Lotosblute der Verwustung.

Im schwarzen Schiffsrumpf hatte sich eine Tur aufgetan. Sie wirkte zunachst viel zu klein, um auch nur einen der Anzuge aufzunehmen, geschweige denn alle funf, doch aus der Nahe zeigte sich, dass sie mindestens zwanzig Meter breit war und leicht Platz fur alle bot. Sylveste, seine Frau und die beiden Ultras — einer trug die verletzte Volyova — schwebten hinein und die Tur schloss sich hinter ihnen.

Sajaki brachte sie in einen Lagerraum, wo sie die Anzuge ablegen und wieder normal atmen konnten. Die Luft hatte einen Beigeschmack, der schlagartig die Erinnerung an seinen letzten Besuch wachrief. Er hatte vergessen, wie das Schiff roch.

»Sie warten hier«, sagte Sajaki, wahrend sich die Anzuge selbsttatig aufrichteten und an eine Wand stellten. »Ich muss mich um meine Kollegin kummern.«

Er kniete nieder und betastete Volyovas Panzerung. Sylveste wollte ihm schon raten, sich nicht allzu eifrig um Triumvir Volyova zu bemuhen, doch dann entschied er sich dagegen. Womoglich hatte er Sajakis Geduld schon zu sehr strapaziert, als er das Cal-Sim zerdruckte. »Was ist da unten eigentlich passiert?«

»Ich wei? es nicht.« Das war typisch fur Sajaki. Wie alle wirklich klugen Menschen, die Sylveste jemals kennen gelernt hatte, hatte er niemals vorgegeben, etwas zu begreifen, was ihm unbegreiflich war. »Ich wei? es nicht, und im Augenblick — im Augenblick! — spielt es auch keine Rolle.« Er kontrollierte eine Anzeige an Volyovas Anzug. »Ihre Verletzungen sind zwar schwer, aber offenbar nicht todlich. Wenn man ihr genugend Zeit lasst, wird sie wieder gesund. Au?erdem sind Sie jetzt an Bord. Alles andere ist zweitrangig.« Er wandte sich an die andere Frau, die eben aus ihrem Anzug geschlupft war, und sah sie mit schief gelegtem Kopf an. »Etwas lasst mir trotzdem keine Ruhe, Khouri…«

»Was?«, fragte sie.

»Spielt keine Rolle… im Moment.« Sein Blick kehrte zu Sylveste zuruck. »Ubrigens, die Schau, die Sie mit dem Sim abgezogen haben — glauben Sie ja nicht, das hatte mich beeindruckt.«

»Das ist schade. Wie wollen Sie mich jetzt dazu bringen, den Captain zu heilen?«

»Mit Calvins Hilfe naturlich. Wissen Sie nicht mehr, dass ich eine Sicherheitskopie gezogen habe, als Sie damals mit Calvin an Bord waren? Sie mag ein wenig veraltet sein, aber die chirurgischen Fahigkeiten sind unverandert.«

Ein guter Bluff, dachte Sylveste, aber mehr auch nicht. Allerdings existierte tatsachlich so etwas wie eine Sicherheitskopie… sonst hatte er das Sim niemals zerstort.

»Wenn wir schon beim Thema sind… geht es dem Captain wirklich so schlecht, dass er mich nicht personlich empfangen kann?«

»Sie bekommen ihn schon noch zu sehen«, sagte Sajaki. »Alles zu seiner Zeit.«

Zusammen mit der anderen Frau ging er daran, die beschadigten Teile der Au?enhulle von Volyovas Anzug zu entfernen. Es sah aus, als schalten sie eine Krabbe. Irgendwann flusterte Sajaki der Frau etwas zu, und sie stellten die Arbeit ein. Offenbar war ihnen die Behandlung zu riskant geworden, um sie hier fortzusetzen. Gleich darauf glitten drei Servomaten in den Raum. Zwei der Maschinen hoben Volyova auf und trugen sie hinaus. Sajaki und die Frau begleiteten sie. Sylveste hatte die Frau bei seinem letzten Besuch nicht gesehen, aber sie nahm offenbar einen ziemlich hohen Rang in der Schiffshierarchie ein. Der dritte Servomat lie? sich vor Sylveste und Pascale nieder und bewachte sie mit einem trube funkelnden Kameraauge.

»Er hat mich nicht einmal aufgefordert, Maske und Schutzbrille abzulegen«, sagte Sylveste. »Dabei musste er sich doch freuen, mich endlich hier zu haben.«

Pascale nickte. Sie betastete ihre Kleidung, als suche sie nach klebrigen Ruckstanden des Luftgels. »Was da unten geschehen ist, muss alle seine Plane uber den Haufen geworfen haben. Vielleicht wurde er mehr triumphieren, wenn alles nach Plan gegangen ware.«

»Nicht Sajaki; er ist kein Mensch, der triumphiert. Aber ich hatte wenigstens erwartet, dass er sich ein paar Minuten Schadenfreude gonnt.«

»Vielleicht weil du das Sim zerstort hast…«

»Ja, das hat ihn erschuttert.« Er wusste genau, dass seine Worte hochstwahrscheinlich aufgezeichnet wurden. »Vielleicht ist die Kopie, die er von Cal angefertigt hat, trotz der Selbstzerstorungsprogramme noch in einigen Teilen funktionsfahig, aber das wurde fur eine Kanalisierung vermutlich nicht ausreichen, nicht einmal bei einer neuralen Eins-zu-eins-Kongruenz zwischen Sim und Empfanger.« Sylveste fand zwei Kisten, die als Sitzgelegenheiten dienen konnten, und zog sie heran. »Aber sie haben sicher langst versucht, das Sim im Korper irgendeines armen Teufels zu aktivieren.«

