erloschen waren, zog er Khouri den Helm vom Kopf.
»Ihr Ton — und Ihre Ausdrucksweise — waren ganzlich fehl am Platz, Triumvir«, bemerkte er. Khouri sah seine Hand in die Hosentasche gleiten. Er tastete nach einem Gegenstand — fur einen Moment glaubte sie, es handle sich um eine Injektionsspritze.
»Sie waren auf dem besten Wege, unseren Waffenoffizier zu zerstoren«, verteidigte sich Volyova.
»Ich bin noch nicht fertig mit ihr. Und mit Ihnen auch nicht. Sie hatten den Trawl prapariert, Ilia, nicht wahr? Damit er sie alarmierte, wenn er eingeschaltet wurde? Sehr raffiniert.«
»Mir ging es nur darum, wertvolles Schiffseigentum zu schutzen.«
»Naturlich…« Sajaki lie? die Antwort einen Augenblick lang drohend in der Luft hangen, dann verlie? er mit lautlosen Schritten den Raum.
Dreiundzwanzig
Die Parallelen waren uberdeutlich, dachte Sylveste. In wenigen Stunden sollten Volyovas Weltraumgeschutze den Kampf gegen die verborgenen Immunsysteme von Cerberus aufnehmen; Virus gegen Virus, Zahn gegen Zahn. Und am Vorabend dieses Angriffs traf Sylveste letzte Vorbereitungen fur den Krieg gegen die Schmelzseuche, die Volyovas bedauernswerten Captain verzehrte oder — das war eine Frage des Standpunkts — grotesk vergro?erte. Die Parallelitat schien Ausdruck einer grundlegenden Ordnung zu sein, die ihm nur zum Teil bekannt war. Die Unsicherheit war nicht angenehm; er kam sich vor, als beteilige er sich an einem Spiel, bei dem sich mittendrin herausstellte, dass die Regeln viel komplizierter waren als gedacht.
Damit Calvins Beta-Simulation durch ihn aktiv werden konnte, musste sich Dan in eine Art Dammerzustand versetzen lassen, in dem er sich bewegte wie ein Schlafwandler. Calvin wurde ihn zur Marionette machen, er wurde alle Sinneseindrucke direkt durch Dans Augen und Ohren empfangen und Dans Bewegungen direkt uber dessen Nervensystem steuern. Er wurde sogar durch Dans Mund sprechen. Die Neuro-Inhibitoren hatten bereits eine Ganzkorperlahmung bewirkt, die von Ubelkeit begleitet war. Die Prozedur war genauso unerfreulich wie beim letzten Mal.
Sylveste kam sich vor wie eine Maschine, in die gleich Calvins Geist einfahren sollte…
Seine Hande bewegten die medizinischen Analyseinstrumente uber die Auslaufer der Wucherung. Er durfte dem Zentrum nicht zu nahe kommen; das Risiko, die Seuche auf seine eigenen Implantate zu ubertragen, war gro?. Irgendwann — bei dieser oder auch erst bei der nachsten Sitzung — mussten sie diese Schwelle zwar notgedrungen uberschreiten, aber daran wollte Sylveste jetzt noch nicht denken. Zunachst verwendete Calvin noch einfache, ferngesteuerte Drohnen ohne Intelligenz, wenn sie dichter herangehen mussten, aber selbst diese Instrumente waren anfallig. Eine Drohne war dicht uber dem Captain ausgefallen und verschwand bereits unter einem Netz aus feinsten Fasern. Obwohl die Maschine keinerlei molekulare Bauteile enthielt, schien die Seuche sie verarbeiten zu konnen; sie wurde von der Transformationsmatrix des Captains aufgenommen und nahrte sein Fieber. Nun musste Calvin zu noch primitiveren Instrumenten greifen, aber das war nur eine Notlosung: irgendwann — und das schon bald — mussten sie mit dem einzigen Mittel gegen die Seuche vorgehen, das tatsachlich Aussicht auf Erfolg bot; mit einem Organismus, der ihr selbst sehr ahnlich war.
Sylveste spurte dumpf, wie unter seinen eigenen Gedanken Calvins Denkprozesse arbeiteten. Man konnte es nicht Bewusstsein nennen — die Simulation, die seinen Korper steuerte, war nur eine Kopie, aber irgendwo an der Schnittstelle zu seinem eigenen Nervensystem… war etwas Neues entstanden, das auf der Chaoszone schwamm. Die Theorien und seine eigenen Erfahrungen sprachen naturlich dagegen — aber wie ware das Gefuhl der Ichspaltung sonst zu erklaren? Er wagte Calvin nicht zu fragen, ob er ahnliche Empfindungen hatte, und hatte auch seiner Antwort nicht unbedingt vertraut.
