Gegenfrage.

„Ja, aber jetzt handelt es sich um ein offizielles Gesuch des Leiters des medizinischen Teams um fachliche Unterstutzung in der entscheidenden Phase des Kontakts zu den Wemarern“, entgegnete Prilicla. „Das mu? so sein, damit ich allein die Verantwortung trage, falls Sie keinen Erfolg haben. Sie durfen sich nicht selbst die Schuld geben, wenn etwas schiefgeht, und das ubrige medizinische Team wird Ihnen unter diesen au?erst ungewohnlichen Umstanden ebenfalls nichts vorwerfen. Es ist nicht leicht, Sie zu mogen, mein Freund. Sie haben allzu gro?e Ahnlichkeit mit einigen Ihrer neuesten einheimischen Gerichte, und zwar insofern, als man erst Geschmack an Ihnen finden mu?. Doch durch Ihre Unterstutzung bei Creethar haben Sie sich unsere Achtung und Dankbarkeit erworben, und niemand von uns wird Ihnen auch nur das Geringste vorwerfen, wenn es Ihnen nicht gelingt, ein Problem zu losen, an dem wir selbst auch schon gescheitert sind. Wie denken Sie daruber, mein Freund?“

Gurronsevas schwieg einen Augenblick lang und antwortete dann: „Ich fuhle mich geschmeichelt, ermutigt und beruhigt und mochte gerne alles tun, was in meinen Kraften steht, um zu helfen. Doch da Sie ein Empath sind, kennen Sie ja meine Gefuhle schon, und ich glaube, Sie haben von Anfang an vorgehabt, diese Empfindungen in mir hervorzurufen.“

„Da haben Sie allerdings recht“, gestand Prilicla und stie? einen kurzen, gerollten, unubersetzbaren Laut aus, bei dem es sich moglicherweise um die cinrusskische Variante des Lachens handelte. „Aber ich habe nicht an Ihrer emotionalen Ausstrahlung herumgedoktert. Der Wunsch zu helfen war bei Ihnen bereits vorhanden. Jetzt spure ich, da? Sie noch etwas sagen mochten.“

„Ja, ich mochte ein paar Vorschlage machen“, sagte Gurronsevas. „Ich glaube, Sie sollten den genauen Ort und Zeitpunkt fur Creethars Ruckkehr festlegen und Remrath und die anderen davon in Kenntnis setzen, falls die irgendwelche Vorbereitungen treffen wollen. Wie wir wissen, sind die Wemarer ganz wild darauf, Creethar wiederzubekommen, und sie uber den Zeitpunkt der Ubergabe zu informieren ware ein Akt der Freundlichkeit, durch den sie uns gegenuber vielleicht weniger feindselig auftreten wurden. Ich denke, der beste Moment fur die Ubergabe ware am fruhen Vormittag, wenn die Arbeitsgruppen und die Lehrerinnen zum Mittagessen in die Mine zuruckkehren. Das wurde viele Zuschauer und die gro?tmogliche Wirkung garantieren, doch ob diese Wirkung gut oder schlecht sein wird, kann ich nicht sagen.“

„Ich auch nicht“, raumte Prilicla ein. Schnell gab er den Zeitpunkt und die Umstande, unter denen Creethars Entlassung erfolgen sollte, bekannt und fuhr dann fort: „Aber wie wollen Sie die Wemarer davon unterrichten, wo die doch immer gleich die Ohren zumachen, wenn wir mit ihnen zu sprechen versuchen? Haben Sie das Problem schon vergessen? Zumindest spure ich nicht, da? Sie sich daruber Sorgen machen.“

Gurronsevas hatte sich schon immer bemuht, nichts zu verschwenden, ob es sich nun um Zeit, Material oder Atem handelte. Anstatt die Frage zu beantworten, blieb er stehen, wandte sich mit seinem gewaltigen Korper ein wenig zur Seite, um den Mund auf die Arbeitsgruppe von Wemarern zu richten, die sich weniger als zweihundert Meter entfernt befand, und holte tief Luft.

„Dies ist eine Bekanntmachung der Bewahrer von Creethar auf dem au?erplanetarischen Schiff!“ rief er langsam und deutlich und sehr laut. „Der Jager Creethar wird seinen Freunden ubermorgen eine Stunde vor der Mittagszeit am Mineneingang ubergeben werden.“

Gurronsevas konnte sehen, wie die Lehrerin gleich bei den ersten Worten die Ohren zuklappte, und die Wut in ihrer Stimme horen, als sie versuchte, die Schuler zu bewegen, ihrem Beispiel zu folgen, wahrend er die Bekanntmachung wiederholte. Doch die Lehrerin hatte keinen Erfolg, weil die Kinder in kleinen Kreisen um sie herumhupften und sich aufgeregt etwas zuriefen. Wie Gurronsevas wu?te, hatten die erwachsenen Wemarer zwar den Fremdweltlern gegenuber die Ohren verschlossen, aber den eigenen Kindern nicht mehr zuzuhoren, das konnten sie unmoglich tun.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit wurde sich die Nachricht von Creethars Ruckkehr in der gesamten Mine herumgesprochen haben.

