Dokumentationen auf, und jedes dieser Werke unterstellte, dass sie langst tot war; ermordet von Aliens, deren Krafte jedes menschliche Vorstellungsvermogen uberstiegen.
Naturlich. Jetzt war auch klar, was die Verformungsmuster verursacht hatte. Die Gravitationswirbel vor Lascailles Schleier hatten die Materie zusammengepresst, bis das Blut herausspritzte.
Alle Welt glaubte, dass auch Carine Lefevre so gestorben sei.
Schon als Kind hatte Khouri bemerkt, dass etwas Ungewohnliches passierte, wenn sie Dinge anfasste, die zu hei? waren, den Lauf eines Gewehrs zum Beispiel, das eben erst die Patronenhulse ausgeworfen hatte. Dann durchzuckte sie eine Art Vorahnung, so kurz, dass man kaum von Schmerz sprechen konnte; eher eine Warnung vor dem wirklichen Schmerz. Auf diesen Vorlaufer folgte ein Moment, in dem sie gar nichts empfand, und in diesem Moment riss sie, ganz gleich, was sie angefasst hatte, die Hand zuruck. Aber da war es schon zu spat; der richtige Schmerz war bereits unterwegs, und sie konnte nichts mehr tun, als sich darauf einzustellen, wie eine Haushalterin, der man kurzfristig einen Gast angekundigt hatte. Naturlich war der Schmerz nie allzu schlimm, und da sie die Hand schon weggezogen hatte, gab es meist nicht einmal eine Narbe. Aber sie machte sich jedes Mal ihre Gedanken. Wenn die Vorahnung schon genugte, damit sie die Hand wegzog — und das war immer so —, welchen Sinn hatte dann die Schmerzwelle, die hinterher kam? Warum musste sie uberhaupt kommen, wenn sie doch die Botschaft bereits erhalten und ihre Hand in Sicherheit gebracht hatte? Auch als sie spater feststellte, dass es fur die Verzogerung zwischen den beiden Warnungen handfeste physiologische Grunde gab, empfand sie den Schmerz noch als niedertrachtig.
Jetzt ging es ihr genauso. Sie sa? mit Volyova im Spinnenraum und hatte eben erfahren, wem vermutlich das Gesicht der Mademoiselle gehorte. Carine Lefevre, hatte Volyova gesagt. Und Khouri hatte wieder diese Vorahnung verspurt, diesen kurzen Schock, der sie wie ein Echo aus der Zukunft auf den eigentlichen Schlag vorbereitete. Ein sehr schwaches Echo, dann — einen Moment lang — gar nichts.
Und schlie?lich die volle Wucht.
»Wie ist das moglich?«, fragte Khouri hinterher, als der Schock — nicht abgeklungen, aber zu einem normalen Bestandteil ihres emotionalen Dauergerauschs geworden war. »Es kann nicht sein. Das ergibt keinen Sinn.«
»Ich denke, es ergibt eher zu viel Sinn«, widersprach Volyova. »Und es passt viel zu gut zu den Fakten, als dass wir es ignorieren konnten.«
»Aber jedermann wei? doch, dass sie tot ist! Das hat sich nicht nur auf Yellowstone, sondern in der Halfte aller Weltraumkolonien herumgesprochen. Ilia, sie ist eines gewaltsamen Todes gestorben. Sie kann es nicht sein,«
»Ich denke doch. Manoukhian sagt, er hatte sie im All gefunden. Vielleicht stimmt das ja. Vielleicht trieb Carine Lefevre irgendwo vor Lascailles Schleier im Weltraum — vielleicht wollte er etwas aus den Trummern des SISS-Raumschiffs bergen — und da hat er sie gerettet und nach Yellowstone zuruckgebracht.« Volyova hielt inne, doch bevor Khouri auch nur daran denken konnte, etwas einzuwerfen, war sie schon wieder voll in Fahrt. »Das ware doch logisch, oder? Zumindest hatten wir unsere Verbindung zu Sylveste — und vielleicht ein Motiv, warum sie ihm nach dem Leben trachtet.«
»Ilia, ich habe gelesen, was mit ihr passiert ist. Sie wurde von den gravitationellen Spannungen im Umkreis des Schleiers zerfetzt. Wie sollte da etwas ubrig geblieben sein, was Manoukhian nach Hause hatte bringen konnen?«
»Nein… das kann naturlich nicht sein. Es sei denn, Sylveste hatte gelogen. Vergessen wir nicht, wir haben nur seine Aussage dafur, dass alles so abgelaufen ist, wie er sagte — keines von den Aufzeichnungssystemen hat die Begegnung uberstanden.«
»Willst du damit sagen, sie ist gar nicht tot?«
Volyova hob die Hand, wie immer, wenn Khouri sie nicht restlos verstanden hatte.
