»Man kann es einfach nicht allen recht machen.«
»Ich glaube, sie hatte immer irgendeinen Vorwand gefunden. Sie wollte mich ubrigens mit hineinziehen.«
»Und?«
»Ich habe sie getotet.«
»Wenn ich mich nicht irre, hei?t das, Sie haben mir schon wieder das Leben gerettet.« Volyova hob zum ersten Mal den Kopf vom Kissen; es fiel ihr so schwer, als sei er mit Gummiseilen am Bett festgebunden. »Sie sollten damit aufhoren, Khouri, sonst wird es noch zur Gewohnheit. Aber wenn wir einen weiteren Todesfall hatten… mussen Sie damit rechnen, dass Sajaki Fragen stellt.« Eine Warnung wie diese hatte jeder Vorgesetzte gegenuber einem Untergebenen aussprechen konnen. Mehr wagte sie im Moment nicht zu sagen. Bis jetzt verriet — fur jemanden, der mithorte — noch nichts, dass Volyova mehr uber Khouri wusste als die anderen Triumvirn.
Aber die Warnung war ernst gemeint. Zuerst eine Tote im Trainingssaal… dann eine zweite auf Resurgam. In beiden Fallen war Khouri nicht der Anlass gewesen, aber fur Volyova war schon ihre Anwesenheit verdachtig, und Sajaki wurde erst recht misstrauisch werden. Wenn er sich darauf beschrankte, ihr Fragen zu stellen, ware das ubrigens noch eine eher milde Form des Verhors. Der Triumvir konnte sich auch zu einer Folterung entschlie?en… oder gar zu einem gefahrlichen Trawl im Tiefengedachtnis. Selbst wenn er Khouri dabei nicht das Gehirn verschmorte, konnte er zumindest in Erfahrung bringen, dass sie ein Infiltrator war, der sich an Bord geschmuggelt hatte, um die Weltraumgeschutze zu stehlen. Als Nachstes wurde er sicher wissen wollen, wie viel Volyova von alledem bekannt war. Und wenn er es dann fur aussichtsreich hielt, auch Volyova einem Trawl zu unterziehen…
Dazu darf es nicht kommen, dachte sie.
Sobald sie wieder auf den Beinen war, musste sie mit Khouri den Spinnenraum aufsuchen. Dort konnten sie offen sprechen. Im Moment war es sinnlos, uber Dinge nachzugrubeln, die sie doch nicht andern konnte.
»Wie ging es dann weiter?«, fragte sie.
»Nachdem Sudjic den Loffel abgegeben hatte? Sie werden es nicht fur moglich halten, aber es lief alles nach Plan. Sylveste musste immer noch an Bord gebracht werden und Sajaki und ich waren unverletzt geblieben.«
Das hie?, dass sich Sylveste jetzt irgendwo auf dem Schiff aufhielt. »Dann hat Sajaki doch bekommen, was er wollte?«
»Nein«, sagte Khouri vorsichtig. »Das dachte er nur. Die Wirklichkeit war ein klein wenig anders.«
In der folgenden Stunde schilderte sie Volyova, was geschehen war, seit man Sylveste zum zweiten Mal auf das Lichtschiff gebracht hatte. Was sie sagte, war auf dem ganzen Schiff bekannt; sie konnte es Volyova unbedenklich erzahlen, ohne Arger mit Sajaki furchten zu mussen. Volyova wiederum verga? nie, dass Khouri die Ereignisse so darstellte, wie sie sie erlebt hatte. Ihr Bericht war gefarbt und nicht unbedingt vollstandig oder in allen Punkten glaubwurdig. Gewisse politische Untertone hatte sie sicher nicht mitbekommen; die horte man nur heraus, wenn man seit Jahren an Bord war. Letzten Endes war es dennoch eher unwahrscheinlich, dass sie wissentlich oder nicht gro?ere Teile der Wahrheit ausgespart hatte. Und was Volyova erfahren hatte, klang ganz und gar nicht gut.
»Sie glauben, er hat gelogen?«, fragte Khouri.
