»Gut. Wenn Sie sich an Pascale vergreifen, geschieht das Gleiche: ich kann die Bombe auch gezielt mit einer Folge von Neuralbefehlen auslosen. Naturlich konnte ich auch einfach Selbstmord begehen — das wurde am Ausgang nichts andern.« Er faltete die Hande und strahlte wie eine Buddhastatue. »Und wie ware es jetzt mit Verhandlungen?«
Sajaki schwieg sehr lange. Sicher uberdachte er Sylvestes Worte in allen ihren Konsequenzen. Endlich sagte er, ohne sich mit Hegazi abgesprochen zu haben: »Wir sind durchaus… flexibel.«
»Gut. Dann mochten Sie jetzt sicher meine Bedingungen horen.«
»Wir zittern vor Ungeduld.«
»Dank der jungsten Misshelligkeiten«, sagte Sylveste, »kann ich ziemlich gut einschatzen, wozu Ihr Schiff imstande ist. Und die kleine Machtdemonstration war wohl eher ein schuchterner Anfang. Habe ich Recht?«
»Wir verfugen uber gewisse… Kapazitaten, aber daruber mussten Sie mit Ilia sprechen. Woran hatten Sie denn gedacht?«
Sylveste lachelte.
»Zunachst sollten Sie mich an einen anderen Ort fliegen.«
Neunzehn
Sie zogen sich auf die Brucke zuruck.
Sylveste hatte bei seinem letzten Besuch Hunderte von Stunden in diesem Raum verbracht, aber er fand ihn immer noch beeindruckend. Durch die vielen ansteigenden Sitzreihen, die ringsum in konzentrischen Kreisen bis zur Decke reichten, kam man sich fast vor wie in einem Gerichtssaal, in dem ein schwerer Fall zur Verhandlung anstand. Gleich wurden die Geschworenen kommen und ihre Platze einnehmen. Das Urteil hing schon in der Luft und wartete nur darauf, ausgesprochen und in Kraft gesetzt zu werden. Sylveste ging in sich, aber sein Gewissen war rein, und so versetzte er sich nicht in die Rolle des Angeklagten. Dennoch spurte er eine Last auf seinen Schultern. Vielleicht die gleiche Last, wie sie auch ein Vertreter der Justiz zu tragen hatte; die Verantwortung fur eine Aufgabe, die nicht nur vor den Augen der Offentlichkeit, sondern auch so zu erledigen war, dass sie hochsten Anspruchen genugte. Wenn er versagte, litte nicht nur seine Selbstachtung Schaden. Auch eine lange und kunstvoll geschmiedete Kette von Ereignissen, die unvorstellbar weit in die Vergangenheit zuruckreichte und ihn an diesen Punkt gefuhrt hatte, wurde durchtrennt.
Er sah sich um und entdeckte die Kugelprojektion im geometrischen Zentrum des Raums. Seine Augen waren nur mit Muhe imstande, die Abbildung zu erkennen, aber eine Reihe von anderen Anhaltspunkten verriet ihm, dass es sich um eine Echtzeit-Darstellung von Resurgam handelte.
»Sind wir noch im Orbit?«, fragte er.
»Nachdem wir Sie an Bord haben?« Sajaki schuttelte den Kopf. »Wozu? Wir haben mit Resurgam nichts weiter zu schaffen.«
»Befurchten Sie, die Kolonisten konnten irgendwelche Dummheiten machen?«
»Ich gebe zu, dass sie uns lastig werden konnten.«
Fur einen Moment trat Schweigen ein, dann sagte Sylveste: »Resurgam selbst war fur Sie nie von Interesse, nicht wahr? Sie haben die lange Reise nur meinetwegen unternommen. Ich finde, so viel Zielstrebigkeit grenzt schon an Monomanie.«
»Es ging allenfalls um ein paar Monate.« Sajaki lachelte. »Aus unserer Sicht naturlich. Sie brauchen sich nicht einzubilden, ich hatte Sie jahrelang verfolgt.«
»Obwohl Sie naturlich aus meiner Sicht genau das getan haben.«
»Nicht Ihre Sicht ist es, die zahlt.«
»Aber die Ihre? Wollten Sie das sagen?«
»Wir haben den… weiteren Blick. Das muss ein gewisses Gewicht haben. Aber um Ihre Frage von vorhin zu beantworten, wir haben den Orbit verlassen, sobald Sie an Bord waren. Seither entfernen wir uns von der Ekliptik.«
»Ich habe Ihnen noch nicht gesagt, wohin ich fliegen mochte.«
»Nein. Wir hatten lediglich vor, etwa eine AE Abstand von der Kolonie zu gewinnen, um dann bei konstantem Schub in Warteposition zu gehen und eine Denkpause einzulegen.« Sajaki schnippte mit den Fingern, und schon schwebte ein Robotersitz zu ihm herab. Er setzte sich und wartete, bis vier weitere Sitze fur Sylveste, Pascale, Hegazi und Khouri eingetroffen waren. »Wir hatten naturlich damit gerechnet, dass Sie sich in dieser Zeit mit dem Captain beschaftigen wurden.«
»Habe ich das abgelehnt?«
»Nein«, sagte Hegazi. »Aber Sie haben uns eine Menge Kleingedrucktes prasentiert, mit dem wir nicht gerechnet hatten.«
»Sie konnen mir nicht verbieten, aus einer verfahrenen Situation das Beste zu machen.«
»Das hatte auch niemand vor«, versicherte Sajaki. »Aber es ware hilfreich, wenn Sie Ihre Forderungen etwas klarer formulieren konnten. Das ist doch nicht mehr als recht und billig?«
Sylvestes Sitz schwebte neben dem von Pascale. Sie sah ihn ebenso erwartungsvoll an wie die Besatzung, die ihn entfuhrt hatte. Nur wusste sie sehr viel mehr, dachte er, fast alles, was es zu wissen gab — oder zumindest so viel, wie er wusste, auch wenn das nur ein unbedeutender Bruchteil der Wahrheit sein mochte.
