heimischen Gemuseeintopf mit dem extrem schwachen Fleischgeschmack vorziehen. Doch wie ihm Remrath mitgeteilt hatte, war das nur gut so, denn der Rest der Jagdbeute, der im kalten, flie?enden Gebirgswasser frisch gehalten wurde, wog weniger als zwei Pfund und reichte um so langer, je weniger davon verlangt wurde.

Als Gurronsevas das Gericht fertig zubereitet hatte, trat er beiseite, um den vier anzulernenden Jungkochen, die in dieser Schicht arbeiteten, Platz zu machen. Schnell kamen sie heran, um das Essen aus dem Topf auf Teller zu fullen und nach Gurronsevas’ Vorbild anzurichten. Dann stellten sie die Portionen in die von dem Tralthaner neu eingefuhrten Warmhaltefacher, wo sie bis zum Servieren stehenblieben. Einer der vier, ein Jugendlicher namens Evemth, wie Gurronsevas glaubte, obwohl er immer noch Schwierigkeiten hatte, die fast geschlechtsreifen Wemarer auseinanderzuhalten, hatte das Essen ein wenig anders angerichtet, indem er ein paar kleine Zweige Driss auf die Shushlishso?e gestreut hatte. Fur den Gesamtgeschmack hatte das alles andere als katastrophale Auswirkungen, und es verlieh dem Gericht einen zusatzlichen optischen Reiz. Die Abwandlung hatte Evemth nur an einer Portion vorgenommen, vermutlich seiner eigenen.

Es hatte Zeiten gegeben, in denen Gurronsevas einem Untergebenen, der es gewagt hatte, dergleichen ohne Erlaubnis zu tun, aufs Dach gestiegen ware, und sei es nur, um dem Ubeltater zu zeigen, da? der Meister so wachsam war, selbst die kleinste Veranderung an einer seiner Kreationen auf der Stelle zu bemerken. Doch dieser junge Wemarer bewies in bezug aufs Essen Eigeninitiative und Phantasie und fing an, sich selbst Gedanken zu machen und herumzuexperimentieren. Evemth — falls es wirklich Evemth war — berechtigte zu den besten Hoffnungen.

„Ich bin Ihnen nicht bose“, antwortete Remrath vollig unverhofft.

Und zwei mal zwei ist neuerdings fiinf, dachte Gurronsevas. Doch jetzt war nicht der Moment, um einen Streit anzufangen. Er spurte, da? Remrath noch mehr zu sagen hatte und schwieg.

„Trotz Ihres grauenerregenden Aussehens fuhlen wir uns in Ihrer Nahe allmahlich wohl — und das ist in fur uns uberraschend kurzer Zeit so gekommen“, fuhr Remrath fort. „Sie haben sich unseren Respekt erworben, aus dem — zumindest bei einem von uns — sogar Freundschaft geworden ist. Doch uber die Bewahrer Creethars auf dem Schiff sind wir sehr verargert und enttauscht, und da Sie zu den Fremdweltlern gehoren, fallt ein Teil unserer Wut auch auf Sie.“

„Ich verstehe“, sagte Gurronsevas.

Wie er wu?te, wurden zwar samtliche Gesprache, die er in der Mine fuhrte, auf der Rhabwar und der Tremaar verfolgt, doch seit vielen Tagen war ihm das gro?e Kompliment widerfahren, ihm nicht standig die Fragen und Antworten vorzuschreiben. Allerdings gab es Momente — so wie diesen—, in denen Gurronsevas mit Vergnugen sowohl auf dieses Kompliment als auch auf die Verantwortung verzichtet hatte.