»Was den
»Sie betrachten Sylvestes Ansinnen als berechenbares Risiko?«
Volyova schnalzte mit der Zunge. Die Forderungen waren wirklich erstaunlich. Sie war in ihrem ganzen Leben einer potenziell fremden Kultur, einer Welt, die potenziell so au?erhalb ihrer Erfahrung lag, noch nie so nahe gekommen. Sicher konnte man daraus einiges lernen — Lektionen uber Lektionen. Sylveste hatte sich die Drohung eigentlich sparen konnen…
»Wie kann er uns nur einen so verlockenden Koder unter die Nase halten?«, fragte sie. »Dieser Neutronenstern fasziniert mich, seit wir in das System eingetreten sind, wussten Sie das? Ich hatte beim Anflug ganz in der Nahe etwas entdeckt — eine schwache Neutrinoquelle. Sie scheint um den Planeten zu kreisen, der seinerseits den Neutronenstern umkreist.«
»Was konnte die Neutrinos erzeugen?«
»Vieles — aber Neutrinos dieser Energie? Da fallen mir nur Maschinen ein. Technisch sehr hoch entwickelte Maschinen.«
»Die von den Amarantin zuruckgelassen wurden?«
»Das ware doch eine Moglichkeit?« Volyova rang sich ein Lacheln ab. Sie hatte genau den gleichen Gedanken gehabt, aber sie durfte ihre Wunsche nicht so offen aussprechen. »Wenn wir erst dort sind, lasst sich das sicher herausfinden.«
Neutrinos sind fermionische Elementarteilchen, Leptonen. Sie treten je nach den nuklearen Reaktionen bei ihrer Entstehung in drei Formen oder Flavours auf: als Elektronen, Mu- oder Tau-Neutrinos. Aber Neutrinos haben Masse — weil sie sich knapp unter Lichtgeschwindigkeit bewegen — und wechseln im Flug die Flavours. Als die Schiffssensoren die Neutrinos auffingen, traten sie in einer Mischung von drei moglichen Flavour-Zustanden auf, die schwer voneinander zu trennen waren. Aber je mehr sich der Abstand zum Neutronenstern und damit die Zeit verringerte, in der die Neutrinos von ihrem Anfangszustand in andere Zustande oszillieren konnten, desto mehr wurde die Flavour-Mischung von
Es war eine Entdeckung, die sie sehr beunruhigte.
Aber sie beschloss zu warten, bis sie noch naher kamen, bevor sie dem Rest der Besatzung ihre Befurchtungen mitteilte. Immerhin standen immer noch alle unter Sylvestes Einfluss; und dass sie sein Handeln mit ihren Sorgen entscheidend beeinflussen konnte, war nicht anzunehmen.
Khouri gewohnte sich allmahlich an den Tod.
Storend an Volyovas Simulationen fand sie unter anderem, dass sie unweigerlich uber den Punkt hinausgingen, wo jeder reale Beobachter entweder tot oder zumindest so schwer verletzt gewesen ware, dass er die folgenden Ereignisse nicht mehr hatte verfolgen und erst recht nicht hatte beeinflussen konnen. So war es auch diesmal. Eine nicht naher definierte Waffe von beliebig gro?er Zerstorungskraft war von Cerberus auf das Lichtschiff zugerast und hatte es einfach in Stucke gerissen. Nichts hatte diesen Angriff uberlebt, aber Khouris korperloses Bewusstsein blieb hartnackig an Ort und Stelle und sah den scharfkantigen Trummern nach, die im rosigen Schein ihrer eigenen ionisierten Eingeweide trage davontrieben. Vermutlich war das Volyovas Art, Salz in die Wunden zu streuen.
»Noch nie was von Starkung der Moral gehort?«, hatte Khouri gefragt.
»Gehort schon«, sagte Volyova. »Aber ich halte nicht viel davon. Mochten Sie lieber glucklich und tot sein oder Angst haben und leben?«
»Aber ich sterbe doch trotzdem. Warum sind Sie eigentlich so uberzeugt, dass wir dort auf Schwierigkeiten sto?en werden?«
»Ich rechne nur mit dem Schlimmsten«, sagte Volyova duster.
Am nachsten Tag fuhlte sich Volyova kraftig genug, um mit Sylveste und seiner Frau zu sprechen. Als die beiden die Krankenstation betraten, sa? sie aufrecht im Bett, hatte ein Notepad auf dem Scho? und ging eine
