spannen. Prilicla war sich der Gefuhle von allen bewu?t, beruhigte sich Gurronsevas, und wurde sofort merken, falls ihn wirklich jemand anzugreifen beabsichtigte — hoffentlich noch rechtzeitig genug, um dem Gescho?
ausweichen zu konnen. Doch Priliclas Schwebeflug war unruhig, deshalb konnte es gut sein, da? er um seine Sicherheit genauso besorgt war wie Gurronsevas.
„Creethar ist am Leben“, berichtete der Empath, dessen Stimme in der Stille recht laut klang, „aber seine Lebenszeichen sind nur noch sehr schwach. Freund Remrath, wir mussen ihn sofort untersuchen und dann schnell aufs Schiff bringen. Danalta, lassen Sie uns einen Blick auf unseren Patienten werfen.“
Weitere Speere und Bogen wurden gehoben, und diesmal waren sie nicht mehr auf den au?erst zerbrechlich wirkenden Korper von Prilicla, sondern ausschlie?lich auf die praktisch undurchdringliche Haut des Gestaltwandlers gerichtet. Wahrend Danalta vorsichtig die Tierhaute entfernte, die locker uber die auf dem Boden liegende Trage geworfen waren, startete Remrath ein weiteres Ablenkungsmanover, indem er vom Transporter stieg und seine Forderung wiederholte, Creethar den Fremdweltlern zu ubergeben. Die Jager drangten sich um den Chefkoch und redeten und schrien derart auf ihn ein, da? sie offenbar nichts von dem, was Prilicla, Danalta und Naydrad sagten und taten, mitbekamen.
Gurronsevas strengte sich nach besten Kraften an, jedem einzelnen zuzuhoren, doch die Jager wurden immer lauter und aufgeregter, und ihre Einwande waren bald so verworren, da? er schlie?lich uberhaupt nicht mehr folgen konnte. Seine Versuche, aus dem, was sie sagten, schlau zu werden, wurden zusatzlich durch die Fahigkeit der Wemarer erschwert, in atemberaubender Geschwindigkeit aufeinander einzureden und sich gleichzeitig zuzuhoren. Kurz schaltete er auf die Schiffsfrequenz um, damit er das Gesprach des medizinischen Teams ohne Storung durch die Wemarer verfolgen konnte.
Prilicla sagte gerade: „Der Patient hat mehrfache Bruche und Fleischwunden an den Armen und in der Brust- und Bauchgegend davongetragen und weist ausgedehnte Quetsch- und Schurfwunden an beiden Seiten auf, die darauf schlie?en lassen, da? er im Drehen auf eine harte, unebene Oberflache gesturzt ist, wahrscheinlich auf Steine. Wie Sie sehen konnen, haftet an den unverletzten Stellen noch etwas, das getrocknetem Sand oder Gesteinsstaub ahnelt, was darauf hindeutet, da? das zum Spulen der Wunden verwendete Wasser knapp war. Dem Scanner zufolge liegen au?er einer Schadigung des Brustkorbs keine anderen inneren Verletzungen vor. Durch den Transport ist es zu einer weiteren Splitterung und Komplikation der Frakturen gekommen. Zudem ist ein ausgedehnter Gewebeabbau zu erkennen, aus dem sich schlie?en la?t, da? der Patient lange Zeit nichts getrunken und gegessen hat. Verglichen mit den normalen Lebenszeichen, die wir bei Tawsar gemessen haben, sehen die von Freund Creethar nicht gut aus. Er ist stark geschwacht und kaum bei Bewu?tsein, und seine emotionale Ausstrahlung ist typisch fur ein Lebewesen, das kurz vorm Tod steht. Sie sehen dasselbe wie wir, Freundin Murchison. Uns bleibt keine Zeit, um mit Creethars Freunden zu diskutieren, und vorlaufig mussen wir es riskieren, ohne ihre Erlaubnis zu handeln.
