Ich habe keine Ahnung. Ich wei? nur, dass ich denke, und deshalb bin ich au?er mir vor Zorn.«

Sylveste horte das alles nicht zum ersten Mal. »Er ist ein Turing-kompatibles Beta-Sim. Deshalb muss er so reden. Wenn er nicht behaupten wurde, bei Bewusstsein zu sein, fiele er automatisch hinter die Turing-Standards zuruck. Aber das hei?t nicht, dass das, was er sagt — die Gerausche, die er… die es… von sich gibt, irgendeine Berechtigung hatten.«

»Die gleiche Argumentation konnte ich auf dich anwenden, mein lieber Sohn«, sagte Calvin. »Und sie fuhrt letztlich nur zu einer Schlussfolgerung: Da ich uber das Alpha nichts wei?, muss ich davon ausgehen, dass es nur noch mich gibt. Auch wenn du es nicht einsehen willst, mein Wert beruht auf meiner Einmaligkeit, und deshalb muss ich mich aufs Scharfste dagegen verwahren, dass man Kopien von mir anfertigt. Jede Kopie mindert meinen Wert. Sie gibt mir den Status einer Ware, eines Produkts, das jedermann herstellen, vervielfaltigen und wieder entsorgen kann, wie es seinen kleinlichen Bedurfnissen entspricht.« Er hielt inne. »Also — ich wurde nicht sagen, dass ich nichts unternehmen wurde, um meine Uberlebenschancen zu erhohen — aber ich hatte niemals eingewilligt, mich kopieren zu lassen.«

»Aber genau das hast du getan. Du hast Pascale erlaubt, dich fur Abstieg in die Finsternis zu kopieren.« Sie war dabei so geschickt vorgegangen, dass er jahrelang nichts geahnt hatte. Er hatte erlaubt, dass Calvin ihr bei der Erstellung der Biografie behilflich war. Dafur hatte sie ihm seinen Herzenswunsch erfullt und ihm ermoglicht, sich weiter mit den Amarantin zu beschaftigen, auf die Forschungsergebnisse zuzugreifen und Verbindung zu der standig schwindenden Gruppe seiner Anhanger zu halten.

»Es war seine Idee«, sagte Pascale.

»Ja… das gebe ich zu.« Cal holte tief Luft und schien zu uberlegen, obwohl die Calvin-Simulation sehr viel schneller ›denken‹ konnte als jeder naturbelassene Mensch. »Die Zeiten waren gefahrlich — naturlich nicht schlimmer als jetzt, soweit ich seit meiner Erweckung feststellen konnte —, aber doch recht unsicher. Deshalb wollte ich vorsichtshalber dafur sorgen, dass ein Teil von mir die Zerstorung des Originals uberlebte. Ich dachte dabei allerdings nicht an eine Kopie — eher an eine Skizze, ein Konterfei, das vielleicht nicht einmal vollstandig Turing-kompatibel zu sein brauchte.«

»Und warum hast du deine Meinung geandert?«

»Pascale baute Teile von mir in einen bestimmten Zeitraum der Biografie ein — es ging um einige Monate. Sie wahlte ein raffiniertes Codierungsverfahren. Aber als sie so viel vom Original kopiert hatte, dass die Teile in Interaktion treten konnten, waren sie — oder vielmehr ich — nicht mehr so angetan von der Vorstellung, cybernetischen Selbstmord zu begehen, nur um Recht zu behalten. Tatsachlich fuhlte ich mich lebendiger — war ich mehr ich selbst — als je zuvor.« Er schenkte seinem Publikum ein Lacheln. »Naturlich wurde mir bald klar, woher das kam. Pascale hatte mich in ein leistungsfahigeres Computersystem kopiert, in das Rechenzentrum der Regierung in Cuvier, wo Abstieg zusammengestellt wurde. Das System war an mehr Archive und Netzwerke angeschlossen, als du selbst mir damals in Mantell je zugestanden hattest. Ich hatte zum ersten Mal etwas gefunden, mit dem sich mein uberragender Verstand sinnvoll beschaftigen konnte.« Er sah allen tief in die Augen und fugte dann ganz leise hinzu: »Das war ubrigens ein Scherz.«

»Exemplare der Biografie waren uberall erhaltlich«, fuhr Pascale fort. »Sajaki hatte bereits eins erworben, ohne zu ahnen, dass es eine Version von Calvin enthielt. Aber wie hast du es eigentlich herausgefunden?« Jetzt sah sie Sylveste an. »Hat Cals kopierte Version es dir verraten?«

»Nein, und ich bin nicht einmal sicher, ob er das gewollt hatte, selbst wenn es moglich gewesen ware. Ich bin selbst dahinter gekommen. Die Biografie war zu umfangreich fur die darin enthaltene Menge an Simulationsdaten. Oh, ich wei?, du bist sehr umsichtig vorgegangen — du hast Cal mit moglichst niederwertigen Bits verschlusselt und in die Dateien eingefugt — aber es war einfach zu viel von ihm da, das lie? sich nicht so einfach verstecken. Abstieg war funfzehn Prozent zu lang. In den ersten Monaten dachte ich, du hattest eine ganze Schicht von geheimen Szenarien darin versteckt, Teile meines Lebens, die du eingefugt hattest, obwohl sie nicht zur Dokumentation freigegeben waren, damit jeder, der hartnackig genug suchte, sie auch finden konnte. Aber dann fiel mir auf, dass die Uberkapazitaten gerade gro? genug waren fur eine Kopie von Cal, und das passte ins Bild. Ganz sicher war ich naturlich nie…« Er sah die Projektion an. »Du wurdest vermutlich behaupten, du seiest der echte Cal und ich hatte nur die Kopie geloscht?«