»Kann ich von hier aus eine Karte des Systems abrufen?«, fragte Sylveste. »Ich meine, ich wei? naturlich, dass es prinzipiell moglich ist — aber ich brauchte Ihre Einwilligung sowie einige Angaben.«
»Die neuesten Karten wurden wahrend unseres Anflugs erstellt«, sagte Hegazi. »Sie konnen sie aus der Schiffsdatenbank anfordern und in das Display projizieren.«
»Dann zeigen Sie mir, wie das geht. Ich gedenke die nachste Zeit nicht nur als Passagier auf diesem Schiff zu verbringen — also gewohnen Sie sich daran.«
Etwa eine Minute spater waren die richtigen Karten gefunden und nach weiteren drei?ig Sekunden in der passenden Zusammensetzung in der von Sylveste gewunschten Form in die Projektionssphare eingefugt. Das neue Bild, eine Projektion des Sternsystems, legte sich uber die Echtzeitdarstellung von Resurgam und loschte sie aus. Die Bahnen der elf Planeten und der gro?eren Kleinplaneten und Kometen erschienen als elegante farbige Linien, die Korper selbst wurden in ihrer aktuellen relativen Position gezeigt. Wegen des gro?en Ma?stabs drangten sich die erdahnlichen Planeten — Resurgam eingeschlossen — in der Mitte eng zusammen; ein dichtes Netzwerk konzentrischer Bahnen um den Stern Delta Pavonis. Dahinter beherrschten die Kleinplaneten, gefolgt von Gasriesen und Kometen, das Mittelfeld des Systems. Zwei Gas weiten, etwas kleiner als Jupiter, kaum noch als Riesen zu bezeichnen, schlossen sich an, danach kam eine Pluto-ahnliche Welt — nicht viel mehr als ein ausgebrannter Komet, den sich das Zentralgestirn eingefangen hatte. Der Kuipergurtel aus ursprunglichem Kometenmaterial erschien im Infrarotbereich wie eine verschobene Sandbank mit einem kugeligen Ende, das nach au?en zeigte. Und dann kam uber zwanzig AE, im Umkreis von mehr als zehn Lichtstunden von der Sonne selbst nichts mehr. Was hier an Materie noch vorhanden war, hatte nur eine schwache Bindung an den Stern; zwar spurte sie sein Schwerkraftfeld noch, aber sie bewegte sich auf jahrhundertelangen Bahnen, die auch von anderen Himmelskorpern leicht zu storen waren. Die schutzende Hulle des Sonnenmagnetfelds reichte nicht so weit nach drau?en, hier wurden alle Objekte von den ewigen Sturmen der galaktischen Magnetosphare herumgeschleudert, dem gro?en Windsystem, in das die Magnetfelder aller Sterne eingebettet waren wie kleine Strudel in einen riesigen Zyklon.
Dennoch waren diese ungeheuren Weiten nicht vollig leer. Zunachst sah man nur einen Korper — doch das lag daran, dass die voreingestellte Vergro?erung zu hoch war, um die Dopplung zu zeigen. Das zweite Objekt befand sich in der Richtung, in die der Kuipergurtel zeigte; sein Schwerkraftsog hatte den an sich kugelformigen Halo derart verformt. Nur damit verriet es seine Existenz, denn zu sehen war es mit blo?em Auge nicht, es sei denn, man kame auf eine Million Kilometer heran — und dann hatte man mit Sicherheit andere Sorgen, als es zu betrachten.
»Sie werden davon gehort haben«, sagte Sylveste. »Auch wenn es bisher nicht allzu viel Aufmerksamkeit
