pflegte.
»Mal sehen, ob er immer noch zum Scherzen aufgelegt ist, wenn Sie ihm erst den Captain gezeigt haben, Sajaki-san. Wetten, dass ihm der Anblick das Lacheln aus dem Gesicht wischt?«
»Ohne Zweifel«, erwiderte Sajaki. »Und da wir gerade von Gesichtern reden, Dan, konnten Sie uns nicht etwas mehr von dem Ihren zeigen?« Sajaki tastete nach dem Griff der Waffe, die er in einem Halfter an der Hufte trug.
»Gerne«, sagte Sylveste, nahm sich die Schutzbrille ab und lie? sie klirrend zu Boden fallen. Dabei beobachtete er den Ausdruck — soweit vorhanden — auf den Gesichtern seiner Entfuhrer, die jetzt zum ersten Mal sahen, was mit seinen Augen geschehen war. Auch wenn sie es bereits gewusst hatten, der Anblick von Calvins Werk war ein Schock, der nicht zu unterschatzen war. Sylvestes Augen waren keine elegante Weiterentwicklung der Originale, sondern brutalistische Ersatzorgane, die nur annahernd die Funktion des menschlichen Sehwerkzeugs erfullten. Sie waren nicht sehr viel besser als ein Holzbein… in alten medizinischen Lehrbuchern fand man fortschrittlichere Beispiele. »Sie wussten naturlich, dass ich das Augenlicht verloren hatte?«, fragte er und musterte einen nach dem anderen mit seinem starren, leeren Blick. »Auf Resurgam ist das allgemein bekannt… man findet es kaum noch der Rede wert.«
»Was fur eine Auflosung erreichen Sie mit diesen Dingern?«, fragte Hegazi. Sein Interesse schien aufrichtig. »Ich wei?, sie sind nicht ganz auf dem neuesten Stand, aber ich wette, Sie haben vollen EM-Empfang von Infrarot bis UV, richtig? Vielleicht sogar Akustikabbildung? Wie ist es mit einer Zoomfunktion?«
Sylveste sah den Chimaren lange und durchdringend an. Dann antwortete er: »Eines sollten Sie wissen, Triumvir. Ich kann mit Muhe meine Frau erkennen, wenn das Licht gunstig ist und sie nicht allzu weit von mir entfernt steht.«
»So gut…« Hegazi sah ihn immer noch fasziniert an.
Sie wurden tiefer ins Schiffsinnere gefuhrt. Beim letzten Mal hatte man Sylveste geradewegs auf die Krankenstation gebracht. Damals war der Captain noch halbwegs mobil gewesen und hatte wenigstens kurze Strecken gehen konnen. Hier dagegen war Sylveste noch nie gewesen. Das musste allerdings nicht unbedingt hei?en, dass die Krankenstation sehr weit entfernt war. Das Schiff war so gro? und so verwinkelt wie eine kleine Stadt, und obwohl er damals fast einen ganzen Monat hier verbracht hatte, fand er sich nur schwer zurecht. Aber er spurte, dass er sich auf ganz neuem Terrain befand, dass er Bereiche — Sajaki und die Besatzung sprachen von Zonen — durchquerte, die man ihm noch nie gezeigt hatte. Wenn ihn sein Instinkt nicht trog, dann trug ihn der Fahrstuhl weg vom schlanken Bug des Schiffes, nach unten, wo der konische Rumpf seine gro?te Breite erreichte.
»Kleinere technische Mangel Ihrer Augen sind weiter kein Problem«, sagte Sajaki. »Die lassen sich leicht beheben.«
»Ohne eine funktionierende Calvin-Version? Das glaube ich nicht.«
»Dann rei?en wir Ihnen diese Augen heraus und ersetzen sie durch bessere.«
»Das wurde ich nicht tun. Au?erdem… hatten Sie Calvin dann immer noch nicht, was wurde es Ihnen also nutzen?«
Sajaki zischte etwas, und der Fahrstuhl kam langsam zum Stehen. »Sie glauben mir also nicht, dass wir eine Sicherheitskopie besitzen? Nun, Sie haben naturlich Recht. Unsere Kopie hatte einige merkwurdige Fehler. Als wir etwas damit anfangen wollten, war sie langst unbrauchbar geworden.«
»Typisch Software.«
»Ja… vielleicht bringe ich Sie doch noch um.« Er zog mit einer flie?enden Bewegung die Waffe so langsam aus dem Halfter, dass Sylveste genug Zeit hatte, die Bronzeschlange zu bewundern, die sich um den Lauf wand. Nach welchem Prinzip die Waffe funktionierte, war nicht erkennbar; es hatte eine Strahlen- oder eine Projektilpistole sein konnen, aber Sylveste zweifelte nicht daran, dass sie ihn auf diese Entfernung jederzeit toten konnte.
»Sie haben so lange nach mir gesucht, dass Sie mich jetzt bestimmt nicht erschie?en werden.«
Sajakis Finger spannte sich um den Abzug. »Sie unterschatzen mich, ich neige dazu, meinen Launen nachzugeben, Dan. Ich konnte Sie allein deshalb toten, weil es eine Tat von geradezu kosmischer Sinnlosigkeit ware.«
»Dann mussten Sie sich jemand anderen suchen, der Ihren Captain heilt.«
»Was hatte ich verloren?« Unter dem Schlangenmaul wechselte ein Statuslampchen von Grun auf Rot. Sajakis Finger wurde wei?.