„Aber die Bewahrer Creethars wollen den Wemarern genau wie ich blo? helfen. Das mussen Sie alle wissen und mir glauben. Weshalb sind Sie jetzt so wutend auf die? Und was mu? ich tun, um Ihre Freundschaft wiederzugewinnen?“

Mit der argerlichen, ungeduldigen Stimme von jemandem, der zu einem unwissenden Kind spricht, antwortete Remrath: „Die lassen Creethar immer noch nicht zu uns zuruckkehren.“

Gurronsevas war erleichtert. Offenbar gab es fur beide Probleme eine einzige Losung, namlich die schleunige Ruckkehr des schwer verwundeten Anfuhrers der Jager. „Ihr Sohn wird so bald wie moglich zu Ihnen zuruckkehren“, versicherte Gurronsevas dem Chefkoch mit sorgfaltig gewahlten Worten. „Da ich selbst kein Arzt und Bewahrer bin, kann ich Ihnen nicht genau sagen, wie lange Sie warten mussen. Ich werde die Arzte um eine moglichst genaue Schatzung bitten. Oder Sie gehen aufs Schiff und sehen sich selbst an, was dort mit Creethar geschieht. Fragen Sie die Arzte, was Sie wollen.“

„Nein!“ lehnte Remrath den Vorschlag, Creethar zu besuchen, in ebenso scharfem Ton ab wie schon zuvor. Zornig fuhr er fort: „Sie sind sehr gefuhllos, Gurronsevas. Es schmerzt mich, das zu sagen, aber allmahlich habe ich den Verdacht, da? Sie und auch die anderen Fremd weltler aus purem Eigennutz zutiefst unehrlich sind. Ich mochte, da? Sie mich vom Gegenteil uberzeugen, und bis dahin werden wir nicht mehr miteinander sprechen. Kehren Sie auf Ihr Schiff zuruck, und richten Sie Ihren Freunden aus, sie sollen uns auf der Stelle Creethar ubergeben!“

Mit der Erinnerung an das letzte Gesprach mit Pricicla machte sich Gurronsevas zur Rhabwar auf und fragte sich, ob es uberhaupt noch irgendwo jemanden gab, der mit ihm Zusammensein wollte. Falls Creethar noch lebte, wurde er sich hoffentlich mit ihm unterhalten konnen, um ihm das merkwurdige Verhalten Remraths und der anderen zu erklaren. Ratsel und unbeantwortete Fragen waren wie Abfallhaufen, die unordentlich im Kopf herumlagen, und Gurronsevas hatte im Kopf gerne dieselbe Ordnung wie in der Kuche. Sobald er wieder an Bord war, bat er Prilicla, ihm zu erlauben, mit Creethar zu sprechen.

„Denselben Vorschlag wollte ich Ihnen auch gerade machen“, antwortete der Empath zu Gurronsevas’ Uberraschung. „Aus irgendeinem unersichtlichen Grund verschlechtert sich das Verhaltnis zu den Wemarern schneller, als Ihnen klar ist. Wu?ten Sie, da? die Wemarer den Kontakt zu uns ganz eingestellt und die zuruckgelassenen Kommunikatoren ausgeschaltet haben, nachdem sie uns gesagt hatten, Fremdweltler seien in der Mine nicht mehr willkommen? Die einzige Verbindung, die fur uns jetzt noch zu den Wemarern besteht, stellt Creethar dar, doch auch er hat wiederholt betont, da? er sich nicht mit Fremdweltlern unterhalten will.“

Prilicla deutete auf Creethars Bett und flog langsam darauf zu. Wie Gurronsevas feststellte, waren keine weiteren Mitglieder des medizinischen Teams anwesend, wahrscheinlich weil Creethar nicht mehr in Lebensgefahr schwebte, oder weil er strikt gegen ihre Anwesenheit war. Fur Gurronsevas war es schon, seine Vermutung bewiesen zu sehen.

