»Uber Phoenix?«, fragte Khouri.
»Nicht nur uber den Ort selbst. Den hat es nie gegeben.« Sylveste legte eine dramatische Pause ein, dann fuhr er fort. »Phoenix war eine Geisterstadt, eine Erfindung von Sajaki. Es war nicht einmal auf den alten Karten in Mantell verzeichnet, es tauchte erst auf, als wir sie nach den Originalen in Cuvier aktualisierten. Daraufhin gingen wir einfach davon aus, dass es sich um eine neue Siedlung handelte, die auf den fruheren Karten noch nicht eingetragen war. Das war naturlich dumm — ich hatte das Manover gleich durchschauen mussen. Aber wir konnten uns nicht vorstellen, dass jemand die Originale manipuliert hatte.«
»Das war die nachste Dummheit«, sagte Sajaki. »Au?erdem mussten Sie sich doch fragen, wo ich war.«
»Wenn ich etwas langer daruber nachgedacht hatte…«
»Aber das haben Sie leider nicht getan«, versetzte Sajaki. »Sonst fande dieses Gesprach womoglich gar nicht statt. Allerdings hatten wir dann andere Mittel eingesetzt, um Sie in unsere Gewalt zu bringen.«
Sylveste nickte. »Ihr nachster Schritt ware folgerichtig die Zerstorung eines gro?eren fiktiven Ziels gewesen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob der gleiche Trick zwei Mal funktioniert hatte. Ich vermute stark, dass Sie am Ende um einen echten Angriff nicht herumgekommen waren.«
Die Kalte war wie Stahl, wie tausend Stacheldrahtspitzen, die uber die Haut kratzten und sich bei jeder Bewegung ins Fleisch zu bohren drohten. Aber davon bemerkte man nichts mehr, sobald man sich endgultig im Einflussbereich des Captains befand, denn die Kalte, die ihn umfangen hielt, war noch viel intensiver.
»Er ist krank«, sagte Sajaki. »Eine Abart der Schmelzseuche. Sie wissen daruber sicher Bescheid.«
Sylveste nickte. »Wir haben Berichte von Yellowstone erhalten«, erklarte er. »Wobei ich nicht sagen kann, dass sie besonders ausfuhrlich gewesen waren.« Er hatte es die ganze Zeit vermieden, den Captain direkt anzusehen.
»Wir konnen sie nicht eindammen«, erklarte Hegazi. »Jedenfalls nicht wirksam. Durch extreme Kalte lasst sich die Ausbreitung etwas bremsen, aber das ist auch alles. Die Seuche — oder der Captain — dehnt sich langsam immer weiter aus, greift auf die Schiffsmaterie uber und verwandelt sie nach ihren eigenen Bauplanen.«
»Dann ist er, jedenfalls im biologischen Sinn, noch am Leben?«
Sajaki nickte. »Naturlich kann man bei diesen Temperaturen nicht wirklich von organischem Leben sprechen. Aber wenn wir den Captain jetzt aufwarmen wurden… ware er in Teilen funktionsfahig.«
»Das klingt nicht sehr ermutigend.«
»Ich habe Sie nicht an Bord geholt, um Sie aufzumuntern, sondern damit Sie ihn heilen.«
Der Captain sah aus wie eine Statue, die in ein Netz von Silberfaden eingesponnen war. Die Auslaufer des unheimlichen biochimarischen Tumors erstreckten sich wunderschon glanzend viele Meter weit nach allen Seiten. Der Kalteschlaftank im Herzen der Eisexplosion funktionierte noch immer — ein Wunder der Technik, vielleicht auch nur Zufall. Aber seine einstmals symmetrische Form war durch die gletscherartig langsam, aber unaufhaltsam weiterwandernden Massen des Captains verzerrt und verschoben worden. Die meisten Statusanzeigen waren tot; keine entoptischen Figuren schwebten in der Luft. Einige der Anzeigen, die noch in Betrieb waren, lieferten unleserlichen Zeichensalat, sinnlose Hieroglyphen einer senilen Maschine. Khouri war froh, dass keine entoptischen Figuren mehr erzeugt wurden. Sie waren vermutlich ebenfalls krank gewesen; Scharen von boshaft feixenden Seraphim oder missgebildeten Cherubim, die das fortgeschrittene Stadium der Krankheit des Captains symbolisierten.