»Warten Sie«, sagte Sylveste. »Sie brauchen mich nicht zu toten. Glauben Sie wirklich, ich hatte die einzige Kopie von Cal vernichtet, die noch existiert?«
Sajaki war sichtlich erleichtert. »Es gibt noch eine?«
»Ja.« Sylveste nickte seiner Frau zu. »Und sie wei?, wo sie zu finden ist. Nicht wahr, Pascale?«
Einige Stunden spater sagte Cal: »Ich habe schon immer gewusst, dass du kaltschnauzig und berechnend bist, Sohn, ein Dreckskerl, wie er im Buche steht.«
Sie waren dem Captain ganz nahe. Sajaki war mit Pascale weggegangen, aber jetzt war sie wieder da — zusammen mit allen anderen Besatzungsmitgliedern, die Sylveste bekannt waren, und der Erscheinung, die er niemals hatte Wiedersehen wollen. »Ein unertraglich heimtuckisches… Nichts.« Die Erscheinung sprach so ruhig und ohne jegliche Emotion wie ein Schauspieler, der seinen Text nur durchgeht, um zu messen, wie lange er dafur braucht. »Eine hirnlose Ratte.«
»Vom Nichts zur Ratte?«, fragte Sylveste. »Aus einer bestimmten Sicht konnte man das fast als Fortschritt betrachten.«
»Glaube das ja nicht, Sohn«, hohnte Calvin und beugte sich auf seinem Lehnstuhl vor. »Du haltst dich fur unglaublich schlau, nicht wahr? Aber jetzt habe ich dich an den Eiern, falls du uberhaupt welche besitzt. Man hat mir erzahlt, was du getan hast. Wie du mich, nur um ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen, einfach umgebracht hast.« Er hob den Blick zur Decke. »Was fur eine klagliche Rechtfertigung fur Vatermord! Ich hatte zumindest gehofft, du wurdest mich aus einem halbwegs ehrenwerten Grund toten. Aber nein, das war wohl zu viel verlangt. Ich ware fast enttauscht von dir, wenn das nicht hie?e, ich hatte einmal hohere Erwartungen in dich gesetzt.«
»Wenn ich dich tatsachlich getotet hatte«, sagte Sylveste, »wurde uns dieses Gesprach vor gewisse ontologische Probleme stellen. Au?erdem habe ich immer gewusst, dass noch eine Kopie von dir existierte.«
»Aber du hast eins von meinen Ichs ermordet!«
»Bedauere, das ist ein klassischer Kategorisierungsfehler. Du bist nur Software, Cal. Kopiert und geloscht zu werden ist deine naturliche Existenzform.« Sylveste war auf weitere Proteste gefasst, aber Cal schwieg. »Im Ubrigen stimmt es nicht, dass ich Sajaki einen Strich durch die Rechnung machen wollte. Ich brauche seine… Kooperation nicht weniger als er die meine.«
»Meine Kooperation?« Der Triumvir kniff die Augen zusammen.
»Wir kommen noch dazu. Ich will nur sagen, als ich die Kopie zerstorte, wusste ich, dass eine andere existierte und dass Sie mich bald zwingen wurden, ihr Versteck zu verraten.«
»Also eine vollig sinnlose Tat?«
»Keineswegs. Ich durfte fur eine Weile beobachten, wie Sie Ihre Felle davonschwimmen sahen, Yuuji-san. Ich habe einen Blick in Ihre Seele getan und dafur hat sich das Risiko gelohnt. Es war kein schoner Anblick, wenn ich das sagen darf.«
»Woher… wusstest du?«, fragte Cal. »Woher wusstest du, dass ich kopiert worden war?«
»Ich dachte, er ware nicht zu kopieren«, sagte die Frau, die man ihm als Khouri vorgestellt hatte. Sie war klein und flink und moglicherweise war ihr ahnlich wie Sajaki nicht ganz zu trauen. »Ich dachte, die Sims hatten Spoiler… Kopierschutz… was es eben so gibt.«
»Das sind die Alpha-Simulationen, meine Liebe«, erklarte Calvin. »Und eine solche bin ich nicht — wie man dazu auch stehen mag. Nein, ich bin nur ein einfaches Beta-Sim, das allen Turing-Standards gerecht wird, aber — philosophisch betrachtet — kein Bewusstsein besitzt. Deshalb wirft es auch keine ethischen Probleme auf, wenn es mich mehr als einmal gibt. Allerdings…« — er holte tief Atem und fullte das Schweigen, das andere vielleicht gern zum Nachdenken genutzt hatten — »glaube ich nicht mehr an diesen neuro-kognitiven Quatsch. Ich kann nicht fur mein Alpha-Sim sprechen, das vor etwa zweihundert Jahren verschwunden ist, aber ich bin jetzt bei vollem Bewusstsein, wie das auch zugegangen sein mag. Vielleicht gilt das fur alle Beta-Sims, vielleicht hat die Komplexitat meiner Vernetzung irgendwann eine kritische Grenze uberschritten.
