Auch mit den hiesigen volkstumlichen Heilmitteln, deren Wirksamkeit nach wie vor zweifelhaft ist, werden wir vielleicht nicht in der Lage sein, den Patienten zu heilen. Aber immerhin haben sich seine Chancen verbessert.“
Plotzlich lachte die Pathologin auf, doch es handelte sich um den heftigen, bellenden Laut, der, wie Gurronsevas dachte, nicht auf Belustigung, sondern eher auf das Losen einer inneren Spannung schlie?en lie?. „Tja, da stehen wir nun mit unserer ganzen Weisheit“, seufzte Murchison. „Wir besitzen das technisch fortschrittlichste Ambulanzschiff im bekannten Universum, verfugen uber ein medizinisches Team, das, wie ich in aller Bescheidenheit behaupten kann, genau jene Erfahrung besitzt, um die Moglichkeiten des Schiffs voll auszuschopfen, und sind nun wieder zum Gebrauch mittelalterlicher Umschlage zuruckgekehrt! Wenn Peter das zu Ohren kommt, wird er uns das nie vergessen — vor allem dann, wenn die Behandlung Erfolg hat.“
„Jemanden mit dem Namen „Peter“ kenne ich nicht. Ist dieser Peter im Moment wichtig?“ erkundigte sich Gurronsevas leicht verwirrt.
„Sie kennen ihn“, klarte ihn Prilicla auf, der sich mit langsamen Flugelschlagen erhob und dann uber Creethar in der Luft schwebte. „Peter ist der Vorname des Lebensgefahrten von Pathologin Murchison, Diagnostiker Conway, dem ungewohnliche medizinische Verfahrensweisen in der Vergangenheit keineswegs fremd gewesen sind. Doch das ist fur die gegenwartigen Umstande nicht von Bedeutung. Wichtig ist, da? Sie so schnell wie moglich mit Remrath sprechen. Bitten Sie ihn, uns seine Heilmittel zur Verfugung zu stellen und uns uber deren Anwendung und Gebrauch aufzuklaren. Das allein ist jetzt wichtig, mein Freund, und gleichzeitig sehr, sehr dringend.“
Bevor er darauf etwas entgegnete, drehte Gurronsevas ein Auge zum Sichtfenster. Das Tal war immer noch in Dunkelheit gehullt, doch die Berghange zeichneten sich bereits gegen den grauen Schimmer der fruhen Morgendammerung ab.
„Fur Farben, Formen und Geruche — wie auch fur Erklarungen — habe ich ein ausgezeichnetes Gedachtnis“, verkundete er. „Wenn es eilt, brauche ich nicht erst noch mal mit Remrath zu sprechen. Ich werde gleich losgehen und die notwendigen Krauter und Moose sammeln. Am wirkungsvollsten sind sie, wenn man sie fruh am Morgen pfluckt.“
30. Kapitel
Die nachsten vier Tage versorgte Gurronsevas das medizinische Team je nach Bedarf mit frischen Krautern und teilte ihm auch die Gebrauchsanweisungen des Chefkochs mit, verbrachte jedoch weiterhin so viel Zeit wie moglich in der Kuche der Mine.
Dafur hatte er sowohl positive als auch negative Grunde.
Wann immer er sich auf dem Unfalldeck aufhielt, lamentierten Murchison, Danalta und Naydrad daruber, welche moralischen Auswirkungen es hatte, wenn ein Laie die Methode der medizinischen Behandlung eines Patienten vorschrieb, und bei wem die Verantwortung fur Creethars Behandlung in Wirklichkeit lag. Zwar machte ihm niemand direkte Vorwurfe, aber Gurronsevas wu?te nicht, wie er auf die unausgesprochene Kritik reagieren sollte, und fuhlte sich durch sie sehr verunsichert, wenngleich er die Meinung, die andere uber ihn hatten, normalerweise nicht fur wichtig hielt. Seit er die Arbeit in den Kuchenraumen des Cromingan-Shesk aufgegeben hatte, in denen er uber die absolute Macht verfugt hatte, war sein Selbstbewu?tsein standigen und erfolgreichen Angriffen ausgesetzt gewesen. Das war kein schones Gefuhl.
Prilicla, der Gurronsevas’ Empfindungen kannte, ihm aber nicht helfen konnte, wartete, bis die anderen Mitglieder des medizinischen Teams entweder gerade au?er Dienst oder zu beschaftigt waren, um zuzuhoren, bevor er den Tralthaner beiseite nahm, damit sie sich ungestort unterhalten konnten.
„Ich verstehe Ihre Verargerung und Unsicherheit, mein Freund, und kann diese Empfindungen gut nachvollziehen“:, sagte der Empath, wobei die leisen, melodischen Triller und Schnalzlaute seiner Muttersprache durch die Ubersetzung in Gurronsevas’ Kopfhorer kaum vernehmbar waren. „Aber Sie mussen auch die Gefuhle der Mitglieder des medizinischen Teams verstehen. Trotz der Au?erungen, die Sie gehort haben, kritisieren Murchison, Naydrad und Danalta eigentlich nicht Sie, sondern argern sich vielmehr uber die eigene berufliche Unzulanglichkeit und den Umstand, da? ein blo?er Koch — entschuldigen Sie den Ausdruck, mein Freund, wenn sich die drei Zeit nehmen, daruber nachzudenken, wird denen schnell klar werden, da? Sie viel mehr sind als ein blo?er Koch—, da? also ein blo?er Koch imstande ist, dem Patienten auf eine Weise zu helfen, die fur sie selbst nicht moglich ist. Murchison, Naydrad und Danalta konnen ihre Gefuhle genausowenig unterdrucken wie Sie Ihre eigenen, mein Freund, aber ich werde es den dreien mal vorsichtig nahelegen, es wenigstens zu unterlassen, sie Ihnen gegenuber zu zeigen. Uben Sie bitte Nachsicht, bis Creethars Probleme behoben sind. Von dem Chefdiatisten, der vor ein paar Monaten am Hospital angefangen hat, hatte ich das nicht verlangen konnen. Sie haben sich verandert, mein Freund, und zwar zum Besseren.“
Wie Gurronsevas wu?te, lagen seine verwirrten Gefuhle fur Prilicla offen, und deshalb sagte er nichts.