»Und der Versuch ist gescheitert.«

»Wahrscheinlich auf ziemlich unschone Weise. Und jetzt hofft Sajaki wohl, dass ich mit der beschadigten Kopie auch ohne Kanalisierung arbeiten kann; nur mit meinen Erinnerungen an Cals Instinkte und Arbeitstechniken.«

Pascale nickte. Sie war klug genug, die naheliegendste Frage nicht zu stellen: welchen Plan Sajaki wohl hatte, wenn seine Kopie nicht einmal dafur mehr zu gebrauchen ware. Stattdessen sagte sie: »Hast du eine Ahnung, was da unten passiert ist?«

»Nein — und ich glaube, Sajaki hat die Wahrheit gesagt, als er von sich das Gleiche behauptete. Was immer es war, es war nicht geplant. Vielleicht ein Machtkampf innerhalb der Besatzung, der auf dem Planeten ausgetragen wurde, weil die Beteiligten an Bord keine Chance dazu erhielten.« Der Gedanke klang halbwegs einleuchtend, aber er brachte ihn nicht weiter. Selbst innerhalb von Sajakis Bezugsrahmen war zu viel Zeit vergangen und Sylveste konnte seinem sonst so unfehlbaren Blick nicht mehr vertrauen.

Er musste sehr vorsichtig sein, bis er die dynamischen Prozesse in der derzeitigen Besatzung durchschaut hatte. Vorausgesetzt, man gonnte ihm den Luxus, sich so viel Zeit zu lassen…

Pascale kniete neben ihrem Mann nieder. Sie hatten beide die Masken abgelegt, aber nur Pascale hatte die Schutzbrille heruntergenommen. »Wir sind in gro?er Gefahr, nicht wahr? Wenn Sajaki zu dem Schluss kommt, dass er dich nicht gebrauchen kann…«

»Bringt er uns unversehrt auf den Planeten zuruck.« Sylveste nahm Pascales Hande. Ringsum standen Reihen von leeren Raumanzugen wie Mumien in einem agyptischen Grabmal. Die beiden kamen sich vor wie Plunderer. »Sajaki kann nicht ausschlie?en, dass ich ihm in Zukunft noch einmal nutzlich werden konnte.«

»Hoffentlich hast du Recht… du bist ein gro?es Risiko eingegangen.« Sie sah ihn mit einem Ausdruck an, den er nur selten bei ihr gesehen hatte. Eine stille, gelassene Warnung. »Du spielst auch mit meinem Leben.«

»Sajaki ist nicht mein Herr, und daran musste ich ihn erinnern. Er muss wissen, dass ich ihm immer einen Schritt voraus bin, auch wenn er noch so klug wird.«

»Aber jetzt bist du in seiner Gewalt, begreifst du das nicht? Mag sein, dass er das Sim nicht hat, aber er hat dich. In meinen Augen ist er dir damit voraus.«

Sylveste lachelte und suchte nach einer Antwort, die zugleich wahr ware und Sajakis Erwartungen voll und ganz erfullte. »Aber nicht so weit, wie er glaubt.«

Sajaki und die andere Frau kamen knapp eine Stunde spater mit einem hunenhaften Chimaren zuruck. Sylveste wusste von seinem letzten Besuch, dass das Triumvir Hegazi sein musste, aber er hatte ihn kaum wiedererkannt. Hegazi war immer ein extremes Beispiel seiner Art gewesen — sein Cyborg-Anteil war kaum geringer als der seines Captains —, aber in der Zwischenzeit hatte er seinen menschlichen Kern noch tiefer unter technischen Erganzungen verborgen, verschiedene prothetische Teile durch neuere oder elegantere Versionen ersetzt und sich ein neues entoptisches Gefolge zugelegt. Die meisten der Figuren interagierten mit seinen Korperteilen, so dass bei jeder Bewegung ein Wasserfall von Geistergliedma?en in allen Regenbogenfarben in der Luft hing, der erst nach einer Sekunde verblasste. Sajaki trug an Bord schlichte schmucklose Kleidung ohne Rangabzeichen, die seinen zierlichen Korperbau betonte. Aber Sylveste lie? sich nicht verleiten, den Mann zu unterschatzen, nur weil er schmachtig war und nicht mit sichtbaren Waffenprothesen prahlte. Unter seiner Haut summten ohne Zweifel genugend Maschinen, die ihm die Kraft und die Schnelligkeit eines Ubermenschen verliehen. Sylveste wusste, dass er mindestens ebenso gefahrlich war wie Hegazi und sehr viel schneller.

»Ich will nicht behaupten, es ware mir ein Vergnugen«, wandte sich Sylveste an Hegazi. »Aber ich gestehe, dass mich ein leichter Schauer der Verwunderung uberlauft, wenn ich sehe, dass Sie unter dem Gewicht Ihrer Prothesen noch immer nicht implodiert sind, Triumvir.«

»Ich empfehle Ihnen, das als Kompliment aufzufassen«, sagte Sajaki zu seinem Kollegen. »Mehr als das konnen sie von Sylveste nicht erwarten.«

Hegazi strich sich den Schnurrbart, den er trotz der ausufernden Schadelprothesen nach wie vor liebevoll

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