Unmenge von Angriffsszenarien durch, die sie spater an Khouri ausprobieren wollte. Sie schloss das Programm sofort und rief etwas weniger Bedrohliches auf, obwohl ihre Simulationen in einem Geheimcode gehalten waren, mit dem Sylveste wohl ohnehin nichts hatte anfangen konnen, empfand sie die Kritzeleien doch selbst oft wie eine fremde Sprache, die sie nur ungenugend beherrschte.
»Sie sind geheilt«, sagte Sylveste und setzte sich mit Pascale an ihr Bett. »Das ist gut.«
»Weil Ihnen mein Wohlergehen am Herzen liegt oder weil Sie meine Fachkenntnisse brauchen?«
»Naturlich Letzteres. Wir beide konnten uns noch nie ausstehen, Ilia, wozu sich also etwas vorspielen?«
»Ich denke gar nicht daran.« Sie stellte das Notepad beiseite. »Ich habe mit Khouri uber Sie gesprochen. Ich finde — genau wie sie — wir sollten uns an den Grundsatz ›Im Zweifel fur den Angeklagten‹ halten. Sie konnen also zunachst davon ausgehen, dass ich davon ausgehe, alles, was Sie uns erzahlt haben«, sie legte den Finger an die Stirn, »sei die reine Wahrheit. Wobei ich mir naturlich das Recht vorbehalte, meine Meinung jederzeit zu andern.«
»Diese Einstellung sollten wir uns am besten alle zu eigen machen«, schlug Sylveste vor. »Im Ubrigen versichere ich Ihnen unter Wissenschaftlern, dass ich tatsachlich die Wahrheit sage. Nicht nur, was meine Augen angeht.«
»Auch uber den Planeten.«
»Cerberus, ja. Ich nehme an, man hat Sie informiert.«
»Sie glauben dort etwas zu finden, das mit der Ausrottung der Amarantin in Zusammenhang stehen konnte. Ja, so viel ist mir bekannt.«
»Sie wissen uber die Amarantin Bescheid?«
»Ich kenne die orthodoxe Theorie.« Sie nahm das Notepad wieder an sich und rief eine Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten auf, die von Cuvier uberspielt worden waren. »Naturlich stammt nur wenig aus Ihrer Feder. Aber ich habe auch die Biografie. Und darin ist ein Gro?teil Ihrer Spekulationen enthalten.«
»Dargestellt aus dem Blickwinkel einer Skeptikerin«, bemerkte Sylveste und sah dabei Pascale an — Volyova erkannte es daran, dass er ihr das Gesicht zuwandte, seine Augen verrieten nicht, wohin er den Blick richtete.
»Selbstverstandlich. Dennoch lasst sich im Wesentlichen erkennen, welche Ansicht Sie vertreten. Und ich stimme Ihnen zu, dass Cerberus/Hades von gewissem Interesse ist… innerhalb dieses Paradigmas.«
Sylveste nickte. Er war sichtlich beeindruckt, dass sie die korrekte Nomenklatur fur das Doppelsystem aus Planet und Neutronenstern behalten hatte. »Irgendetwas hat die Amarantin vor ihrem Untergang dorthin gezogen. Ich mochte wissen, was es war.«
»Und es beunruhigt Sie nicht, dass dieses Etwas in irgendeinem Zusammenhang mit dem
»O doch, das beunruhigt mich sehr.« Mit dieser Antwort hatte sie nicht gerechnet. »Aber es wurde mich noch mehr beunruhigen, wenn wir es vollkommen ignorierten. Immerhin konnte die Gefahr auch fur uns bestehen. Und wenn wir etwas daruber erfahren, haben wir wenigstens eine Chance, einem ahnlichen Schicksal zu entgehen.«
Volyova legte nachdenklich den Finger an die Unterlippe. »Die Amarantin konnten ebenso gedacht haben.«
»Dann ist es umso besser, die Situation aus einer Position der Starke anzugehen.« Wieder sah Sylveste seine Frau an. »Ich will ganz ehrlich sein, Ihr Kommen war ein Geschenk der Vorsehung. Cuvier hatte von hier drau?en unmoglich eine Expedition finanzieren konnen, selbst wenn es mir gelungen ware, die Kolonie von ihrer Wichtigkeit zu uberzeugen. Und auf keinen Fall hatten wir etwas aufgeboten, das mit dem Angriffspotenzial dieses Schiffes zu vergleichen ware.«
»Die kleine Demonstration unserer militarischen Starke war also gar keine so gute Idee?«
»Mag sein — aber ohne sie ware ich womoglich niemals freigelassen worden.«
Sie seufzte. »Das ist leider genau das, was ich sagen wollte.«
Fast eine Woche spater — das Schiff war auf zwolf Millionen Kilometer an Cerberus/Hades herangekommen und in einen Orbit um den Neutronenstern gegangen — berief Volyova ein Treffen der gesamten Besatzung und der Gaste auf der Brucke ein. Sie fand, jetzt sei der Moment gekommen, um zu offenbaren, dass ihre schlimmsten Befurchtungen tatsachlich gerechtfertigt waren. Sie konnte es selbst kaum fassen. Wie wurde Sylveste die Nachricht aufnehmen? Was sie ihm gleich sagen wollte, bestatigte nicht nur, dass sie sich einer Gefahr naherten, es beruhrte auch etwas, das fur ihn von tiefer, personlicher Bedeutung war. Menschen zu beurteilen war wirklich nicht ihre Starke — und Sylveste war ein besonders vielschichtiger Charakter, der sich nur schwer analysieren lie? —, aber sie sah doch voraus, dass ihre Nachricht ihn schmerzlich treffen musste.
