erregt haben mag.«
»Es ist ein Neutronenstern«, sagte Hegazi.
»Gut. Wissen Sie noch etwas daruber?«
»Nur, dass er einen Begleiter hat«, sagte Sajaki. »Was aber an sich nicht ungewohnlich ist.«
»Eigentlich nicht, nein. Viele Neutronensterne haben Planeten — angeblich die kondensierten Reste verdampfter Binarsterne. Moglicherweise blieb der Planet auch aus irgendeinem Grund verschont, als bei der Supernova-Explosion eines schwereren Sterns der Pulsar entstand.« Sylveste schuttelte den Kopf. »Trotzdem nicht ungewohnlich, nein. Warum also — die Frage ist berechtigt — interessiere ich mich dafur?«
»Eine vernunftige Frage«, sagte Hegazi.
»Weil etwas daran merkwurdig ist.« Sylveste vergro?erte das Bild, bis der Planet, der auf seiner Bahn unnaturlich schnell um den Neutronenstern raste, deutlich zu erkennen war.
»Dieser Planet war fur die Amarantin von au?ergewohnlicher Bedeutung. Je naher man dem
Das hatte eingeschlagen. Die Drohung, das Schiff zu zerstoren, hatte den Selbsterhaltungstrieb angesprochen, doch jetzt waren die Ultras auf intellektueller Ebene gefesselt. Sylveste hatte nie bezweifelt, dass er hier leichter Gehor finden wurde als bei den Kolonisten. Sajakis Mannschaft sah die Dinge ohnehin schon von der kosmischen Warte.
»Was steckt dahinter?«, fragte Sajaki.
»Ich wei? es nicht. Aber Sie werden mir helfen, es herauszufinden.«
»Sie glauben, auf dem Planeten konnte etwas zu finden sein?«
»Oder in seinem Innern. Um das zu ergrunden, mussen wir sehr viel naher heran, nicht wahr?«
»Es konnte eine Falle sein«, sagte Pascale. »Ich denke, wir sollten diese Moglichkeit nicht ausschlie?en — besonders, wenn Dan den Zeitablauf richtig beurteilt.«
»Was hat das mit dem Zeitablauf zu tun?«, fragte Sajaki.
Sylveste legte die Fingerspitzen dachformig aneinander.
»Ich habe den Verdacht — nein, es ist kein Verdacht, sondern eine Schlussfolgerung —, dass die Amarantin in ihrer Entwicklung irgendwann so weit kamen, dass sie in den Weltraum aufbrachen.«
»Nach allem, was ich auf Resurgam erfahren habe«, sagte Sajaki, »liefern die Fossilien dafur keine Anhaltspunkte.«
»Aber das ware doch ganz normal, nicht wahr? Technische Produkte sind naturgema? weniger haltbar als Erzeugnisse aus primitiveren Epochen. Keramik halt sich. Mikroschaltkreise zerfallen zu Staub. Au?erdem brauchte man eine Technik, die unserer heutigen in etwa vergleichbar ist, um die Stadt unter dem Obelisken zu vergraben. Wenn die Amarantin dazu fahig waren, spricht absolut nichts mehr dagegen, dass sie auch bis an die Grenzen ihres Sonnensystems fliegen konnten — vielleicht sogar in den interstellaren Raum.«
»Sie glauben doch nicht etwa, die Amarantin hatten andere Sonnensysteme erreicht?«
»Ich schlie?e es jedenfalls nicht aus.«
Sajaki lachelte. »Und wo sind sie dann? Ich kann mir vorstellen, dass eine technisch hochentwickelte Zivilisation spurlos verschwindet, aber nicht, wenn sie sich uber viele Welten ausgebreitet hatte. Dann hatten sie doch etwas zuruckgelassen.«
»Vielleicht haben sie das ja getan.«
»Die Welt um den Neutronenstern? Sie glauben, dort finden Sie die Antwort auf Ihre Fragen?«
»Wenn ich das so genau wusste, brauchte ich nicht hinzufliegen. Ich will es herausfinden, das ist alles, und deshalb bitte ich Sie, mich hinzubringen.« Sylveste stutzte das Kinn auf die Fingerspitzen. »Sie fliegen mich moglichst nahe an den Planeten heran und sorgen gleichzeitig fur meinen Schutz. Notfalls mussen Sie mir eben gestatten, die schmutzigeren Tricks, die dieses Schiff bietet, zum Einsatz zu bringen.«
Hegazi war fasziniert und entsetzt zugleich. »Sie glauben, wir konnten dort auf etwas sto?en — wofur wir die Waffen brauchen?«
»Vorsicht kann nicht schaden, oder?«
Sajaki wandte sich an den zweiten Triumvir. Fur einen Moment schienen die beiden allein auf der Brucke zu sein. Sie verstandigten sich zunachst so schnell wie zwei Maschinen, nur mit einem flackernden Blick. Dann erst sprachen sie, als wollten sie auch Sylveste zuganglich machen, was sie eben erortert hatten. »Was er uber den Fremdkorper in seinen Augen sagte — ist das moglich? Ich meine, wir wissen, welche technischen Moglichkeiten Resurgam hat. Konnte man vor Ablauf unseres Ultimatums ein solches Implantat eingesetzt haben?«
Hegazi lie? sich Zeit mit der Antwort. »Ich glaube, wir sollten die Moglichkeit ernsthaft in Erwagung ziehen, Yuuji-san.«
Volyova — oder der gro?te Teil von ihr — war im Aufwachraum der Krankenstation zu sich gekommen. Man brauchte ihr nicht zu sagen, dass sie uber viele Stunden bewusstlos gewesen war. Wenn sie in sich hineinhorchte, hatte sie das Gefuhl, jahrhundertelang in einem tiefen Traum befangen gewesen zu sein, und daran erkannte sie, wie schwer ihre Verletzungen und wie langwierig ihre Genesung gewesen sein mussten. Manchmal hatte man zwar schon nach einem kurzen Nickerchen den Eindruck, ein ganzes Leben getraumt zu haben, aber ihre Traume waren so lang und so vollgepackt mit Ereignissen wie eine breit ausgewalzte Saga aus pratechnischer Zeit. Es war, als hatte sie im Fieberwahn viele verstaubte, aber unsterbliche Geschichtenbande durchlebt.