Cal hob streitlustig die Hand. »Nein; das ware viel zu stark vereinfacht. Immerhin war ich einmal diese Kopie. Aber was ich damals war — und was die Kopie auch blieb, bis du sie zerstort hast — war nur ein Schatten dessen, was ich jetzt bin. Sagen wir doch einfach, ich hatte eine Erleuchtung gehabt, und belassen wir es dabei.«

»Aha…« Sylveste trat vor und klopfte sich nachdenklich mit dem Finger an die Unterlippe. »In diesem Fall hatte ich dich aber nicht wirklich getotet?«

»Nein«, gestand Calvin mit falscher Freundlichkeit. »Du hast mich nicht getotet. Aber es hatte sein konnen, und nur darauf kommt es an. Aus dieser Sicht, mein lieber Junge, bist du leider immer noch ein ruchloser Vatermorder.«

»Ist das nicht ruhrend?«, fragte Hegazi. »Es geht doch nichts uber ein schones, altmodisches Familientreffen.«

Sie setzten den Weg zum Captain fort. Khouri war nicht zum ersten Mal hier unten und schon ein wenig mit der Umgebung vertraut, aber sie fuhlte sich trotzdem unwohl; die infektiose Masse, die ihren Kalteschlaf tank jederzeit sprengen konnte, drangte sich unaufhaltsam in ihr Bewusstsein.

»Allmahlich sollte ich doch erfahren, was Sie eigentlich von mir wollen«, sagte Sylveste.

»Versteht sich das nicht von selbst?«, fragte Sajaki. »Oder glauben Sie, wir hatten Sie so unerbittlich verfolgt, um uns nach Ihrem Befinden zu erkundigen?«

»Zuzutrauen ware es Ihnen«, sagte Sylveste. »Ihr Verhalten war schon damals unberechenbar, warum sollte es jetzt anders sein? Und au?erdem, tun wir doch nicht so, als ob da unten wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen ware.«

»Was soll das hei?en?«, fragte Khouri.

»Nun sagen Sie blo? nicht, Sie sind noch immer nicht dahinter gekommen.«

»Wovon reden Sie?«

»Es ist nicht wirklich passiert.« Sylveste musterte sie mit seinen leeren Augen; sie kam sich vor wie unter dem prufenden Blick eines automatischen Kontrollsystems. »Vielleicht auch nicht«, fuhr er fort. »Vielleicht sind Sie tatsachlich ahnungslos. Wer sind Sie uberhaupt?«

»Sie werden noch genugend Zeit haben, um alle Fragen zu stellen, die Ihnen am Herzen liegen«, sagte Hegazi. Sie waren jetzt nur noch einen Steinwurf vom Captain entfernt und das machte den Chimaren nervos.

»Nein«, sagte Khouri. »Ich will es jetzt wissen. Was meinen Sie mit ›Es ist nicht wirklich passiert‹?«

»Ich spreche von der Siedlung«, sagte Sylveste langsam und ruhig, »die Volyova so einfach ausradiert hat.«

Khouri uberholte die Prozession und versperrte ihr den Weg. »Das mussen Sie mir erklaren.«

»Das hat Zeit«, sagte Sajaki und trat vor, um sie beiseite zu schieben. »Jedenfalls so lange, bis Sie mir Ihre Rolle in dem Spiel zu meiner vollen Zufriedenheit erklart haben, Khouri.« Der Triumvir beaugte sie schon seit langerem mit tiefem Misstrauen. Zwei Todesfalle in ihrem Beisein konnte in seinen Augen kein Zufall mehr sein. Volyova war au?er Gefecht gesetzt — und die Mademoiselle schwieg. Damit war niemand mehr da, der sie beschutzt hatte. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis Sajakis Misstrauen die Oberhand gewann und er drastische Ma?nahmen ergriff.

Aber Sylveste widersprach: »Nein. Warum nicht gleich? Ich finde, jeder hier sollte wissen, was gespielt wird. Sajaki; Sie waren nicht nur auf Resurgam, um sich ein Exemplar der Biografie zu besorgen, nicht wahr? Wozu denn auch? Bevor ich es Ihnen sagte, wussten Sie ja gar nicht, dass Abstieg eine Kopie von Cal enthielt. Sie dachten nur, die Biografie konnte sich bei den Verhandlungen mit mir als nutzlich erweisen. Aber sie war nicht der Grund fur Ihren Aufenthalt auf dem Planeten. Sie hatten ganz andere Absichten.«

»Ich wollte auch Informationen sammeln«, sagte Sajaki vorsichtig.

»Mehr als das. Gewiss, Sie waren auf der Suche nach Informationen. Aber Sie wollten auch Informationen einschleusen.«

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