Danalta, Naydrad!“ fuhr er mit forscher Stimme fort. „Dehnen Sie das Schwerkraftkompensationsfeld aus, heben Sie Creethar sanft auf den Krankentransporter und erschuttern Sie seine Gliedma?en dabei so wenig wie moglich. Wir wollen diese Frakturen ja nicht noch komplizierter machen. Sachte, ja, so ist’s gut. Jetzt schlie?en Sie das Kabinendach, erhohen Sie die Innentemperatur um zehn Grad, und schalten Sie die Atmosphare auf reinen Sauerstoff um. In funf Minuten mu?ten wir wieder auf der Rhabwar sein.“
„In Ordnung“, bestatigte Murchison. „Die Instrumente fur die orthopadische Behandlung und die innere Untersuchung sind bereit. Aber. aber dieser Patient ist ja vollig ausgemergelt und total ausgetrocknet. Zusatzlich zum Trauma steht er auch noch kurz davor, schlicht und ergreifend zu verhungern. Verdammt noch mal, die Behandlungsart der Wemarer ist gefuhllos, ja, sogar grausam. Haben die noch nie was davon gehort, einen Bruch mit Schienen ruhigzustellen? Kummern sich diese Leute uberhaupt um ihre Verletzten?“
Gurronsevas wu?te zwar, da? er kein Recht hatte, sich in eine medizinische Besprechung einzumischen, doch die Au?erungen der Pathologin hatten ihn erzurnt. Es war, als ware er gezwungen, dabei zuzuhoren, wie man einen Freund zu Unrecht kritisierte. Diese Empfindung uberraschte ihn, aber sie war vorhanden, und zwar in aller Starke.
„Die Wemarer sind weder grausam noch gleichgultig“, protestierte er. „Uber diesen Punkt habe ich mich mit Remrath oft unterhalten. Wie er mir erklart hat, besteht der medizinische Beruf auf Wemar lediglich aus praktischen Arzten, sogenannten Kochheilern und Naturheilkundigen, und das war’s. Chirurgen, wie wir sie kennen, gibt es hier nicht. Remrath glaubt zwar, da? es diesen Beruf in langst vergangenen Zeiten einmal gegeben hat, aber das Fachwissen ist langst verlorengegangen. Heutzutage kann selbst eine einfache Verletzung zum Tod oder zum langen, schmerzerfullten Leben eines Kruppels fuhren, das sowohl fur den Invaliden und diejenigen, die ihn pflegen mussen, eine Last ist, als auch eine standige Belastung fur die Versorgung der entsprechenden Bevolkerungsgruppe mit Nahrung darstellt. Da das so ist, verschwenden die Jager kein Essen an einen Freund, der bald sterben wird, und das wurde Creethar auch gar nicht wollen.
Grausam ist nur der Planet Wemar, nicht die Wemarer selbst.“
Bis auf ein leises Seufzen, das Gurronsevas als das Gerausch erkannte, das Terrestrier von sich geben, wenn sie ruckartig ausatmen, herrschte einen Moment lang Schweigen. Dann meldete sich erneut Murchison zu Wort: „Entschuldigung, Gurronsevas, ich habe viele Ihrer Gesprache mit Remrath verfolgt, aber das, was Sie gerade gesagt haben, mu? ich verpa?t haben. Sie haben recht. Doch es argert mich einfach, wenn einem Verletzten lange Zeit starke Beschwerden bereitet werden.“
„Creethars Beschwerden werden wir bald gelindert haben, meine Freundin“, meinte Prilicla. „Halten Sie sich bitte bereit.“
Plotzlich erhob sich der kleine Empath hoch in die Luft, wobei er von seinem G-Gurtel unterstutzt wurde, den er auf die cinrusskische Anziehungskraft von einem Achtel Ge eingestellt hatte. Seine langsam schlagenden schillernden Flugel brachen und reflektierten die Sonnenstrahlen wie ein gro?es, bewegliches Prisma. Schlagartig verstummten die Streitgesprache rings um Remrath, als die Jager nach oben blickten, um diesen merkwurdigen Fremdweltler zu beobachten, der sie mit seiner Schonheit buchstablich blendete, und sich die Augen mit den freien Handen beschatteten, da sich Prilicla langsam auf einer Bahn zwischen ihnen und der Sonne bewegte. Wie Gurronsevas vermutete, hatte der Cinrussker seine Hohe und Position so gewahlt, um einen gezielten Einsatz der Waffen zu erschweren. Als den Zuschauern endlich klar wurde, was dort vor sich ging, war es fur sie bereits zu spat, um etwas dagegen zu unternehmen. Danalta, Naydrad und der Transporter mit Creethar befanden sich schon auf halbem Weg zum Schiff.
