kultivierten Gaumen verfugt, da? sich Geschmack und Geruch gegenseitig erganzen. Ich mochte betonen, da? einige der pflanzlichen So?en, die ich zu den einheimischen Gerichten kreiert habe und die, wie ich Ihnen versichern kann, eine Kostprobe wert sind, uber eine derartige Qualitat verfugen, da? ich sie nach meiner Ruckkehr in die Speisekarte des Orbit Hospitals aufnehmen werde.“
„Zum Gluck kann ich alles essen“, merkte Danalta schnippisch an.
Ungeduldig fuhr Gurronsevas fort: „In meinem ganzen Leben habe ich noch kein Gericht verdorben, und ich habe nicht vor, jetzt damit anzufangen. Sie alle uben einen Beruf aus, fur den Objektivitat die wichtigste Voraussetzung ist. Weshalb lassen Sie sich also jetzt zu rein subjektiven Urteilen hinrei?en? Mein Vorschlag lautet, Sie essen jeden Tag zusammen mit Creethar eine vollstandige einheimische Mahlzeit, wobei Sie nicht vergessen sollten, da? jedes Herumspielen mit dem Essen oder andere deutlich erkennbare Zeichen der Abneigung bei der Nahrungsaufnahme fur den Patienten keineswegs beruhigend waren. Schlie?lich sind Sie es, die wollten, da? Creethar etwas zu sich nimmt, und jetzt die Anreicherung der Nahrung mit zusatzlichem Eiwei? und Mineralien fur notwendig halten. Ich versuche blo?, Ihnen zu erklaren, wie das bewerkstelligt werden kann.“
Um zu spuren, da? von der Pathologin Murchison und von Oberschwester Naydrad ein weiterer Gefuhlsausbruch unmittelbar bevorstand, brauchte Gurronsevas kein Empath zu sein. Doch es war Chefarzt Prilicla, der mit seiner entschiedenen, aber sanften Autoritat als erster das Wort ergriff.
„Ich spure, da? es gleich zu einem lebhaften Meinungsaustausch kommen wird“, sagte er, wahrend er sich in die Luft erhob und langsam auf den Ausgang zuflog. „Deshalb mochte ich mich jetzt entschuldigen und mich in meine Unterkunft zuruckziehen, wo mich die aus der Auseinandersetzung resultierende emotionale Ausstrahlung wegen der Entfernung nur noch gedampft erreichen wird. Au?erdem habe ich das Gefuhl — und meine Gefuhle tauschen mich nie—, da? Sie sich bestimmt alle an den Zweck der Rhabwar und des medizinischen Teams erinnern und sich ins Gedachtnis rufen werden, was fur seltsame Patienten wir schon gehabt haben und auf welche noch merkwurdigere Art wir gezwungen gewesen sind, uns wahrend der Behandlungen an sie anzupassen, damit wir diesen Zweck besser verfolgen konnten. Ich lasse Sie allein, damit Sie sich streiten und vor allem an das denken konnen, was ich eben gesagt habe.“
Die Auseinandersetzung ging weiter, wenngleich alle wu?ten, da? Gurronsevas diese bereits langst gewonnen hatte.
Im Laufe der nachsten vier Tage fanden die Wemarer das letzte der in der Mine zuruckgelassenen Kommunikations- und Abhorgerate und zerstorten es. Aus den wenigen Worten, die man vor dem Abbruch der Verbindung noch horen konnte, wurde deutlich, da? die sogenannten Fremdweltler ein ganz schandliches Verbrechen begangen und nichts als die tiefste Verachtung verdient hatten. Als Gurronsevas fruhmorgens Krauter und andere Pflanzen sammelte, versuchte er, sich mit einer Lehrerin zu unterhalten, die eine der Arbeitsgruppen beaufsichtigte, doch die alte Wemarerin klappte einfach die Ohren zu, und die Kinder hatte man offensichtlich angewiesen, ihn nicht zu beachten. Da jeglicher Kontakt abgerissen war, wu?te das medizinische Team nicht, welchen Vergehens es sich schuldig gemacht hatte oder wie es sich dafur entschuldigen sollte. Doch als Gurronsevas anbot, uneingeladen in die Mine zu gehen und Remrath um eine Erklarung zu bitten, sagte Prilicla, die Wut und Enttauschung der Wemarer seien derart gro?, da? er die emotionale Ausstrahlung der Minenbewohner noch auf der einen halben Kilometer entfernt liegenden Rhabwar spure, und eine weitere Verschlechterung der Situation — sofern das uberhaupt noch moglich sei — konne und wolle er nicht riskieren.
