Bruchstuck stammte eindeutig nicht von Sky’s Edge. Aber das Schiff war noch nicht fundig geworden und drang immer weiter in die Tiefen seiner Datenspeicher vor. Derzeit wuhlte es sich durch technische Daten, die fast zweihundert Jahre alt waren. In grauer Vorzeit zu suchen war lacherlich… andererseits, warum jetzt aufhoren? In wenigen Stunden hatte sich das Schiff bis zur Grundung der Kolonie und zu den wenigen Unterlagen vorgearbeitet, die noch aus der Amerikano-Ara erhalten waren. Dann konnte sie Khouri immerhin versichern, sie habe grundlich — wenn auch vergeblich — gesucht.

Als sie die Brucke betrat, war sie allein.

Der riesige Raum war dunkel bis auf den Schein der Projektionssphare, die eine schematische Darstellung des gesamten Pavonis-Hades-Doppelsystems zeigte. Von den anderen Besatzungsmitgliedern (es waren ja nur noch wenige am Leben, dachte sie) war niemand anwesend, und man hatte auch keine Toten aus den Archiven geholt, um sich in Sprachen, die heute kaum noch jemand beherrschte, ihre Ansichten anzuhoren. Volyova kam die Einsamkeit gerade recht. Sie hatte keine Lust, sich mit Sajaki auseinander zu setzen (mit ihm schon gar nicht), und Hegazis Gesellschaft schatzte sie ohnehin nicht besonders. Nicht einmal mit Khouri wollte sie jetzt reden. Wenn sie mit Khouri zusammen war, tauchten zu viele Fragen auf, und sie war gezwungen, sich mit Themen zu beschaftigen, mit denen sie nichts zu tun haben wollte. Jetzt war sie wenigstens fur ein paar Minuten allein und in ihrem Element und konnte — so toricht das auch war — alles vergessen, was ein Chaos zu entfesseln drohte.

Sie konnte sich mit ihren schonen Waffen befassen.

Die umfunktionierte Lorean war in einen noch tieferen Orbit gegangen, ohne Cerberus zu einer Reaktion zu provozieren — jetzt befand sie sich nur noch zehntausend Kilometer uber der Planetenoberflache. Volyova hatte dem riesigen Konus den Namen ›Bruckenkopf‹ gegeben, denn genau das war seine Funktion. Fur alle anderen hie? er einfach ›Volyovas Waffe‹, wenn sie uberhaupt davon sprachen. Das Ding war viertausend Meter lang; fast so lang also wie das Lichtschiff, aus dem es entstanden war. Es hatte kaum massive Bestandteile; selbst die Wande waren strukturiert wie Bienenwaben. In jeder Kammer lauerten aktive Stamme von angriffslustigen Cyberviren, in ihrem Aufbau ahnlich dem Gegenmittel, das die Krankheit des Captains bekampfen sollte. In gro?eren Hohlungen waren Energie- und Projektilwaffen gelagert. Alles war mit einer meterdicken Hyperdiamanthulle umgeben, die beim Aufschlag abgerieben werden sollte. Wenn der Bruckenkopf auf die Planetenoberflache traf, wurden die Sto?wellen uber den ganzen Rumpf rasen, aber durch piezoelektrische Kristalle sollte aus diesen Sto?wellen Energie aufgenommen und in die Waffensysteme gelenkt werden. Die Geschwindigkeit beim Aufprall war ohnehin vergleichsweise gering — weniger als ein Kilometer pro Sekunde, denn kurz bevor der Bruckenkopf die Kruste durchstie?, wurde er kraftig abbremsen. Und vorher sollte die Kruste sturmreif geschossen werden; au?er den Frontgeschutzen des Bruckenkopfes wurde Volyova dafur so viele Weltraumgeschutze einsetzen, wie sie einzusetzen wagen konnte.

Sie nahm uber das Armband Verbindung zu ihrer Waffe auf. Eine fesselnde Unterhaltung war es gerade nicht. Der Bruckenkopf hatte nur eine rudimentare Kontrollpersonlichkeit; mehr war von einem nur wenige Tage alten Gerat nicht zu erwarten. Einerseits war das ein Vorteil. Besser, das Ding hatte ein Spatzenhirn, als dass es gro?enwahnsinnig wurde. Au?erdem hatte der Bruckenkopf voraussichtlich nicht allzu viel Zeit, um sich seiner Empfindungsfahigkeit zu erfreuen.

Tanzende Zahlenkolonnen im Innern der Sphare meldeten Kampfbereitschaft. Volyova musste sich auf die Zusammenfassung der Systeme verlassen, denn die Waffe war ihr in gro?en Teilen fremd. Sie hatte nur die Grundlagen vorgegeben, die eigentliche Arbeit hatten autonome Entwicklungsprogramme erledigt, und die hatten sich nicht bemu?igt gefuhlt, sie uber jedes technische Problem und die dazu gehorige Losung zu informieren. So war ihr der Bruckenkopf weitgehend unbekannt, aber schlie?lich konnte auch eine Mutter ein Kind entstehen lassen, ohne jede Arterie, jeden Nerv genau lokalisieren… oder die biochemischen Vorgange seines Stoffwechsels erklaren zu konnen. Die Waffe war dennoch ihre Schopfung — ihr Kind.

Ein Kind, das sie zu einem fruhen, schmachvollen — aber keineswegs sinnlosen — Tod verdammt hatte.

Das Armband zirpte. Sie sah auf das Display, erwartete einen Schwall technischer Daten vom Bruckenkopf; eine Meldung uber eine kurzfristige Konstruktionsanderung, die von den noch aktiven Replikationssystemen im Kern unterwegs vorgenommen worden war.