Als sich Prilicla in der Luft drehte, um hinter ihnen herzufliegen, sagte er in beruhigendem Ton: „Die emotionale Ausstrahlung der Jager verrat allgemeine Verwirrung, Wut und Verstimmung, die von au?erst starken Verlustgefuhlen begleitet werden, aber, wie ich glaube, nicht so stark sind, da? es zu korperlicher Gewalt kommt. Es besteht kaum Gefahr, da? man Sie angreift, Freund Gurronsevas, es sei denn, Sie provozieren die Jager. Fragen Sie Remrath, ob er bei seinen Freunden bleiben oder gemeinsam mit Creethar aufs Schiff zuruckkehren will, und ziehen Sie sich dann so schnell wie moglich zuruck.“
Der Versuch, genau das zu tun, kostete Gurronsevas die nervenaufreibendsten funfzehn Minuten seines Lebens. Zwar hatten die Jager nichts dagegen, da? Remrath aufs Schiff zuruckkehrte, da der Chefkoch zu alt und gebrechlich war, um zu Fu? zur Mine zuruckzugehen, doch was Gurronsevas betraf, waren sie anderer Meinung. Der Fremdweltler, verlangten sie lautstark, wahrend sie sich um ihn scharten, um ihm den Fluchtweg abzuschneiden, musse bleiben und zusammen mit ihnen zur Mine zuruckkehren. Das sei notwendig, weil die Wesen auf dem Schiff ihren Anfuhrer entfuhrt hatten und Gurronsevas bis zum Austausch gegen Creethar eine Geisel sei. Sofern er nicht zu fliehen versuche, wurde man ihm nichts tun, es sei denn, Creethar werde nicht wieder herausgegeben.
Als sich die Jager daran machten zu besprechen, wie man den riesigen Fremdweltler mit der dicken Haut uberwaltigen konnte, nahmen ihre Stimmen einen leiseren und beinahe sachlichen Ton an. Speere und Pfeile wurden ihn moglicherweise nicht schlagartig au?er Gefecht setzen, uberlegten sie, so da? es vielleicht am besten ware, ihm mit dem Schwanz einen heftigen Schlag gegen die drei Beine auf der einen Seite zu versetzen. Diese Beine seien kurz und der Schwerpunkt des Korpers liege offenbar weit oben, und wenn man den Fremdweltler auf die Seite werfe, werde er Schwierigkeiten haben, wieder aufzustehen. Die Haut auf der Unterseite scheine viel dunner zu sein als auf dem Rucken und an den Seiten, so da? ein gezielter Speerwurf in diesen Bereich wahrscheinlich todlich sei.
Da haben sie ganz recht, dachte Gurronsevas, doch das werde ich denen ganz bestimmt nicht auf die Nase binden. Er uberlegte noch, was er sagen sollte, als ihm Remrath zu Hilfe kam.
„Hort mir zu!“ rief der Chefkoch mit lauter Stimme. „Als ihr Kinder wart, hattet ihr noch mehr Verstand.