Mit Creethar war die einzige Moglichkeit gegeben, den Kontakt wieder voll und ganz herzustellen, dessen war sich der Cinrussker sicher.
Bei dem Patienten erzielte man gute Fortschritte. Nach Prilicla, der wie stets die Ansicht vertrat, er musse mit gutem Beispiel vorangehen, nahmen auch die ubrigen Mitglieder des medizinischen Teams Gurronsevas’ einheimische Gerichte als Hauptmahlzeit des Tages ein. Sie hatten sich bereit erklart, seine Kochkunste nicht in Gegenwart des Patienten zu kritisieren. Und wenn Gurronsevas morgens von Creethars Seite wich, um schnell einige Krauter und andere Pflanzen zu sammeln, war er sich keiner negativen Kritik bewu?t.
Doch als man Creethar schlie?lich dazu bewegt hatte, tatsachlich ein wenig Nahrung mit den notwendigen Heilmitteln aus dem Essensspender zu sich zu nehmen, und wegen der standigen Zunahme seines Korperumfangs die Haltegurte lockern mu?te, machte man dem Chefdiatisten sogar so etwas wie Komplimente.
„Das heutige Essen war gar nicht schlecht, Gurronsevas“, gab Murchison widerwillig zu. „Und an dem Lutij- und Yant-Dessert konnte ich mit der Zeit noch Geschmack finden.“
„So wie an bitterer Medizin“, merkte Naydrad an. Da ihr Fell jedoch glatt blieb, wie Gurronsevas feststellte, konnte der Kelgianerin das Dessert nicht allzu sehr mi?fallen haben.
„Die Art, auf die Sie das Hauptgericht zubereitet haben, hat mir sehr gefallen“, lobte ihn Prilicla, der immer schwieg, wenn er nichts Schmeichelhaftes sagen konnte. „Obwohl der Geschmack und die Beschaffenheit vollkommen anders sind, wurde ich es in der Nahe meines anderen nichtcinrusskischen Lieblingsgerichts, terrestrischen Spaghetti mit Tomatenso?e und Kase, einstufen. Aber im Moment habe ich ein starkes Vollegefuhl und mu? unbedingt noch ein paar Flugubungen drau?en vorm Schiff unternehmen. Hatte jemand von Ihnen Lust, mich zu begleiten?“
Er blickte einzig und allein Gurronsevas an.
Prilicla sprach kein weiteres Wort mit ihm, bis sie sich beide au?erhalb des Schiffs befanden und der Schutzschirm kurz ausgeschaltet worden war, um sie hindurchzulassen. Zusammen mit dem Empathen, der dicht uber seiner Schulter flog, entfernte sich Gurronsevas langsam vom Mineneingang und ging ins Tal hinunter. Der eingeschlagene Weg mu?te ihn in einer Entfernung von hundert Metern an einer Arbeitsgruppe von Weimarern vorbeifuhren, doch er wu?te, da? ihn die aufsichtsfuhrende Lehrerin nicht beachten wurde.
„Freund Gurronsevas“, sagte der Empath plotzlich, „allmahlich gewinnen wir — doch in noch gro?erem Ma?e Sie — Creethars Vertrauen, und da ware es nicht gerade forderlich, wenn wir ihn von unseren Gesprachen ausschlie?en, indem wir seinen Translator abschalten. Deshalb wollte ich mich mit Ihnen allein unterhalten.
