen wurde lediglich ein Leiden verlangern, das bereits viel zu lange anhalte.“
Wahrend Gurronsevas’ Bericht hatte sich Prilicla auf der Kante am Fu?ende von Creethars Bett niedergelassen und blickte den Tralthaner genauso reglos und schweigsam an wie die anderen. In der Stille, die auf dem Unfalldeck herrschte, klang das Beatmungsgerat des Patienten direkt laut.
Zogernd fuhr Gurronsevas fort: „Wenn. wenn ich Sie richtig verstanden habe, haben Sie Creethars innere Verletzungen, die Bruche, behandelt, und jetzt bereiten Ihnen nur noch die au?eren Verletzungen Sorgen. Aus dem Grund habe ich vorhin erwahnt.“
„Tut mir leid, Gurronsevas“, unterbrach ihn Murchison erneut. „Ich hatte wirklich nicht geglaubt, da? Sie etwas zu dem Problem beitragen konnten, und vor lauter Ungeduld habe ich dann meine Manieren vergessen.