Dennoch war ihr nur wenig in Erinnerung geblieben. Zuerst war sie auf diesem Schiff gewesen und dann war — irgendwo anders, aber wo, war ihr noch nicht klar — etwas Schreckliches geschehen. Nur der Larm, die blinde Wut waren ihr noch gegenwartig — aber was hatten sie zu bedeuten? Und wo war sie gewesen?
Ganz schwach — zunachst hielt sie es noch fur einen Teil ihres Traums — stieg ein Bild von Resurgam vor ihr auf. Und dann kehrten die Ereignisse langsam zuruck, nicht wie eine Flutwelle oder wie ein Erdrutsch, sondern wie eine trage schmatzende Schlamm-Masse: die Eingeweide der Vergangenheit. Sie hatten nicht einmal so viel Anstand, in chronologischer Reihenfolge aufzutreten. Doch als sie die einzelnen Episoden zu ihrer Zufriedenheit geordnet hatte, horte sie erstaunt, wie jemand aus dem Orbit mit ihrer Stimme der wartenden Welt da unten ein Ultimatum nach dem anderen verkundete. Dann kam das Warten im Sturm und schlie?lich diese schreckliche Hitze und danach eine ebenso schreckliche Kalte im Magen. Sie sah, wie Sudjic sich uber sie beugte und Schmerzen austeilte.
Die Tur ging auf; Ana Khouri trat ein — allein.
»Sie sind wach«, sagte sie. »Das dachte ich mir. Ich hatte das System angewiesen, mich zu benachrichtigen, wenn Ihre Neuralaktivitat jene Stufe erreichte, die mit bewusstem Denken gleichgesetzt wird. Schon, Sie wieder unter den Lebenden zu haben, Ilia. Leute mit gesundem Verstand sind derzeit Mangelware.«
»Wie lange…?« Volyova brach ab — die Worte klangen abgehackt und undeutlich — und fing noch einmal an. »Wie lange bin ich schon hier? Und wo sind wir jetzt?«
»Der Angriff erfolgte vor zehn Tagen, Ilia. Und wir sind… dazu komme ich spater. Es ist eine lange Geschichte. Wie fuhlen Sie sich?«
»Ich habe schon Schlimmeres erlebt.« Warum sage ich das, fragte sie sich. Sie konnte sich nicht erinnern, sich jemals so elend gefuhlt zu haben wie jetzt. Aber die Umstande verlangten eben eine solche Antwort. »Was fur ein Angriff?«
»Sie haben wohl nicht sehr viel mitbekommen?«
»Ich hatte Sie etwas gefragt, Khouri.«
Khouri war naher getreten. Der Raum fuhr neben dem Bett einen robusten Stuhl fur sie aus. »Sudjic«, sagte sie.
»Sie hat versucht, Sie zu toten, als wir auf Resurgam waren — das wissen Sie doch noch?«
»Eigentlich nicht.«
»Wir waren hinunter geflogen, um Sylveste an Bord zu holen.«
Volyova schwieg einen Moment. Bei dem Namen klirrte es in ihrem Kopf, als sei ein Skalpell zu Boden gefallen. »Sylveste, ja richtig. Ich wei? noch, dass wir ihn abholen sollten. Hat es denn geklappt? Hat Sajaki bekommen, was er wollte?«
Khouri uberlegte. »Ja und nein«, sagte sie dann.
»Und Sudjic?«
»Sudjic wollte Sie toten — Nagornys wegen.«