„Medizinisch betrachtet macht Freund Creethar sehr gute Fortschritte“, fuhr Prilicla fort. „Seit wir ihn mit den heimischen Medikamenten versorgen, die wir Ihnen verdanken, hat er den kritischen Zustand uberwunden und steht vor der Genesung. Seine emotionale Ausstrahlung ist jedoch alles andere als gut. Ich spure standig eine tiefe Besorgnis bei ihm, eine Angst, die er zu verbergen und zu unterdrucken versucht. Trotz meiner standigen Bemuhungen, ihn zu beruhigen.“

Wie sich Gurronsevas in Erinnerung rief, war Prilicla nicht nur fur Emotionen empfanglich, sondern konnte mit seinen Gefuhlen auch auf andere einwirken. Hielt man sich in einem uberfullten Raum auf und war man seelisch nicht stark angespannt, fuhlte man sich schon besser, wenn der Empath blo? hereingeflogen kam.

„…weigert er sich, das Problem mit uns zu besprechen“, erklarte Prilicla weiter. „In unserem letzten, sehr kurzen Gesprach hat sich Creethar nach seinem Vater Remrath, nach den Jagern und nach den neuesten Ereignissen in der Mine erkundigt. Das war vor zwei Tagen. Seitdem will er nicht mehr mit uns sprechen oder uns auch nur zuhoren, und es hat ihn immer sehr bekummert, wenn wir versucht haben, seinen Fall in seiner Gegenwart zu besprechen. Dieser Kummer ist so schlimm gewesen, da? ich seinen Translator jedes Mal ausgeschaltet habe, wenn wir mit der Erorterung begonnen haben. Au?erdem weigert er sich zu essen. Wir ernahren ihn weiterhin ohne sein Wissen intravenos, doch uns beiden ist klar, da? die schnelle Genesung eines Patienten, der sich auf dem Weg der Besserung befindet, durch die Einnahme fester Nahrung sowohl psychologisch als auch medizinisch vorangetrieben wird. Im vorliegenden Fall ist der Patient durch die Unterernahrung so stark geschwacht, da? wir seinen Tod ohne die Aufnahme fester Nahrung nicht mehr lange hinauszogern konnen.

Doch Sie, mein Freund, haben uns gegenuber viele entscheidende Vorteile“, setzte der Empath seine Ausfuhrungen fort. „Bei Begegnungen mit Ihnen ist Creethar immer bewu?tlos gewesen. Sie sind kein Arzt und werden deshalb nicht die Versuchung verspuren, den medizinischen Zustand des Patienten in dessen Gegenwart zu erortern. Vielmehr handelt es sich bei Ihnen um einen Meisterkoch, der vielleicht Creethars Essensvorlieben herausfinden kann, und zu guter Letzt wissen Sie aus erster Hand, was in letzter Zeit in der Mine passiert ist. Darum ware es mir lieb, wenn Sie so bald wie moglich mit ihm sprechen konnten.“

Mit langsamen Schlagen der schillernden Flugel ging der Cinrussker uber Creethars Bett in den Schwebeflug uber, bevor er fortfuhr: „Sie sind von diesen Wesen weit mehr als Freund akzeptiert worden als irgend jemand vom medizinischen Team. Aber gehen Sie trotzdem nicht davon aus, da? die Wemarer einer anderen Spezies gleichen. Die Wemarer sind anders, ob Sie sie nun an Terrestriern, Cinrusskern oder Tralthanern messen: es sind und bleiben Wemarer. Dieser Unterschied, der sich durch etwas Falsches, das wir gesagt oder getan haben, noch vergro?ert hat, ist der Grund, weshalb wir nicht mehr ihre Freunde sind.“

„Ich werde vorsichtig sein“, versicherte Gurronsevas.

„Das wei? ich“, sagte Prilicla. Er streckte eins der zierlichen vorderen Greiforgane aus und beruhrte damit kurz einen Knopf auf dem Bedienungsfeld am Bett. „Ich werde die emotionalen Reaktionen des Patienten uberwachen und Ihnen auf einer abhorsicheren Frequenz daruber berichten. Den Translator habe ich eben

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