»Nein… nicht unbedingt. Vielleicht ist sie tatsachlich gestorben — nur nicht so, wie Sylveste behauptete. Vielleicht ist sie nicht in dem Sinne tot, wie wir das Wort verstehen und vielleicht ist sie auch nicht wirklich lebendig — trotz allem, was du gesehen hast.«
»Ich habe nicht viel von ihr gesehen. Nur die Kiste, in der sie unterwegs war.«
»Du hast angenommen, sie sei Hermetikerin, weil sie den Palankin eines Hermetikers benutzte. Aber vielleicht wollte sie dich damit nur irrefuhren.«
»Sie ware zerfetzt worden. Daran gibt es nichts zu rutteln.«
»Vielleicht hat der Schleier sie nicht getotet, Khouri. Vielleicht ist ihr etwas Schreckliches zugesto?en, aber hinterher hat etwas sie am Leben erhalten. Vielleicht hat dieses Etwas sich sogar aktiv um ihre Rettung bemuht.«
»Das musste Sylveste wissen.«
»Aber vielleicht will er es nicht wahrhaben. Ich glaube, wir mussen mit ihm reden — und zwar hier, wo Sajaki uns nicht storen kann.« Volyova war kaum zu Ende, als ihr Armband zirpte und auf dem Display ein menschliches Gesicht erschien, das nur blanke Kugeln an Stelle von Augen hatte.
»Wenn man vom Teufel spricht«, murmelte Volyova. »Was ist, Calvin? Sie sind doch Calvin?«
»Im Moment ja«, sagte der Mann. »Aber ich furchte, Sajaki wird mich bald mit Schmach und Schande aus seinen Diensten entlassen.«
»Wovon reden Sie?« Sie wartete keine Antwort ab, sondern fugte hastig hinzu: »Ich habe etwas mit Dan zu besprechen; es ist ziemlich dringend, wenn Sie also so freundlich waren…«
»Ich glaube, was ich zu sagen habe, ist noch dringender«, erklarte Calvin. »Es geht um Ihr Gegenmittel, Volyova. Das Retrovirus, das Sie entwickelt haben.«
»Was ist damit?«
»Es wirkt nicht ganz so wie beabsichtigt.« Er trat einen Schritt zuruck. Hinter ihm sah Khouri einen Teil des Captains, silbrig glanzend und schleimig wie eine Statue, die uber und uber mit Schneckenspuren uberzogen war. »Genauer gesagt, es bringt ihn noch schneller um.«
Vierundzwanzig
Sylveste brauchte nicht lange zu warten. Volyova kam in Begleitung von Khouri, der Frau, die ihr auf dem Planeten das Leben gerettet hatte. Wenn schon Volyova in seinen Planen eine unbekannte Gro?e darstellte, dann galt das erst recht fur diese Khouri. Bisher hatte er noch nicht feststellen konnen, wem ihre Loyalitat gehorte: Volyova, Sajaki oder womoglich jemand ganz anderem. Aber er schob diese Bedenken zunachst in den Hintergrund, denn Calvin hatte ihn mit seiner Ungeduld angesteckt.
»Was hei?t, es bringt ihn noch schneller um?«
»Genau das, was ich sage«, antwortete Calvin durch seinen Mund, ohne die Frauen zu Atem kommen zu lassen. »Wir haben uns exakt an Ihre Anweisungen gehalten. Trotzdem ist es, als hatten wir der Seuche eine massive Dosis Starkungsmittel gespritzt. Sie breitet sich schneller aus denn je. Wenn ich es nicht besser wusste, wurde ich sagen, Ihr Retrovirus hat ihr noch geholfen.«
»Verdammt«, sagte Volyova. »Entschuldigen Sie, das ist mir so herausgerutscht. Ich habe ein paar harte Stunden hinter mir.«
»Mehr haben Sie nicht dazu zu sagen?«
»Ich habe das Gegenmittel an kleinen isolierten Proben getestet«, verteidigte sie sich. »Da hat es gewirkt. Ich konnte nicht versprechen, dass es bei einem vollstandig verseuchten Organismus ebenso wirksam sein wurde… aber zumindest — im schlimmsten Fall — ging ich davon aus, dass eine gewisse, wenn auch beschrankte Wirkung eintreten wurde. Die Seuche muss