„Fur Sie ware es vorerst angenehmer, so viel Zeit wie moglich mit Freund Remrath in der Mine zu verbringen“, riet ihm der Empath zum Schlu?.
Im nachhinein war das gar nicht so einfach, wie es zuerst erschien. Aus einem unerfindlichen Grund verhielten sich Remrath und in geringerem Ma?e auch die anderen Mitarbeiter in der Kuche sowie die Lehrer ihm gegenuber zunehmend unfreundlich. Und Prilicla war zu weit entfernt, um die feinen Veranderungen in der emotionalen Ausstrahlung der Wemarer wahrzunehmen und zu deuten, woraus Gurronsevas hatte Ruckschlusse ziehen konnen, was er Falsches gesagt oder getan hatte.
Zum Gluck teilten die jungen Wemarer nicht die Gefuhle ihrer Eltern und blieben weiterhin hoflich, respektvoll und neugierig. Zudem wurden sie durch Spekulationen daruber, welche seltsamen kulinarischen Wunder der fremdweltlerische Koch als nachstes vorzuschlagen gedachte, in standiger Aufregung gehalten. Selbst die inzwischen zuruckgekehrten Jager probierten seine neuen Gerichte mit immer geringerem Widerwillen, auch wenn sie als standhafte Traditionalisten hartnackig dabei blieben, da? Fleisch die einzig geeignete Nahrung fur einen Erwachsenen sei und sie auch weiterhin Fleisch essen wurden.
Angesichts der erbarmlich geringen Menge, die sie von der Jagd mitgebracht hatten — bei sorgfaltiger Rationierung wurde kaum genugend vorhanden sein, um dem ublichen Gemuseeintopf der Wemarer ein paar Wochen lang auch nur einen leichten Fleischgeschmack zu verleihen — mu?te das personliche Schamgefuhl der Jager genauso gro? wie ihr Hunger sein. Gurronsevas brach keinen offenen Streit mit ihnen vom Zaun und zog es lieber vor, deren ungebildete Gaumen zu schulen und dazu zu verlocken, neue Geschmackserlebnisse auszuprobieren, und er bemuhte sich ganz allgemein, die Herzen der Wemarer mit einem Angriff von der Seite auf ihre Magen zu erobern. Die scheinbare Niederlage in einer einzelnen Schlacht wog nicht schwer, da Gurronsevas wu?te, da? er den Krieg gewinnen wurde.
Doch schlie?lich zeigten auch die Jager Anzeichen dafur, da? sie sich aus Grunden, die fur Gurronsevas nicht ersichtlich waren, gegen ihn wandten. Im Gegensatz zu Remrath und den Lehrern waren sie in seiner Gegenwart zwar nie freundlich oder entspannt gewesen, doch sie hatten sich uberraschend gut auf die Anwesenheit eines Fremdweltlers in ihrer Mitte eingestellt. In den letzten Tagen war ihr Verhalten gegenuber Gurronsevas allerdings fast in Feindseligkeit umgeschlagen. In seiner Nahe zog sich das Schweigen der erwachsenen Wemarer derart in die Lange, da? der Versuch des Tralthaners, mit einer einfachen Frage ein Gesprach anzuknupfen, nur zu einer au?erst knappen und widerwilligen Antwort fuhrte, und das in einem Ton, bei dem das flie?ende Wasser in der Kuche eigentlich zu Eis hatte gefrieren mussen. Den Grund fur ihre Verhaltensanderung konnte er nicht einmal erahnen, und langsam argerte er sich daruber. Unter den gegenwartigen Umstanden hielt er es fur besser, die in Erstkontaktsituationen ublichen Hoflichkeiten zu vergessen und eine einfache, direkte Frage zu stellen.
„Remrath, warum sind Sie auf mich bose?“ erkundigte er sich deshalb ohne Umschweife.
Nach etlichen Minuten ohne Antwort kam Gurronsevas zu dem Schlu?,
da? Remrath die Frage ignorierte. Er wandte sich wieder der Vorbereitung der alternativen Hauptmahlzeit des Tages zu, die zu den von ihm ersonnenen Gerichten gehorte, die ausschlie?lich aus Wurzeln und Blattgemuse von Wemar bestanden. Diese Gerichte verfeinerte er mit einer So?e, die eine winzige Spur des einheimischen Gewurzkrauts Shushlish enthielt, das ein leichtes Brennen auf der Zunge verursachte und uber den Geruchssinn eine freudige Erwartung weiterer Genusse hervorrief. Wie er aus Erfahrung wu?te, wurden sich die meisten Erwachsenen und alle Kinder fur dieses Gericht entscheiden und nur einige wenige hartnackige Jager den