»Sohn«, sagte Calvin. »Ich wollte schon seit langerem etwas mit dir besprechen. Ich mache mir deshalb gro?e Sorgen, aber ich wollte nicht vor unseren… hm… unseren Klienten davon anfangen.«
Sylveste wusste, dass die Stimme nur fur ihn zu horen war. Damit er ihr im Geiste antworten konnte, musste Calvin seinem Wirt vorubergehend die Kontrolle uber sein Sprachzentrum zuruckgeben. »Jetzt ist auch nicht der richtige Moment. Wir befinden uns mitten in einer Operation, falls dir das entgangen sein sollte.«
»Genau um diese Operation geht es doch.«
»Dann mach schnell.«
»Ich glaube nicht, dass ein Erfolg vorgesehen ist.«
Sylveste stellte fest, dass seine — von Calvin gesteuerten — Hande in der Arbeit nicht innehielten. Er war sich auch bewusst, dass Volyova neben ihm stand und auf Anweisungen wartete. »Was, zum Teufel, willst du damit sagen?«, fragte er stumm.
»Ich halte Sajaki fur einen sehr gefahrlichen Mann.«
»Gro?artig — mit dieser Ansicht stehst du nicht allein. Aber das hat dich bisher nicht davon abgehalten, mit ihm zu kooperieren.«
»Anfangs war ich ihm dankbar«, gestand Calvin. »Immerhin hatte er mich gerettet. Aber dann fragte ich mich, wie sich die Dinge wohl fur ihn darstellten, und allmahlich keimte in mir der Verdacht, er sei nicht mehr ganz bei Verstand. Jeder normale Mensch hatte den Captain schon vor Jahren fur tot erklart. Der Sajaki, den ich beim letzten Mal kennen lernte, war fanatisch in seiner Loyalitat, aber damals hatte sein Kreuzzug immerhin noch einen gewissen Sinn. Damals bestand fur den Captain immerhin eine gewisse Hoffnung auf Rettung.«
»Und jetzt nicht mehr?«
»Er ist mit einem Virus infiziert, das mit allen Mitteln des Yellowstone-Systems nicht zu bekampfen war. Zugegeben, das System war selbst davon befallen, aber einzelne Enklaven uberlebten noch monatelang — dort suchten Menschen mit ebenso fortgeschrittenen Verfahren, wie wir sie haben, verzweifelt nach einem Gegenmittel — doch ohne Erfolg. Und damit nicht genug. Wir wissen nicht einmal, wo sie Irrwegen folgten und welche Ansatze aussichtsreich gewesen waren, wenn sie mehr Zeit gehabt hatten.«
»Ich habe Sajaki gesagt, hier konne nur noch ein Wunder helfen. Wenn er mir nicht glaubt, ist das sein Problem.«
»Das Problem ist eher, dass er dir glaubt. Und deshalb sage ich, ein Erfolg war nicht vorgesehen.«
In diesem Moment fiel Sylvestes Blick, von Calvin mit Umsicht gesteuert, auf den Captain. Die direkte Konfrontation mit dem monstrosen Gebilde bescherte ihm die Erleuchtung. Calvin hatte vollkommen Recht. Sie konnten die ersten rituellen Schritte zur Heilung des Captains einleiten — konnten feststellen, wie weit das Fleisch des Mannes zerstort war —, aber weiter konnten sie nicht gehen. Alle noch so intelligenten, noch so brillanten Therapieansatze waren zum Scheitern verurteilt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Erkenntnis beunruhigte Sylveste am meisten, denn sie stammte nicht von ihm selbst. Calvin hatte etwas gesehen, was fur Sylveste noch im Dunkeln lag. Jetzt war es plotzlich in grelles Licht getaucht.
»Du glaubst, er wird uns behindern?«
»Vermutlich hat er das bereits getan. Wir haben beide bemerkt, dass sich das Wachstum des Captains beschleunigt hat, seit wir an Bord kamen, aber wir haben nicht weiter darauf geachtet — es fur Zufall oder Einbildung gehalten. Aber das stimmt nicht. Ich glaube, dass Sajaki ihn erwarmt hat.«
»Ja… darauf bin ich auch schon gekommen. Aber das ist nicht das Einzige, nicht wahr?«
»Die Biopsien — die Gewebeproben, die ich verlangt hatte.«
Sylveste wusste, worauf er hinaus wollte. Die Drohne, die sie ins Zentrum geschickt hatten, um die Zellproben zu entnehmen, war inzwischen von der Seuche halb zerstort. »Du glaubst nicht, dass sie von sich aus versagt hat? Du glaubst, Sajaki hatte die Hand im Spiel?«
»Sajaki oder einer seiner Kollegen.«
»Sie?«
Sylveste spurte, wie sein Blick auf die Frau gelenkt wurde. »Nein«, sagte Calvin. Aus Sylvestes Mund kam ein ganzlich uberflussiges Murmeln. »Sie nicht. Ich will nicht sagen, dass ich ihr vertraue, aber ich glaube nicht, dass sie Sajaki bedingungslos ergeben ist.«