Sie mussen bereits vermutet haben, da? wir Creethar jetzt aus der Behandlung entlassen konnen“, fuhr Prilicla fort. „Abgesehen von einem ruhiggestellten Bein, dessen Gipsverband in zwei Wochen abgenommen werden soll, wenn die gebrochenen Knochen wieder vollstandig zusammengewachsen sind und das Korpergewicht tragen konnen, hat sich Creethar gut von seinen Verletzungen erholt. Eigentlich mu?te er uber die Aussicht, ins normale Leben zuruckkehren zu konnen, glucklich, erleichtert und zufrieden sein, aber das ist er keineswegs. Uber die Gemutsverfassung unseres Patienten bin ich alles andere als froh. Irgend etwas mit ihm stimmt ganz und gar nicht, und ich wu?te gerne, was es ist, bevor ich Creethar zu seinen Freunden zuruckschicke. Das werde ich in spatestens zwei Tagen tun, denn es liegt kein medizinischer Grund vor, ihn noch langer an Bord zu behalten.“
Gurronsevas blieb stumm. Der Cinrussker formulierte ein bestehendes Problem neu, stellte aber keine Frage.
„Es konnte gut sein, da? all unsere Probleme gelost sind, wenn wir Creethar zu seinen Freunden zuruckschicken“, setzte der Empath seine Ausfuhrungen fort. „Wenn nicht alle Hoffnung trugt, verringert sich dadurch die momentane Feindseligkeit der Wemarer gegen uns. Zudem konnte diese Ma?nahme Ihre personliche Freundschaft mit Remrath wiederherstellen und es uns ermoglichen, den freundschaftlichen Kontakt fortzusetzen. Aber die Wemarer haben irgend etwas an sich, das wir noch nicht ganz begreifen und das bei unserem Patienten unerklarliche Gefuhlsreaktionen hervorruft. Bevor wir die Ursachen fur diese unnaturlichen Empfindungen nicht vollkommen verstanden haben, ist es vielleicht ein weiterer und noch gro?erer Fehler, ihn nach Hause zu schicken. Was Sie sagen oder fragen konnten, wei? ich nicht, denn schon ganz allgemeine und fluchtige Erwahnungen seines Vaters Remrath, der Jagdfreunde und des Lebens in der Mine rufen bei Creethar eine unverhaltnisma?ig starke Gefuhlsreaktion hervor, die Ahnlichkeit mit der eines verangstigten Wesens hat, dessen tiefste Uberzeugungen unter Beschu? stehen.
Ich wei?, da? Sie kein ausgebildeter Psychologe sind, mein Freund, aber glauben Sie, Sie konnten sich die nachsten zwei Tage ausfuhrlich mit Creethar unterhalten? Sprechen Sie uber ungefahrliche Gemeinplatze und lauschen Sie dabei — wie wir es alle tun werden — auf die typischen Kleinigkeiten, die meiner Erfahrung nach viele Wesen, die unter dieser Art der emotionalen Anspannung leiden, insgeheim verraten wollen. Falls sich im Gesprachsverlauf etwas ergibt, das das medizinische Team tun oder unterlassen sollte, oder Ihnen ein Einfall kommt, der hilfreich sein konnte, dann setzen Sie uns davon in Kenntnis. Fur die nichtmedizinische Behandlung ubertrage ich Ihnen hiermit die rechtskraftige Leitung.
Creethar vertraut Ihnen“, schlo? Prilicla. „Es ist wahrscheinlicher, da? er Ihnen seine Schwierigkeiten erzahlt als uns. Wurden Sie mir den Gefallen tun und mit ihm sprechen, mein Freund?“
„Habe ich das nicht schon die ganze Zeit inoffiziell getan?“ antwortete Gurronsevas mit einer