»Ich habe etwas gefunden«, sagte sie, als alle ihr zuhorten. »Sogar schon vor langerer Zeit: eine Neutrinoquelle unweit von Cerberus.«
»Wann war das?«, fragte Sajaki.
»Schon bevor wir Resurgam erreichten.« Sie sah, wie sich seine Miene verfinsterte, und fugte hinzu: »Es gab nichts Sinnvolles zu berichten, Triumvir. Wir wussten damals noch nicht einmal, dass wir hierher fliegen wurden. Und man konnte nicht feststellen, von welcher Art die Quelle war.«
»Und jetzt?«, fragte Sylveste.
»Jetzt habe ich eine… klarere Vorstellung. Als wir uns Hades naherten, stellte sich heraus, dass die Emissionen an der Quelle aus reinen Tau-Neutrinos eines ganz bestimmten Energiespektrums bestanden; genauer gesagt, es handelte sich um menschliche Technik mit einer einmaligen Signatur.«
»Dann haben Sie da drau?en etwas gefunden, das mit der Menschheit zu tun hat?«, fragte Pascale.
»Davon gehe ich aus.«
»Einen Synthetiker-Antrieb«, sagte Hegazi, und Volyova nickte.
»Ja«, sagte sie. »Nur Synthetiker-Antriebe erzeugen solche Tau-Neutrino-Signaturen wie die Quelle um Cerberus.«
»Das hei?t, da drau?en gibt es ein Schiff?«, fragte Pascale.
»Das dachte ich zuerst auch«, sagte Volyova verlegen. »Und der Verdacht ist auch nicht vollig falsch.« Sie flusterte Befehle in ihr Armband, die Display-Kugel im Zentrum erwachte zum Leben und leitete eine vorprogrammierte Routine ein, die sie kurz vor dem Treffen ausgearbeitet hatte. »Aber es war wichtig zu warten, bis wir nahe genug waren, um die Quelle visuell identifizieren zu konnen.«
Die Sphare zeigte Cerberus. Die mondgro?e Welt war eine weniger einladende Variante von Resurgam: einformig grau mit vielen Kratern. Au?erdem war sie dunkel: Delta Pavonis war zehn Lichtstunden entfernt, und Hades, die zweite Sonne in der Umgebung, spendete kein nennenswertes Licht. Der kleine Neutronenstern war zwar bei einer Supernova-Explosion entstanden und unertraglich hei? gewesen, doch nun war er schon seit langem bis in den Infrarotbereich abgekuhlt. Mit blo?em Auge war er nur wahrzunehmen, wenn sein Gravitationsfeld wie eine Linse das Licht dahinter liegender Sterne ablenkte. Doch selbst wenn Cerberus in helles Licht getaucht gewesen ware, es gab dort nichts, was die Amarantin hatte anlocken konnen. Freilich hatte Volyova selbst mit ihren besten Scans die Oberflache nur mit einer Auflosung im Kilometerbereich erfasst, so dass in diesem Stadium noch kaum etwas auszuschlie?en war. Das Objekt im Orbit um Cerberus hatte sie jedoch sehr viel genauer studiert.
Jetzt holte sie es naher heran. Anfangs war es nur ein leicht ovaler, wei?lich-grauer Fleck vor einem Hintergrund von Sternen. An einer Seite ragte ein Stuck von Cerberus ins Bild. So hatte es bereits vor Tagen ausgesehen, bevor das Schiff alle seine Radioteleskope ausgefahren hatte. Schon damals hatte sich ihr Verdacht nur schwer von der Hand weisen lassen. Und mit jedem neuen Detail wurde es noch schwieriger.
Die Umrisse des Flecks wurden jetzt klarer; er entpuppte sich als festes Gebilde. Von der Form her war er annahernd konisch wie ein Glassplitter. Volyova legte ein Dimensionsraster um das Objekt, um seine Gro?e ungefahr zu bestimmen. Es war von einem Ende zum anderen auf jeden Fall drei bis vier Kilometer lang.
»Bei dieser Auflosung«, sagte Volyova, »lassen sich deutlich zwei Quellen fur die Neutrino-Emission unterscheiden.« Sie zeigte auf zwei graugrune Flecken zu beiden Seiten des dickeren Konus-Endes. Bei detailgenauer Abbildung sah man, dass die Flecken beidseitig des eigentlichen Splitters an eleganten ruckwarts gepfeilten Tragholmen angebracht waren.
»Ein Lichtschiff«, sagte Hegazi. Und so war es; selbst bei dieser vergleichsweise groben Auflosung konnte daran kein Zweifel bestehen. Sie hatten ein Schiff vor sich, das ihrem eigenen sehr ahnlich war. Die Neutrino- Emissionen gingen von den Synthetiker-Triebwerken zu beiden Seiten des Rumpfes aus.