Aber es war etwas ganz anderes.

Die Nachricht kam vom Schiff. Es hatte ein Gegenstuck zu ihrem Splitter gefunden. Zwar hatte es auf technische Dateien zuruckgreifen mussen, die mehr als zweihundert Jahre alt waren, aber dort war es fundig geworden. Und abgesehen von den Verformungsmustern — die wohl erst nach der Herstellung aufgetreten sein mussten — bestand innerhalb der Messtoleranzen eine Ubereinstimmung von hundert Prozent.

Volyova war immer noch allein auf der Brucke.

»Auf das Display«, befahl sie.

Der Splitter erschien zunachst in Vergro?erung als sichtbares Bild im Innern der Sphare. Dann folgte eine Serie von Nahaufnahmen, beginnend mit einer Elektronenmikroskop-Ansicht in Grautonen, auf der die verzerrte Kristallstruktur zu sehen war, und endend mit einem grellbunten ATM-Bild mit einer Auflosung im Bereich der atomaren Langenskala, auf dem die Grenzen zwischen den Atomen verschwammen. Plots mit kristallografischen Rontgenbeugungsdaten und Massenspektrogramme erschienen in eigenen Fenstern und wetteiferten mit Unmengen von technischen Daten um ihre Aufmerksamkeit. Volyova schenkte diesen Werten keine Beachtung; sie waren ihr vollkommen vertraut, die meisten Messungen hatte sie selbst vorgenommen.

Stattdessen wartete sie, bis das ganze Display zur Seite ruckte und gleich daneben ganz ahnliche Grafiken auftauchten. Sie gruppierten sich um einen Splitter aus ahnlichem Material, identisch bei atomarer Auflosung, aber ohne die Verformungsmuster. Zusammensetzung, Isotopenverteilung und Gittereigenschaften waren identisch: jede Menge Fullerene in verschiedenen Kristallstrukturen durchzogen eine verwirrend komplexe Matrix aus ubereinander gelagerten Metallschichten und exotischen Legierungen. Yttrium- und Scandium-Signaturen und ein ganzer Schwung Transurane aus Stabilitatsinseln in Spurenelementen, die dem Splitter vermutlich eine unerhorte Elastizitat verliehen. Dennoch wusste Volyova, dass es auf dem Schiff noch ausgefallenere Substanzen gab, einige hatte sie selbst synthetisiert. Der Splitter war ungewohnlich, aber er war zweifelsfrei ein Produkt menschlicher Technik — die Buckytube-Filamente waren eine typische Demarchisten-Signatur und Transurane aus Stabilitatsinseln waren im vierundzwanzigsten und funfundzwanzigsten Jahrhundert die gro?e Mode gewesen.

Tatsachlich sah das Bruchstuck genauso aus wie das Material, aus dem in jener Zeit ein Raumschiffrumpf bestanden haben konnte.

So dachte offenbar auch das Schiff. Aber warum hatte Khouri ein Stuck Raumschiff im Fleisch gehabt? Was hatte Manoukhian damit sagen wollen? Vielleicht irrte sie sich auch, und Manoukhian hatte gar nichts damit zu tun — es war nur ein Unfall. Oder aber, es hatte sich um ein ganz bestimmtes Raumschiff gehandelt…

Offenbar. Die Technik war insgesamt typisch fur diese Zeit, aber in den Details war das Stuck einmalig — es war auf hohere Belastungen hin ausgelegt, als selbst fur militarische Einsatze notig gewesen ware. Je langer Volyova sich die Ergebnisse ansah, desto deutlicher wurde, dass das Stuck nur von einem Schiffstyp stammen konnte: von einem Kontaktschiff aus dem Besitz des Sylveste-Instituts fur Schleierweber-Studien.

Aus gewissen Feinheiten im Isotopenanteil lie? sich erkennen, von welchem Schiff es genau stammte: von dem Kontaktschiff namlich, das Sylveste an die Grenze von Lascailles Schleier gebracht hatte. Damit war Volyova zunachst zufrieden. Der Kreis hatte sich geschlossen: dies war die Bestatigung dafur, dass zwischen Khouris Mademoiselle und Sylveste tatsachlich ein Zusammenhang bestand. Aber das wusste Khouri ja bereits… und das bedeutete, dass der Splitter noch eine weitergehende Bedeutung hatte. Worin sie bestand, war Volyova naturlich sofort klar. Aber im ersten Moment war die Erkenntnis so ungeheuerlich, dass sie davor zuruckschreckte. Das war doch wohl nicht moglich, oder? Sie konnte die Ereignisse vor Lascailles Schleier nicht uberlebt haben. Andererseits hatte Manoukhian Khouri gegenuber behauptet, er habe seine Brotherrin im All gefunden. Und es war durchaus moglich, dass sie sich als Hermetikerin tarnte, weil sie grasslichere Verstummelungen hatte, als selbst die Seuche sie anzurichten pflegte…

»Zeig mir Carine Lefevre«, sagte Volyova, nachdem sie den Namen der Frau abgerufen hatte, die angeblich vor dem Schleier ums Leben gekommen war.

Wie ein riesiges Gotzenbild starrte das Gesicht auf sie herab. Eine junge Frau, die offenbar — unterhalb der Schultern war nicht viel zu erkennen — nach der Mode der Belle Epoque von Yellowstone gekleidet war, des glanzvollen Goldenen Zeitalters vor der Schmelzseuche. Das Gesicht war Volyova bekannt — nicht so weit, dass ihr die Luft wegblieb, aber immerhin hatte sie es schon gesehen. Es tauchte in Dutzenden von historischen

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