„Gut gemacht“, lobte Prilicla den Tralthaner, wobei er eine elegante Kurve flog, bis er mit dem Kopf wieder dem Schiff zugewandt war. „Aber jetzt mussen Sie Ihre Stimme noch ein ganzes Stuck mehr strapazieren. Kehren wir zum Patienten zuruck.“

Es war fast so, als ware Creethar Gurronsevas’ Patient geworden. Man lie? die beiden immer fur lange Zeit auf dem Unfalldeck allein, wahrend sich das medizinische Team in den Unterkunften oder auf dem winzigen Deck mit den Speise- und Aufenthaltsraumen der Rhabwar aufhielt. Gurronsevas war bewu?t, da? jedes einzelne Wort, das zwischen ihm und Creethar fiel, von Wiliamson auf der Tremaar aufgezeichnet wurde, doch die Kommentare oder die Kritik des Captains verschwieg man ihm, so da? er sich ohne Ablenkung mit dem Patienten unterhalten konnte.

Zu Creethar zu sprechen fiel ihm zwar nicht schwer, aber es war gar nicht so einfach, bei einem Thema zu bleiben, das den Wemarer nicht schnell dazu veranla?te, nichts mehr zu entgegnen. Wie Prilicla berichtete, war Creethars haufiges Schweigen unweigerlich von einer starken emotionalen Anspannung begleitet, in der Angst, Wut und Verzweiflung vorherrschten. Und noch immer konnten Gurronsevas und der zuhorende Empath keinen Grund fur diese Anfalle von Schweigsamkeit entdecken.

Uber die Wemarer und ihren jahrhundertelangen Uberlebenskampf auf einem Planeten zu sprechen, den man in ferner Vergangenheit durch die unkontrollierte Verschmutzung beinahe in den Untergang getrieben hatte, war ein ungefahrliches, wenn auch nicht gerade angenehmes Thema. Gefahrlich wurde es nur immer dann, wenn sich Gurronsevas und Creethar nicht uber die Bedeutung des Fleischverzehrs fur die erfolgreiche Fortpflanzung einig waren. In den alten Zeiten, schwarmte Creethar, als noch gewaltige Tierherden durch die Wiesen und Walder gestreift seien, habe man noch in Hulle und Fulle uber Fleisch verfugt. „Heutzutage sind diese Herden und die unzahligen Tiere des Dschungels zwar schon lange verschwunden“, fuhr der Wemarer fort, „doch dafur hat sich der Verzehr von Fleisch — auch das der winzigen und seltenen Stuckchen, die man nach einer erfolglosen Jagd besitzt — zu einer Art nichtgeistlichen Religion entwickelt.“

In seiner Entgegnung darauf raumte Gurronsevas ein, da? die Jager es verdient hatten, das Fleisch zu essen, da es ihnen erst nach langen Wanderungen und Muhen und unter gro?en Gefahren fur Leib und Leben zur Beute werde. Doch die Gemusebauern, die zu Hause bleiben mu?ten, wurden unter geringeren Risiken mehr Nahrungsmittel erzeugen und nichts von der Achtung abbekommen, die man den Jagern entgegenbringe. So sehe es nach seiner Auffassung momentan auf Wemar aus, und genauso hatten die Dinge auch auf unzahligen anderen Planeten jahrhundertelang gestanden.

Von Prilicla souffliert erklarte Gurronsevas dem Anfuhrer der Jager, da? der Verzehr von Fleisch in der fernen Vergangenheit eher eine Frage der Verfugbarkeit, der Annehmlichkeit und der personlichen Vorliebe gewesen sei als eine physiologische Notwendigkeit. Er hielt Creethar vor Augen, da? die ausschlie?lich von Gemuse lebenden Kinder und die ganz alten Wemarer im allgemeinen gesunder und besser ernahrt seien als die Fleischesser, die sich wegen ihres Stolzes als Jager oftmals unnotig krank hungern wurden. Die Folge dieser Erklarungen war ein argerliches Schweigen von Creethar, das fast eine ganze Stunde lang anhielt.

Der Anfuhrer der Jager war immer noch nicht ganz davon uberzeugt, da? Fleisch fur die sexuelle Potenz keineswegs notwendig war, doch nachdem er einige Tage lang die von Gurronsevas zubereiteten Gemusegerichte gegessen hatte, geriet seine Uberzeugung — wie sich der Tralthaner sicher war — allmahlich ins Wanken.

Essen war ein ziemlich ungefahrliches Thema, besonders das Gesprach daruber, wie Gurronsevas seine neuesten einheimischen Gerichte zubereitete und anrichtete, doch sowie der Chefdiatist versuchte, das Thema zu wechseln, um uber Creethars Jagdfreunde oder uber Remrath oder die gute Arbeit zu sprechen, die die anzulernenden Jungkoche in der Mine leisteten, verfiel der Wemarer in Schweigen. Einmal behauptete der Anfuhrer der Jager wutend, die Kuche sei nicht der geeignete Ort fur einen jungen Wemarer und Kochen keine angemessene Arbeit. Als Gurronsevas sich nach dem Grund erkundigte, warf ihm Creethar Dummheit und Mangel an Feingefuhl vor.

Kurz bevor Gurronsevas aus der Mine geworfen worden war, hatte ihn Remrath der Gefuhllosigkeit bezichtigt und ihm ebenfalls keine Erklarung dafur gegeben. Verwirrt und au?erst frustriert kehrte Gurronsevas wieder zum Thema Essen zuruck.

Das war der eine Gesprachsgegenstand, den er mit vollkommenem Sachverstand erortern konnte. Gurronsevas war imstande, uber Gerichte in all den vielen verschiedenen Formen und Geschmacksrichtungen zu sprechen und zugleich uber die seltsame und noch au?ergewohnlichere Vielfalt an Lebewesen, die seine kulinarischen Schopfungen serviert bekommen hatten. Das wiederum fuhrte zwangslaufig zu einer Erorterung der Fremdweltler, ihrer Uberzeugungen, Philosophien und gesellschaftlichen Brauche, wobei Gurronsevas auch die

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