»Hier kann kein Chirurg mehr helfen«, sagte Sylveste. »Sie brauchen einen Priester.«
»Calvin war anderer Meinung«, widersprach Sajaki. »Er konnte es kaum erwarten, mit der Arbeit anzufangen.«
»Dann leidet die Kopie, die Sie in Cuvier gekauft haben, unter Gro?enwahn. Ihr Captain ist nicht krank. Er ist nicht einmal tot, denn es ist kaum noch etwas von ihm ubrig, was jemals gelebt hat.«
»Trotz alledem«, sagte Sajaki, »werden Sie uns helfen. Ilia kann Sie unterstutzen — sobald sie wieder gesund ist. Sie glaubt, ein Mittel gegen die Seuche entwickelt zu haben — ein Retrovirus. Soviel ich wei?, wirkt es bei kleinen Proben. Aber ihr Spezialgebiet sind Waffen und die Verabreichung des Virus gehort in den Bereich der Medizin. Immerhin ware damit ein Werkzeug vorhanden.«
Sylveste schenkte Sajaki ein Lacheln. »Sie haben das sicher mit Calvin besprochen.«
»Sagen wir, er wurde informiert. Er ist bereit, es auszuprobieren — er meint, es konnte sogar funktionieren. Macht Ihnen das Mut?«
»Ich unterwerfe mich Calvins Urteil«, antwortete Sylveste. »Er ist schlie?lich der Mediziner von uns beiden. Aber bevor ich mich zu irgendetwas verpflichte, mussen wir die Bedingungen aushandeln.«
»Es gibt keine Bedingungen«, sagte Sajaki. »Und wenn Sie nicht mitspielen, werden wir Mittel und Wege finden, Sie uber Pascale unter Druck zu setzen.«
»Das wurden Sie wahrscheinlich bereuen.«
Khouri spurte zum zehnten Mal an diesem Tag ein Kribbeln im Nacken. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Auch den anderen war es aufgefallen, aber sie lie?en sich nichts anmerken. Sylvestes Auftreten war zu selbstbewusst, das war es wohl. Zu selbstbewusst fur jemanden, der eben entfuhrt worden war und sich bald einer qualvollen Prozedur unterziehen sollte. Er benahm sich eher wie ein Spieler, der gleich sein Blatt aufdecken und die Partie gewinnen wurde.
»Ich werde Ihren verdammten Captain heilen«, sagte Sylveste. »Oder zumindest den Beweis antreten, dass eine Heilung nicht moglich ist — eins von beiden. Aber dafur mussen Sie mir einen kleinen Gefallen tun.«
»Verzeihung«, sagte Hegazi, »aber wenn man in einer so schwachen Position ist, verlangt man keine Gegenleistungen.«
»Wer redet denn von Schwache?« Wieder lachelte Sylveste, diesmal mit unverhohlener Bosheit und einer Schadenfreude, die bedrohlich wirkte. »Bevor ich Mantell verlie?, taten mir meine Aufseher einen letzten kleinen Gefallen. Ich glaube nicht, dass sie unbedingt das Gefuhl hatten, mir das schuldig zu sein. Aber es war fur sie nur eine Kleinigkeit, und die Vorstellung, Ihnen damit eins auszuwischen, hatte wohl einen unwiderstehlichen Reiz. Sie selbst mussten wohl oder ubel auf mich verzichten — aber Sie sollten auch nicht ganz das bekommen, was Sie glaubten.«
»Das gefallt mir gar nicht«, sagte Hegazi.
»Glauben Sie mir«, sagte Sylveste, »es wird Ihnen gleich noch viel weniger gefallen. Also: zunachst eine Frage, nur damit jedem klar ist, wo wir stehen.«
»Nur zu«, sagte Sajaki.
»Sie haben es mit Ultras zu tun«, sagte Hegazi.
»Naturlich. Ich wollte nur ganz sicher gehen, dass Sie sich keine Illusionen machten. Sie werden auch wissen, dass Fragmente von
»Davon haben wir gehort.«
»Nun, dieser Remilliod hat uns
»Ich furchte ja«, sagte Sajaki. »Fahren Sie trotzdem fort.«
»Einer dieser Stecknadelkopfe wurde in das optische System integriert, das Cal fur mich angefertigt hat. Es braucht keinen Strom, und selbst wenn Sie meine Augen auseinander nahmen, konnten Sie nicht feststellen, welcher Bestandteil die Bombe ist. Aber das sollten Sie lieber nicht ausprobieren, denn sobald sich jemand daran zu schaffen macht, wird die Bombe gezundet. Ihre Sprengkraft reicht aus, um den vorderen Kilometer dieses Schiffs in eine sehr teure, aber vollig nutzlose Glasskulptur zu verwandeln. Wenn Sie mich toten oder so schwer verletzen, dass gewisse Korperfunktionen uber ein festgesetztes Ma? hinaus eingeschrankt werden, geht das Ding hoch. So weit klar?«
»Kristallklar.«
